Werders Talente, Teil 1: Aycicek, Füllkrug, Röcker & Yildirim

03.02.13 | von | Kategorie: Spieler | 6 Kommentare

Neben den Aussichten der Mannschaften im Jugendbereich interessiert natürlich auch die persönliche Entwicklung der einzelnen Spieler, die hier vor einem Jahr in unser Nachwuchsserie im Fokus standen. Auf die Wiederholung der einzelnen Besonderheiten wird verzichtet, soweit einzelne Spieler ihre Performance nicht nachhaltig verändert haben. In einem weiteren Schritt werden wir dann den Scheinwerfer auf die nachrückenden Spieler richten, die neu zu den Mannschaften hinzugestoßen sind, altersbedingt in den Fokus ihrer Teams rückten oder erwähnenswert große Sprünge gemacht haben. Zunächst schauen wir einmal, wie sich die im letzten Jahr gelobten Talente so entwickelt haben. Bei einigen der jungen Spieler bietet sich ein vorsichtiger Ausblick auf ihren Stand im Vergleich zum Profikader an, zumindest bei denen, die dort auch schon aufgetaucht sind.

NICLAS FÜLLKRUG

Eckdaten: Stürmer, geboren am 9. Februar 1993 in Hannover, 188cm groß
Werder: im Verein seit Sommer 2006, Profivertrag bis Sommer 2015
Nationalelf: aktueller U20-Nationalspieler (2 Spiele, 0 Tore), insgesamt 10 U-Länderspiele (5 Tore)
Bilanz: diese Saison 13 Spiele (2 Tore) bei den Profis, 4 Spiele (5 Tore) in der U23

Niclas Füllkrug war der erste Spieler, der in unserer Talentreihe im Blog beschrieben wurde. Nur wenige Tage nach Erscheinen des Artikels folgte sein Bundesligadebüt, es verging wiederum nur wenig Zeit, bis er Anfang Februar dann einen Profivertrag bis 2015 unterschrieb. Zehn weitere Einsätze in der höchsten Spielklasse samt einem schönen Treffer aus der zweiten Reihe gegen den FC Augsburg folgten. Hatte man 2011 noch ein paar Zweifel, dass der Torjäger einstellungstechnisch schon auf der Höhe ist, so war er im abgelaufenen Kalenderjahr gerade in dem Bereich vorbildlich, zeigte eine starke Entwicklung.

Im Sommer überzeugte der in Kürze seinen 20. Geburtstag feiernde Stürmer in der Vorbereitung, traf häufig, spielte gut und strahlte mit sich selbst um die Wette. Spätestens seitdem war dank der Zahnlücke sein Spitzname „Lücke“ manifestiert, genauso in Stein gemeißelt war neben seiner wohltuenden authentischen Frische und Begeisterung ein fester Platz im Profikader. Dass dann zum Ende der Transferphase mit Joseph Akpala noch ein Mittelstürmer verpflichtet wurde, war einerseits aufgrund des Offensivspielermangels zwar verständlich, aber brachte auch die Befürchtung, dass Füllkrug dadurch der deutlich sichtbare Spaß am Fußball eingeschränkt würde, wenn plötzlich trotz guter Vorbereitung jemand vor ihm platziert wird.

Sonderlich viel Spielzeit nahm Akpala ihm nicht weg, dafür war der Neuzugang aus Belgien einfach viel zu schwach, besonders gemessen an Ablöse und Erwartungen. Was er Füllkrug aber nahm, war der Platz in der Mitte. Im System mit nur einem Mittelstürmer war und ist Nils Petersen, zu Recht, gesetzt. Doch wenn jemand für Petersen in die Mitte kommt oder Werder die Mitte mit zwei Stürmern durch eine Einwechslung aufstockt, so ist in der Hinrunde immer Akpala derjenige gewesen, der den Job dort bekam.

Niclas Füllkrug spielte sich 2012 in den Vordergrund.

Niclas Füllkrug spielte sich 2012 in den Vordergrund.

Einerseits nachvollziehbar, den Akpala auf Außen ist keine Option. In einigen Testspielen wich er dorthin aus und war deplatziert. Niclas Füllkrug ist zwar auch ein Mittelstürmer und daher auch gewissermaßen auf Außen fehl am Platze, er ist aber fußballerisch besser, er hat einen besseren Bewegungsablauf, er sorgt, gerade bei Rückstand oder einer Drangphase, für viel mehr Unruhe beim Gegner.

