Im Gespräch: Essen vergessen mit Sebastian Mielitz

30.09.13 | von | Kategorie: Interviews | 3 Kommentare

Es war zum Ende der Saison, als nach der Aufzeichnung der heimatLIVE-Sendung “Mittelkreis – der Werder Bremen Talk” Werder-Torhüter Sebastian Mielitz in einem lockeren Plausch und bei kleinen Snacks dem Worum Interesse signalisierte, bei einem Interview für den Blog dabei zu sein. Nun war es an einem Freitag in diesem September endlich soweit, Worum-Abgesandte schauten sich erst das Training an und warteten dann auf “Miele”, der nach der morgendlich-mittäglichen Trainingseinheit mit guter Laune zum Interviewtermin erschien. Nach kurzer, aber herzlicher Begrüßung kam man, wie schon vor einigen Wochen, wieder ins Plaudern, aus dem Interview entwickelte sich ein Gespräch unter drei Werderfans, bei dem erst die Zeit vergessen und am Ende festgestellt wurde, dass im Vergleich zum ersten Plausch noch etwas Essentielles fehlte.

Worum.org: Du bist ja jetzt schon seit 2005 bei Werder und hast so ziemlich alle Jugendmannschaften durchlaufen. Wie war das für dich, so jung von Zuhause auszuziehen? Wie war das für die Familie, wenn der Sohn keinen anständigen Beruf erlernt?

Sebastian Mielitz: (lacht) Ich denke, Fußballprofi ist ein anständiger Beruf. Wenn ich jetzt rausgehe und jeden kleinen Jungen frage, was er mal werden möchte, dann antworten die meistens: Fußballprofi. Ich bin damals mit 13 von zu Hause ins Internat nach Cottbus gegangen, habe da schon versucht, meinen Traum zu verwirklichen. Als dann das Angebot von Werder kam, habe ich nicht gezögert, das war und ist mein Lieblingsverein. Ich bin stolz, hier zu spielen. Ich habe dann hier mein Abitur abgeschlossen. Daher denke ich, dass ich auch abseits des Fußballs gut aufgestellt bin.

Wie ist es dazu gekommen, dass Werder dein Lieblingsverein wurde?

Damals war ein Kumpel von mir Werderfan, und ich habe noch mit keinem Verein sympathisiert. Da habe ich gedacht, da mache ich einfach mit. Grün-weiß sind schöne Farben. (lacht) Und so ist das alles dann ins Rollen gekommen.

Wer war denn damals Torwart bei Werder, weißt du das noch?

Damals war das Olli Reck.

War er auch dein großes Vorbild?

Das waren immer so die Werder-Torhüter, da möchte ich keinen ausnehmen. Olli Reck, Frank Rost – die zu der Zeit halt aktiv waren.

Du warst ab 13 schon im Internat, hast dort die Jugendzeit durchgemacht, in der deine Freunde dann eine Ausbildung anfangen, studieren, das erste Geld verdienen. Siehst du da einen großen Unterschied zur Entwicklung zwischen dir und deinen Nichtfußballfreunden?

Also, als ich nach Cottbus in die Lausitzer Sportschule gegangen bin, da habe ich noch kein Geld verdient. Das war ganz normal Schule und dazu eben Fußball. Das war alles sehr stark verknüpft, was auch sehr gut war und was, glaube ich, auch fast unerreicht ist. Dann bin ich zu Werder gekommen und hier habe ich dann angefangen, Geld zu verdienen. Natürlich am Anfang ganz wenig, wie so ein Taschengeld, man arbeitet sich ja Stück für Stück hoch. Man darf natürlich auch nicht vergessen, was ich in der Zeit für den Sport alles habe missen müssen. Freunde von mir sind abends irgendwo um die Häuser gezogen, ich habe mich währenddessen auf das Spiel vorbereitet. Ich bin früh ins Bett gegangen, um am nächsten Morgen topfit zu sein. Ich kenne es nicht anders, ich habe das von klein auf so mitgemacht und kenne daher die andere Seite nicht.

Werder hat ja auch eine gewisse Tradition an Spielern, die das Nachtleben gerne genießen. Haben aktuell alle im Team so eine Haltung bezüglich des Fußballs wie du?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass man sonst so weit kommen würde. Das halte ich mir auch immer vor Augen und so lebe ich auch danach. Ich möchte mir im Nachhinein nicht nachsagen lassen, nicht alles für den Erfolg getan zu haben. So gehe ich das aktuell an, und so werde ich das immer angehen.

Aber es gibt doch bestimmt auch so Momente, wo die Freunde dich fragen, ob du mit ihnen ausgehen möchtest und du dann passen musst.

Das stimmt, wenn ich mich mit Kumpels oder mit Bekannten unterhalte und man dann hört, dass die erst mit 30 angefangen haben, Geld zu verdienen, dann denke ich, als Fußballspieler ist man mit 30 ja schon fast fertig. Da muss man dann sogar schon an die Karriere danach denken. Wir sind in dem einen Leben und die sind halt in dem anderen.

Denkst du bereits an die Karriere danach?

Im Moment denke ich an das, was jetzt ist, aber natürlich macht man sich Gedanken. Man fragt sich, was man danach macht, man möchte sich ja weiterbilden, man lernt immer. Das Gute im Fußball ist, dass man so viele Leute kennenlernt, die man ansonsten nicht kennenlernen würde. Das ist, glaube ich, ganz viel wert, und man weiß nie, was später passiert. Ich lebe so ein bisschen nach dem Spruch ‟Man sieht sich immer zweimal im Leben”. Ich bin zu jedem aufrichtig und freundlich.

Es heißt immer, Fußballprofis verdienten so viel Geld. Dabei erstreckt sich das Erwerbsleben auf etwa 10 Jahre in ihrem Leben. Dann hört der Geldfluss auf, und manche hatten damit dann so ihre Probleme. Macht man sich denn darüber auch bereits Gedanken? Denkt man darüber nach, hat man da Angst?

Habe ich gar nicht. Ich denke, auch während der Zeit als Profi kann man sich ja weiterbilden.

Aber viele machen es ja wahrscheinlich nicht.

