Werder-Kneipen: “Auswärts zu Hause”

25.07.13 | von | Kategorie: Fußball allgemein | 4 Kommentare
Der Kneipenführer für (Exil-)Werderaner ©Nina Spranz

Der Kneipenführer für (Exil-)Werderaner ©Nina Spranz

In Hamburg geht man am besten ins „Osterdeich“, wenn man Werder schauen will. Der grünweiße Café (mit Haake-Verköstigung!) liegt gerade noch so in Eimsbüttel; nur 4,4 Kilometer entfernt steht die städtische Müllverbrennungsanlage, aber im „Osterdeich“ riecht es gut (natürlich auch nicht nach Fisch). In so großer Gefahrenlage findet sich bundesweit trotzdem keine andere Werder-Kneipe. Werder-Kneipen sind wertvolle Einrichtungen, Begegnungsstätten Fußballverrückter, emotionale Zapfsäulen der Grünweißen in der Fremde. Es gibt sie deswegen überall: in Lübeck zum Beispiel („Sternschnuppe“), Dinklage („Suntken“), Berlin (u.a. „Zum Franziskaner“), München (u.a. „Lloyds“), Tübingen („Bären“), Münster („Haifischbar“) und Mainz („Domsgickel“).

Sie alle versammelt der feine Band „Auswärts zu Hause“, den Werder-Fan Nina Spranz herausgibt. Die norddeutsche Wahlkölnerin hat seit kurzem einen eigenen Verlag, der den schönen Namen „Küstenmeer“ trägt. Einen Verlag gründen nur für einen Werder-Reiseführer? Das nun nicht gerade, bei Küstenmeer erscheinen auch noch andere Bücher. Aber eine Herzensangelegenheit war ihr der Kneipen-Tester schon. Darum geht’s in „Auswärts zu Hause“: Jeder Laden wird in Wort und Bild vorgestellt. Dazu gibt es eine Checkliste mit essentiellen Kategorien: „Sicht aufs Spiel“, „Akustik“, „Werder-Flair“. Daneben natürlich Messdaten zur Energieversorgung während des Spiels: „Bierkühle“, „Bierauswahl“, „Bierzugang“, „Bier wegbringen“.

Charmantes Buch, hoher Nutzwert – für Städtereisende und Werder-Exilanten.

Worum.org: Wie kamst Du auf die Idee zu “Auswärts zu Hause”?

Nina Spranz: Das war eigene Betroffenheit. Ich bin viel innerhalb von Deutschland umgezogen und jedes Mal wieder dieselbe leidige Frage: Wo triffst du die anderen Werderaner? Wo gibt’s keine Konferenz? Besonders dramatisch schien die Situation in München, wo ich zur Ausbildung war. Als ich dann aber zum Saisonabschluss 2005/06 ins Lloyds gestolpert bin, war meine Welt wieder heile, weil ich wusste, dass ich nach der Weltmeisterschaft ein Zuhause für die Wochenenden fern vom Weserstadion gefunden hatte. Am Weihnachtstag 2006 habe ich dann im “Weser-Kurier” einen Beitrag über das Lloyds veröffentlicht, woraufhin eine absolut verrückte Truppe zu Silvester einen Bus gechartert hat und von Bremen nach München fuhr, einfach, weil sie mitten in Schwabing ein grün-weißes Silvester feiern wollten. Das war umwerfend; und da kam dann der Gedanke, dass ich so viel Freude auch im Rest der Republik auslösen möchte. Hat dann aber doch noch ziemlich lange gedauert.

Hast Du ab und an auch Geschichten von anderen Leuten gehört, die verzweifelt waren, weil sie in der Diaspora nirgends gescheit Fußball schauen können? Die Frage klingt banal – aber warum guckt man besonders in der Fremde so gerne in der eigenen fußballerischen Peer Group?

Viele, viele, viele! Das kann man ja auch nahezu jedes Wochenende in den Werderforen lesen, dass Fans, die sich beruflich oder privat irgendwo in der Republik herumtreiben (müssen), gern die zweieinhalb Stunden am Samstag mit Gleichgesinnten verbringen wollen. Und da ist die Konferenz-Kneipe nur die zweite Wahl. Es fiebert und trauert, es freut, ärgert und fachsimpelt sich eben viel schöner, leichter und leidenschaftlicher mit anderen Werderanern, die von Werder im Zweifel auch ein bisschen Ahnung haben. Es ist ein Stück Heimat in Berlin, München, Hamburg oder sonstwo, das da plötzlich auftaucht. Ganz nebenbei erfährt man dort auch noch vielleicht von der örtlichen Kohltour oder findet alte Freunde wieder. Und mal ganz ehrlich: Im Stadion will man ja auch am liebsten in der Ostkurve und nicht im Gästeblock stehen.

Hast du in München oder Berlin mehr Exilbremer oder Werderfans mit bairischem oder Berliner Akzent getroffen?

Die sprachen alle ziemlich feinstes Norddeutsch. In Berlin dringt aber mehr Schnauze durch als das „Mia san Mia“ in Bayern. Da assimiliert sich der Werderaner nicht so gern. Woran das liegen mag?

Im Ernst: Bremen hat logischerweise eine breite Fanbasis im Norden, aber in den erfolgreichen Jahren sicherlich viele Fans dazu gewonnen, die nicht unbedingt aus Bremen und dem Umland stammen. Das wird sich natürlich wieder mehr zeigen, wenn wir in dieser Saison in die Europagegend vordringen.

Wie viele etablierte Werderkneipen hast du gezählt?

