Werders Talente Teil 2: Julian von Haacke & Martin Kobylanski

24.04.14 | von | Kategorie: Spieler | 6 Kommentare

Auswärtsspiel der U23 bei Victoria Hamburg, 40. Spielminute: in der eigenen Hälfte entscheidet sich ein bedrängter Hamburger Spieler, den Ball ins Aus zu befördern anstatt seinen Torhüter anzuspielen, der bis an das seitliche Ende des Sechzehners gelaufen war und sich als Anspielstation anbot. Während der Torwart wie auch seine Verteidiger abschaltet und langsam zu seinem Tor zurücktrabt führt Werders Julian von Haacke den Einwurf schnell zu Teamkollege Martin Kobylanski aus, der ebenfalls gedankenschnell agiert und sofort abzieht. Es war der Treffer zum 2-0 beim 4-1 Erfolg in Hamburg.

Eine Situation die sinnbildlich dafür stand, wie beide Spieler diese Saison sich bietende Möglichkeiten nutzten. So waren von Haacke und Kobylanski in dieser Saison auch die ersten beiden Spieler aus der U23, die in den Profikader berufen worden. Am 21. September letzten Jahres, ausgerechnet im Nordderby beim Hamburger SV. Anfang Januar waren sie zudem die ersten beiden Talente aus der zweiten Mannschaft, die langfristige Profiverträge unterzeichneten. Die beiden 20jährigen waren außerdem wichtige Spieler in der bisherigen Saison der U23; von Haacke als Aufbauspieler, Kobylanski als bester Torjäger.

Nur in punkto Verletzungen wird der eine dem anderen jetzt hoffentlich nicht folgen.

 

JULIAN VON HAACKE

Eckdaten: zentrales Mittelfeld, geboren am 14. Februar 1994 in Bremen, 181cm groß
Werder: im Verein seit Sommer 2006, Profivertrag bis Sommer 2017
Nationalelf: kein aktueller U-Nationalspieler, insgesamt 4 U-Länderspiele (1 Tor)
Bilanz: diese Saison 27 Spiele (3 Tore, 7 Vorlagen) in der U23
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Steinburg, Ernst-Wagener-Stadion, 19. April um 14.07 Uhr. Es ist mal wieder Zeit für eine schwere Verletzung bei einem Werder-Talent. Die Würfel des Grauens zeigen die Rückennummer 7, und der Verletzungsgenerator steht auf Kreuzbandriss. Getroffen hat es also Julian von Haacke, der gerade eine starke Saison in der U23 absolvierte und ein wichtiger Ballverteiler im Spiel der Bremer Zweiten war.

Wird nach seinem Kreuzbandriss nächste Woche in Straubing operiert: Julian von Haacke

Wird nach seinem Kreuzbandriss nächste Woche in Straubing operiert: Julian von Haacke

Es sollte offenbar nicht zu gut laufen für die U23, bei der vor dem Spiel beim SV Eichede endlich alle Langzeitverletzten (bis auf Melvyn Lorenzen, für den die Saison schon gelaufen war) wieder genesen waren. Und es traf mit von Haacke keinen Spieler, der bisher für seine Verletzungsanfälligkeit bekannt war, seine längste Spielpause in den vergangenen Spielzeiten dauerte drei Spiele am Stück. Nun wird der 20-Jährige circa sechs Monate fehlen, wohl die erste Hälfte der Hinrunde verpassen bzw. sie dafür nutzen müssen, um wieder in Schwung zu kommen.

Dabei war von Haacke gerade zu einem guten Beispiel gegen den Jugendtrend geworden – denn anstatt mit 17 bereits ob des puren Talents oder früher körperlicher Reife auf den Bundesligarasen gejagt zu werden, entwickelte sich der gebürtige Bremer stetig und Schritt für Schritt in allen Bereichen. Den Schritt vom A-Jugendlichen zum Herrenspieler schaffte er ohne Anlauf, wurde sofort Leistungsträger in der U23 und wichtig für das Spiel unter Trainer Viktor Skripnik. Auch der Trainer der Profis nahm Entwicklung und Leistung wahr, überzeugte sich im Profitraining vom Mittelfeldspieler. Mitte September gab es das Debüt im Bundesligakader beim Auswärtsspiel in Hamburg, im Januar dann als Folge einen Profivertrag über drei Jahre, der im Sommer beginnt.