Da ist auch viel Eigenverantwortung gefragt. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Das ist vom Typ her natürlich unterschiedlich, ich mache mir jetzt halt Gedanken, was danach kommt, aber meine volle Konzentration zielt natürlich erstmal auf die aktuelle Situation ab. Was hier passiert, das ist wichtig, Werder ist wichtig. Alles, was danach kommt, da kann ich mir allmählich, wenn alles gefestigt ist, Gedanken machen. Ich bin da eigentlich ganz ruhig und weiß, nach dem Fußball wird es was geben. Ich weiß zwar jetzt noch nicht, was es dann ist, aber ich bin zu 100 Prozent überzeugt, dass es da etwas geben wird.

Ein gut aufgelegter Miele während des Gespräches

Ein gut aufgelegter Miele während des Gespräches

Du hast ja nun unsere Jugendmannschaften durchlaufen, in einer Zeit, in der wir mit Andreas Reinke und später Tim Wiese sehr starke Torwartpersönlichkeiten hatten. Gerade dein Vorgänger Tim Wiese ist ja auch im besten Torwartalter und hätte durchaus auch noch einige Jahre bei Werder bleiben können. Wäre er geblieben, hätte es sein können, dass du gegebenenfalls auch heute noch die Nummer zwei wärst. Wie war deine Sicht auf die damalige Situation?

Ich habe regelmäßig in der U23 gespielt. Ich glaube, ich habe dann anderthalb Jahre hinter Tim auf der Bank gesessen, so lange war das gar nicht. Ich wusste, dass mein Weg hier nicht zu Ende ist, dass irgendwann meine Chance, meine Minute, kommen würde und auf die habe ich halt immer hingearbeitet.

Du hast ja auch immer wieder deine Einsätze gekriegt, wenn Wiese mal eine rote Karte bekommen hatte.

Ab und zu durfte ich mich beweisen und habe, glaube ich, für einen zweiten Torwart recht viele Spiele gemacht. Wenn ich das bei anderen sehe…

Du hast auch viele Spiele in der U23 absolviert. Lieber spielen bei der U23 oder auf der Bank bei den Profis sitzen – Spielpraxis ist doch besser, oder nicht?

Da ist richtig, man entwickelt sich halt nur weiter über die Spiele, über die Erfahrung, die man auf dem Platz sammelt. Das kann kein Training oder irgendetwas anderes ersetzen. Das ist ganz wichtig, und in jungen Jahren muss man diese Erfahrung sammeln, damit man später dann viele Sachen entsprechend angehen kann.

Wärst du denn auch geblieben, wenn Tim seinen Vertrag noch mal um vier Jahre verlängert hätte und du wieder die Perspektive gehabt hättest, hinter ihm auf der Bank zu sitzen?

Das weiß ich nicht. Dazu ist es ja nicht gekommen, also musste ich mich auch nicht entscheiden.

Es hätte dir schon zu denken gegeben?

Da hätte ich mir Gedanken machen müssen, das ist klar.

Du sagtest ja eben schon, dass du von klein auf schon Werderfan bist. Wie findest du denn Bremen allgemein, die Stadt? Sie ist ja nun schon viele Jahre dein Zuhause, wie kommst du hier klar?

Ja, ich kenn’ mich schon gut aus…

Man sieht dich selten im Nachtleben, muss ich dazu sagen.

(lacht) Du entdeckst mich nur nicht!

Oh, er kennt die richtigen Ecken! (lacht)

Ich fühle mich hier halt pudelwohl, bin hier zur Schule gegangen, kenne hier viele Leute. Und das ist sicher nicht immer so als Fußballer, dass man sich in einer Stadt richtig wohl fühlt. Hier ist es halt einfach so, ist fast schon Luxus. Die Menschen sind nordisch, was mir entgegenkommt. Ich könnte mir vorstellen, hier noch ganz viele Jahre zu bleiben. Natürlich muss da alles stimmen, da muss die Leistung stimmen, da muss das Gesamtpaket passen, das ist immer die oberste Prämisse. Aber ich kann dir sagen, ich mag hier alles.

Ein Arbeitsplatz direkt an der Weser ist ja bestimmt auch ganz nett.

Du bist immer an der frischen Luft.

Und bei anderen Vereinen sind die Trainingsplätze auch mal weit außerhalb, da ist das hier ganz nett, Bremen hat da was ganz Eigenes zu bieten. Und das Internat ist auch direkt hier, mitten in der Stadt.

Ja, ich habe hier alles durchlebt, ich bin hier allem nachgegangen, habe hier auf allen Plätzen Fußball gespielt.

Du bist im Verein ja auch sehr verwurzelt, man sieht dich auch bei den Nachwuchsmannschaften öfter als Zuschauer.

Ja, das macht mir immer Spaß. Da gibt es die beste Currywurst. Und die Spiele gucke ich mir auch ganz gerne an. (lacht)

Man sieht dich ja auch fast jedes Mal da. Selbst bei der U19 bist du letztes Mal gewesen.

Ich gucke mir das halt alles gerne an. Ich habe da auch mal gespielt, ich weiß, wie das ist.

Kommen denn da auch die Torhüter aus den Nachwuchsteam und fragen mal nach Tipps? Oder sagst du selbst was, bist du ein Mentor?

Noch gab es da keinen regelmäßigen Kontakt, aber warum nicht?

Hättest du da Lust zu?

Klar, ich bin für alles offen. Wenn jemand Rat braucht, gebe ich ihm den gerne. Ich finde, als junger Torwart – ich bin ja selbst noch jung -, aber als jüngerer Torwart finde ich das gut, wenn man sich mit den Profis austauschen kann. Das war früher bei uns nicht so der Fall. Als ich in Cottbus war, da gab es den Kontakt auch nicht. Aber hier bietet sich das eigentlich an, weil alle Tür an Tür trainieren.

Wer ist denn dein Lieblingsspieler in der U23?

Lieblingsspieler in der U23? Das ist eine gute Frage…

Wenn du mehrere hast, gibt es denn ganz besondere Spieler?

Früher war es immer Sandro Stallbaum. (lacht) Mit dem haben wir immer viel Spaß gehabt, den kenne ich auch schon lange.

Es sind ja jetzt auch viele Spieler aus der U19 aufgerückt, fällt da jemand besonders auf?

