28 Spieltage, 28 (Diskussions-)Punkte

10.04.13 | von | Kategorie: Worum | Ein Kommentar

Werder Bremen hat seit sieben Spielen nicht mehr gewonnen, der Vorsprung auf den Relegationsplatz ist noch nicht bedrohlich klein, aber auch nicht mehr groß. Das Wort „Abstiegskampf“ wird zwangsläufig häufiger benutzt. Auch Thomas Schaaf steht zur Diskussion, zudem ist die Perspektive des Vereins aufgrund mangelnder Planungssicherheit nicht klar auszumachen. In den folgenden 28 Punkten sind nach 28 Spieltagen einige, längst nicht alle, Denkansätze zur aktuellen Lage des Trainers und des Vereins zusammengefasst.

Das Weserstadion. Gewinnen ist für Werder hier nicht verboten, der letzte Heimerfolg ist allerdings schon lange her: am 1. Februar gegen Hannover 96.

Das Weserstadion. Gewinnen ist für Werder hier nicht verboten, der letzte Heimerfolg ist allerdings schon lange her: am 1. Februar gegen Hannover 96.

1. Mannschaftliche Entwicklung versus Resultate
Im vergangenen Sommer war eine durchaus gute Stimmung im Verein und unter den Fans des Klubs auszumachen. Die vorherrschende Meinung war, dass man von der jungen Mannschaft noch keine Wunderdinge im Bereich der Ergebnisse erwarten könne, aber man ihr Zeit geben und vor allem die Entwicklung bewerten wolle. Die Vorbereitung verlief gut, beachtenswerte Ergebnisse gegen Bayern München und Borussia Dortmund sowie eine stimmige Spielweise untermauerten die Stimmung.

Heute, einige Monate später, stellt sich die Frage, ob neben den mittlerweile deutlich fehlenden Resultaten nicht auch die Entwicklung fernblieb? Wo hat sich die Mannschaft verbessert, wo ist sie zusammengewachsen, hat sich taktisch verbessert, das neue Spielsystem über die Außen verinnerlicht? Schaut man sich den Saisonbeginn und den heutigen Stand an, so ging die Entwicklung in allen Bereichen in die falsche Richtung.

2. Entwicklung der Spieler
Welcher Spieler hat sich in dieser Saison spürbar verbessert? In dem Maße, dass es nicht aufgrund von Begleitumständen (wie: Wechsel in eine bessere Liga) und Talent sowieso zu erwarten war? Man denkt an Aaron Hunt, vor allem aufgrund seiner neuen Rolle. Zlatko Junuzovic wurde mehr als nur ein Mitläufer. Doch dann wird es schon dünn. Nils Petersen macht sich sicherlich nicht schlecht, aber richtig gut auch (noch?) nicht. Kevin de Bruyne zeigt zwar, dass über enormes Talent verfügt, aber die Schwachstellen seines Spiels stechen nun im Vergleich zur Hinrunde noch mehr heraus. Haben sich so gesehen gar verschlimmbessert. Spieler wie Sebastian Prödl, Mehmet Ekici, Eljero Elia oder Theo Gebre Selassie stehen sinnbildlich für die Entwicklung der Mannschaft: es ging in die falsche Richtung.

3. Einkaufspolitik
Diesen Bereich auf Klaus Allofs zu beschränken wäre einfach. Insbesondere, wo er nicht mehr für den Verein arbeitet. Aber es wäre zu einfach. In punkto Einfluss auf die Neuzugänge ist Thomas Schaaf bei den Bundesligatrainern ganz oben angesiedelt. Wurden hier die Hausaufgaben gemacht? Wenn man die vielen Transfers sieht, die nicht den erhofften Effekt hatten muss man zweifeln. Nach Äußerungen wie von Thomas Eichin, dass man zukünftig mehr auf den Charakter der Spieler schauen will ist man sogar gezwungen zu fragen: was haben denn Allofs und Schaaf in den Vorjahren gemacht?

Den Eindruck, dass neben Fehleinschätzungen was die sportliche Leistungsfähigkeit neuer Spieler angeht auch zu wenig Wert auf den Charakter gelegt wurde muss man gewinnen. Insbesondere scheint schlichtweg die Mischung innerhalb der Mannschaft nicht richtig zu passen. Ex-HSV-Spieler David Jarolim ärgerte sich vor Jahren in Interviews, dass bei Werder so viele Spieler im Gegensatz zu seiner Mannschaft das Siegergen in sich haben, Gewinnertypen sind und alles für den Erfolg tun. Der Umbruch brachte sie anscheinend alle um.

4. Mannschaftszusammenstellung
Thomas Schaaf kündigte bereits an, im Sommer in punkto Erfahrung nachlegen zu wollen, es werden aufgrund der sowieso schon jungen Mannschaft nicht nur junge Spieler kommen, „sondern auch erfahrene Profis, die sich schon bewiesen haben“. Wird jetzt, beinahe plötzlich festgestellt, dass die Erfahrung fehlte? Außer Clemens Fritz ist kein Spieler im Kader, der älter als 26 Jahre zu Saisonstart war. Viele der „älteren“ Spieler wie Nils Petersen, Zlatko Junuzovic, Assani Lukimya oder Theo Gebre Selassie haben nie eine komplette Bundesligasaison gespielt, Teamkollegen wie Lukas Schmitz oder Sebastian Prödl waren nie Leistungsträger. Die Potenzialbesitzer Marko Arnautovic oder Eljereo Elia haben selten, vor langer Zeit oder nie konstant ihr Potenzial abgerufen. Gestandene Spieler? Fehlanzeige. Warum wurde darauf nicht bereits letzten Sommer geachtet, als man den Umbruch vollzog? Warum wurde für den Kuchen Zucker und Butter, aber keine Milch gekauft, obwohl die deutlich sichtbar auf dem Rezept stand? Darf man unter diesen Umständen ständig und ständig darauf verweisen, dass die Mannschaft jung sei, Zeit brauche? Verständnis fordern, dass man das Licht nicht von heute auf morgen anknipsen kann, aber verschweigen, dass gar kein Lichtschalter angebracht wurde.