In meinem Buch liste ich 49 auf, quer über die Republik verteilt und nicht nur in den großen Städten (eigentlich sind es 50, aber ich habe mich irgendwann verzählt). Davon sind etwas mehr als die Hälfte ausschließlich für und mit Werder, der Rest sympathisiert stark. Aber du kannst natürlich nicht mit Sicherheit sagen, dass da nicht noch irgendwo in der großen, weiten Fußballrepublik eine grünweiße Kneipe ist, die bislang unentdeckt blieb.

Das Schöne ist ja: Die Gemeinde wächst! Deshalb gibt es auch mehr und mehr grün-weiße Kneipen. Gerade habe ich gehört, dass es eine neue auf Helgoland (!) geben soll, die wir tatsächlich nicht im Buch haben. Aber ich bin sehr sicher, dass wir zum Erscheinungstermin ziemlich vollständig waren, jedenfalls haben mein Team und ich uns sehr viel Mühe gegeben, alle Werderkneipen aufzuspüren – wir sind weite Wege gegangen, um auch mal herauszufinden, dass die so genannte Werderkneipe zwar „Werder“ heißt, aber ansonsten ziemlich trübe ist. Umgekehrt haben wir Bombenkneipen gefunden, von deren Existenz nur die lokale Fangemeinde etwas wusste.

Wer war da in Deinem Team? Wie viele Kneipen hast Du selbst besucht?

Wir waren 20 insgesamt. 19 tolle, fußballbegeisterte Menschen haben mir geholfen, auch in die entlegenen Winkel der Republik vorzudringen und die Stimmung vor Ort einzufangen. Das war großartig. Etwa die Hälfte der Kneipen habe ich selbst besucht. Am Ende vom Buch erzählt auch jeder Autor, was ihn dazu gebracht hat, bei „Auswärts zu Hause“ mitzumachen.

Was macht eine gute Werderkneipe aus?

Die Zutatenliste ist nicht so wahnsinnig viel anders, als bei jeder guten Kneipe: die richtigen Leute (möglichst zahlreich in grün-weiß); das richtige Bier in kalt (für mich sind das viele 0,3er Beck’s, oder ein Haake), die richtige Musik (Hymne zum Tor, vorab und zum Anpfiff in der zweiten Halbzeit), gute Sicht hilft, aber vor allem geht es ums Gemeinschaftsgefühl. Da ist dann auch egal, ob da 100 sitzen oder 20, die mit vollem Herzen dabei sind. Meine Highlight-Kneipen waren die, wo es jemanden gab, der der Sache noch einen besonderen Dreh verliehen hat. Eddie mit der Quetsche in München zum Auswärtsspiel; die Jungs vom THC in Berlin in ihren orangenen Trikots. Es ist einfach das Gefühl, sofort anzukommen, da zu sein und – obwohl man niemanden kennt – einen Super-Nachmittag verbracht zu haben. Gekrönt wird das Ganze dann noch vom richtigen Wirt, der mit Leib und Seele mitleidet.

Seit wann gibt es “Küstenmeer”, was machst Du da sonst noch so?

Den Verlag gibt es in meinem Kopf schon ungefähr ewig, aber richtig gegründet habe ich ihn vor etwa zwei Jahren. Küstenmeer will vor allem eins: Immer wieder etwas Neues entwickeln, schöne Ideen verwirklichen. So wie das Meer jeden Tag anders ist, darf Küstenmeer jede Spielart spielen. Und so wie die Küste standfest ist, sollen die Ideen aber auch Hand und Fuß haben. Ich schreibe gerade an einem Kinderbuch, es soll Kinderschreibkurse geben, und ich bin auch dabei, mich im Segment Privatbiographien umzutun. Also die tollen Geschichten unsere Omas und Opas aufzuschreiben, von ganz normalen Leuten, die so viel erlebt haben und die dieses Wissen ihren Familien mit einer Privatbiographie weitergeben können, so dass auch der spät geborene Enkel, der seine Oma vielleicht nur noch ganz am Anfang seines Lebens erleben durfte, aber eine Erinnerung an sie hat, das Leben dieser Frau und vielleicht so sein eigenes ein bisschen besser versteht. Darüber hinaus gibt es noch circa 100 andere Ideen, aber irgendwie muss ich mich auch finanzieren, also arbeite ich gerade wieder viel journalistisch, um Gelder zurücklegen zu können und neue Projekte anzustoßen.

Was war Dein einschneidendstes Erlebnis als Werderfan in einer Nicht-Werder-Kneipe?

Das schöne an Werder ist ja, dass dem Verein eigentlich beinahe überall – Hamburg vielleicht mal ausgenommen – unheimlich viel Sympathie entgegen gebracht wird. Diese Erfahrung ist glaube ich das Beste in einer Nicht-Werder-Kneipe. Und trotzdem bin ich saufroh, dass ich jetzt weiß, wo die Anlaufstellen für mich in Deutschland sind. In den Werderkneipen macht es halt einfach nochmal ungefähr dreimal so viel Spaß.

Würdest Du das Nordderby mit Werder-Trikot in einer HSV-Kneipe schauen, wenn Dir als Belohnung das Worum danach ein Meet&Greet mit Marcell Jansen ermöglicht?

Ich trage mein Werder-Trikot überall.

200 Seiten, 49 Kneipen ©Nina Spranz

200 Seiten, 49 Kneipen ©Nina Spranz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Auswärts zu Hause“, erschienen im Küstenmeer Verlag in Köln.
Zu haben unter www.kuestenmeer.de/portfolio/buecherschaetze/fussball/
oder in jeder Buchhandlung bestellbar per ISBN 978-3-943225-00-6
für 12,95 € (plus 1,45 € Versandkosten).