Ich denke, die ganz jungen Spieler bringen halt ihre frische Art ein, ihre Unbekümmertheit, die in jungen Jahren immer ganz wichtig ist. Die sollte man auch behalten, was aber auch sehr schwer ist. Die sollen einfach Gas geben, das will der Trainer sehen. Die sollen mit Spaß und Freude an die Arbeit gehen.

Da wir bei Trainern sind, du hast als Profi vor diesem Jahr noch keinen anderen Trainer außer Schaaf erlebt. Jetzt hat sich im Sommer einiges verändert, wie hast du diese Zeit des Umbruchs erlebt?

Wenn das komplette Trainerteam wechselt, dann ist das ja wie ein Neuanfang. Man lernt sich neu kennen, man lotet Grenzen aus und guckt, wie man sich versteht. Aber das passt gut. Ich habe ja hauptsächlich mit dem Torwarttrainer zu tun, mit Marco Langner. Das hat von Anfang an gepasst, so wie es aber auch mit Michael Kraft gepasst hatte. Torwarttrainer müssen so ein bisschen Kumpel und Trainer zugleich sein. Und auf Torhüter muss man ja auch sehr speziell eingehen. Wie Marco auf uns eingeht, das macht er sehr gut, aber wenn ihm etwas nicht so passt, geht er auch hart dazwischen. Er stellt sich trotzdem auch immer vor uns. Das ist, denke ich, ganz wichtig.

Warum sind Torhüter speziell, warum muss man da speziell drauf eingehen? Was ist da anders bei Torhütern?

Hinter mir kommt nichts mehr. (lacht) Hinter mir kommt das Tor. Wenn ich einen Fehler mache, ist der Ball drin, und man ist ja als Torwart immer der Letzte in der Kette und neben dem Schützen der Erste, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht, wenn der Ball im Tor ist. Als Torwart bist du halt immer unter Spannung, egal, wo der Ball ist, das ist auch nicht immer einfach und bringt deshalb auch viel Verantwortung mit sich.

Und sicherlich auch mehr Druck, oder?

Natürlich, du hast 90 Minuten nichts zu tun und musst trotzdem fokussiert sein. Dann kommt in der 91. Minute der Ball und du musst da sein. Wenn du dann nicht da bist, dann bist du halt der Dumme. Wenn der Mittelfeldspieler einen Fehlpass spielt, dann ist es halt so. Wenn ich einen Fehlpass spiele, dann kommt der direkt wieder zurück…

…und dann scheint einem noch die Sonne ins Gesicht (alle lachen). Es gibt eine Aussage von Marco Langner, als er gerade bei euch angefangen hatte. Er hat sich dabei selbst als modernen Torwarttrainer angekündigt und gesagt, dass sich das Torwartspiel in den letzten Jahren sehr weiterentwickelt hat. Es sei schneller und moderner geworden. Was hat sich denn verändert, was macht seine Arbeit modern?

Also, man muss schon sagen, dass der Torhüter heute ja zum „Torspieler“ wird. Er nimmt viel mehr am Spiel teil, ist am Spielaufbau beteiligt, an Seitenwechseln. Da muss er schnell den Ball ins Spiel bringen, ist genauso Libero. Er muss die in die Tiefe kommenden Bälle am besten schon ablaufen, um die Situation schon bevor eine noch brenzligere Situation entsteht zu entschärfen.

Da muss der Torhüter im Endeffekt immer weit draußen stehen, damit er die Pässe in die Tiefe abfangen kann. Was aber auch genau die Situationen sind, in denen man unglaublich blöd aussieht, wenn es mal schief geht.

Wenn du dann raus kommst und kriegst den Ball nicht, dann heißt es natürlich: Torwartfehler. Gladbach, viertes Tor. Wenn ich im Tor stehen geblieben wäre, und der Ball wäre auch drin gewesen, hätte man gesagt: „warum kommt er nicht raus?“

Kritik gibt es immer ohne Ende, gerade als Torwart wird man primär an den Fehlern gemessen und auch mal nicht so nett angegangen. Wie gehst du damit um?

Ja, man kriegt das natürlich mit. Man nimmt das auf, muss es aber richtig einordnen.

Liest du Zeitung?

Ich lese Zeitung, ja.

Es gibt viele Spieler, die wegen der Kritiken keine Zeitung lesen.

Das ist manchmal auch besser. Aber ja, ich lese Zeitung.

Also liest du auch die Kritiken?

Ich lese auch die Kritiken.

Ärgern dich manche übertrieben schlechten Bewertungen? Prallt das ab?

Wenn man erstmal in so einer Schublade drin ist, dann ist es schwer, da wieder herauszukommen.

Es geht dabei wohl um Präsenz. Vor allem die im Vergleich zu deinem Vorgänger wohl etwas defensivere Körpersprache.

Ja, wenn ich jetzt alle zusammenschreien würde, das würde dem Spiel auch nichts bringen. (lacht)

Du schreist ja witzigerweise, das scheinen nur einige nicht zu sehen.

Ja, ich bin immer am Dirigieren, am Pushen. Vielleicht wollen die das auch nicht sehen.

Das Problem ist womöglich, dass du im Vergleich zu deinem Vorgänger das genaue Gegenteil vom Typ her bist. Das ist sicherlich auch für viele Fans eine große Umstellung, da Tim mit seiner Art ja ein Urgestein war. Und es kam zuerst super an, als du bei deinen ersten Profi-Einsätzen für Werder eine wesentlich ruhigere Art verkörpert hast. Das war in einer Phase, in der es dann wiederum bei Wiese nicht so gut lief.

Man kann es nicht jedem recht machen.

Ich habe den Eindruck, dich kann man am ehesten als Teamplayer bezeichnen?

Ja, ich versuche, die Mannschaft zu unterstützen, so gut ich kann. Ich baue auf, ich reiße keinen runter. Ich bin eigentlich mehr so der positive Antreiber. Ich bin dann mehr der, der weitergeht, der sie noch mehr antreibt.

Im Fernsehen kann man bei Torhütern ab und zu auch mal Verzweiflung ausmachen, bei dir gegen Gladbach beispielsweise. Aber wenn man an Gegentoren mal nicht verzweifelt, dann ist man wohl auch fehl am Platz, oder?

Als Torwart ärgert man sich über jedes Tor. Du bist Torwart, da bist du halt am Ende für dich allein, dir kann keiner helfen, man kann sich nur selbst helfen.

