Fitte Mädchen

07.12.15 | von | Kategorie: Worum | Keine Kommentare
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Mehr zu “Werder Bewegt” findet Ihr auf werder.de sowie auf der Facebook-Seite https://www.facebook.com/WerderBewegt/

“Das SV in SV Werder Bremen steht nicht nur für Sport-Verein, sondern auch für soziale Verantwortung” – Eine Aussage, die durch den Ehrenpräsidenten Klaus-Dieter Fischer geprägt wurde und die der Verein lebt. Werder Bremen engagiert sich seit Jahren mit integrativen Projekten für ein respektvolles, tolerantes und faieres Miteinander verschiedener Kulturen und bietet viele Projekte an, die diese Ziele fördern sollen. Mit ‘Fitte Mädchen” möchten wir euch heute eines dieser Projekte näher vorstellen. Worum.org traf dazu Monika Duncan, Übungsleiterin beim SV Werder Bremen.

Worum.org: Um was geht es bei dem Projekt?
Monika Duncan: Das Projekt ‘ Bleib am Ball – Fitte Mädchen’ ist ein Sport- und Freizeitprojekt für unbegleitete minderjährige Flüchtlingsmädchen der CSR-Marke WERDER BEWEGT – LEBENSLANG und Mädchen, die bereits Mitglied beim SV Werder sind. Die beiden Gruppen treffen zusammen und sie lernen rotierend Sportarten kennen, die sie dann 7-8 Wochen erlernen und gemeinsam spielen. Parallel gibt es ein Freizeitangebot, das 1x im Monat angeboten wird. Bisher haben die Mädchen alle gerne an den Freizeitaktivitäten teilgenommen und auch die Sportstunden waren gut besucht. Außerdem findet einmal die Woche eine zusätzliche Deutschstunde für einige der Mädchen statt, die von Anne Fischer, der Frau unseres Ehrenpräsidenten, ehrenamtlich durchgeführt wird.

Was waren das für Freizeitangebote?
Bisher waren wir einmal im Kletterpark, wir haben einmal einen Bowlingabend veranstaltet, welcher vom worum finanziert wurde, und wir haben in der WG der Flüchtlingsmädchen gemeinsam gekocht.

Wer hat das Projekt initiiert?
Das ist eine etwas längere Geschichte: Werder Bremen unterstützt bereits seit 2012 in Kooperation mit Refugio Flüchtlingsprojekte, und hier ist in den Jahren aufgefallen, dass ein reines Angebot für Mädchen zwischen 13 und 18 Jahren fehlt. In diesem Alter ist es oft so, dass Mädchen zwar gerne Sport treiben, sich aber häufig in Anwesenheit von Jungs genieren oder unwohl fühlen. Und gerade bei den Flüchtlingsmädchen spielen religiöse Gründe, nicht in Anwesenheit von Jungs Sport zu treiben, eine Rolle und veranlassen sie, sich nicht an Sportangeboten zu beteiligen. Daher hat sich der SV Werder dazu entschlossen, eine Möglichkeit für diese Mädchen zu schaffen.

Wie ist das Projekt ausgelegt? Ist es zeitlich begrenzt?
Nein, es ist nicht zeitlich begrenzt. Es ist fortlaufend und soll auch so bleiben. Derzeit haben wir an den Sporttagen eine Gruppenstärke von 14-16 Mädchen. Aufgrund von Krankheiten oder anderen Terminen variiert die Teilnehmerzahl manchmal. In den ersten Wochen haben wir Korbball gespielt, derzeit ist Fußball dran, und ab Januar werden wir Hip Hop tanzen und danach wahrscheinlich Tischtennis spielen. Derzeit gibt es eine Gruppe ‘Fitte Mädchen’, und wir hoffen, dass die Mädels dem Projektmotto getreu ‘am Ball bleiben’.

Du hast gesagt, es machen derzeit ca. 16 Mädels bei dem Projekt mit, wie hoch ist der Anteil der Flüchtlingsmädels?
Der Anteil der Flüchtlingsmädchen liegt tatsächlich bei 50 Prozent. Es ist eine sehr homogene und ausgeglichene Gruppe.