5. Zusammenstellung der Defensive
Seit erstaunlich vielen Spielzeiten sind es häufig individuelle Fehler, die Werders Niedergang beschleunigen. Das kann und muss man sicherlich damit begründen, dass eine junge Mannschaft zwangsläufig viele nicht gefestigte, unerfahrene Spieler hat, die mehr Fehler machen als gestandene Profis. Aber genauso muss man dann darauf hinweisen dürfen, dass gewisse Spieler für solche Fehler alles andere als unbekannt ist. Assani Lukimya macht sie seit Beginn seiner Karriere. Einem Lukas Schmitz entwischen solange er als Linksverteidiger spielt schon ewig immer wieder Spieler in seinem Rücken. Theo Gebre Selassie hat beim Stellungsspiel schon bei der Europameisterschaft eklatante Schwächen offenbart. Als Nachtrag sei hier auch der im Winter gewechselte Francois Affolter erwähnt.

Da kommen Zweifel an der Einkaufspolitik auf, an der Zusammenstellung der Mannschaft. Da geht es nicht nur um mangelnde Qualität, sondern um die Schwächen der Spieler. Sollte man so eine Defensive bestücken, wenn man dahinter dann auch noch einem jungen Torhüter seine erste Saison als Nummer eins gibt?

Das lässt die Aussagen über die Gegentore als Ausredeversuche wirken, denen hinter den Worten der Inhalt fehlt. Wenn ich genug Spieler anhäufe, die öfter als ihre Kollegen eben solche Konzentrationsmängel aufweisen und entsprechend „individuelle Fehler“ begehen, darf ich dann wirklich diese Karte als „ist leider passiert, kann man nichts machen“ spielen?

6. Defensive
Werder hat die meisten Gegentore der Saison. Die meisten Gegentore der Rückrunde. Die zweitmeisten Gegentore auswärts. Die drittmeisten Gegentore im eigenen Stadion. Auch in der Vorsaison lag man weit vorne, was die meisten Gegentreffer angeht. Nur vier Teams kassierten mehr. 2010/2011 waren es sogar nur drei Mannschaften. Es ist zu einfach, dies mit der Nutzung einer „Offensivtaktik“ abzutun. Zumal seit dem Sommer 2010 Werder defensiv ständig wackelt, bereits nach wenigen Sekunden anfällig ist und nicht selten Glück hatte, dass man kein eigenes Hamburg in München erleben musste. Hier muss mit einem Finger auf die Mannschaftszusammenstellung zeigen, mit dem anderen aber auch auf die taktische Ausrichtung. Sollte ich etwas spielen, was ich offensichtlich nicht gut genug beherrsche?

7. Entweder Defensive, oder Offensive
Seit Jahren reagiert Schaaf spät auf Krisen. Seine Umstellungen sind dann aber gleich extrem. Mal wirft er die neue Taktik für den Rest der Saison komplett über den Haufen, mal stellt er plötzlich von voller Offensive auf volle Defensive. Mit dem Ergebnis, dass dann die Defensive durchaus deutlich besser funktioniert. Aber das ist ein beinahe nicht zu verhindernder Vorgang, wenn man plötzlich nur noch zwei Offensivspieler in der Startelf hat.

Die Krise aber bleibt meist noch etwas bestehen, weil im Zuge dessen die Offensive überhaupt nicht mehr funktioniert, ja eigentlich gar nicht mehr vorhanden ist. Zuletzt zu sehen gegen Borussia Mönchengladbach oder vor allem in der ersten Halbzeit gegen die SpVgg Greuther Fürth. Dem Tabellenletzten, der schlechtesten Mannschaft der Liga – von der Qualität sowie der Spielanlage. Balanceprobleme offenbart das Bremer Spiel unter Schaaf regelmäßig, wenn das Verhältnis der Defensiv- zu Offensivspieler in der Startformation nicht passt. Auch zu besten Rautenzeiten war dies bereits zu sehen. Und bleibt Jahr für Jahr wiederkehrend.

8. Reagieren statt Agieren
Mit dem vorherigen Punkt geht die Problematik einher, dass seit einiger Zeit nur noch reagiert wird. Plötzlich war die lange erhoffte Doppelsechs da, die der Mannschaft auch vorher schon hätte Stabilität bringen können. Gegen Fürth kommen plötzlich in der Halbzeit zwei Offensive für zwei Defensive, es wird also korrigiert, weil die Ausgangstaktik nicht richtig war. Muss man sich als Fan mittlerweile freuen, dass gegen Gladbach, Fürth und Mainz nicht verloren, dass gegen Augsburg nur eine knappe Niederlage eingefahren wurde? Es ist auch eine Stärke, Fehler zu erahnen und entsprechend zu verhindern, bevor sie passieren. In Bremen scheint man derzeit nur noch auf offensichtliche Fehler zu reagieren. Wenn sie einem bereits Calmund-artig „ins Gesicht springen“.