Ist man dann in solchen Situationen auf seine Vorderleute sauer oder mehr auf sich selber? Wie äußert sich das bei dir?

Das kann man gar nicht beschreiben. Das ist dann so eine innerliche Wut.

Wie lange hält die an?

Das klingt auch wieder ab. Es bringt ja nichts, wenn man nur mit trüber Miene loszieht. Ich möchte etwas Positives ausstrahlen, man entwickelt dann wieder eine Euphorie für das nächste Spiel, die möchte ich raustragen und da bleibt eigentlich nicht so viel Zeit für eine finstere Miene.

Wenn du sagst, dass du die Kritiken liest: deine Freunde oder Familie werden die ja sicherlich auch lesen. Ist das ein Thema bei euch? Redest du auch mit anderen Leuten darüber?

Ja, natürlich tauscht man sich kurz aus, aber so viel Beachtung schenken wir dem eigentlich nicht.

Als Feldspieler hat man es einfacher, weil man freier ist und mehr Positionen da sind, auf die man ausweichen kann. Aber es gibt nur einen Torhüter und einen sehr direkten Konkurrenzkampf. Ist da ein Konkurrenzdruck oder geht ihr kollegial miteinander um? Kann mit den Konkurrenten überhaupt befreundet sein, gehst du mit Raphael Wolf essen?

(lacht) Ja, wir essen öfter in der Kabine etwas zusammen. Da muss ich sagen, egal, wo ich war, auch in Cottbus, das war immer ein total kollegiales Verhalten. Da war nichts Dramatisches, wir haben uns immer super verstanden. Da habe ich bis jetzt nichts Negatives erlebt.

Die Teamkollegen links weggeschnitten: der Torhüter als Individualist.

Die Teamkollegen links weggeschnitten: der Torhüter als Individualist.

Ergibt ja auch Sinn, man verbringt ja viel Zeit miteinander, gerade die Torhüter, wenn man viel direkt miteinander trainiert.

Wir sehen uns jeden Tag.

Das passt ja auch zur von Dutt und Eichin ausgerufenen Harmonie im Kader, dass es wieder ein Team auf dem Platz geben soll und nicht nur Individualisten.

Als Torwart bist du aber auch Individualist, das ist einfach so.

Hat sich in der Kabine etwas verändert? Es hat ja jetzt auch viele personelle Veränderungen gegeben: De Bruyne, Sokratis oder auch Arnautovic sind weg. Hat sich die Stimmung in der Kabine verändert?

Das ist ja alles noch recht neu, dass Marko weg ist, dass die letzten Transfers getätigt wurden.

War das eine Überraschung?

Ich habe eigentlich nicht mehr damit gerechnet, dass Marko wechseln würde.

Wie ist die Stimmung jetzt? Marko hat gesagt, er sei der Spaßvogel im Team gewesen.

Ja, das war auch so, er hat immer einen lustigen Spruch gehabt.

Aber war sein Ansehen allgemein auch noch gut? Ich erinnere mich an all die Eskapaden…

Ich denke jeder, jeder macht mal einen Fehler…

War ja nicht nur einer…

Ja, aber ich denke, jeder hat auch eine Chance verdient. Und die beiden haben sich auch wieder super eingeführt, nicht für schlechte Stimmung oder irgendwas anderes gesorgt, haben sich ins Team integriert. Das hat eigentlich alles gepasst.

Wie ist die Einschätzung der Lage im Team, wie seht ihr das aktuell? Und: zieht ihr an einem Strang?

Ja, das tun wir immer! Gemeinsam sind wir stark. Das hat uns, glaube ich, die letzte Saison gezeigt, dass es nur gemeinsam geht.

Clemens Fritz sagte im Gespräch, dass die Spieler ja auch nicht schlecht spielen wollen, den Fans was anbieten wollen und manche Leute sich überhaupt nicht vorstellen können, unter was für einem Druck man steht. Wir sprachen beispielsweise über das Spiel in Braunschweig, als kurz nach dem Führungstor im Gegenzug beinahe der Ausgleich fällt, aber Caldirola zum Glück auf der Linie retten kann. Das waren wieder fünf Minuten, wo die Zuordnung nicht stimmte, wo laut Clemens eine Nervosität da war, weil man die Führung nicht wieder verspielen und endlich diese drei Punkte einfahren wollte. Endlich den ersten Sieg nach einem halben Jahr holen. Er meinte, dass von der Mannschaft nach dem Spiel eine unglaubliche Last abfiel. Ist diese Verunsicherung jetzt wirklich weg oder fing die Anspannung nach dem Gladbachspiel wieder an?

Man darf nicht zweifeln. Man muss zu den gemachten Entscheidungen stehen, die muss man untermauern. Natürlich, das Gladbach- und das Frankfurtspiel – am liebsten würde ich das jetzt einfach auskehren und sagen: das war nicht so. Aber das war halt so, und wir haben beim Derby in Hamburg gezeigt, dass wir es besser können.

Thema Aufarbeitung, wie läuft das eigentlich? Wie gehen Dutt und sein Team mit euch nach so einem Spiel um? Videostudium? Müsst ihr euch das alle noch mal angucken?

Ja, natürlich müssen wir das aufgezeigt bekommen, was wir falschgemacht haben. Das ist ganz normal, das wird aufgearbeitet, aber es bringt ja nichts, ohne Ende draufzuhauen. Dann geht der Kopf tiefer, immer noch tiefer. Der Trainer muss uns ja pushen, er muss uns aufbauen. Er muss eine schlagkräftige Truppe, die motiviert ist, die Selbstvertrauen versprüht, aufbauen. Und das macht er gut. Wir sind immer richtig scharf auf das nächste Spiel. Wir wollen es den Leuten zeigen, damit nicht einer wieder sagen kann, die würden sich kein Bein für Werder ausreißen.

Ja, letzte Saison, der Einsatz stimmte ja größtenteils, gerade gegen Saisonende wieder. Zwischendurch war es teilweise etwas mau, aber im Leverkusenspiel, wo ihr richtig gut gespielt und gekämpft habt, habt ihr trotzdem 1:0 verloren. Da fehlte natürlich auch immer das Glück, aber da wurdet ihr im Nachhinein auch riesig gefeiert von den Fans. Die legendäre Sache damals, das muss euch auch unheimlichen Auftrieb gegeben haben, oder? Da hat jeder mit Sitzblockaden gerechnet, mit „Trainer raus!“-Rufen. Aber dann steht da der Fanblock und feiert euch für eine Niederlage, hast du sowas schon mal erlebt vorher?

