Werders Talente, Teil 4: Julian von Haacke & Tobias Schwede

09.02.13 | von | Kategorie: Spieler | 3 Kommentare

Im letzten Blog wurden Lukas Fröde und Marcel Hilßner aus dem Mittelfeld der Bremer A-Jugend besprochen. Nach den beiden Spielern aus dem jüngeren Jahrgang geht es jetzt um die beiden Mittelfeldspieler des älteren Jahrgangs: Julian von Haacke und Tobias Schwede. Beide sind nicht nur im Frühjahr des Jahres 1994 zur Welt gekommen, sondern taten dies auch in der gleichen Stadt, in Bremen. Wir beleuchten die Situation und Perspektive der beiden Spieler, die seit der D-Jugend bei Werder kicken.

JULIAN VON HAACKE

Eckdaten: zentrales Mittelfeld, geboren am 14. Februar 1994 in Bremen, 181cm groß
Werder: im Verein seit Sommer 2006, Vertrag bis Sommer 2013
Nationalelf: kein aktueller U-Nationalspieler, insgesamt 4 U-Länderspiele (1 Tor)
Bilanz: diese Saison 14 Spiele (3 Tore, 6 Vorlagen) in der U19

Ein weiterer Spieler, der in der letztjährigen schwachen Rückrunde der U19 ordentliche Leistungen ablieferte. Insbesondere zu deren Ende ließ Julian von Haacke erkennen, dass ihm als Aufbauspieler einiges zuzutrauen sein wird. Pech, dass ihn in der Rückrunde zwei Verletzungen zurückwarfen, die ihn auch weitere Einsätze in der U18-Nationalmannschaft gekostet haben dürften, da er zuvor bei seiner Rückkehr ins Nationaltrikot mit einem Tor gegen Frankreich durchaus überzeugte.

In Abwesenheit von Zwerschke ist Julian von Haacke diese Saison Kapitän der U19

In Abwesenheit von Zwerschke ist Julian von Haacke diese Saison Kapitän der U19

Sollte von Haacke sich geärgert haben, nicht bereits im Sommer in die U23 hochgezogen worden zu sein, hat er sich dies in der Hinrunde nicht anmerken lassen. Deutlich verbessert in der Dynamik, dem Defensivverhalten und der Körpersprache, ist er der unangefochtene Leader der diesjährigen A-Junioren-Mannschaft. Durch Jakob Zwerschkes Ausfall zum Kapitän befördert, nimmt er diese Führungsrolle erfolgreich und mit Engagement an. Von Haacke hatte das Glück, in der Länderspielpause im September letzten Jahres eine Woche ins Profitraining gezogen zu werden und hier auch im Freundschaftsspiel gegen Heiligenfelde erstmals mitgespielt haben zu können. Zurück bei der U19 zeigte er eine erfreuliche Reaktion, indem er sein Spiel dem bei den Profis gelernten näherbrachte und seitdem noch schneller und zielstrebiger in seinen Aktionen zu Werke geht. Das Hochziehen ins Profitraining von Jugendspielern sowie das Perspektivtraining, wo die Talente mit Profis trainieren, erzielt hier den hilfreichen Effekt, dass den jungen Nachwuchsspielern in der Praxis klar aufgezeigt wird, inwieweit genau der Jugendfußball und ihre eigene Entwicklung vom Herrenbereich entfernt sind.

Neben der offenbar lehrreichen Woche kann man auch die Hinrunde als gelungen bezeichnen, insgesamt ging es für von Haacke mit einem Riesensatz näher an den Seniorenfußball. Sein Einsatzgebiet im 4-1-4-1 der U19 ist flexibel. Nominell von der rechten Halbposition startend, taucht er im Spielverlauf überall auf, wo er gerade benötigt wird. Das Verschieben innerhalb des Mittelfeldverbunds funktioniert, ein nicht geringer Grund für die Stärke dieses Mannschaftsteils. Aus der U17 bekannt ist zudem sein gutes Wechselspiel mit Lukas Fröde auf der Sechs, aber die Mannschaft ist mittlerweile auch in der Lage, selbst je nach Spielstand- und Verlauf zu verschieben, so dass er auch phasenweise als zweiter Sechser neben Fröde agiert.

Insgesamt bringt der gebürtige Bremer vom Spielverständnis, der Passsicherheit, der Bissigkeit und der Lauffreude viel mit, was ihn auf der Sechs als den vielerorts geforderten Spielmacher vor der Abwehr qualifizieren würde. Allerdings zumindest mittelfristig nur in einer Doppelsechs, da er im Herrenbereich mit der alleinigen Aufgabe und der Werder-typischen Bestückung von zwei offensiv ausgerichteten Spielern vor sich überfordert wäre. Die geforderte Härte und Schnelligkeit gehen ihm dafür ab, er muss vor allem in den Duellen für den Herrenbereich noch drahtiger werden.

