Werders Talente Teil 9: Florian Grillitsch

06.12.15 | von | Kategorie: Spieler | Ein Kommentar

Auch wenn er im heutigen Spiel gegen den VfB Stuttgart nicht in der Startelf steht ist Florian Grillitsch wohl das Talent des SV Werder, dass sich bisher am stärksten im Profikader der Bremer etabliert hat. Etwas, dass sich Werder bei dessen Vertragsverlängerung vorgestellt und vor allem erhofft hatte. Und doch gilt es als etwas überraschend, dass sich Grillitsch und nicht etwa Levent Aycicek so im Kader etablieren konnte. Ganz unerwartet kam der Aufschwung von des jungen Österreichers jedoch nicht, aufgrund der Teilnahme an der U20-Weltmeisterschaft und des späteren Einstiegs in die Sommervorbereitung der Profis war Grillitsch jedoch nicht auf jedermanns Schirm.

 

FLORIAN GRILLITSCH

Eckdaten: offensiver Mittelfeldspieler, geboren am 7. August 1995 in Neunkirchen (Österreich), 187cm groß
Werder: im Verein seit Sommer 2013, Profivertrag bis Sommer 2016
Nationalelf: aktueller U21-Nationalspieler Österreichs, bisher 30 U-Länderspiele (16 Tore)
Bilanz 2013/2014: 15 Spiele (10 Tore, 6 Vorlagen) in der U19, 5 Spiele in der U23
Bilanz 2014/2015: 26 Spiele (9 Tore, 6 Vorlagen) in der U23
Bilanz 2015/2016: 5 Spiele (1 Tor) in der U23, 6 Spiele (2 Vorlagen) in der Bundesliga
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Am vergangenen Wochenende stand Florian Grillitsch zum fünften Mal in den letzten sieben Bundesligaspielen in der Startelf. Dadurch ist er aktuell mit 430 Bundesliga-Minuten das am meisten eingesetzte Werder-Talent, das in der letzten Saison noch in der zweiten Mannschaft spielte. Zum Saisonauftakt stand der Österreicher nur einen Tag nach seinem 20. Geburtstag im Pokalspiel bei den Würzburger Kickers in der Startelf, bereitete zudem den ersten Pflichtspieltreffer von Anthony Ujah im grün-weißen Trikot vor. Wurde Grillitsch eine Woche später, beim Bundesliga-Auftakt gegen Schalke 04, noch eingewechselt, blieb er danach einige Zeit der Bundesliga fern, absolvierte vier Partien für die U23.

Am dritten Oktober, beim Auswärtsspiel in Hannover, begann dann die Zeit der Bundesliga-Startelfeinsätze. Durchaus ansprechend waren seine Ansätze, gerade im Offensivbereich – und daraus resultierten zwei Torvorlagen, die unterstreichen, dass Grillitsch dem lahmenden Kreativbereich der Bremer zumindest etwas Leben eingehaucht hat.

Auf sich aufmerksam zu machen ist etwas, das dem jungen Österreicher durchaus liegt. Im Sommer 2013 kam Grillitsch aus der Fußballakademie St. Pölten nach Bremen. Mit im Gepäck war die Empfehlung von 22 Treffern aus ebenso vielen Saisonpartien in der U18 Jugendliga Österreichs, verbunden mit dem Gewinn der Torjägerkanone und der Meisterschaft.

In Bremen begann er zunächst auch furios, erzielte neun Tore in den ersten fünf Spielen in der A-Jugend Bundesliga. Es folgten erste Spielminuten für die U23 in der Regionalliga Nord, wo er sich aber noch nicht festsetzen konnte.

Im Laufe der Saison offenbarte sich dann die wohl größte Schwäche von Grillitsch: sein Phlegma. Während er zu Beginn der Saison noch viele Blicke auf sich zog, waren seine Leistungen später oftmals nicht sonderlich ansehnlich. Traf der Offensivspieler in den ersten fünf U19-Spielen noch neunmal, kam in den weiteren zehn Saisonpartien nur noch ein weiterer Treffer hinzu. Dabei muss aber auch erwähnt werden, dass Grillitsch einerseits mit kleineren Verletzungen zu kämpfen und andererseits auch noch sein letztes Schuljahr in Österreich(!) zu beenden hatte.

Florian Grillitsch bestritt bisher 60 Pflichtspiele für Werder Bremen, erzielte dabei 20 Treffer.

Florian Grillitsch bestritt bisher 60 Pflichtspiele für Werder Bremen, erzielte dabei 20 Treffer.