Robin Dutt charakterisiert den Spieler als extrem passsicher, mit herausragender Spielintelligenz ausgestattet. Diese Einschätzung verleitete in den letzten Monaten dann aber auch hin und wieder zum Kopfkratzen, denn gerade diese Fähigkeiten waren es doch, die dem Spiel der Profis – abgesehen von dem Aaron Hunts – völlig abgingen. Und trotzdem nominierte Dutt von Haacke nach dem HSV-Spiel lediglich ein weiteres Mal für den Kader.

Doch von Haacke hat keine Hast und vor allem keinen Grund zu hadern. Der Fußball in der U23 kommt ihm sehr zupass. Gemeinsam mit Levent Aycicek sowie mit Abstrichen Tobias Schwede und Aleks Stevanovic entwickelte das Mittelfeld der U23 sehenswerte direkte Ballstaffetten, die in dieser Saison eben nicht das Ausdrucksmittel der Bundesligatruppe waren. Von Haacke hat körperlich zugelegt, und obwohl sein Spiel wohl nie das der beliebten Zerstörerriege im Mittelfeld à la Dieter Eilts, Mirko Votava oder aktuell Philipp Bargfrede werden wird, ist seine Zweikampfführung mit einer Mischung aus Antizipation, Zustellen der Passwege und listigem Gestochere sehr erfolgreich. Warum der 20-Jährige in der U23, auch abgesehen von seinem offenkundig herausragendem Aufbauspiel, so gut und wichtig ist, fällt in der Defensive dann auf, wenn man seine Bewegung in den ihm zugeteilten Räumen betrachtet. Auf der Halbposition kommt er stets schnell hinter den Ball. Er agiert in ständiger Absprache mit den Nebenleuten, rückt häufig ein, was auf der von ihm zumeist bespielten rechten Seite für Stabilität und Sicherheit bei der Aufteilung sorgt. Wie in den vorherigen Spielzeiten in der Jugend funktioniert auch hier das blinde Verständnis mit Lukas Fröde, ebenso vermögen von Haacke und Florian Bruns das Spiel zusammen zu leiten.

Nach wie vor ist von Haacke einer der meistgefoulten Spieler, aber er muss es sich abgewöhnen, sich darauf zu verlassen, dass seinen Ballverlusten stets ein gegnerisches Foulspiel zugrunde liegt. Zwar hat er meistens Recht, manche Schiedsrichter, gerade in den höheren Ligen, durchschauen jedoch den Kniff und pfeifen auch dann nicht, wenn möglicherweise tatsächlich unfaires Spiel vorlag. Es sieht immer ein wenig lächerlich aus, wenn man nach einem Rempler zu Boden geht, auf den Pfiff vertraut und der Gegner derweil mit dem frisch eroberten Ball enteilt. Gegen diese eigene Unart wird er anzukämpfen haben und zur Not den Ball ins Aus dreschen müssen, auch wenn es ihm widerstrebt.

Von Haacke ist lauter geworden in der U23, selbstbewusster. Ebenso wie die anderen lässt er keine Frustration über Einsätze in der Zweiten erkennen, spielt engagiert und konzentriert, wie man es von Spielern erwartet, die auch in der unteren Mannschaft zeigen wollen, dass sie nach Höherem streben. Neben der Lautstärke besitzt er aber auch eine sichtbare Entspanntheit, die Robin Dutt mit der „starken Ruhe am Ball“ bezeichnete. Hier ist Vertrauen in die eigene Handlungsschnelligkeit zu sehen. In Bedrängnis wird oft die richtige Entscheidung und vor allem schnell getroffen. Und in passenden Situationen wird dann auch, den Co-Trainer wird es freuen, der gute alte Frings-Kreisel herausgeholt.

Positionell spielt von Haacke in der U23 auf der Halbposition zumeist rechts, wobei er absichernder und aus der Tiefe spielend agiert, sich immer wieder gen Zentrale orientiert. Dutt sieht ihn in der Zentrale, als Aufbauspieler in einer Doppelsechs. Sicher die Idealposition, soweit er das Vertrauen genießt, das Spiel aufbauen zu dürfen. Ansätze dafür ließ er im Trainingslager der Profis erkennen, wo er insbesondere im Testspiel gegen Bukarest als Ballverteiler zu gefallen wusste. Auch wenn der Gegner qualitativ nicht nach dem nächsten Bayern-Konkurrenten aussah.