Mindestens unglücklich war es, dass von Haacke nicht selten in der U19 weiter vorn agieren musste. Das verhinderte das Reifen in der Defensive und war neben den Verletzungssorgen in der Mannschaft auch der Problematik geschuldet, dass er kein Spieler für das lange gespielte Rautensystem war. Der Systemwechsel kommt ihr daher sehr zugute, nicht nur für sein Spiel in der Jugend, sondern auch, was seine Perspektiven angeht.

Und während oft befürchtet wurde, dass von Haacke genau aus dem Grund der fehlenden Positionsperspektive für die Profis bald die Koffer packen würde, so ist die Zukunft des Bremers in seiner Geburtsstadt nun doch deutlich reizvoller geworden. So übernimmt passend zu seinem Aufstieg in den Herrenbereich Viktor Skripnik das Amt des U23-Trainers. Den Eindruck eines guten Verhältnisses konnte man in der B-Jugend gewinnen, zudem weiß der Ukrainer viel mit dem Spielertypen von Haacke anzufangen.

Es ist schwer, den variabel einsetzbaren Mittelfeldspieler perspektivisch mit Spielern des Profikaders zu vergleichen. Sicherlich fehlt es ihm ein wenig an schierer Kraft – obwohl er sich bei den Profieinheiten gut durchzusetzen wusste – und etwas an Spritzigkeit. Auch könnte sein Zug zum Tor ausgeprägter werden. Mit wem er daher für die Zukunft in Konkurrenz steht und ob er diese bestehen kann, ist schwer zu sagen. Die drei gesetzten Mittelfeldspieler scheinen derzeit weit entfernt: Spieler wie Tom Trybull, Philipp Bargfrede oder Aleksandar Ignjovski sind gewiss körperlich weiter, in den Spielfähigkeiten aber in anderen Kategorien einzuordnen. Am ehesten ist Trybull, was das Fußballerische und das Passspiel angeht, hier ähnlich.

Überhaupt ist von Haacke ein Spielertyp, den man gerne langfristig im Trikot der Profis sehen will, der irgendwie den Satz nach oben machen muss. Spätestens seit Nuri Sahin den Ballverteiler in der defensiven Zentrale vergoldet hat, hoffen Vereine und auch Fans darauf, Talente ähnlicher Ausrichtung im eigenen Stall zu finden. Das Fußballerische, das Spielverständnis spielt im heutigen Fußball eine größere Rolle, von Haacke zeigt diese Saison regelmäßig in den U19-Einsätzen auf, was ihn auszeichnet. Von den Zuschauern wird er am häufigsten als auffallend wahrgenommen, dicht gefolgt von Marcel Hilßner mit seiner gewaltigen linken Klebe sowie Lukas Fröde mit seiner beeindruckenden Kopfballhoheit.

Dies muss jedoch auch von Haackes Anspruch sein, gehört er doch dem älteren Jahrgang an und feiert dieser Tage seinen 19. Geburtstag. Die Einsätze in der A-Jugend als älterer Jahrgang mögen im heutigen Jugendwahn schon beinahe untypisch sein, allerdings scheinen sie hier richtig angewendet zu sein, denn von Haacke entwickelt sich kontinuierlich. Der nächste Schritt wird ein Platz in der U23 sein, wo er hoffentlich zügig als Stammspieler ebenso leitenden Zugriff zum Spiel bekommt und sich gegenüber Gegner und Konkurrenz behaupten kann. Dann dürfte der Weg ebenso weitergehen, er sich auch kurzfristig als Alternative für höhere Aufgaben anbieten.

TOBIAS SCHWEDE

Eckdaten: offensives Mittelfeld, geboren am 17. März 1994 in Bremen, 180cm groß
Werder: im Verein seit Sommer 2005, Vertrag bis Sommer 2013
Nationalelf: kein aktueller U-Nationalspieler
Bilanz: diese Saison 15 Spiele (9 Tore, 1 Vorlage) in der U19

Blickt man auf die letzten anderthalb Jahre zurück, so ist bei Tobias Schwede wohl einer der größten physischen und spielerischen Leistungssprünge zu beobachten. Eigentlich nur für die zweite A-Jugend, die U18 eingeplant, rückte er in der Saison 2011/12 nach der Verletzung von Levent Aycicek erst über Jokereinsätze und später dauerhaft ins Team. In dieser Saison ist Schwede unverzichtbarer Stammspieler, mit sieben Toren in 13 Spielen (dazu noch der wichtige Siegtreffer im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund) auch der torgefährlichste im überragenden Mittelfeld. Seinen ehemals viel zu schmächtigen Körper weiß er inzwischen richtig einzusetzen, hat zudem auch deutlich an Muskelmasse zugelegt. Auch Schwede ist wie von Haacke ein gebürtiger Bremer, er kam schon in der D-Jugend vom Habenhauser FV zum SV Werder.