Wie ist die Altersstruktur?
Die Jüngste stammt von den Werder-Mädels und ist 13, und die Älteste, ein Flüchtlingsmädchen, ist gerade 18 geworden.

Gab es Anfangsprobleme zwischen den Mädchen? Auch im Hinblick auf Sprachbarrieren.
Wie haben die Mädels sich zu Anfang verständigt?

Natürlich war es am Anfang sehr schwierig, verständlich miteinander zu kommunizieren. Ein Großteil der Flüchtlingsmädchen lebt erst seit ein paar Monaten in Deutschland und hatte bisher nur wenige Möglichkeiten, Deutsch zu erlernen. Die Mädels sprechen größtenteils nur die Sprache ihrer Herkunftsländer, vereinzelt Französisch und sehr wenig Englisch. Wir haben das Glück, dass unter den Werder-Mädchen einige dabei sind, die Französisch in der Schule lernen, so konnten sie als Übersetzerinnen dienen, was auch wirklich gut geklappt hat. Für sie war es auch eine super Übung, auch außerhalb der Schule mal Französisch zu sprechen. Eine Win-Win-Situation sozusagen.

Aus welchen Ländern stammen die geflüchteten Mädchen?
Aus Somalia, Guinea und Afghanistan.

Zu Anfang sagtest du, dass die Flüchtlingsmädchen in einer WG leben. Erzähl mal mehr!
Die Mädchen leben gemeinsam in einer WG des St. Theresienhauses der Caritas. Dort werden sie im Drei-Schicht-System betreut, sodass sie immer einen Ansprechpartner haben.

Wie kam der Kontakt zum St. Theresienhaus zustande?
Eine der Betreuerinnen hat einen Sohn, der aktiv bei Werder Sport treibt, und so kam der Kontakt zustande. Wobei wir jetzt auch Kontakt zu anderen Einrichtungen aufgenommen haben, die ebenfalls unbegleitete minderjährige Flüchtlingsmädchen betreuen und die Interesse haben, bei uns mitzumachen. Das zeigt ja auch, dass der SV Werder bestrebt ist, das Projekt nicht gleich morgen wieder einzustampfen, sondern von Anfang an ein nachhaltiges Projekt schaffen wollte. Solange Werder genug Kapazitäten hat, sprich ehrenamtliche Übungsleiter und Platz, wird das Projekt weitergeführt werden. Deswegen ist es auch so enorm wichtig, dass wir ehrenamtliche Unterstützung durch Freiwillige erhalten. Sei es als Begleitperson bei Ausflügen oder dass man während der Sportstunden dabei ist.

Das heißt, wenn ein Mädel von sagen wir mal 15 Jahren jetzt dieses Interview liest und sich denkt ‘Och, da hätte ich aber auch Lust drauf’, kann das Mädchen gerne mitmachen?
Ja, auf jeden Fall. Unsere Angebote sind für alle Mädchen geöffnet. Oder wenn jemand ehrenamtlich als Betreuer helfen möchte, ist er jederzeit gerne gesehen.

Kannst du was zu den Lebensgeschichten der Mädchen sagen oder zu den Gründen, die sie dazu bewogen haben, alleine und ohne Familien die gefährliche Reise anzutreten?
Zum Teil kenne ich die Geschichten der Mädchen nicht, und im Grunde ist die Geschichte auch egal – wichtig ist, was hier und heute in Deutschland mit ihnen passiert und welche Möglichkeiten man ihnen bietet, sich in Deutschland wohl zu fühlen und sich hier zu integrieren. Viele von den Mädchen sind durch ihre Fluchterfahrung traumatisiert, und wir versuchen, ihnen durch den Sport und die Freizeitaktivitäten eine neue Perspektive zu bieten, sich hier besser einzuleben.

Wie hat sich das Verhältnis der Mädels untereinander entwickelt? Kann man sagen, dass Freundschaften entstanden sind? Trifft man sich auch außerhalb der Gruppenangebote und tauscht sich aus, oder beschränkt sich der Kontakt tatsächlich nur auf die gemeinsamen Termine?
Der Kontakt hat sich anfangs nur auf die gemeinsamen Termine beschränkt. Inzwischen kommunizieren die Mädels auch zwischendurch miteinander, z. B. via WhatsApp oder Facebook. Wie Mädchen in dem Alter das halt so eben machen (lacht).