In der Spielzeit 2014/2015 machte Grillitsch dann den größten Sprung in seiner Entwicklung. Er erarbeitete sich einen Stammplatz in der U23, wurde dort endgültig im zentralen Mittelfeld eingebaut. Schon in St. Pölten war er kein Stoßstürmer, kam als Rechtsfuß oft über die linke Seite im offensiven Mittelfeld. In den U-Nationalmannschaften Österreichs wurde Grillitsch jedoch oft ganz vorne positioniert. Eine Entscheidung, die einerseits nachvollziehbar war, aber andererseits sein Spiel auch bis heute noch beeinflusst. Und das nicht gerade positiv.

Grillitsch verfügt über eine gute Schusstechnik, einen strammen Schuss, antizipiert sehr gut und hat einen gesunden Torriecher. Zudem spielt er sehr oft geradlinig nach vorne, immer das Tor des Gegners vor Augen. Dabei ist er listig, schleicht sich schon mal in Defensivlücken, ohne dass die Defensivspieler es bemerken.

Doch da fängt auch die Problematik an: Bemerkbar war er viel zu selten und ist es auch heute noch zu oft nicht. Seine Spielweise gepaart mit der Aufstellung als Stürmer sorgte vor allem in Länderspielen dafür, dass Grillitsch zeitweise überhaupt nicht wahrzunehmen und völlig aus dem Spiel war. Es war nicht selten zum Haareraufen, wie wenig er sich bewegte, zum Ball ging oder diesen gar forderte. Zu wenig Anbieten, kein Zurückfallenlassen, er ließ geschehen, dass das Spiel ohne ihn stattfand. Wenn er nicht in Strafraum-Nähe angespielt wurde, zeugten seine Abspiele meist nicht gerade von gutem Auge und guten Entscheidungen. Das wurde leider sehr oft toleriert, weil er Momente hatte, in denen er dann sein Talent erkennen ließ. Und das zeigte sich gerade im Trikot Österreichs vor dem Tor.

Dort bewies Grillitsch, dass er im und um den Strafraum aus fast jeder Lage eine Tormöglichkeit kreieren kann. Eine gute Ballan- und -mitnahme, gerade dann, wenn er im Lauf ist. Egal ob per Kopf, Hacke, Außenrist oder wie auch immer man mit dem Fuß den Ball spielen kann: Grillitsch bekommt den Ball aufs Tor. Meist sogar platziert und gefährlich.

Mit 1,87m verfügt er über eine sehr gute Größe für seine Art zu spielen. Die zuletzt gewogenen und offiziell angegebenen 74 Kilo zeigen, wo er noch zulegen muss – trotz guter Körperspannung. Das ist auch nötig, damit er zweikampfstärker in der Rückwärtsbewegung wird. Überhaupt ein Bereich, in dem man trotz Welpenschutz aufgrund seines jungen Alters und seiner geringen Bundesliga-Erfahrung nicht zufrieden mit seinen Leistungen sein kann. Er muss dort konstanter und aktiver sein. Die Dynamik zeigen, die er vor dem Tor entwickelt. Gerade dann, wenn auch seine Kollegen im offensiven Mittelfeld wie Fin Bartels und Zlatko Junuzovic sich defensiv zu wenig einbringen. Sich einzureihen und Defizite seiner Kollegen als Entschuldigung zu nutzen, wird ihn nicht weiterbringen. Und auch eine zuletzt einmal sehr hohe Laufleistung täuscht nicht darüber hinweg, dass er oft zu viel hinterherlief und mehr Geleitschutz anbot als den Gegner zu stören.

Das Spielverständnis und das Auge fürs Taktische müssten eigentlich vorhanden sein, in der U23 zeigte er sich auf einem guten Weg, auch wenn er weiterhin deutlich lieber den Ball nach vorne treibt, als auf ihn zu treten oder ihn nach hinten zu spielen, wenn der Weg nach vorne zu ist.

Aber gerade die Verbesserung von Jahr zu Jahr ist es, die Hoffnung bei seiner Entwicklung macht. Er macht deutlich den Eindruck, ein Charakter zu sein, der gefordert werden muss, der immer wieder eine neue Herausforderung braucht. Daher war es auch gut für ihn, dass die U23 in die dritte Liga aufstieg, denn in der Regionalliga wäre ihm nicht mehr genug abverlangt worden. Die Gefahr wäre gewesen, dass er aufgrund des Leistungsniveaus der Liga nicht aktiver und präsenter im Spiel geworden wäre, sich nicht defensiv weiterentwickelt hätte. Eher noch, dass er einen Schritt zurück gemacht hätte.