9. Auswechslungen
Zwei Aussagen, die man häufig liest: Schaaf wechselt spät, Schaaf wechselt wenig. Es sei hier aber zu seiner Entlastung erwähnt, dass nicht wenige Auswechslungen allein auf „frisches Blut“ und „einfach was Neues versuchen“ beruhen, und wer zudem mal in den Genuss kommt, von einem Bundesligatrainer die Auswechslungen erklärt zu bekommen, der wird die Gründe in den meisten Fällen sehr gut verstehen. Wenn aber so oft über die Spieler und deren Leistungen gemeckert wird, muss man sich fragen, warum diese dann so lange auf dem Platz bleiben und so selten das Wechselkontigent ausgeschöpft wird? Gerade bei knappen Spielen, bei Niederlagen erwartet man schon, dass der Trainer noch einmal alles versucht, anstatt nur ein einziges Mal zu wechseln. In den letzten sieben Spielen, die allesamt sieglos blieben, wechselte Werder 13mal aus. Der Gegner 20mal. Nur einmal wurde das Maximum an Auswechslungen ausgeschöpft, vor fast zwei Monaten gegen Freiburg. Der Gegner nutzte es hier nur ein einziges Mal nicht. Wenn Werder dank Statistiken gerne vom laufintensiven Spiel spricht, sollte man den Ausschlag der Statistik eigentlich andersrum erwarten.

10. Spielausrichtung, Spielidee
Gibt es eine solche? In den letzten Spielen war das Spielerische zu oft grausig, bei den Unentschieden wurde es schöner geredet als es tatsächlich anzuschauen war. Fußballerisch bzw. von der Spielintelligenz fehlen der Mannschaft entsprechende Spieler, der Mannschaft selber, auch dadurch, eine klare Linie im Spiel. Zu selten sah man eine Idee hinter den Spielzügen. Oftmals ergab sich bei den Gegnern ein anderes Bild. Seit langem werden bei Werder Schwachstellen herausgesucht und dann immer wieder penetriert. Ohne dass die Mannschaft, dass der Trainer (rechtzeitig) reagiert. Ein Beispiel sind hier die Außen, nicht selten die Seite von Theo Gebre Selassie. Von Werder sieht man das im Gegenzug viel zu selten. Eine Nachhilfestunde könnte der grünweißen Truppe bei einer Mannschaft mit gleichen Trikotfarben gut tun, den A-Junioren des VfL Wolfsburg. Nach Ballgewinn wirkt jeder Spielzug wie einstudiert, überall ist eine Idee dahinter, in den Bewegungen der gesamten Mannschaft zu erkennen. Wenn die Jungs eine Schwachstelle beim Gegner ausgemacht haben, setzen sie keine Nadelstiche, sie schmeißen mit Igeln.

11. Pfosten bei Eckbällen
Werder gehört zu den Profiteams, bei denen die Pfosten bei Eckbällen selten bis nie besetzt werden. Von Thomas Schaaf genannter Grund hierfür: die Spieler sind dann dort gebunden, fehlen anderweitig. Ein Thema, bei dem man unterschiedlicher Meinung sein kann, auch sehr erfolgreiche Teams nutzen die Bremer Methode bei Standards. Der FC Bayern München mit dem so oft als Weltklasse gefeierten Manuel Neuer hat nicht selten die Pfosten blank gelassen und deswegen diese Saison auch schon mehr als ein Gegentor kassiert. Grundsätzlich sollte man sich aber bei Werder fragen, ob es situationsbedingt aktuell Sinn macht, die Pfosten nicht zu besetzen. Die Mannschaft ist wackelig, kommt nach Gegentoren selten wieder auf, es mangelt ihr an erfahrenen Kräften, die dann das Heft in die Hand nehmen. Ist es in solch einer Situation die richtige Entscheidung, das Risiko für Gegentore um ein paar Prozente zu erhöhen? Dass die Pfostenbesetzer dann bspw. bei Kontermöglichkeiten fehlen, ist richtig, aber ist dies derzeit so wichtig? Und vor allem: Ist es bei einem Torhüter wie Sebastian Mielitz, der in punkto Sprungkraft, Schnellkraft und simpler Spannweite der Arme Nachteile hat, wirklich angebracht, die Pfosten frei zu lassen?

12. Schwache Rückrunde nach starker Hinrunde
„Belekout“ ist ein Kunstwort, was beschreibt, aber nicht erklärt. Nach dem Wintertrainingslager im türkischen Belek folgt meist ein Blackout bei der Mannschaft. Es ist einfach, da ein Charakterproblem bei den Spielern zu suchen. Aber: wirklich konkret begründet wurde die chronische Schwäche zum Rückrundenstart bei Werder noch nicht. Und entsprechend auch nicht abgestellt. Das spricht nicht gerade für den Trainerstab bei Werder. Ein Ansatz zur Begründung der stetigen Selbstzerstörung einer guten Ausgangsposition aus der Hinrunde entspringt dem US-Sport. Dort gibt es gerade in den Sportarten, die sehr viele Saisonspiele haben (Baseball, Eishockey, Basketball), immer wieder Mannschaften wie Spieler, die aus dem Nichts aufkommen, für einige Zeit brillieren und dann von den Gegnern auf ein kleineres Maß zurechtgestutzt werden.

