Werders Talente, Teil 8: Martin Kobylanski & Davie Selke

03.04.13 | von | Kategorie: Allgemeines | Ein Kommentar

Werder fehlte es an Stürmern aus den Jahrgängen 1994 und 1995, die Perspektive für die Profis aufweisen können. So wurde auch der mannschaftliche Erfolg der B- und A-Junioren blockiert, gerade im Vizemeisterjahr der U17 hätte ein starker Stürmer dort das letzte Prozent zum Titel bedeuten können. Nicht müssen, aber können.

Lange wurde vermisst, gemeckert, gefordert, dann präsentierte der Verein am jeweils letzten Tag der vergangenen beiden Transferperiodenen einen Neuzugang für den Sturm. Für die beiden verwaisten Jahrgänge. Zwei unterschiedliche Stürmertypen. Mit Perspektive noch dazu. Und Unbekannte sind sie im Nachwuchsbereich auch nicht. Zeit für Lob an die Verantwortlichen und einen Blick auf die beiden jungen Stürmer.

MARTIN KOBYLANSKI

Eckdaten: Stürmer, geboren am 8. März 1994 in Berlin, 179cm groß
Werder: im Verein seit Sommer 2012, Vertrag bis Sommer 2014
Nationalelf: aktueller U19-Nationalspieler (10 Spiele, 6 Tore) für Polen, insgesamt 51 U-Länderspiele (13 Tore)
Bilanz: diese Saison 11 Spiele (3 Tore) in der U23, 6 Spiele (1 Tor, 1 Vorlage) in der U19, 1 Spiel für Cottbus II

Martin Kobylanski entspricht auf den ersten Blick nicht der Grunderwartung an einen Spieler, die die Nennung des FC Energie Cottbus als ausbildendem Verein hervorruft. Der 18-Jährige ist eher klein, technisch anspruchsvoll und kein furchteinflößender Defensivterrier. Im Gegenteil, er ist Offensivspieler, kommt gerne aus dem Bereich hinter dem Sechzehner, um in die Spitze zu stoßen oder mit seinen gefährlichen Distanzschüssen den Abschluss zu suchen. Er ist seit der frühesten Jugend im Fokus des DFB und damit auch der größeren Vereine gewesen und hat insbesondere den U-Mannschaften Cottbus’, ansonsten eher kampfstarken Teams, einen eigenen Stempel aufgedrückt. Gerade dann, wenn Kobylanski mit dem knapp drei Monate älteren Leonardo Bittencourt für Energie Cottbus das Spielfeld betrat, wurde es auffällig. In der B-Jugend gab es eher technisch und spielerisch anspruchsvoll vorgetragene Konter der beiden, die mit wehenden Trikots nach vorne rannten, anstatt mit dreckigen hinten drinstehend die gegnerischen Beine abzugrätschen.

Über Berlin, Hannover und Cottbus landete Martin Kobylanski Ende August in Bremen.

Über Berlin, Hannover und Cottbus landete Martin Kobylanski Ende August in Bremen.

Bereits als jüngerer Jahrgangsspieler der A-Jugend kam er regelmäßig in der U23 der Cottbuser zum Einsatz. Hinzu kamen drei Einsätze bei der Profimannschaft, direkt danach aber dann auch ein Problem. Gerade aus der B-Jugend aufgestiegen, absolvierte Kobylanski in der vergangenen Spielzeit nämlich kein einziges Spiel für die Cottbuser U19 in der A-Junioren-Bundesliga. Im Zuge des Jugendwahns hypte Profitrainer Claus-Dieter Wollitz Leonardo Bittencourt, das begann mit Sätzen über mögliche Ablösemillionen und endete mit Verletzungen wegen Überbelastung und der Beschwerde des eigenen Kapitäns, dass mit den Bittencourt-Aufstellungen übertrieben werde.