Gibt es gesetzliche Barrieren, die ihr überwinden musstet oder die euch vor Probleme gestellt haben oder stellen?
Dadurch, dass die Flüchtlingsmädchen unbegleitet und minderjährig, sprich ohne Eltern, nach Deutschland kamen, haben sie nach ihrer Ankunft Vormünder bekommen. Häufig ist es das Jugendamt. Das heißt, alles was die Eltern normalerweise unterschreiben oder absegnen müssen, wird hier durch die Vormünder erledigt.
Alleine wenn wir Fotos für einen Bericht verwenden und im Internet veröffentlichen wollen, müssen wir immer Kontakt zu den Vormündern aufnehmen, um uns eine Genehmigung geben zu lassen. Das verkompliziert die Arbeit manchmal etwas. Deswegen machen wir bei den Projekten wenig Fotos und wenn, dann nur so, dass keine Gesichter zu erkennen sind.

Duncan

Monika Duncan vom SV Werder Bremen

Stichwort Eltern. Wie haben die Eltern der Werder-Mädels reagiert, als sie hörten, dass ihre Töchter nun mit Flüchtlingen Sport treiben und ihre Freizeit verbringen sollen? Gab es Vorbehalte?
Als erstes ist es so, dass die Werder-Mädchen freiwillig bei der Gruppe mitmachen. Sie haben sich selbst gemeldet und ihr Interesse bekundet. Es gab ein Treffen mit den Eltern der Mädchen, und die Eltern waren angetan von diesem Projekt und haben ihre Unterstützung zugesagt. Und sie haben ihre schriftliche Erlaubnis gegeben, dass ihre Töchter mitmachen dürfen. Die Werder-Mädels sind natürlich über den Verein versichert und die Flüchtlingsmädchen über den Landessportbund.

Was kann jemand tun, der dieses Interview liest und sich denkt, dass er/sie gerne helfen würde?
Es gibt viele Wege, die Fitten Mädchen zu unterstützen. Sachspenden wie Schuhe wären z. B. hilfreich. Es ist so, dass gerade z.B. Sportschuhe in kleineren Größen, bspw. Gr. 36-39, gebraucht werden. Wenn Schuhe gesponsert werden, ist es häufig so, dass die Größen 40-43 kommen, das hilft uns leider nicht immer weiter. Sportbekleidung für Mädchen/Heranwachsende fehlt auch oftmals. Oder wenn jemand selber eine Freizeitaktivität anbieten kann, also zum Beispiel eine Minigolf-Anlage betreibt und einen Tag dort für die Mädchen sponsern würde, das wäre eine tolle Aktion und würde uns enorm helfen. Und natürlich sind finanzielle Spenden jederzeit möglich. Unsere Freizeitaktivitäten, wie z. B. der Bowlingabend, kosten viel Geld und da ist jede Spende eine Hilfe, um solche Aktivitäten verwirklichen zu können.

Zum angesprochenen Bowlingabend: Wie fanden die Mädels die Aktion? Reden sie noch darüber? Wie war ihr Eindruck?
Die Idee für den Bowlingabend entstand, weil wir nach einer Aktion gesucht haben, bei der die Mädchen miteinander in Verbindung kommen. Der Abend lief super und die Mädchen haben von Anfang an viel Spaß gehabt. Die Flüchtlingsmädchen wussten gar nicht, was Bowling überhaupt ist, und hatten sich im Vorfeld über das Internet informiert und waren zunächst sehr skeptisch. Nachdem aber die ersten Pins gefallen waren, löste sich die Skepsis, und die Mädchen haben gemeinsam einen tollen Abend verbracht und waren begeistert. An dieser Stelle nochmals ein dickes Dankeschön und viel Lob an die Mitglieder des worum e. V., die den Abend erst ermöglicht haben. Es wurde an diesem Abend viel gequatscht und gelacht und die Begeisterung war riesengroß. Eines der Flüchtlingsmädchen fragte am selben Abend noch, wann diese Aktion denn wiederholt werden könne.