Der Hintergrund: der Scoutingreport ist da. Der Trainerstab bzw. die Scouts schauen sich den Gegner bzw. besagten Spieler eine Zeit lang an, meist handelt es sich um noch zu unbekannte Spieler oder Gegner, die mit einer neuen Taktik, einem neuen Spielsystem agieren. Bis man dann irgendwann genug gesehen hat und entsprechend Methoden entwickelt, um darauf zu reagieren. So wirkt es auch jedes Jahr aufs Neue bei Werder, wie diese Spielzeit mit den drei Mittelfeldspielern und den Außen. Sobald der Gegner genug gesehen, sich Lösungen überlegt und diese dann angewandt hat, ging es für Werder rechtzeitig zur Rückrunde bergab.

13. Welches Spielsystem?
Werder spielte nach Diego nicht selten im beliebten 4-2-3-1, warf dies aber bei einem der häufigen problematischen Rückrundenstarts für die Raute wieder über den Haufen. Auch ein 4-2-2-2, mit zwei Außenspielern im Mittelfeld, wurde versucht und wieder abgeschafft. Diese Spielzeit begann Schaaf mit einer Art 4-3-3, machte daraus ein 4-1-4-1 und spielte ohne „echten“ Sechser. Es war erstaunlich, dass dies trotz Fehlens eines defensiv/taktisch geschulten/zweikampfstarken Mittelfeldspielers so lange gut ging. Aber ebenso war zu erwarten, dass das nicht einfach die Saison über so weitergehen kann. Und wieder wurde gewechselt. Jetzt spielt die Mannschaft im 4-2-3-1. Und während die taktische Aufstellung auch dieses mal nicht in Stein gemeißelt scheint (immerhin war die Ausgangstaktik eine andere), fragt man sich, was denn nun das feste System sein soll. Für welches System sollen die passenden Spieler geholt werden? Und für welches System sollen die Nachwuchsteams die Spieler ausbilden und auch entsprechend dort dazuholen? Vor Jahren galt Werder mit dem Offensivfußball als Vorreiter des Fußball, mittlerweile werden systemtechnische und fußballerische Entwicklungen verschlafen oder spät angegangen. Und wenn sie angegangen werden, dann sind sie wie in den Vorjahren beim Spielsystem nicht selten verworfen wurden.

14. Individuelles Training
Im Vergleich zu anderen Bundesligateams hat Werder hier Nachholbedarf. Sowohl im Talentbereich, wo Lernziele deutlicher und mit mehr Einzeltraining verfolgt werden sollten, als auch bei den Profis, wo an Schwächen einzelner Spieler mehr gearbeitet werden muss. Zu sehr überwiegt hier die Gesamtschulung einer Taktik, anstatt wie in der Schule denen Nachhilfe zu geben, bei denen es Sinn macht bzw. notwendig ist. Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Passenderweise trifft das oft auf eine Viererkette bei Werder zu.

15. Schaafs Umgang richtig für den Umbruch?
Thomas Schaaf ist bekannt dafür, dass er Selbstständigkeit von seinen Spielern verlangt, diese fördert. Er lässt ihnen gerne auch einmal die lange Leine, wünscht Eigeninitiative und fördert die Freigeister, indem er ihnen Entscheidungsfreiräume im Spiel gibt. Das kommt Spielern wie Diego, Mesut Özil und auch in gewissen Teilen Kevin de Bruyne entgegen. Aber dem Rest nur, wenn er entsprechende Erfahrung besitzt, das Geschäft kennt, nicht viele Erklärungen für Entscheidungen benötigt, kein Ego mehr hat, welches Streicheleinheiten benötigt. Ein „Du spielst heute nicht“ fasst man anders auf, wenn man diese Situation mehrfach hatte, dutzende Erklärungen dazu bereits gehört hat.

Anders als ein junger Spieler, der davon ausging, aufgrund der Trainingseindrücke zu spielen. Ganz egal, ob er da mit seiner Einschätzung richtig oder, oftmals, falsch lag. Es hat seine Gründe. Wenn man darüber aber nicht spricht und diese Gründe nicht hört, macht man sich seine Gedanken, die in 90% aller Fälle Ausreden für sich selber finden und einen Schuldigen für den Nichteinsatz außerhalb seiner Person sucht. Da die Mannschaft zum Großteil aus jungen, ungeschliffenen, nicht gestandenen Spielern besteht, ist es zu bezweifeln, ob Schaaf nicht noch mehr mit seinen Spielern sprechen sollte. Er macht es, so ist zu hören, mehr als in den Vorjahren. Aber reicht das, wenn wie zuletzt Prödl oder Hunt öffentlich äußern, keine Erklärung für ihre Nichteinsätze bekommen zu haben?

Die Tür von Schaaf steht immer offen und manch ein Spieler gehört in den Allerwertesten getreten, dieses Angebot nicht auch oft zu nutzen. Das gilt für erwachsene Menschen, wie damals Jurica Vranjes, der öffentlich monierte, Schaaf habe lange nicht mit ihm gesprochen. Jedoch gilt auch, dass das Ego eines Profifußballers zwangsläufig Wertschätzung verlangt, gerade junge Spieler sich zurückhalten und aufgrund der neuen Situation mit übertriebenem Zuspruch von allen Seiten oft nicht in der Lage sind bzw. darin sehen, den ersten Schritt zu machen.