Ebenso übertrieben wirkte daher der Versuch, nach dem Jetzt-Dortmunder auch Kobylanski in die Mannschaft zu pressen. Auch saß der Deutsch-Pole sich daher 14 Mal über 90 Minuten den Hintern auf der Profibank platt, anstatt anderweitig, bspw. in der U19, zu Spielpraxis zu kommen. Das Bamkwärmen passierte vor allem unter Wollitz-Nachfolger Rudi Bommer, der mit Kobylanski genauso wenig warm wurde wie dessen Familie mit dem Trainer. Vater Andrzej spielte jahrelang in Deutschland für Hannover 96 und Energie Cottbus, beklagte im Zuge des Wechsels von Sohn Martin nach Bremen, dass die jungen Talente in Cottbus nur beim Training Bälle und Tore tragen würden, man zu wenig auf sie setze. Der Wunsch nach einer Vereinsveränderung des Sohnes wuchs und wuchs.

Martin ist länderspielerprobt, hat bereits jetzt die meisten U-Länderspiele aller aktuellen Werderspieler absolviert. Der letzte, etwas zaghafte Versuch, ihn zum DFB zu bekehren, endete in der U18 mit zwei Lehrgangsteilnahmen. Nun scheint die Entscheidung für Polen gefallen zu sein, was in Anbetracht der Enge des deutschen U19-Kaders durchaus sinnvoll ist, wo er im Gegensatz zum Stammplatz (und zuletzt sogar der Kapitänsbinde) bei den Polen um einen Kaderplatz kämpfen müsste. Letztlich sind die U-Nationalmannschaften aber auch nicht mehr als Laufstege, die der Marktwertentwicklung helfen, da ist es am Ende des Tages nicht entscheidend, welches Wappen man vor dem Eintritt in den Herrenbereich vornherum spazieren trägt.

Bei der allgemeinen Bewertung kommt ihm der Umstand zugute, als technisch versierter Spieler in einem im Übrigen diesbezüglich eher unterentwickelt geprägten Umfeld herauszuragen. Dies erklärt auch, warum er derzeit noch nicht vollständig in der Lage ist, all das zu zeigen, was in ihm steckt und von ihm erwartet wurde. Die taktische Umstellung auf ein von eigener Spielbeherrschung getragenes Spielsystem benötigt nach seinem Wechsel an die Weser offensichtlich Zeit. Bei den bisherigen Auftritten machte sich wechselseitig ein wenig Ratlosigkeit breit, wo denn nun die Planstelle für Kobylanski gelegen ist. Allein aufgrund seiner Größe ist er kein typischer Keilstürmer. Den hängenden Stürmer gibt es derzeit nicht in den Systemen von U19 bis zu den Profis, die dahinter liegenden Mittelfeldpositionen erfordern ein noch größeres Maß an Umdenken und insbesondere das defensive Umschaltspiel, das ihm bislang größtenteils erspart blieb.

Unterschätzen darf man ihn und seine Entwicklungsmöglichkeiten jedoch nicht. Zum einen zeigt sich die gute Schule, die er bei Cottbus genoss, in seiner Stabilität. Der Kerl kann dagegenhalten und einstecken. Seine Wege führen sehr zielstrebig zum Abschluss und er ist durchaus clever genug, Lücken und Chancen zu erahnen. Seine beste Waffe ist bislang seine bei der Statur eigentlich nicht zu erahnende Schussstärke, die ihn auch als Freistoßschützen zu einer gefährlichen Option macht. Und er setzt seinen Schuss aus der zweiten Reihe auch oft genug ein. Die Schussstärke ist bemerkenswert, zudem sehr wichtig für den weiteren Weg. Der bei Werder ausgebildete Lennart Thy bspw. hat in dem Bereich eine große Schwäche, eine Problematik, die ihm Großes bisher (mit) verwehrte.