Gibt es Dinge, die die Mädchen voneinander lernen können? Oder gab es schon Momente, in denen du dachtest ‘Mensch, die Mädchen haben schon was für sich selbst mitgenommen aus den bisherigen Momenten’?
Ja, die gab es. Einem der Flüchtlingsmädchen haben wir beispielsweise ein Schülerpraktikum ermöglicht und sie hat dann 3 Wochen die Arbeit von Werders CSR-Management kennengelernt. Diese sagte einmal, dass die Leute hier immer so ernst seien und dass man doch viel mehr lachen müsste. Und das färbt auf die anderen Mädchen ab. Wir haben vergangenes Wochenende Fußball gespielt, und es wurde so viel gelacht. Die geflüchteten Mädchen gewinnen einen Einblick in Sport, der ihnen zum Teil in den Heimatländern verwehrt geblieben ist, da sie als Frauen keinen Sport machen durften. Es erschließt sich eine ganze neue Form der Freizeitgestaltung. Die Werder-Mädels sind auch begeistert von dem Projekt, weil sie viel näher an den Flüchtlingen dran sind als andere gleichaltrige Mädchen und auch ihre positiven Erfahrungen in die Schule und an die Freunde weitergeben können. Auch dies stärkt dann wiederum ihr Selbstbewusstsein. Es ist schön, dass die Mädchen, ob nun geflüchtet oder nicht, erkennen, dass die anderen genauso sind wie sie. Man interessiert sich für die gleiche Musik und Mode, wie auch für Stars. Und diese Erkenntnis fehlt einem natürlich, wenn man nur in der Zeitung über Flüchtlinge liest und einen kleinen Bericht dazu im Fernsehen sieht. Insofern ist es ein wahnsinnig tolles integratives Projekt, bei dem sich jede einzelne Teilnehmerin bisher sehr wohl gefühlt hat.

Es würde mich freuen, wenn sich Leute für dieses Projekt engagieren würden, die schon immer ehrenamtlich aktiv werden wollten, aber bisher nie richtig die Gelegenheit dazu hatten. Meldet euch, kommt vorbei – in der Gruppe ist jeder gerne gesehen.

Danke für das Interview!

Wie Ihr in dem Interview gelesen habt, haben die Mitglieder des worum e. V. vor einiger Zeit beschlossen, den ‘Fitten Mädchen’ einen Abend im Bowlingcenter zu finanzieren. Die Mitglieder waren sich sofort einig darüber, dass dieses tolle Projekt durch Vereinsmittel gefördert werden soll, steht der worum e. V. doch satzunggemäß für die Förderung von Bemühungen um den Abbau rassistischer, fremdenfeindlicher und diskriminierender Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber ausländischen Mitbürgern.

Auch Ihr könnt durch Geldspenden auf das unten genannte Vereinskonto dabei mithelfen, dass diese vom Worum gestiftete Aktion nicht die einzige für die ‘Fitten Mädchen’ bleibt. Gebt dabei bitte unbedingt “Fitte Mädchen” als Verwendungszweck an, damit wir die Spende zuordnen können. Die Gelder werden in vollem Umfang an das hier vorgestellte Projekt weitergeleitet – welche Unternehmungen sie den jungen Mädchen ermöglichen, werden wir dann im Forum berichten.

Unsere Bankverbindung lautet:
Name: worum e. V.
Verwendungszweck: Fitte Mädchen
BIC Code: SBREDE22
IBAN Code: DE43290501010080641863

Auch Sachspenden können dem Projekt weiterhelfen: Wenn Ihr gut erhaltene Sportbekleidung für Mädchen besitzt, die Ihr gern weitergeben möchtet, meldet Euch bei uns unter verein@worum.org.

 

 

Links:

https://www.facebook.com/WerderBewegt/

http://www.werder.de/de/werder-bewegt/index.php

 

 

(Fotos zur Verfügung gestellt sowie mit freundlicher Genehmigung von Werder Bremen)

 

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