Der großartige und seit vielen Jahren erfolgreiche Basketball-Trainer Gregg Popovich sagte einmal, dass man als guter Trainer keinen Stil habe, denn jeder Spieler benötige eine völlig eigene Behandlungsweise. Dass Schaaf dies weiß, sollte unbestritten sein, dass er dies aber konsequent bei seiner so jungen Mannschaft umsetzt, darf derzeit bezweifelt werden. Für ihn spricht aber in aller Deutlichkeit, dass er sich bei Trainingseinheiten oft auch ausführlich den jüngeren Spielern widmet. Nicht vergessen werden sollte auch, dass Schaaf vor seinem Beginn als Profitrainer zwölf(!) Jahre bei Werder bereits U23, A- sowie B-Junioren als Chefcoach trainiert hat.

Der einzige Ansatz für Kritik hier wäre: die Jugend hat sich verändert, konnte er sich darauf einstellen und entwickelte er sein Coaching ebenfalls? Und sind die beiden Co-Trainer, die ebenfalls seit Jahren bei Werder Schaaf zuarbeiten im Trainerteam noch die richtige Mischung? Fehlt nicht ein jüngerer, ein analytischer Typ?

16. Schaafs Umgang richtig für den Umbruch? II
Nach dem Umgang mit dem Typus der jungen Spieler ist auch der Umgang mit der jungen Mannschaft fraglich. Schaaf sprach zuletzt in einem Interview davon, dass die taktische Aufstellung nicht wichtig sei, das Umsetzen der jeweiligen Vorgaben schon. Dabei wirkt die junge Mannschaft aber in nicht wenigen, und vor allem allen brenzligen Situationen verloren. Die lange Leine, das Fördern der Selbstständigkeit, das Suchen lassen nach eigenen Lösungen überfordert nicht wenige in der Mannschaft. Weil ein, zwei Führungsspieler fehlen, die das Spiel dann auch in die Hand nehmen und an denen die dann verunsicherten Spieler sich aufraffen können. So aber wirken sie verloren. Dass dann „Dinge“ nicht umgesetzt werden ist eine Konsequenz daraus.

Der Mannschaft fehlt insgesamt auch Spielintelligenz. Da Schaaf den Spielern Freiräume lässt, macht es sich negativ bemerkbar, wenn durch nicht zu enge Vorschriften/Vorgaben dann in Fällen, wo sich ein Spiel anders entwickelt als angenommen, die Handlungsmuster fehlen. Die Automatismen oder eben die generelle Spielintelligenz, mit solchen Situationen umgehen zu können, Korrekturen vorzunehmen. Wenn man dies nicht durch auf Erfahrung basierende Automatismen umsetzen kann bleibt nur das Besondere, das fußballerische Verständnis, die Spielintelligenz. Ist die nicht sonderlich im Kader ausgeprägt und fehlen ihr ebenso die erfahrenen (Führungs-)Spieler, so stellt sich die Frage, ob eine Spielidee mit langer Leine und viel Eigeninitiative durch die Spieler die richtige Wahl zum jetzigen Zeitpunkt ist.

17. Teure, nicht einfache Spieler
Werder galt einmal als das Mekka für Spieler, die über viel Potenzial verfügen, aber dieses aus den verschiedensten Gründen nicht oder nicht mehr abriefen. Einfach zu Schaaf schicken, der bekommt sie hin. Das pauschalisierte allerdings auch alle Problematiken und brachte dem Trainer einen Ruf, der unrealistisch war. Ein Johan Micoud ist kein Ailton, beide waren kein Arnautovic und der wiederum ist kein Elia. Andere Typen, andere individuelle Problematiken.

Menschlich sind viele dieser Spieler weiterhin sehr gut bei Schaaf aufgehoben. Dass er es geschafft hat, Marko Arnautovic öffentlich immer den Rücken zu stärken und bei allen kleinen Skandälchen immer zu ihm gehalten hat und nicht ein böses Wort verlor, ist eigentlich unglaublich. Das Lob vom Österreicher, der auch aufgrund seiner Vaterschaft und Heirat eine positive Entwicklung genommen hatte, gab es entsprechend für den Trainer. Aber: sportlich ließ er sich wieder aus der Bahn werfen, obwohl es in der Hinrunde viele gute Momente gab. So hat er seine hohe Ablöse weiterhin nicht eingespielt. Ebenso wenig Eljero Elia, ein sehr sensibler Kicker, dem Schaaf zuletzt weiterhin sein Vertrauen aussprach. Doch er ist noch deutlicher das Geld bisher nicht wert, das er gekostet hat. Unter Allofs und Schaaf reiht er sich damit in eine große Anzahl von teuren Spielern ein, die hier floppten, oder zumindest im Preis/Leistungsbereich nie positiv wurden. Ein Umstand, der sportlich wie finanziell dem Verein heftig geschadet hat. Und der, siehe Punkt 3 und 4, nicht nur denen ins Zeugnis geschrieben gehört, die nicht mehr vor Ort sind.

18. Willi Lemke, der Politiker
In wenigen Wochen feiert der 67-Jährige sein zehnjähriges Jubiläum im Aufsichtsrat von Werder Bremen. Seit 2005 ist er zudem Aufsichtsratsvorsitzender, wurde im November 2012 in diesem Posten für vier weitere Jahre bestätigt. Doch ist das gut für den Klub? Als Anfang November letzten Jahres für das Geschäftsjahr 2011/2012 ein Rekordminus von 13,9 Millionen Euro verkündet wurde, galt zuerst Zusammenhalt in der immer wieder so bezeichneten Werderfamilie. Als dann aber der Abgang von Klaus Allofs über die Bühne lief, wurden aus Lemkes leichten Andeutungen klare Statements.