Kobylanski ist dazu spielstark, auch mit dem Rücken zum Tor bleibt er anspielbereit, und er ist in der Lage, die Mitspieler einzusetzen. Optionell ist für ihn auch eine Zukunft auf den Außenbahnen denkbar, wo er bspw. für die polnische Nationalmannschaft schon auf der linken Seite aktiv war. Technisch gut und schnell, wie er ist, könnte er hier seine Beidfüßigkeit hervorragend nutzen. Zudem wäre er aufgrund seiner Distanzschüsse nicht eindimensional als Renner und Vorbereiter unterwegs.

Es darf nicht vergessen werden, dass er diese Saison noch A-Jugendspieler ist. Gerade bei ihm gilt die Frage, ob seiner Entwicklung nicht besser Rechnung getragen worden wäre, wenn er vorwiegend in der U19 eingesetzt worden wäre. Das “fehlende Jahr” aus Cottbus-Zeiten merkt man ihm ab und an noch an. Bei Werders A-Jugend kam er bisher zu sechs Einsätzen, zuletzt auch etwas durch die vielen ausgefallenen U23-Partien gefördert. Erfreulich, dass er bei seinen dortigen Einsätzen mit seinem Sieges- und Einsatzwillen erhebliche Pluspunkte sammeln konnte. Auch, wenn er diesen Eindruck in Spielen wie bspw. gegen Hannover 96 mit zu wenig Engagement trübte. Den Sprung in den Herrenbereich braucht er nicht, um die körperliche Robustheit anzunehmen, da ist er bereits ansprechend gerüstet. Das Erfassen und Umsetzen der Spielweise wäre für ihn allerdings gewiss leichter und auch erfolgreicher in der Jugendmannschaft, gerade in dieser spielstarken, zu erarbeiten gewesen, bevor er dann mehr und mehr zur U23 gewandert wäre.

Fußballerisch sicher vor den U23-Sturmkonkurrenten Dennis und Max Wegner und in Sachen Zielstrebigkeit vor Onel Hernandez einzuordnen, ist bei den Parametern Sicherheit und dem Spielverständnis der Weg zu den Profis noch recht weit, so dass Özkan Yildirim und Johannes Wurtz ebenso wie die etablierten Stürmer noch vor ihm stehen. Aber er ist der jüngste aus der genannten Garde, und der nachrückende Neuerwerb Davie Selke ist ein anderer Spielertyp, was Kobylanski eine gute Chance gibt, sich zu etablieren.

Sei es, wie es ist, dem SV Werder ist nominell ein überraschender und im Talentbereich namhafter Transfer geglückt. Offensichtlich sind die Erwartungen nicht ins Kraut geschossen, und „Koby“ erhält die notwendige Zeit, um sich zu akklimatisieren und zu entwickeln. Potenzial ist da, das Publikum ist gespannt, die ersten Eindrücke waren ansprechend. An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass es offensichtlich für den Spieler selber eine gute Entscheidung war, nach Bremen zu kommen. Auch wenn es auf dem Papier bisher „nur“ ein Wechsel von einem Regionalligateam, Cottbus II, zum anderen war, so ist es hier insbesondere die Spielweise, die offensive Ausrichtung, die der Entwicklung des Stürmers zur jetzigen Zeit mehr bringt und die dem Spieler gute Möglichkeiten bietet, sein Offensivpotenzial auch auszuschöpfen.

 

DAVIE SELKE

Eckdaten: Stürmer, geboren am 20. Januar 1995 in Schorndorf, 190cm groß
Werder: im Verein seit Januar 2013, Vertrag bis Sommer 2015
Nationalelf: aktueller U18-Nationalspieler (5 Spiele, 1 Tor), insgesamt 11 U-Länderspiele (3 Tore)
Bilanz: diese Saison 6 Spiele (4 Tore, 1 Vorlage) in der U19, 13  Spiele (12 Tore, 2 Vorlagen) für Hoffenheim U19

Kann man als Neuling einen besseren Einstand feiern? In seinem ersten Spiel erzielte Davie Selke, noch als Einwechselspieler, den Siegtreffer in der Nachspielzeit gegen den FC St. Pauli. Auch im Spiel darauf, bei Hannover 96, war er wieder erfolgreich. Doch mit diesem zweiten Spiel begann nach dem gefeierten Debüt auch eine schlechte Phase der Mannschaft.