Ich würde das als Luxus bezeichnen, das sind einfach die Werderfans, die so, glaube ich, einmalig in Deutschland sind. Woanders wären, wie du gesagt hast, Sitzblockaden, „Trainer raus!“-Rufe, vielleicht auch eine Platzstürmung oder irgendwas anderes passiert. Wir können uns glücklich schätzen, solche Fans zu haben. Das haben dann auch die letzten Spiele gezeigt, was die alles auf die Beine stellen konnten. Das ist für den Verein ganz wichtig. Genauso auch für die gesamte Mannschaft, dass die Fans komplett hinter ihr stehen. Das finde ich gut, und das stärkt dann auch den einzelnen Spieler.

Das Heimspiel gegen Hoffenheim dann, ist man da mit Gänsehaut eingelaufen? Oder schon so im Bus am Stadion vorgefahren?

Ja, also ich auf jeden Fall! Gänsehaut pur.

Da habt ihr 2:0 geführt und am Ende Angst vorm Gewinnen bekommen. Und dann noch zwei Tore gefangen. Das war schon unglücklich, will ich mal sagen.

Ja, wir haben aber trotzdem die Köpfe nicht hängen lassen und danach kam das Spiel gegen Frankfurt.

Es gab da ja die große Fanaktion “Allez Grün”. Habt ihr da in der Mannschaft darüber gesprochen, war das in der Kabine Thema?

Ja, der Trainer hat das ja auch immer dokumentiert, dass die Leute hinter uns stehen würden, egal was passiere. Wir wollten dann mit Leidenschaft und mit Kampf antworten. Wir haben das auch intern diskutiert, dass wir einfach jeden Sprint machen müssen, dass jeder für den anderen da sein muss.

Kriegt man das auf dem Rasen mit, was um einen herum auf den Rängen passiert?

Es sind schon Nebengeräusche, aber wenn natürlich die Stimmung so wie in den letzten drei Spielen ist – so sensationell -, dann bekommt man das schon mit und dann pusht einen das auch. Und dann kann der Spieler vielleicht den Sprint über zehn Meter noch schneller machen, schießt den Ball noch härter. Das wirkt: Der zwölfte Mann, wie man immer so schön sagt.

Die Fans wurden kürzlich auch ausgezeichnet, von der Sport Bild, wegen der besagten Aktion. Wurde das in der Kabine noch mal thematisiert, kam das zur Sprache?

Ich habe das alles gelesen, die Sport Bild hatte ja entsprechend darüber geschrieben. Buten und Binnen hat, glaube ich, auch was gezeigt, der Sportblitz ebenso. Ich habe das alles verfolgt.

Kommen wir doch mal ein bisschen auf die Gegenwart. Ist das eine Umstellung? Auch Schaaf hat ja gerne zu Null gespielt,
hat aber immer Wert auf guten und offensiven Fußball gelegt, und jetzt heißt es, dass Defensive der Ansatz sei.

Wir sind nicht in der Lage, hier momentan Hurrafußball zu spielen. Das werden die Leute, glaube ich, auch nicht erwarten. Wir müssen einfach kompakt hinten stehen, das Spiel lange offen gestalten und die Null so lange wie möglich halten. Für ein Tor sind wir immer gut.

Die Argentinier Santiago Garcia und Franco Di Santo beim Frings-Abschied (© Franco Di Santo/Twitter @fdisanto9)

Die Argentinier Santiago Garcia und Franco Di Santo beim Frings-Abschied (© Franco Di Santo/Twitter @fdisanto9)

Ihr spielt dann ja fast schon italienisch. Nun habt ihr auch gleich drei italienische bzw. argentinische Zugänge im Team. Wie integrieren sich die Jungs, gibt es da jetzt eine Cliquenbildung oder sind die voll im Geschehen? Man hört, dass Di Santo und Garcia gemeinsam ihre Runden drehen…

Das ist, glaube ich, ganz normal, wenn zwei dieselbe Sprache sprechen. Angenommen, ich würde jetzt nach Spanien gehen und da wäre noch ein Deutscher, dann würde ich ja mit dem auch mehr unternehmen als mit wem anders. Das erleichtert einem auch
die Eingliederung.

Wie ist dein Eindruck von den Neuzugängen?

Wir haben heute ein bisschen Deutsch gelernt.

Ach, du auch?

(lacht) Ja, so ein bisschen Schulspanisch kann ich noch, wir haben ein wenig in das Heft reingeschaut. (lacht) Die haben sich gut integriert.

Es heißt Garcia sei ein beinharter Verteidiger, der gerne grätscht und den Gegner kein Land sehen lässt.

Das hat er auch im Training so dokumentiert. (lacht) Das wird sich halt zeigen, wie sich das alles einspielt und auch einlebt. Vom Typ her sind beide total positiv, da kann ich nur Gutes sagen.

Di Santo sagte, er konnte am ersten Tag auf Deutsch Käse zu den Spaghetti bestellen. Wie weit ist er denn jetzt, was kann er denn Weiteres zum Menü bestellen?

Was hat er doch gleich heute erzählt? „Ich komme mit dem Training, äh, mit dem Auto zum Training“. Und „Ich habe Training um zehn Uhr“ geht auch schon. Deutsch ist, glaube ich, auch nicht ganz so einfach.

Er scheint ja ein recht gutes Englisch zu sprechen, daher findet die Kommunikation im Team mit ihm wahrscheinlich zum größten Teil auf Englisch statt, oder?

Ja, das schon.

Aber sonst sprecht ihr ja größtenteils Deutsch, wie ist das mit Theo Gebre Selassie?

Theo versteht viel, spricht eigentlich auch schon relativ gut.

Und Prödl und Junuzovic? Ich habe nicht schlecht geguckt, als es hieß, die Österreicher würden sich von Deutschland nicht
„wegfotzen“ lassen wollen.

“Abfotzen”. (lacht) Ein ganz normales Wort in Österreich. Die haben aber auch manchmal Begriffe, da lachst du dich kaputt.