Er ging offensiv in die Medien, stellte sich als derjenige hin, der Schlimmeres verhinderte. Und bekam auch von vielen Applaus dafür. Dabei ist es grotesk, sich nach einem solchen Minus hinzustellen und dafür gefeiert werden zu wollen, dass man den Hahn zugedreht habe. Nachdem man vorher lange leise nickend neben der überlaufenden Badewanne stand und zusah. Verantwortung für das Minus? Fehlanzeige.

Dabei verwies er noch auf den Zwist bei den Zugängen von Ignjovski und Sokratis, lässt dabei aber völlig außen vor, dass man vielleicht durch weitere oder gar frühere Investitionen neben dem Risiko auch die Chance auf bessere Resultate erhöht hätte.

19. Lemkes Allofs-Konsequenz
Als Klaus Allofs zum VfL Wolfsburg wechselte, verweigerte Lemke nicht die Freigabe. Er ließ sich den Manager abwerben. Der sei wichtig, aber wenn jemand unbedingt gehen wolle, müsse man ihn ziehen lassen. Als Spekulationen aufkamen, dass Schaaf auch von Wolfsburg umworben werde, sagte Lemke: Der wird auf keinen Fall die Freigabe bekommen, den geben wir definitiv nicht her. Ja, was denn nun? Wenn jemand unbedingt gehen will, darf er weg, aber wenn jemand unbedingt gehen will, darf er nicht weg?

Die Antwort lautet: Sowohl als auch. Schaaf als „Unverkäuflich“ zu erklären, war reine Politik, weil ein Wechsel, wie von Wolfsburger Seite betont, nie zur Debatte stand. Es ist ein Leichtes dann seine Hose als besonders dick zu verkaufen, wenn man sich als Verhinderer von Entwicklungen hinstellt, die gar nicht entstanden waren. Egal für den Politiker Lemke, der mehrfach medial betonte, dass er den Wolfsburger deutlich klar gemacht habe, dass Schaafs Abgang nicht zur Diskussion stehe. Während weder Schaaf auf einen Abgang drängte, noch die Wolfsburger Interesse bekundeten.

Es hatte was davon, dem größten Spielplatzschläger beim Weggehen hinterher zu rufen, dass man ihm beim nächsten Mal die Nase eindrücke. Und das in der Lautstärke zu tun, dass derjenige es nicht hört. Die Spielkollegen um einen herum aber schon. Da ist es einfach, sich groß zu fühlen. Dreist ist es auch.

20. Lemkes Allofs-Konsequenz II
Klaus Allofs hatte durch die Abgänge von Müller und Born in den Vorjahren irgendwann 2,5 Jobs inne: Sportdirektor, Geschäftsführer, Leiter der Geschäftsführung. Ein Dauerzustand sollte das nie sein, blieb es aber. Als er ging, übernahmen seine Aufgaben nun Thomas Eichin (Geschäftsführung), Klaus Filbry (Leiter der Geschäftsführung), Frank Baumann sowie Thomas Schaaf (Mannschaftsplanung). Willi Lemke betonte bei Fernsehauftritten, wie wichtig der Trainer hierbei sei, dass er jetzt noch mehr Kompetenzen habe.

Nach dem Abgang von Allofs vor Vertragsablauf war es sicher nicht verkehrt, auf den Trainer zu verweisen, der bereits seit seiner Geburt Werdertrainer ist. Es sei aber nicht unerwähnt, dass der Trainer die Verlängerungswünsche von Lemke kalt abblitzen ließ. So oder so wird aus der nicht mehr gewünschten, um eine Person (Allofs) gebauten Struktur nun eine Etage tiefer doch genau dies beim Trainer wieder angewandt. Wenn der, wie Allofs, mal nicht mehr da sein sollte, müsste wieder einiges umverteilt werden.

21. Thomas Schaaf bleibt Trainer
Es ist vollkommen korrekt, dass derzeit von Werderseite weiter und weiter betont wird, dass Thomas Schaaf Trainer bleibt. Ob von Willi Lemke, Thomas Eichin, Klaus-Dieter Fischer oder zuletzt Marco Bode, das ist ein Verhalten ohne Alternative, weil beim kleinsten Hauch von Infragestellung des Trainers sofort eine öffentliche, mediale Diskussion losgetreten würde und das Goodbye des Coaches vorprogrammiert wäre. Bei dem von Eichin zuletzt genannten Termin zur Analyse („nach der Saison“) sei aber darauf hingewiesen, dass ein neuer Coach eigene Ideen, eigene Ansichten, eigene Vorstellungen zur Teamzusammenstellung hat. Die einzubringen ist im Juli sehr schwer, von daher sollte man sich nicht zu viel Zeit lassen. Entweder geht man das noch ausstehende Vertragsjahr von Schaaf mit ihm und mit allen Konsequenzen bzw. mit aller Macht an, oder man zieht frühzeitig den Stecker.

22. Entwicklung der Liga
Werders Entwicklung geht seit einiger Zeit nach unten. Mit Borussia Mönchengladbach und Eintracht Frankfurt kommen „größere“ Klubs, die früher Probleme hatten, wieder nach oben. Kleine Vereine wie der FSV Mainz oder SC Freiburg spielen nicht das erste Mal oben mit, Mittelklasseklub Hannover 96 hat sich bereits festgesetzt. Man kann in Bremen nicht ewig hoffen, dass finanzstarke Klubs der Kategorie VFL Wolfsburg oder TSG Hoffenheim uns zu oft in die Karten spielen, indem sie die Andreas Müller dieser Welt finden, um sich selbst zu sabotieren. Nächste Saison kommen Vereine, die über Potenzial verfügen, nach oben. 1.FC Köln, Hertha BSC Berlin oder der 1.FC Kaiserslautern können mehr aus sich machen als der FC Augsburg, Fortuna Düsseldorf oder Greuther Fürth. Eine Mannschaft, gegen die Werder diese Saison in beiden Partien nicht gewinnen konnte. Audigeld in Ingolstadt, Brausenkohle in Leipzig. Es wird nicht leichter, in der Bundesliga zu bestehen. Im Gegenteil.