Der deutlichen und verdienten Niederlage in Hannover folgte eine böse 0:5 Klatsche gegen den VfL Wolfsburg in Bremen. Auch gegen den diese Saison sehr schwachen HSV konnte man zu Hause nicht gewinnen. Den einzigen Treffer im Nordderby markierte aber, natürlich, wieder Selke. Ebenso wie im Spiel danach, einer weiteren Niederlage, dieses Mal gegen Holstein Kiel. Vor knapp zwei Wochen dann gab es ein befreiendes 3:2 gegen Hertha BSC Berlin, seitdem ist Spielpause für Werders A-Junioren.

Und das gibt Zeit, den Neuen genauer zu betrachten. Der im Januar 18 Jahre alt gewordene Stürmer kam am letzten Tag der Winter-Transferperiode von der A-Jugend der TSG Hoffenheim nach Bremen. Schon vorher war zu vernehmen, dass sich Werder mit dem Spieler, dessen Vertrag im Sommer ausgelaufen wäre, über einen Wechsel nach der Saison geeinigt hatte. Ab da wurde versucht, Selke schon für die laufende Spielzeit an die Weser zu transferieren. Auch, weil bei Talenten, die frühzeitig anderweitig unterschreiben, die Gefahr besteht, dass sie in ihrem Verein für die Rückrunde nicht mehr berücksichtigt werden. Zuletzt geschehen, als Werder im Frühjahr 2008 Pascal Testroet vom FC Schalke 04 verpflichtete. Der Stammspieler und Toptorschütze der A-Junioren der Gelsenkirchener wurde daraufhin auf die Tribüne verfrachtet.

Davie Selke bei seinem ersten Werder-Einsatz. 47 Minuten benötigte er für seinen ersten Treffer.

Davie Selke bei seinem ersten Werder-Einsatz. 47 Minuten benötigte er für seinen ersten Treffer.

Doch zurück zu Davie Selke. Und hin zur Frage, warum er überhaupt den Verein wechselte. Allein auf die A-Jugend kann es ihm nicht ankommen, denn auch bei der TSG war er dort Stammspieler, traf regelmäßig, und die Mannschaft steht sportlich in ihrer Staffel der Bundesliga ähnlich wie Werder da. Auch die Nachwuchsleistungszentren sind von der Qualitätsbewertung nicht so unterschiedlich. Bei der von Werder oft benannten Zertifizierung der Fußball-Leistungszentren durch DFB und DFL sind beide Vereine mittlerweile auch gleichauf, die TSG hat ihren dritten Stern seit letztem Sommer. Die einzig negative Einzelnote gab es für die Hoffenheimer beim Thema „Effektivität und Durchlässigkeit“, wo ein schönes „mangelhaft“ ins Zeugnis geschrieben wurde.

Die Durchlässigkeit und auch Nachhaltigkeit bei Werder ist zwar ebenfalls verbesserungswürdig, aber doch besser als bei der TSG. Auch speziell für Selke. Außer Frage stand seit Längerem, dass vor allem die Jahrgänge nach Niclas Füllkrug, 1994 und 1995, dringend einen Stürmer mit Perspektive für die Profis brauchen. Mit Kobylanski wurde im Sommer der erste Jahrgang bedient, mit Selke dann im Winter der jüngere Jahrgang ebenfalls. Es sei ausdrücklich gelobt, dass dort endlich reagiert wurde bzw. man dort tätig werden konnte.