Ein Cornerkick, ein Penalty… gibt es mal Verständigungsprobleme mit euren Österreichern? Auch ohne Arnautovic sind da ja noch Prödl, Junuzovic. Auch Strebinger…

Der derzeit angeschlagen ist.

Der ist ja nun leider vorher schon längere Zeit ausgefallen und jetzt erneut, aber er ist ein guter?

Ja, ein guter Torwart. Relativ jung, aber dafür schon sehr weit.

Der wird seinen Weg gehen, wenn er so weiter macht. Dein zukünftiger Hauptkonkurrent?

Die Torhüter sind alle Konkurrenten. Auf der Position ist immer Konkurrenz vorhanden. Die belebt aber auch das Geschäft und bringt einen selbst auch weiter. Ich gehe damit aber eigentlich auch ganz gelassen um.

Wir haben gerade über das Team gesprochen und du hast gesagt, dass momentan wahrscheinlich kein Hurrafußball möglich ist. Wie schätzt du das denn perspektivisch ein?

Das ist ganz schwer einzuschätzen.

Es wird ja auch prognostiziert, dass ab der Winterpause realistischerweise bessere Spielansätze erwartet werden können.

Wir haben ja in der Vorbereitung viel Defensivarbeit geleistet.

Ihr habt letztens im Training zum Beispiel nur eine halbe Stunde reines Verschieben geübt.

Das Grundgerüst ist ja die Defensive und durch das neue Konzept vom Trainer gilt es, das zu visualisieren und zu verarbeiten.

Ist das ganz etwas anderes als vorher?

Ja natürlich, aber jeder Trainer hat ja andere Ansätze.

Fußball ist Fußball.

Fußball ist Fußball, wird mit dem Ball gespielt, elf gegen elf.

Und Deutschland gewinnt am Ende. (alle lachen)

Wir haben ja auch in der Defensive neue Spieler dazu bekommen, und das ist natürlich eine ganz andere Sache.

Geht es den Offensiven dann zum Beispiel auch auf die Laune, dass ihr weniger für die Offensive macht?

Ich glaube, da muss man die persönlichen Belange einfach hinten anstellen. Die Verteidigung fängt vorne an, bei Nils Petersen, bei Franco Di Santo und die hört hinten bei mir auf. Wenn das funktioniert, dann können wir das Spiel auch lange offen halten und dann gewinnt man ein Spiel auch mal 1:0. Nach dem Angriff direkt wieder zurück in die Ordnung.

Der Trainer scheint seine Aufstellungen komplett überraschend zu machen. Caldirola mal als Linksverteidiger, Arnautovic erst das ganze Spiel auf der Bank, dann gegen Dortmund in der Startelf. Wann wisst ihr denn, wer spielt? Am Freitag bereits oder auch erst kurz vor dem Spiel?

Wir besprechen das vor dem Spiel.

Thomas Schaaf hat ja immer gerne eine eingespielte Stammformation auflaufen lassen. Dutt sagte hingegen, er wolle möglichst viel analysieren und viel ausprobieren. Ist das der Grund für die aktuell hohe Rotation?

Ja, der Trainer macht sich natürlich seine Gedanken, der bildet sich natürlich seine Meinung. Der muss ja verschiedene Spieler auf verschiedenen Positionen einsetzen, damit er weiß, wo sie für Werder am effektivsten sind. Das ist, denke ich, auch legitim, und die Zeit muss man dem Trainer auch geben.

Thomas Eichin hat gesagt, er würde gerne mit Aaron Hunt und dir verlängern. Wie sieht es denn da aus?

Bis jetzt ist da noch nichts zu sagen. Ich habe immer gesagt, Werder wird meine erste Anlaufstelle bleiben. So ist es nach wie vor.

Den Eindruck habe ich auch, du wirkst zufrieden. Also möchtest du bleiben?

Zufrieden ist man nie. Ich glaube, das sollte man auch nie sein. Man sollte immer ehrgeizig bleiben. Ich freue mich, dass ich hier im Tor stehe, das ist eine Auszeichnung, es gibt ja auch nur 18 Stammtorhüter in der Bundesliga.

Felix Wiedwald, ein ehemaliger Weggefährte von dir, ist nun über den Umweg Duisburg in Frankfurt gelandet. Hast du noch Kontakt zu ihm?

Jetzt schon länger nicht mehr, aber sonst hatten wir immer Kontakt.

Viele haben sich gewundert, warum er nach Frankfurt als zweiter Mann wechselt.

Der Torwartmarkt ist relativ klein. Man kann froh sein, wenn man einen Vertrag hat. Das ist nicht mehr so einfach wie das vielleicht früher war. Heutzutage ist das echt schwer als Torwart, weil durch die ganzen Nachwuchsleistungszentren viele gute Leute schon früh hervorragendes Torwarttraining bekommen und dann auf dem Markt sind.

Deutschland ist natürlich auch berühmt für seine Torhüter.

Deutschland hat sehr gute Torwarttrainer, die einen sehr guten Job betreiben und immer wieder viele junge, gute Torhüter entwickeln.

Ich habe vor ein paar Jahren mal gelesen, dass angeblich jeder mittelmäßige Zweitligatorhüter von uns bei den Engländern heute unumstrittener Nationaltorhüter wäre. Wie siehst du das?

Das weiß ich nicht, da kenne ich mich auch zu wenig aus, ich höre auch bloß immer die Spekulationen.

Die haben ja derzeit auch ein Nachwuchsproblem, womit wir wieder bei der Talentförderung wären. Ist Schulbildung denn überhaupt damit zu vereinbaren, wenn man das Optimum erreichen will? Hop oder Top. Du hast ja das Abitur hier gemacht – hättest du den Fußball-Weg auch eingeschlagen, wenn nebenbei nicht eine solche Schulbildung möglich gewesen wäre?

Es war eigentlich immer meine oberste Prämisse, auch meine Schule zu Ende zu bringen. Das wurde bei Werder geboten, das wäre auch bei Cottbus möglich gewesen. Die Schule sollte man schon zu Ende bringen, immer mehrgleisig fahren, damit man noch etwas in der Hinterhand hat, immer eine Alternative hat. Das ist ganz wichtig.

Julian Draxler wollte Medienberichten zufolge mit 17 Jahren die Schule abbrechen.

Das muss auch jeder selbst entscheiden, ich hätte das nicht gemacht.