Trotzdem ist es nicht die erste Wahl, die Füllkrug dort gespielt hat. Sein Spiel auf der Außenbahn lebt nur von zwei Elementen: seiner Schnelligkeit und dann im Zuge dessen davon, den Defensivspielern des Gegners nach innen auszuweichen und den Abschluss zu suchen. Flanken von Außen, Laufen bis zur Auslinie, Dribbling gegen die Außenverteidiger oder die eigene Defensivarbeit, all das geht ihm ab. Da hat Lücke eine Lücke im Repertoire. Auch in der Entscheidungsfindung wirkt er ab und an überfragt, beschränkt sich lieber auf das, allerdings alles andere als ungefährliche, Ziehen nach innen.

Gefahr beschwört er so herauf, brachte oft Erfrischendes, neues Leben ins Spiel. Das allerdings kann ihm (noch) zu leicht auch vom Gegner oder von der Spielweise der eigenen Mannschaft genommen werden. Nicht selten wird Füllkrug auf Außen, außerhalb von Kontern, nicht richtig eingesetzt. Er wird nicht geschickt, bekommt zu wenig Bälle in den Lauf. Stattdessen häuften sich Anspiele, wenn er zugestellt war und den Ball nur wieder zurückpassen konnte. Seine enorme Dynamik kann er nur ausspielen, wenn er ins Laufen kommt, das kam er aber zu selten.

Das Selbstverständnis seiner Laufwege ist zudem auf Außen ein Anderes als in der Mitte. Auch hier: Solange es sich nicht um Tempogegenstöße handelt. Die Laufwege liegen Füllkrug, er hat die Fähigkeit, im Strafraum in die Freiräume zu stoßen und sich anzubieten. Doch auf Außen hat er meist zu viele direkte Gegenspieler, zu viel Strecke bis zum Tor, zu viel Raum, bis er in Schussposition käme. Und er muss, im Gegensatz zur Rolle des Mittelstürmers, diese Laufwege auf Außen meist mit dem Ball am Fuß bestreiten. Er muss selbst Chancen kreieren, statt seinen Torinstinkt dann das Auge für den Mitspieler einsetzen.

Es bleibt zu hoffen, dass er in Zukunft öfter in der Mitte zum Einsatz kommt. Dort allerdings steht er im Pressing noch sehr weit hinter Petersen an, hat nicht die Durchschlagskraft in Zweikämpfen und Kopfballduellen wie bspw. auch der Underperformer Akpala. Geduld und Lernwillen sind gefragt, werden auf die Probe gestellt. Die Systemumstellung auf nur einen Mittelstürmer hat ihm vorerst nicht in die Karten gespielt.

Im Winter äußerte Füllkrug, dass er nach enthusiastischem Start in die Hinrunde irgendwann die Leichtigkeit und Frische verlor. Nichts Unnormales oder gar Schlimmes bei einem jungen Spieler. Schlimm war dann die Meldung vor knapp einer Woche: Knieverletzung, eine OP findet dieser Tage statt. Möglich, dass Füllkrug erst zum Ende der Rückrunde wieder spielen kann. Neuigkeiten dazu soll es in der kommenden Woche geben. Wir hoffen auf Glück im Unglück und schnelle Genesung.

ÖZKAN YILDIRIM

Eckdaten: offensives Mittelfeld / Außenbahn, geboren am 10. April 1993 in Sulingen, 172cm groß
Werder: im Verein seit Sommer 2003, Profivertrag bis Sommer 2013
Nationalelf: aktueller U20-Nationalspieler (noch ohne Einsatz), insgesamt 23 U-Länderspiele (4 Tore)
Bilanz: 2 Spiele (1 Vorlage) bei den Profis, 2 Spiele in der U23

Lange, sehr lange, musste Özkan Yildirim warten. Die Saison 2011/2012 bestritt er kein einziges Spiel. In der Hinrunde fehlte er bis zum Dezember, wo er vor der Winterpause noch zu zwei Kurzeinsätzen in der U23 kam. Das Trainingslager in Belek nutzte er, nicht nur aufgrund seiner Aktion gegen Pogatetz, um auf sich aufmerksam zu machen. Und dann kam auch noch das, was man als junger Spieler im Profibereich braucht und Yildirim anderthalb Jahre verwehrt blieb: das Glück.

Verletzungen, Erkrankungen, Sperren und Formschwächen in der Bremer Offensive schwemmten Yildirim in den Kader für den Pflichtspielauftakt dieser Saison. Und wer Thomas Schaaf kennt, der weiß, dass er gerade junge Spieler auch in Fällen von Personalnot nur dann in den Kader beruft, wenn sie eine echte Alternative darstellen. Entsprechend kam der 19-Jährige gegen Dortmund und auch Hannover 96 als Joker zum Einsatz – eine Rolle, für die Yildirim derzeit wie gemacht ist.