Dabei soll der bisherige Mittelstürmer der U19, Otis Breustedt, keineswegs kritisiert werden. Als Spieler des jüngeren Jahrgangs gelangen ihm in zwölf Spielen acht Tore, das ist eine gute Quote. Da gab es wenig auszusetzen, aber Selke steigert nicht nur die Qualität nochmals sichtbar, er hat eben auch die dringend gesuchte Perspektive nach oben. Selke soll diese Rückrunde bei der U19 absolvieren, dann im Sommer in den U23-Kader rücken. Für die A-Jugend ist er nächste Saison ebenfalls spielberechtigt, so dass er, sollte er für den Herrenbereich noch etwas Zeit brauchen, unter Trainer Mirko Votava weiter Spielpraxis sammeln kann.

Einsatzzeiten sind auch, so ist zu hören, ein Grund für den Vereinswechsel gewesen. Vor allem perspektivisch. Während Werder ein Vakuum auf seiner Position zu füllen hatte, plant die TSG für ihre U23 in der kommenden Saison mit den beiden 94er-Stürmern Kenan Karaman und Michael Gregoritsch, Letzterer hat zudem einen Profivertrag. Da geht es natürlich nicht nur um reine Einsatzzeiten, sondern auch um die damit verbundene Wertschätzung, die Einstufung in der Hierarchie. Mit Rico Wentsch kam Anfang Januar zudem noch ein weiterer U23-Kaderspieler aus dem gleichen Jahrgang hinzu. Während Karaman und Gregoritsch von Größe und Stürmerart Selke durchaus ähneln, ist die Situation bei Werder besser für ihn: der 92er Johannes Wurtz ist kein typischer Mittelstürmer, der 93er Niclas Füllkrug wird wohl selten bis nie mehr bei der U23 zu finden sein, und der 94er Martin Kobylanski ist ein anderer Spielertyp, wird wie auch zuletzt in der U19 eher mit statt anstelle von Selke in der U23 auflaufen. Bliebe noch Max Wegner, der zwar vor seiner Verletzung in der Regionalligamannschaft gut traf, aber nicht nur aufgrund seiner „schon“ 24 Jahre keine Alternative für oben darstellt und, auch dadurch, eventuell nächste Saison nicht mehr im Kader stehen wird. In den Jahrgängen der B-Jugend, die Selke quasi “überholen” könnten, besteht zudem ebenfalls keine Konkurrenzgefahr.

Der Wechsel nach Bremen bedeutet für Davie Selke den neunten (!) Verein seiner Nachwuchskarriere. Der 1995 in Schorndorf geborene und wenige Kilometer weiter in Winterbach aufgewachsene Stürmer, der je ein Elternteil aus Deutschland und aus Äthiopien hat, ist eigentlich ein Paradebeispiel für Hoffenheims „Talente aus der Region“-Gerede. Schorndorf, die sogenannte „Daimlerstadt“ in Baden-Württemberg, die drittgrößte Stadt im Rems-Murr-Kreis. Nach Fellbach und Waiblingen, wo Selke auch für kurze Zeit in den jeweiligen Fußballklubs aktiv war. Ebenfalls aufgelaufen ist er in Stuttgart, sowohl für die Kickers als auch für den VfB. Seit Sommer 2009 spielte er dann in Hoffenheim und galt dort als nicht allzu einfacher Charakter, aber keineswegs als Problemspieler. Ob ihm auch deswegen in Hoffenheim die große Zukunft nicht versprochen wurde, steht zu bezweifeln. Zudem wird es nicht schaden, dass das Talent aus der Region die selbige nun verlassen hat und weit entfernt seines bekannten Umfelds nun auf sich gestellt ist um den nächsten Schritt im Erwachsenwerden zu machen. Ein Winterwechsel übrigens auch deswegen leichter durchzuführen, weil Selke seine Schulbildung bereits abgeschlossen hatte. Bei dem viel diskutierten Wechsel von HSV-Talent Levin Öztunali nach Leverkusen war auch ein Schulwechsel im laufenden Jahr nicht gewünscht und verhinderte daher einen vorzeitigen Wechsel.