Diesen Schritt ist er stattdessen nach vorne gegangen. Im Frühjahr unterschrieb er einen Profivertrag beim SV Werder, gültig vorerst nur für eine Spielzeit. Recht außergewöhnlich, jedoch für beide Seiten eine Testphase – inklusive Absicherung. Grillitsch wollte sehen, ob man wirklich für die Bundesliga-Mannschaft mit ihm planen und ihn auch entsprechend fest in den (Spieltags-)Kader einbauen würde. Werder wollte sehen, ob Grillitsch diesem Versprechen auch gerecht wird. Bei einer gewissen Anzahl von Einsätzen in dieser Spielzeit verlängert sich der Vertrag automatisch, verwandelt sich allerdings nicht in einen langfristigen Kontrakt. Daher seien im Januar Gespräche von Werder-Seite geplant, den Vertrag um möglichst drei Jahre zu verlängern. Bisher habe es noch keine Wortwechsel zu dem Thema mit dem Spieler selbst gegeben, aber Werder sieht sich sowohl in der Dringlichkeit durch die Klausel abgesichert, als auch in der Perspektive durch die aktuelle Rolle und die Spielzeit von Grillitsch in einer guten Position, um für einen längeren Verbleib zu argumentieren. Auch dann, wenn Liga-Konkurrenten wieder mit einsteigen, so wie dies zuletzt vor knapp einem Jahr der Fall war. Vor dem Entschluss, bei Werder einen Profivertrag zu unterschreiben, gab es konkrete Gespräche mit Borussia Dortmund.

Für Einsätze beim aktuellen Tabellenzweiten dürfte es aber sowieso im nächsten Sommer noch zu früh sein. Noch hat Grillitsch einiges an Arbeit vor sich. Und eventuell wird Werder-Chefcoach Viktor Skripnik doch noch einmal versucht sein, Grillitsch einige Meter weiter vorne zu platzieren. Auch wenn ihm dabei die Explosivität in den Bewegungen fehlt, so hat Grillitsch im U-Bereich nachhaltig bewiesen, dass er vor dem Tor gefährlich ist, dass er im Stealth-Mode plötzlich im gegnerischen Strafraum auftauchen und dann wie aus dem Nichts einen Treffer markieren kann. All das kommt jedoch gerade auf Bundesliga-Niveau mit der Einschränkung, dass man ihn so auch bewusst noch mehr aus dem Spiel nimmt – wo man eigentlich das Gegenteil fördern müsste.

Ebenfalls gegen die Alex-Meier-Rolle spricht auch, dass Grillitsch meist dann seine Technik und Übersicht auf Klasse-Niveau zeigen kann, wenn er bei der Ballverarbeitung ungehindert ist, wenn er etwas Raum hat. In Manndeckung wird ihm das schwerer fallen. Zumal er auch und gerade in der Jugend vor allem dann gefährlich wurde, wenn er etwas Anlauf aus der zweiten Reihe hatte. Ein Spieler für das Dribbling war und ist er sowieso nicht. Den Abschluss aus der zweiten Reihe für seine Spielweise hat er: meist trocken und flach wird der Ball dann vom Tornetz wie an einer Schnur angezogen. Auch seine Freistöße dieser Art sind gefährlich, selbst wenn er sich in den Werder-Teams bisher selten bis nie den Ball zurechtlegen durfte.

Vielleicht klappt es dann auch bald mit dem ersten Pflichtspieltreffer von Grillitsch. Werder würde es gut tun. Genauso aber auch, dass man nicht nur offensiv von dem meist sehr ästhetisch in seinem Bewegungsablauf wirkenden Talent profitieren würde, sondern auch defensiv sowie in der gesamten Spielanlage. Es ist eine neue Herausforderung, der er sich aktuell stellt. Genau solche braucht er. Und trotz mangelnder Konstanz sowie Präsenz und seinen noch sehr jugendfußball-typischen Auszeiten ist er ein Typ, der sich sehr umgänglich gibt, einen fokussierten sowie leistungsorientierten Eindruck macht. Und gerade dadurch ist er ein gutes Beispiel dafür, dass man Talente nicht einfach sich selbst überlassen und ihnen Spielzeit zu geben braucht, sondern er zeigt auf: Ich bin ein Talent, fördert und fordert mich. Gezielte individuelle Arbeit mit dem Spieler ist hier nicht nur wünschenswert, sondern elementar, um die bestmögliche Entwicklung zu garantieren.

 

WorumBlog-Talentreihe 2014/2015:
Nachwuchs Round-up 2014
Teil 1: Marnon Busch & Cimo Röcker
Teil 2: Julian von Haacke & Martin Kobylanski
Teil 3: Luca Zander & Levent Aycicek
Teil 4: Melvyn Lorenzen & Davie Selke
Teil 5: Ole Käuper & Maximilian Eggestein
Teil 6: Lukas Fröde & Marcel Hilßner
Teil 7: Levin Öztunali
Teil 8: Johannes Eggestein & Niklas Schmidt

 

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