Schwenken wir mal von der Jugend zum Alten. Es hieß nach der letzten Saison oft, dass der Kader Erfahrung brauche, ein paar erfahrene Recken. Cedrick Makiadi hat ja viele Spiele in Liga Eins und Zwei auf dem Buckel. Aber wurde da insgesamt diesen Sommer genug nachgebessert?

Ich glaube, der Kader an sich ist gut zusammengestellt, er passt vom Altersgefüge. Und Cedrick ist ja auch eigentlich noch ein junger…

Er ist 29.

29 schon? Also so alt kommt er mir nicht vor. (lacht) Er ist total umgänglich, passt super in unser Gefüge hinein. Bis jetzt kann ich nichts Negatives berichten, da passt alles.

Wer übernimmt jetzt nach Arnautovic die Rolle als Spaßvogel? Bist du ein Spaßvogel?

(lacht) Mit mir kann man immer einen Spaß machen.

Du bist also der, auf dem alle rumhacken? (lacht)

Ich mag Humor. Das wird aufgeteilt, da macht jeder mal einen Spaß.

Ohne Spaß: wie siehst du deine Leistung in dieser Saison bis jetzt?

Wir haben dreimal zu Null gespielt. Das freut mich sehr.

Die beste Abwehr, bis dann Gladbach und Frankfurt kamen.

Jetzt haben wir mit einigen anderen die fünftbeste Abwehr. Ich finde, es wird Vieles zu…

…schwarz-weiß gesehen?

Ja, das ist schwierig. Man sieht es ja auch beim Training: Wenn wir gewinnen, ist oft nicht eine Kamera da. Andersrum sind es gleich vier oder fünf.

Als Fan macht man sich da derzeit Sorgen, weil nicht klar ist, wohin die Reise geht. Stabilisiert sich Werder, geht es bergauf oder geht die Talfahrt sogar weiter? Kannst du die Sorgen geringer werden lassen?

Ich würde euch gerne die Sorge nehmen, weil ich an die Jungs glaube, an das Trainerteam glaube und auch einfach an die Fähigkeit, die wir haben. Das ist ganz wichtig, die Aufgabe müssen wir verinnerlichen, dass wir etwas bewegen können.

Wichtig wäre, dass wir wieder eine Heimmannschaft werden.

Ja genau, dass das Weserstadion eine Festung ist!

Wenn das geschafft wird, dann kann man auch wieder mehr erreichen, weil das sicher gut für die Motivation ist. Wie oft wurde hier letztes Jahr gewonnen, gefühlt vielleicht zwei- oder dreimal?

Wir haben gegen Gladbach gewonnen. 2:0 gegen Hannover, 2:0 gegen Hamburg, ja.. (Anmerkung: Mainz 2:1, Düsseldorf 2:1)

Du holst jetzt die Statistik raus, ich habe die ganze Zeit nach einer Statistik gesucht, wie du deine Gegentore fängst. Das einzige, was ich gefunden habe…

Jetzt kommen wieder die Weitschüsse, was?

(lacht) Ja, da es heißt, dass deine Schwierigkeit Weitschüsse und Freistöße sind.

Das habe ich schon öfter gehört.

Die Kommentatoren holen es in jedem Spiel raus.

Da bin ich in der Schublade. Vielleicht schießen die Gegner gegen mich extra gut, ich weiß es nicht.

Oder wir haben eine im Zweikampf unglaublich starke Abwehr und deshalb müssen sie aus der Ferne schießen…

Das kann natürlich auch sein.

Du bist nun nicht der größte Torwart. 1,88m Größe, hast auch eine relativ kleine Spannweite…

Spannweite? Ich habe kleine Hände, aber Spannweite?

Ich glaube, es gab irgendwann mal eine Aufstellung, da warst du relativ weit unten.

Da haben die nur die Hand vermessen. Mehr war das nicht. Das war mal in der BILD-Zeitung.

Aber trotzdem bist du jetzt nicht der größte Torwart.

Es gibt aber auch kleinere.

Du bist auch nicht der kleinste, aber da muss man wahrscheinlich anders spielen, als wenn man nun 1,95m ist. Wie viel muss man da über Schnelligkeit und Schnellkraft wettmachen, was muss man mehr trainieren?

Ich glaube, es ist auch viel Timing, viel Stellungsspiel, das man dann anbringen muss. Das Gefühl dafür bekommen, wo man am besten steht, wie man sich zum Ball bewegt. Und natürlich ist Sprungkraft für jeden Torwart wichtig.

Wird das speziell trainiert?

Ja, wir trainieren das regelmäßig, wir haben unsere individuellen Programme.

Außenstehende sagen zur Trainingsintensität von Fußballprofis allerdings…

…„Das ist doch zu wenig!“ Ja.

08.30 Uhr: Eintreffen am Stadion, der Arbeitstag beginnt.

08.30 Uhr: Eintreffen am Stadion, der Arbeitstag beginnt.

Eben. “Die arbeiten ja nur zwei Stunden am Tag”.

Ich kann ja mal so einen Tagesablauf von mir schildern. Wenn wir um zehn Uhr Training haben, bin ich um 08.30 Uhr hier. Dann esse ich Frühstück.

Musst du dann schon hier sein, also herrscht ab dann Anwesenheitspflicht?

Du musst eine halbe Stunde vorm Training da sein. Ich bin um 08.30 Uhr hier und esse in Ruhe Frühstück, lese kurz ein bisschen Zeitung und dann bereite ich mich auf das Training vor. Dann mache ich ab 09.00 Uhr meine Übungen im Kraftraum und um 09.50 Uhr gehe ich raus zum Training. Um zehn geht dann das Training los. Bis circa 12.00 Uhr. Dann gehe ich nach dem Training wieder in den Kraftraum und mache Nachbereitung, dehne mich, mache noch ein bisschen Stabilisation. Vielleicht noch Krafttraining. Dann bin ich um, sagen wir: 12.30 Uhr hier raus. Wenn jetzt noch mal Training ist, würde ich Mittagessen gehen. Wenn um 15.30 Uhr Training ist, wäre ich wieder um 14.00 Uhr hier. Und dann das gleiche Prozedere wie am Morgen noch mal. Die Leute denken immer, man würde nur ein, zwei Stunden an der frischen Luft stehen.