Der ist übrigens genauso Nationalspieler wie Davie Selke. Zu DFB-Lehrgängen und Länderspielen wird der Bremer Neuzugang seit knapp zwei Jahren regelmäßig eingeladen, ist fester Bestandteil seines Jahrgangs, wenn auch nur als Ergänzungsspieler, der meist über Einwechslungen zu Spielzeit kommt. Als Mittelstürmer agiert zurzeit Karlsruhes Kevin Akpoguma, der beim Drittligisten ansonsten als Verteidiger aufläuft, in der U18-Nationalmannschaft jedoch nicht nur der bisher Treffsicherste ist, sondern auch die Kapitänsbinde trägt.

Keine leichte Konkurrenz, dafür derzeit aufgrund der Verletzung von Breustedt gar keine Konkurrenz in Bremen. Der hochgewachsene, gar leicht in die Länge gezogen wirkende Selke weiß aber auch ohne Druck bisher zu gefallen. In seiner Position als Mittelstürmer ist er trotz seiner 1,92m glücklicherweise kein limitierter, bulliger Keilstürmer, Wandspieler, oder welche „Befürchtungen“ auch immer bei großen Stürmern mitkommen. Im Gegenteil, die langen Beine machen einen beweglichen Eindruck, er wirkt leichtfüßig.

Sein Revier ist natürlich trotzdem der Strafraum, dort lauert er, dorthin ist sein Blick justiert und dorthin zieht er bei jeder Möglichkeit. Ein Mittelstürmer reinsten Wassers, der stets den Abschluss sucht, einen deutlich ausgeprägten Torinstinkt offenbart und es bei all dem dennoch schafft, den Kopf fast immer oben zu halten. Das hilft ihm in unübersichtlichen Situationen ruhig zu bleiben, sich entsprechend zu positionieren und an den Ball zu kommen. Mit dem Ball am Fuß bringt er brauchbare fußballerische Möglichkeiten und genug Spielwitz mit, um Raum für kreative Möglichkeiten zu haben.

Wir werden ihn nur selten dabei beobachten, wie er versucht, das Spielgerät durch drei Gegenspieler hindurchzuzwingen, jedoch umso öfter die Versuche bewundern, sich eine bessere Position zu verschaffen. Insbesondere bei der Wahrnehmung des Spiels hat Selke Qualität, sein Agieren und Reagieren auf Gegenspieler und Räume wecken Hoffnungen auf mehr. Er bietet die wichtigen Läufe in den Rücken der Abwehr, insbesondere in die Schnittstelle zwischen den Innenverteidigern. Er nutzt Freiräume, macht sich immer wieder anspielbar. Seine Laufwege sind eine Stärke, die dem Spiel der Bremer A-Jugend gut tut, auch wenn die Spielergebnisse mit ihm dieses Jahr noch nicht durchgehend überzeugend waren. Die Lauf- sowie die Passwege verbessern sich mit der Zeit, Selke gewöhnt sich an die Spielweise des SV Werder, auch an die Mitspieler. Gerade mit passstarken Spielern wie Hilßner oder von Haacke, oder auch im Zusammenspiel mit Schwede ist da noch Potenzial für mehr.

Ein wenig überraschend bei seiner Größe ist sein mangelndes Kopfballspiel. Obgleich er angstfrei den Kopfball sucht, ist hier noch ordentlich Entwicklung zu vollziehen, denn in der Höhe muss von einem Stürmer, gerade von seiner Statur, mehr verlangt werden können, insbesondere bei Standards. Durch diesen Mangel ist seine an sich sehr gute Tor- sowie regelmäßige Trefferquote doch eingeschränkt, denn aufgrund seiner Physis hätte er sonst gerade im Nachwuchsbereich noch deutlich häufiger netzen können.