Aufgrund seiner Stärken im Dribbling, seiner sehr engen Ballführung, der Kreativität sowie vor allem der Entscheidungsschnelligkeit in Drucksituationen kann er für viel Gefahr auf den Außen sorgen. Was seine Technik angeht, wird man wohl kaum ein Werder-Talent aus den letzten Jahren finden, das mit dem auf diesem Gebiet hochbegabten Dribbler mithalten kann.

Die offensive Außenbahn wird aller Voraussicht nach seine Zukunft im Profifußball darstellen. Nicht gerade schlecht für Yildirim, dass Werder im Profikader hinter Marko Arnautovic und Eljero Elia keinen einzigen weiteren Außenspieler im Kader hat. Hinzukommt, dass mit Niclas Füllkrug und Levent Aycicek weitere Alternativen verletzt ausfallen.

Doch bei aller Euphorie darf auch nicht vergessen werden, dass Yildirim anderthalb Jahre fehlen, man ihm besonders im Training immer wieder ansieht, dass ihm Spielpraxis und Erfahrung fehlen. Auch seine Spielanlage braucht noch etwas, um kompakt, komplett und erwachsen genug zu sein, um den Angriff auf die Startelf ernsthaft werden zu lassen. Ebenso darf er keinesfalls in Selbstverliebtheit und Egodribblings verfallen, wie es ihm fast eine Spielzeit in der U17 passierte.

Nicht nur aufgrund seiner Vorlage am Freitag sowie dem Sieg im Abendspiel ist die Freude groß, wenn man an Yildirim denkt. Und ihn sieht. Nach der langen Verletzungspause gönnt man ihm diese Erfolgserlebnisse umso mehr. Ebenso, dass er bereits nach wenigen Einwechslungen wieder eine Einladung vom DFB erhielt. Die Kadernominierung für die deutsche U20 für das Länderspiel gegen Italien am 6. Februar beweist nochmals, welchen Stellenwert der Werderaner beim DFB genießt. Vor seiner langen Verletzungspause war er Stamm- und Führungsspieler in der U18, trug sogar die Kapitänsbinde.

Es wäre schön, wenn die positiven Nachrichten anhalten. Dazu gehört auch, dass der im April seinen 20. Geburtstag feiernde Yildirim seinen im Sommer auslaufenden Vertrag vorzeitig verlängert. Gespräche laufen, gewillt sind beide Seiten. Eine baldige Verkündung einer Einigung wünscht sich die Werderwelt. Damit im Sommer zum zehnjährigen Jubiläum seiner Vereinszugehörigkeit nicht schon vorbei ist, was jetzt erst richtig beginnt.

CIMO RÖCKER

Eckdaten: Linker Verteidiger, geboren am 21. Januar 1994 in Schneverdingen, 186cm groß
Werder: im Verein seit Januar 2008, Profivertrag bis Sommer 2014
Nationalelf: kein aktueller U-Nationalspieler, insgesamt 32 U-Länderspiele (2 Tore)
Bilanz: diese Saison 8 Spiele (1 Tor, 1 Vorlage) in der U23, 8 Spiele (2 Tore, 2 Vorlagen) in der U19

Hier im Hinrunden-Einsatz in der U19: Cimo Röcker

Hier im Hinrunden-Einsatz in der U19: Cimo Röcker

Die Rückrunde des vergangenen Jahres verlief für Cimo Röcker wechselhaft. Guten Spielen in der U-Nationalmannschaft und bei der U23 standen blutleere Auftritte in der U19 gegenüber, die dem Beobachter immer wieder das Gefühl vermittelten, der Spieler agiere sehr smart nach einem eigenen Wertesystem. Anbieten hier, nur im Rhythmus bleiben da. Pech kam dann hinzu, als eine Verletzung Röcker im letzten Saisondrittel bis zum Anfang dieser Saison außer Gefecht setzte.

Nach der Wiedergenesung musste er zunächst zusehen, wie die U23, in die er als Profi hochgezogen wurde, überwiegend mit Florian Hartherz auf seiner Position des linken Verteidigers auflief. Die ihm angebotenen Spielzeiten in der U19 nahm er bisweilen etwas lustlos an, war aber trotzdem eine Hilfe. Wobei er sich in der zweiten Hinrundenhälfte den Platz auf der linken Defensivbahn bei der zweiten Mannschaft gesichert zu haben scheint.