Und vergessen, dass ihr das Wochenende im Gegensatz zu vielen anderen nicht habt. Und das Weggehen am Samstag fällt meistens auch weg.

Und sonntags ist auch immer Training. Oder eben ein Spiel.

Dazu kommen dann noch die Besprechungen, die berühmte Taktiktafel.

Ja, das gibt es alles.

Um wieder zur vorhin angesprochenen Statistik zu kommen: Im Ligavergleich liegst du von der Körpergröße her knapp 2,5cm unter dem Durchschnitt. Unter den Top Five liegt die Durchschnittsgröße bei 190,6.

Wer sind denn die Top Five? Ter Stegen ist kleiner.

Neuer ist größer…

… Baumann ist kleiner, Zieler ist kleiner, Trapp ist so groß wie ich. An richtig großen Torhütern gibt es nur Neuer und Casteels, der ist halt auch riesig. Weidenfeller und Adler sind auch nicht so groß.

Wiese ist auch relativ groß, oder?

1,91m glaube ich.

Drei Zentimeter länger können manchmal den entscheidenden Unterschied machen.

Die muss man halt durch Sprungkraft wettmachen.

Es wirkt oft so, als wärst du am Ball dran, aber ein Zentimeter könnte helfen. Das Stück im Handschuhe vorne, wo der Finger nicht mehr ist.

(lacht) Manchmal wünscht man sich das natürlich.

Wo siehst du denn deine Stärken und deine Schwächen?

Ich denke, ich bin gut mit dem Fuß, kann gute Bälle spielen, kann das Spiel schnell machen. Auch in der Spielübersicht bin ich gut dabei, denke ich. Man kann sich natürlich überall verbessern, auch in der Strafraumbeherrschung. Bälle halten ist die oberste Prämisse. Ich glaube, wenn man sieht, was wir da täglich im Training machen, dann ist das ganz gut.

Wird das fokussiert? Bestimmte Bereiche? Oder trainiert man da alles?

Nein, das ist schon gut strukturiert.

Die Medien hängen sich ja gerne an Statistiken auf.

Klar, die denken und verbreiten leider nicht selten, das sei das einzig Wahre.

Und dann sind wir wieder beim Schwarz-Weiß-Denken.

Das ist es auch wirklich, vor allem darfst du dem nicht so viel Wert beimessen. Was auf dem Platz passiert, das ist das Wichtige.

Bleiben wir bei den Medien. Der Boulevard verteilt ja auch gerne Spitznamen, bei dir habe ich noch keinen mitbekommen. Welchen hättest du denn gerne?

Die BILD hatte mal ‟Mielitz ist unsere Torwartkrake”. Das war nach dem Gladbachspiel, in dem wir 4:1 gewonnen hatten.

Wann war das denn?

Da hat Merte das Eigentor gemacht.

Das ist schon was her (Anm. 23. Oktober 2010), da hast du noch Wiese vertreten, als der noch dabei war. Hängt der Artikel bei dir eingerahmt an der Wand?

Ja. Hängt am Schrein. (alle lachen)

Im Internet blieb es bisher auch nur bei Wortspielen rund um die Waschmaschinenmarke, die deinen Spitznamen teilt. Liest du denn im Internet auch Diskussionen, schaust dir zum Beispiel an, was im Worum über dich geschrieben wird?

Ihr habt mir ja immer viel darüber erzählt, aber leider nicht. Das ist aber wohl auch besser so.

Warum glaubst du, dass es besser ist, dort nicht zu lesen?

Weil viele nicht objektiv, sondern mehr aus der Emotion heraus schreiben.

Was wirklich oft der Fall ist, ja.

Manchen Konflikten geht man daher am besten aus dem Weg. Da kann man nicht gewinnen.

Im Stadion gibt es ja nun auch nicht nur Äußerungen über die Leistung der Spieler, nehmt ihr Choreographien auch wahr?

Wir laufen da ein, davon bekommt man meist nicht so viel mit.

Sonst heißt es „Der hat keinen Fokus auf das Spiel!“

Ja. (lacht) Die Leute denken sich dann, der solle sich mal lieber auf Fußball konzentrieren und nicht auf solche Aktionen. Geht man mal ins Kino, hört man da schon mal, dass man doch lieber Fußball spielen solle.

Da du die Freizeitgestaltung ansprichst, in Bremen könnt ihr euch doch eigentlich frei und relativ ungestört bewegen, oder?

Ja, aber es gibt einige Leute, die immer mal einen Kommentar abgeben.

Also auch negativ?

Ja, auch negativ, man kann aber ja keine Reaktion zeigen. Man muss sich viele Sachen gefallen lassen.

Man muss da eigentlich schon zwischen Privatperson und Spieler unterscheiden.

Das können leider einige nicht.

Wer ist denn dein Lieblings-Werderaner gewesen?

Ich habe immer gerne mit Claudio Pizarro zusammen gespielt. Total menschlich, total in Ordnung.

Und ein Schlitzohr.

Im Training auf jeden Fall! Ein von Grund auf positiver Mensch, ich habe ihn, glaube ich, nicht einmal schlecht gelaunt gesehen.

Und der größte Werderspieler, außer Pizarro? Wer ist da für Dich die Vereinsikone?

Also die größte Ikone ist ja Thomas Schaaf, oder?

Ja. Auch, weil Otto Rehhagel nicht so deine Zeit war?

Thomas Schaaf ist meist derjenige, wenn man an Werder denkt.

Mit wem von den Ex-Kollegen hast du noch Kontakt?

Kontakt habe ich eher zu den Jüngeren.

Wer ist das so?

Zum Beispiel Flo Trinks.

Wie geht es ihm derzeit so in Fürth?

Ganz gut, er würde gerne mehr spielen, die haben halt viele auf seiner Position geholt. Jetzt spielt er mit Lücke zusammen.

Von dem hängt noch ein großes Foto in der Stadt. Ist das beim Werderfriseur?

Ich glaube, ja.

Über Frisuren sprechen wir jetzt besser nicht.

Genau, ich muss ja auch mal Mittagessen, Mensch! (lacht)

Sonst wird dir das auch noch vorgehalten!

Genau. „Im Tor verhungert“. (alle lachen)

 

Das Interview führten Alofi und maZe. Die Fotos wurden von Worumusern (maZe und Werdermulle71) zur Verfügung gestellt.