Mittlerweile wird allerorten prognostiziert, dass er es in der Bundesliga schaffen kann; wann seine Zeit kommt, wird sich zeigen. Nach den Worten von Robin Dutt über seine Stärken wollen wir auch erwähnen, welch einzige Einschränkung er noch nachschob: die Physis. Von Haacke müsse „körperlich nachlegen“. Gerade für die Zentrale ist eine verbesserte Physis nötig, um wirklich eine Chance zu haben, mehr als nur eine Kaderergänzung zu werden. Und vielleicht ist der Bereich dann auch der einzige, in dem er sich während seiner Verletzungspause entscheidend verbessern kann. Viele Spieler kommen nach langwierigen Knie-Verletzungen durch eine intensive Rehaphase im Oberkörper-Bereich stark verbessert wieder ins Mannschaftstraining.

Und eventuell kann er auch im Tempobereich noch zulegen, denn von Haacke hat nicht die beste Grundschnelligkeit. Weswegen er aber auch schon früh gelernt hat, durch taktisches Verständnis, sein Stellungsspiel und das schnelle Weiterleiten des Balles keine Angriffsfläche für den Gegner zu bieten. Wenn er sich dann noch körperlich auf Bundesliga-Niveau bringen kann, dann wird der verletzungsbedingte schwere Rückschlag den Weg in die Bundesliga nur verzögern, aber nicht aufhalten.

 

MARTIN KOBYLANSKI

Eckdaten: Stürmer, geboren am 8. März 1994 in Berlin, 179cm groß
Werder: im Verein seit Sommer 2012, Profivertrag bis Sommer 2017
Nationalelf: aktueller U20-Nationalspieler (4 Spiele) für Polen, insgesamt 56 U-Länderspiele (14 Tore)
Bilanz: diese Saison 14 Spiele (13 Tore, 5 Vorlagen) in der U23, 8 Spiele bei den Profis
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Ja, das liebt der Trainer, aus dem hässlichen Entlein durch gutes Auge und aufopferungsvolle Pflege einen Schwan heranzuziehen. Diesen Spieler hatte zu Saisonbeginn keiner auf der Rechnung, zu oft liefen die Spiele an Martin Kobylanski vorbei, zu verzweifelt suchte er seinen Platz in der U23, zu gering war sein taktisches Wissen und zu schwach sein Zusammenspiel. Das Abstellgleis drohte. In den ersten fünf Spielen der U23-Saison reichte es gerade einmal für zwei Einwechslungen. Ein Trainer, der solch einen Spieler dann in den Profikader durchdrückt, darf sich zu Recht freuen, es besser gesehen zu haben als alle anderen. Aber ganz so märchenhaft war es dann doch nicht, denn Kobylanski hat es ihm leicht gemacht und ist selbst der Hauptdarsteller dieser Geschichte.

8 Bundesligaspiele hat Martin Kobylanski bisher absolviert. Vater Andrzej kam auf 88.

8 Bundesligaspiele hat Martin Kobylanski bisher absolviert. Vater Andrzej kam auf 88.

Sie begann zunächst in einem Tal, denn dort befand sich Kobys Form zu Saisonbeginn. Bei der U23 war er nur eine Einwechsel-Option, auf seiner Position legte Neuzugang Melvyn Lorenzen einen fulminanten Einstand hin. So stark spielte Lorenzen, dass er Anfang September ins Profitraining hochgezogen wurde – wo er sich bereits in der ersten Trainingseinheit verletzte. U23-Trainer Viktor Skripnik empfahl Robin Dutt, einen Blick auf Kobylanski als Ersatz zu werfen, der sich trotz noch fehlender Form im Training mehr und mehr verbessert zeigte und zudem interessante Anlagen habe. Bei der Testspielniederlage in Hamburg gegen den FC St. Pauli sorgte Koby für den einzigen Bremer Treffer und bewies dort, seine Chance riechend, ebenso sein Engagement wie in den nächsten Trainingseinheiten.

Als dann noch Franco Di Santo gegen Eintracht Frankfurt die rote Karte sah, wurde die Personaldecke in der Offensive dünn und Dutt schaute im Training bei Koby noch genauer hin, mit dem Resultat, ihn reif genug für das Bundesliga-Debüt zu empfinden. So kam Kobylanski am 21. September zu seinem ersten Einsatz bei den Profis, stand im Auswärtsspiel beim Hamburger SV sogar in der Startelf. Genau drei Wochen, nachdem er bei der U23 im Heimspiel gegen den VfB Oldenburg noch die gesamte Spielzeit die Bank wärmen durfte.

Bis zum Jahresende kam Koby bei den Profis noch zu zwei weiteren Einsätzen und sorgte für eine schöne wie seltene Serie: In vier Einsätzen in Folge traf er jeweils doppelt. Sein Doppelpack am vergangenen Wochenende gegen den SV Eichede war sein bereits sechster in dieser Saison. Mit 13 Treffern ist er derzeit bester Torschütze von Werders Zweiter, zudem auch Topscorer.