Zu verbessern ist auch sein Spiel mit dem Ball am Fuß, zu oft bleibt er hängen und wirkt, als unterschätze er den Gegner, als sei es stets ein Kinderspiel, an ihnen vorbeizutänzeln. Hier kann ein Blick auf den Nebenmann von Zeit zu Zeit den Ballverlust verhindern. Ein wenig mehr Dynamik wird sich mit einem entwicklungsbedingten Körperzuwachs einstellen, und dann ist der Neuzugang recht gut gerüstet für weitere Aufgaben. Wobei der 18-Jährige gerade in punkto Körperspannung Licht und Schatten offenbart. Mal ist er dermaßen intensiv im Spiel, dass er dynamisch, engagiert wirkt, der Wille und die Emotionen spürbar sind. Wenige Augenblicke später ist er dann unbeteiligt, lässt den Kopf hängen, schläft beinahe beim Laufen ein. Und wenn man sich darüber am Spielfeldrand aufregt, ist er in der nächsten Szene plötzlich wieder lebendig, treibt sogar mal seine Mitspieler an, geht entschlossen vorweg.

Wenn er den Sprung in die Bundesliga schaffen will, braucht er durchgehendes Engagement. Die Schaffenspausen sind aber in der B- und auch A-Jugend nicht sonderlich außergewöhnlich. Verbessern muss er sich da trotzdem, vor allem, weil er zeigt, dass er mit Energie wertvoll ist. Auch lernen wird er im U19-System, dass dieses auf schnellem Passspiel und weniger langen Läufen mit dem Ball beruht, die Läufe kann er dann bei den Profis wieder aufnehmen. Oder sich bis dahin aufgrund von Erfahrung in der Balance zwischen dem Tunnelblick Richtung Tor und dem Überblick für die Gesamtsituation und Blick auf seine Mitspieler verbessern.

Während er durchaus drahtig agieren kann, wird er natürlich noch körperlich zulegen müssen, um schon ab Sommer für die U23 im Herrenbereich spielen zu können und in den Zweikämpfen nicht unterzugehen, weil ihm die Masse fehlt. Auch sein Schuss dürfte davon profitieren, die reine Schusskraft ist angemessen, aber keine offensichtliche Stärke.

Angemessen ist auch seine bisherige Torquote im Werdertrikot, obwohl er bei etwas überlegterem Spiel vor dem Tor durchaus noch eine bessere Ausbeute hätte erzielen können. Gerade hier aber wird Erfahrung weiterhelfen. Gönnen wir ihm jedoch die Eingewöhnungszeit und bauen darauf, dass er sich mit der Erfahrung entwickeln wird. Den Vergleich mit anderen deutschen Stürmern seines Jahrganges braucht er wahrlich nicht zu scheuen. Er hat zudem allein durch den Willen, den Torabschluss zu finden, gute Anlagen, ebenso machen seine Physis und sein Spielverständnis Hoffnung, dass sich hinter Füllkrug mit Davie Selke ein perspektivisch interessanter Spieler für die Sturmspitze in Bremen entwickelt.

Sein bisher wohl schönstes Tor gelang ihm übrigens gegen den Hamburger SV. Und Stürmer, die gegen Vereine aus der Hansestadt Hamburg Siegtreffer erzielen oder Tore zum Zungeschnalzen präsentieren, sind grundsätzlich nicht sonderlich unbeliebt in Bremen.

 

 

WorumWiki-Profile der Spieler:
Martin Kobylanski
Davie Selke

 

WorumBlog-Talentreihe 2013:
Nachwuchs Round-up 2013
Talente, Teil 1: Aycicek, Füllkrug, Röcker & Yildirim
Talente, Teil 2: Marnon Busch & Alexander Hahn
Talente, Teil 3: Lukas Fröde & Marcel Hilßner
Talente, Teil 4: Julian von Haacke & Tobias Schwede
Talente, Teil 5: Leon Lingerski & Luca Zander
Talente, Teil 6: Kevin Otremba & Richard Strebinger
Talente, Teil 7: Onel Hernandez & Johannes Wurtz

 

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