Zu Recht, denn seine fußballerischen Fähigkeiten übertreffen diejenigen von Konkurrent Hartherz. Seine Spieleröffnung ist besser, sein Defensivspiel überlegter und sein Passspiel sicherer. Röcker ist regelmäßig im Profitraining, er arbeitet dort sehr konzentriert und bietet eigentlich stets eine Alternative bei der Kaderbesetzung der Position. Er hat den Sprung in den Herrenbereich geschafft und entwickelt sich weiter. Seine Dynamik und sein Spielverständnis reichen für die vierte Liga problemlos aus. Ziel für ihn, wie für die meisten der Spieler, die in der U23 spielen, muss es sein, sowohl direkt als auch indirekt als Mannschaftsbestandteil in der Regionalliga aufzufallen, um unter der Vielzahl der Talente einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Auch, weil er mit dem ein Jahr älteren Hartherz einen direkten Konkurrenten um sich hat.

Gewiss wird die U19 bei den anstehenden Großaufgaben auf ihn zurückgreifen, dann aber geht es an Meisterschafts- oder große Pokalspiele, und da kann man sich auf Röcker verlassen, dort hat er sich immer von seiner allerbesten Seite gezeigt. Verwunderlich, auch wegen seiner guten Auftritte im Nationaldress, dass er zum U19-Aufgebot des DFB derzeit überhaupt keinen Zugang hat, denn beide Verteidigungsseiten sind dort alles andere als zuverlässig besetzt.

Technisch und spielerisch ist Röcker sicher vor Hartherz zu sehen, allerdings klaffen in Sachen defensiver Zuverlässigkeit, Zweikampfrobustheit und Positionstreue deutliche Lücken zu den Anforderungen an einen Bundesligaspieler. Aber das kann, wie häufig gesehen, ganz schnell gehen, der Ausfall Hartherz’ im Trainingslager in Belek hat seine Position sicher nicht geschwächt.
Vor allem Erfahrung aus dem Profitraining und Einsätzen im Herrenbereich werden ihm weiter gut tun. Defensivspieler, die sehr stark von Routine profitieren, brauchen in ihrer Entwicklung zum Bundesligaspieler sowieso länger. Röcker feierte vor zwei Wochen erst seinen 19. Geburtstag und ist, wie schon erwähnt, diese Spielzeit noch für die A-Junioren einsatzberechtigt.

Während Offensivspieler, wie derzeit Özkan Yildirim, schneller gerade als Einwechselspieler eine Alternative für die Bundesliga sind, so dauert es bei Defensivspielern länger, sie setzen sich aber dann, wenn sie soweit sind, aber auch deutlich stärker in der Mannschaft fest. Hier muss also mit zweierlei Maß gemessen werden und zumindest bei der Bewertung von Röckers Stand kann festgehalten werden: der Weg ist noch einige Meter, die Entwicklung aber sichtbar und durchaus gut. Weitermachen.

LEVENT AYCICEK

Eckdaten: offensives Mittelfeld, geboren am 14. Februar 1994 in Nienburg, 165cm groß
Werder: im Verein seit Sommer 2008, Profivertrag bis Sommer 2015
Nationalelf: kein aktueller U-Nationalspieler, insgesamt 30 U-Länderspiele (14 Tore)
Bilanz: diese Saison noch ohne Pflichtspieleinsatz

Während Niclas Füllkrug einen guten Weg zu und bei den Profis nahm, war der Weg von Levent Aycicek kürzer, düsterer und steiniger. Und da fällt man schon mal schneller hin. So war der Mittelfeldspieler nach einem Kreuzbandriss aus dem September 2011 gerade erst genesen, da folgte im Mai 2012 die nächste Verletzung am Knie, dieses Mal machte der Meniskus nicht mit. Vorher hatte der 18-Jährige wieder im Testkick bei den Profis starke Ansätze aufblitzen lassen, Hoffnungen bei sich, den Fans und dem Verein geweckt.

Die hatte er auch, als er im September des letzten Jahres wieder ins Training einstieg – um dann doch wieder aus eben diesem zu entschwinden. Nicht stabil genug fühlte sich das Knie an, es folgte sogar eine weitere OP. Am Rande eines U23-Tests auf Aycicek angesprochen, erklärte Werders Thomas Wolter Mitte Januar, dass wohl vor April auf keinem Fall mit einem Einsatz des Talents zu rechnen sei.

An diesem Wochenende war Aycicek nun wieder bei ersten individuellen Laufeinheiten auf dem Trainingsplatz zu sehen. Laut eigener Aussage ist sein Ziel, am 10. März im DFB-Pokalspiel der A-Junioren gegen Kaiserslautern sein Comeback auf dem Fußballplatz zu feiern. Es wären dann fast anderthalb Jahre vergangen, seitdem er das letzte Mal in einem Pflichtspiel das Werder-Trikot trug, damals gewann am 24. September 2011 die A-Jugend mit 4-1 gegen Union Berlin. Einen doppelten Grund zur Freude erhofft sich Aycicek auch für den 10. März. Und er hofft nicht alleine.

 

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