An den technischen Fähigkeiten mangelte es ihm nie. Auf kleinem Raum macht ihm so leicht wohl keiner aus dem Nachwuchsleistungszentrum etwas vor. Seine Ballführung ist sehr stark, er ist flink, listig und fintenreich. Der 18-jährige kommt meist aus den offensiven Mittelfeldpositionen, aus denen er in den Strafraum vorstößt. Schwedes größte Stärken sind seine Cleverness und sein Gespür für die Lücken in den gegnerischen Abwehrreihen. Immer wieder schafft er es, sich gut zu positionieren und ist stets auf der Lauer, die Bälle, gleich ob als Abpraller oder Pässe, zu verarbeiten. Er ist fleißig, und obgleich seine Liebe zur Defensive weder ausgeprägt noch sein Defensivzweikampf besonders angsteinflößend sind, vergisst er die Rückwärtsbewegung für einen Spieler seiner Ausrichtung erfreulich selten.

Auch als aktuell zweitbester Torschütze der A-Junioren darf sein Abschluss in Ansätzen bemängelt werden, zwar trifft er häufig und spektakulär, manchmal fehlt jedoch der letzte Biss, einen Ball einfach mal ins Tor zu zwingen. Da könnten leicht doppelt so viele Tore stehen, hier fehlt es in einigen Momenten an einem härteren Schuss, um auch mal von außerhalb etwas fabrizieren zu können. So präzise seine Lupfer und seine Sicherheit vorm Tor sind, so sehr bemerkt man die fehlende Gefahr aus dem Hintergrund, weil es ihm an roher Kraft fehlt.

Sieben Ligatreffer in der Hinrunde: Tobias Schwede

Sieben Ligatreffer in der Hinrunde: Tobias Schwede

Verbesserungsfähig ist auch das Zusammenspiel mit den Mannschaftskameraden. Den Toren stehen kaum Assists zur Seite, das fällt auf. Bei Spielern wie Schwede ist jedoch Vorsicht geboten, die Stärke der engen und wuseligen Ballführung darf nicht dem Zusammenspiel geopfert werden, umgekehrt ist es die Kunst der Dribbler, andere auf sich ziehen und die Bälle dann in die Freiräume zu spielen. In dieser Hinsicht ist das abschließende Gleichgewicht bei ihm noch nicht gefunden, zu oft übersieht er gute Passmöglichkeiten, die den mannschaftlichen Erfolg sichern können.

Man darf gespannt sein, wohin sein Weg führen wird. Gerüchteweise hat der Verein ihm einen Anschlussvertrag für die U23 angeboten, ob Schwede diesen annimmt, ist offen, aber nicht unwahrscheinlich. Unlängst ließ der 18-Jährige bei einem Interview mit dfb.de durchblicken, wie er seine Zukunft plane: “Mein Wunsch ist natürlich ein Anschlussvertrag bei Werder, um es dann über die U 23 ins Profigeschäft zu schaffen. Nur wenn das nicht klappt, würde ich mich nach Alternativen umsehen.“ Parallel zum Fußball möchte er gerne ein Studium beginnen.

Für den Profikader des SV Werder dürfte er keine Alternative werden, gibt es doch zu viele Kleinigkeiten, die dauerhaft fehlen werden. Aber auch in der U23 sollten beide Seiten genau überlegen, ob eine Weiterbeschäftigung Sinn macht. Natürlich ist er für Werder als Option in der U23 interessant, ist auch einer aus der Generation, die Neu-Coach Viktor Skripnik zum Vizemeistertitel führte und gut kennt. Auch seine Position und seine Stärken passen zum neuen, aktuellen Werder-System. Jedoch, so schaut es derzeit aus, wird der Offensivbereich in der U23 nicht gerade unterbesetzt sein, Schwede würde es nicht leicht haben, zu Spielzeit zu kommen. Für die eigene individuelle Entwicklung wäre da ein Wechsel eventuell die bessere Lösung. Allerdings hat er auch in den vergangenen beiden Jahren aus einer ähnlich wenig versprechenden Ausgangsposition sehr viel gemacht.

Verbessert er sich und findet sein Offensivspiel mehr und mehr den Weg in die Mannschaft, ist er jedenfalls ein Spieler, dem man aufgrund seiner herausragenden Technik stets mit Spaß zusieht und der nicht das gleichförmige Bild der hochgelobten deutschen Jugendspieler zu Markte trägt, die unglaublich passsicher, diszipliniert, aber am Ende doch irgendwo auch langweilig sind.

 

WorumWiki-Profile der Spieler:
Julian von Haacke
Tobias Schwede

 

WorumBlog-Talentreihe 2013:
Nachwuchs Round-up 2013
Talente, Teil 1: Aycicek, Füllkrug, Röcker & Yildirim
Talente, Teil 2: Marnon Busch & Alexander Hahn
Talente, Teil 3: Lukas Fröde & Marcel Hilßner

 

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