Dass der mittlerweile 20-Jährige Anfang Januar einen Profivertrag bis Sommer 2017 unterschrieb, war folgerichtig und verdient. In der Rückrunde pendelte der Deutsch-Pole bisher zwischen Tribüne, Bank und Kurzeinsätzen bei den Profis. Wie es zur neuen Saison aussehen wird, ist schwer abzuschätzen. Eine Leihe in die zweite Liga hätte Vorteile, ebenso aber auch ein Verbleib in der U23, um sich nach der Pendelsaison nach und nach dann im Profikader zu etablieren.

Doch wo und wie plant man ihn dort ein? Er ist ein technisch guter Spieler, vor allem sein Schuss ist eine Waffe. Er hat immer genau im Blick, wo er den Ball hinknallen will und verfügt über den vielleicht härtesten Schuss im Kader. Am gefährlichsten ist er rund um die Strafraumgrenze, zieht auch aus der zweiten Reihe oft ab. Ebenso ist er bei direkten Freistößen eine sehr gute Wahl.

Körperlich ist Kobylanski klein, aber sehr robust. In der Kämpferschule des Ostens gestählt, weiß er sich seiner Haut zu wehren und kennt keine Furcht. Allerdings verließ er sich zu sehr auf besagte Schussqualitäten, wenn er versuchte, aus dem Rückraum kommend zum Abschluss zu gelangen. Zu häufig zog er zu früh seinen Joker.

In der Bundesligapartie gegen Borussia Dortmund zeigte er kurz, welche Wucht hinter seinen ansatzlosen Abschlüssen stecken kann. Doch verbunden mit den Schwierigkeiten im Zusammenspiel reicht das alleine nicht aus. Koby muss das erkannt haben, denn er hat sein Spiel umgestellt, was allerhöchste Anerkennung finden muss, denn das sieht man in dieser Form selten. Als er anfing, nach seinen Profi-Ersterfahrungen in der U23 zu treffen, wie er wollte, hatte sich Kobylanski in eine böse und gefährliche Strafraumschlange verwandelt, die hellwach Bälle im Sechzehner reihenweise versenkte.

Und trotzdem ließ er in seinen Einsätzen bei der Zweiten noch viele gute Chancen liegen. Chancen, die in den Bundesliga-Einsätzen bisher nur sehr selten waren. Das Dilemma, in dem er steckt, ist darin begründet, dass er etwas gelernt hat, das er bisher nicht konnte, wofür er sich mit vielen Toren in der Zweiten belohnt, das er aber in der Profimannschaft nicht zeigen kann, weil dort bei der derzeitigen Spielkonstellation nicht gefährlich in den Strafraum hineingespielt wird. Eine „hängende“ Spitze gab es dort lange Zeit nicht, als Zehner sind andere besser und für die offensiven Außenpositionen mangelt es nach wie vor an der Sicherheit im Zusammenspiel.

Koby hat einen Riesenschritt gemacht, dabei zwei wichtige Faktoren für Talente vorgelebt: sich voll reinzuhängen und sich anzubieten, wenn sich die Chance ergibt. Und sich ebenso voll reinzuhängen, wenn die Chance nicht direkt vor der Nase hängt, sondern es um konsequente Entwicklung geht, wie bei ihm um eine Umstellung seines Spiels.

Aber auch er wird sich fragen müssen, wo sein Platz beim SV Werder sein wird. Derzeit ist er sicher der Spieler, der durch die gefahrlosen Einwechseleinsätze als Offensivspieler am meisten von der geplanten Überführung zahlloser Nachwuchsspieler in den Profibereich profitiert. Er bietet sich zudem von seiner Spielweise als Joker an, hat mit seinem Schuss auch etwas Besonderes im Köcher, was ihn als Einwechselspieler interessant macht.

Ob er sich zu einer Verstärkung entwickeln kann, lässt sich aus diesen Auftritten jedoch noch nicht prognostizieren. Spielpraxis wird weiter sehr wichtig für ihn sein, ein bißchen Videostudium bei abgezockten Stürmern wie Ivan Klasnic oder Claudio Pizarro, und obendrauf muss er den Lernwillen beibehalten, der ihn in dieser Saison zu Bundesliga-Einsätzen verhalf.

 

 

WorumBlog-Talentreihe 2014:
Nachwuchs Round-up 2014
Teil 1: Marnon Busch & Cimo Röcker

 

Die Fotos wurden von Worum-Usern zur Verfügung gestellt.