23. Thomas Eichin
Bevor sich der Verein für diese „smarte“ Wahl zu viele Schulterklopfer abholt, sollte abgewartet werden, was im Sommer passiert oder wie es gar in 2-3 Jahren an der Weser aussieht. Bisher gibt es keine transfer- bzw. personalpolitische Entscheidung von ihm. Bis auf das öffentliche Auftreten gibt es wenig zu bewerten, vor allem die handfesten Fakten, die Konsequenzen daraus fehlen und lassen daher zwar Hoffnung, aber noch keine wirkliche Bewertung zu. Vertragsverlängerungsgespräche hat er bei mehreren Spielern angekündigt, bei keinem gibt es aktuell eine Zusage.

Eichin wird nicht müde zu betonen, dass es kein Gesetz gibt, das eine Trennung vom Trainer verhindert. Dass er Schaaf anhand seiner aktuellen Arbeit bewertet, nicht anhand der Vergangenheit. Und diese entsprechend gut sieht, er von Schaafs Arbeit überzeugt ist. Ebenso, dass man mit dem aktuellen Stand der Mannschaft nicht zufrieden sein kann und nach der Saison diese analysieren müsse.

Das mag, weil von einem frischen Gesicht gesprochen, nicht schlecht klingen. Es sind aber alles Punkte, die genauso von Klaus Allofs ebenso vorgetragen wurden. Vielleicht hat man sie einfach nur schon zu oft gehört. Etwas, was auch Eichin bald passieren könnte, denn sein medialer Overkill ist nicht mehr weit entfernt. Es war sicher eine passende Wahl, den extrovertierten Mediensucher Eichin zu Thomas Schaaf und vor allem Frank Baumann zu gesellen, der dafür nur sehr wenig Interesse hat. Aber mittlerweile hört, sieht und liest man Eichin überall, sein auch in Köln schon bekannter Mediendrang bringt sich ins ruhige Bremen einerseits gut ein, und zu sagen gab es auch in dieser Phase und seiner Antrittszeit nicht wenig, doch er muss auch aufpassen, dass er nicht zum Dampfplauderer verkommt. Als er im Sport1-Doppelpass sich dann dem allgemeinen Sendungsniveau kurzzeitig anpasste und Kevin de Bruyne zu einer Bremer Entdeckung erheben wollte, wurde einem wieder bewusst, dass Eichin noch einiges an Aufholarbeit im Fußballbereich hat. Als er dann von Bremer Jugendarbeit sprach, die seit Jahren grandios sei und ihresgleichen suche sowie Tom Trybull zum Aushängeschild machte, da wurde einem doch erstmals schummerig.

Sein ehemaliger Arbeitgeber, die Kölner Haie, haben übrigens das Finale um die deutsche Meisterschaft erreicht. Einfach mal eingeworfen sei eine Statistik zu seinem alten Arbeitgeber: In den etwas weniger als zwölf Jahren als Geschäftsführer bei den Haien erlebte Eichin zehn Trainer.

24. Vetternwirtschaft
Oft kommt der Vorwurf, Werder schmore im eigenen Saft, müsse wachgerüttelt werden. Vetternwirtschaft wird vorgeworfen. Doch konkretisiert wurden die Vorwürfe nicht, sie bleiben Phrasengedresche der langweiligsten Sorte. „Neue Impulse“ werden gefordert, genauso externes „Frisches Blut“. Warum genau wird nicht erwähnt, es wird lediglich auf den Gesamtzustand des Vereins, der sportlichen Lage verwiesen. Da es dort nicht stimmt, muss irgendwo irgendwie irgendwas ausgetauscht werden.

Nicht selten kommt dann die Trainerdiskussion. Zwar zurecht, aber mit Thesen, die abenteuerlich sind. Schaaf könne sich nur selbst entlassen. Ab und zu mit dem Hinweis, dass er aber von selbst nie gehen werde. Es bleiben Spekulationen, die durch nichts zu belegen sind und nicht wenigen Leuten gegenüber respektlos bleiben.

Nicht von ungefähr kommt da, dass einerseits in den sportlich erfolgreichen Jahren Werder dafür gelobt wurde, wie beständig der Verein ist, wie sehr Ex-Spieler in die Vereinsarbeit integriert werden. Immer wieder wurde erwähnt, wie wichtig dies für die Identifikation sei. Heute ist Marco Bode noch ein externer Wachrüttler, der neue Impulse in den Aufsichtsrat bringen soll. Sollte es morgen Werder sportlich nicht besser gehen, wird aus ihm dann einfach der x-te Stallgeruchbremer, der nichts und den nichts bewegt, außer sich selbst im Amt zu halten und mit seinen Vereinskollegen zu kuscheln.

Viktor Skripnik, der als B-Jugendtrainer zuletzt gute Arbeit leistete, wird ab Sommer U23-Coach. Wo bleibt der Aufschrei, dass sich inzestuös schon wieder im eigenen Verein für einen Posten bedient wird? Und wenn dieser Aufschrei kommt, dann sollte die komplette Konsequenz betrachtet werden. Denn dann wird genauso wie es vorgeworfen wird nicht mehr darauf geachtet, ob man jemand gutes oder schlechtes auf einen Posten setzt.

25. Kritik
Es schließt sich an den vorherigen Punkt an. In der „Welt“ wird von dringend notwendigen Umstrukturierungen gesprochen, ohne aber zu sagen, um was es sich denn handelt, was konkret geändert werden sollte. Der mittlerweile 72-Jährige Klaus-Dieter Fischer wird als potenzieller Totengräber des Vereins genannt. Begründung dazu ebenfalls Fehlanzeige. Es wäre zu wünschen, dass medial einmal mehr dabei herumkommt als stupides Raufhauen und das Wiederverwerten von Phrasen.

Ex-Werderprofi Günter Hermann riet Mitte März, dass Werder Schaaf jetzt entlassen müsse. Er glaube, es sei Zeit, zu reagieren. Begründung: „Weil Thomas schon seit 14 Jahren da ist. Es müsste frischer Wind rein“. Das „Weil“ ergibt eine pauschalierende, ja absolut alberne  Begründung. Beinahe ebenso lange wie Schaaf bei Werder ist Hermann Trainer vom VSK Osterholz-Scharmbeck. Nach dem Tabellenstand oder gar seiner Arbeit braucht nicht geschaut zu werden, eine Entlassung ergibt sich demnach doch allein aus seiner Anstellungszeit bei VSK. Ein gewisser Alex Ferguson ist Hermann nicht bekannt.

Oft vorgebracht wird auch das Wort „Abnutzung“, ohne zu erklären, was genau sich abgenutzt habe. Schaaf wirkte bspw. im Sommer ausgelassener, gesprächiger, er ist weiterhin hart arbeitend. Der einzige Verweis sind die Resultate. Also muss irgendwas nicht stimmen, also kann irgendwas abgenutzt sein. Andersrum geht es aber auch. Wie Arnd Zeigler beinahe zeitgleich zu Hermanns Forderung zeigte. In seiner Kolumne im Weser-Kurier verglich er pauschal die Situationen, in der Schaafs Entlassung im Verlauf der Jahre gefordert wurde, mit dieser. Damals war bzw. wäre es falsch gewesen. Entsprechend ist es das heute auch.
Thomas Schaafs Arbeit gehört weder pauschal verteidigt noch pauschal verurteilt. Das unschöne Schwarz-Weiß Bremen sind wir derzeit schon genug.

26. Erreicht der Trainer die Mannschaft?
Den Eindruck hatte man im Sommer sowie im Herbst. Auch nach Niederlagen gab es Spiele wie in Stuttgart, die doch zeigten, dass es keinen akuten Bruch zwischen Trainer und Mannschaft gibt. Jedoch gibt es ein Zeichen, was harmlos von den Spielern nach schlechten Spielen gebraucht wird, aber eigentlich mehr aussagt. Der Versuch, sich schützend vor den Trainer zu stellen, die Schuld – nicht mal zu unrecht – bei sich zu suchen. Dann wird gesagt, dass in der Spielvorbereitung vom Trainer alles Wichtige mit auf dem Weg gegeben wurde, es die Mannschaft, die einzelnen Spieler aber einfach nicht umgesetzt haben. Oder auch: umsetzen konnten, „auf den Platz bringen“.

Auch Schaaf erwähnt immer und immer wieder, dass die Mannschaft „Dinge nicht umsetze“. Der Lehrer malt das etwas an die Wand, die Schüler schreiben was anderes ab. Einer von beiden muss irgendwann reagieren. Am besten beide.

27. Teambuilding
Seit der Maßnahme des von Clemens Fritz dazu gerufenen Mentaltrainers fällt auf, dass Werder im Vergleich zu anderen Bundesligateams relativ wenig als Mannschaft unternimmt. Teambuilding passiert selten, solche Maßnahmen sind hier und da in der Sommer- und Wintervorbereitung zu finden und dann nur in Krisenzeiten, wie aktuell. Sie sollten regelmäßiger, häufiger stattfinden und es gibt nicht wenige (Mental-)Trainer die sagen, dass häufigere Teambuildingmaßnahmen in Krisenzeiten nur darauf basieren, dass sie vorher nicht häufig genug stattfanden.

28. Die Werder-Familie
Mehr wird darüber geredet seine solche zu sein als eben als solche zu leben. Es wird durchaus geschlossen aufgetreten, viele Mitarbeiter haben eine große, lange Vergangenheit im Verein. Doch überhaupt stellt sich die Frage: warum eigentlich Familie? In nicht wenigen Familien gibt es schwarze Schafe. Wäre nicht eine Freundschaft der bessere Begriff, denn Freunde sucht man sich aus, Freunde halten fester zusammen, haben mehr Verbindungen als nur das grünweiße Blut. Zudem hat man bei Werder nicht selten den Eindruck, als wenn Konstanz zu sehr als Positivmerkmal herausgestellt wird. Konstanz, die sich in der Konstanz selbst begründet. Nicht mehr daran, dass etwas gut ist.

Jeder einzelne Punkt ist weitaus komplexer als hier zusammengefasst, die Meinungen werden bei nicht wenigen der angeschnittenen Themen auseinandergehen. Es ist ein Versuch, hier und da Denkanstöße zu liefern, um in der Diskussion um Werder Bremen in Zukunft mehr Argumente zu finden. Sollte der Versuch nicht gelingen ist das immerhin 100% Werder, denn Scheitern gehört aktuell dazu.