Kommentar: Umbruch auf allen Ebenen

16.11.12 | von | Kategorie: Allgemeines | 6 Kommentare

Klaus Allofs verlässt den SV Werder. Wem käme da nicht die Geschichte mit dem sinkenden Schiff in den Sinn. Aber so einfach ist das nicht. Zunächst einmal steht es jedem frei, darüber nachzudenken, wo er seine Fähigkeiten am besten einsetzen kann und diese auch entsprechend honoriert erhält, und gegebenenfalls auch demgemäß zu handeln. Ernsthaft kann die Berechtigung dieser Überlegungen nur von ganz hoffnungslosen Romantikern in Zweifel gezogen werden, so dass sich die moralische Diskussion über die Rechtmäßigkeit eines solchen Wechsels letztlich als theoretische Gedankenspielerei erübrigt.

Dass Fußball in den Gefilden der Bundesliga Geschäft und keine Liebhaberei ist, wird ebenfalls niemand bestreiten, der auf der Allofs-Seite des Schreibtisches hockt. Auch insoweit liegt es in der Natur der Sache, dass Angebote und Analysen die emotionale Verbundenheit, so sie denn da ist, in den Hintergrund drängen und die ratio das Handeln bestimmt. Interessant ist, was man daraus folgert und welche Möglichkeiten sich auftun.

Gewiss sind die Verdienste zu würdigen, die sich die geschäftlich-sportliche Führung unter Klaus Allofs ans Revers heften darf, ebenso darf jedoch nicht verkannt werden, dass das System Werder Bremen gerade durch Entscheidungen auf dieser Ebene ins Schlingern geriet.

Waren es einerseits die bis heute nicht geschlossenen Lücken im Führungsbestand der KGaA, die der Weggang Müllers und Borns hinterließ, so sind es andererseits die sportlichen Personalien von Carlos Alberto bis zu Denni Avdic und anderen, die der staunenden Öffentlichkeit nicht in aller Tiefe vermittelt werden konnten und die die Kaderlücken nur noch selten adäquat füllten. Da war er weg von seiner Kompetenz, der Klaus.

Während Allofs mit dem Aufsichtsrat, dem Stadionbau und der Konsolidierung eines durch den Wegfall der internationalen Euros überteuerten Kaders beschäftigt war, wirkten seine Entscheidungen nicht immer souverän, er selbst bisweilen überfordert. Auch er weiß das. Er mag fühlen, dass der SV Werder Bremen eine Aufgabe ist, die ihm mehr abverlangt, als das, worin seine Kernkompetenz besteht und woher seine Erfolge rühren.

Für den SV Werder tut sich umgekehrt die Chance auf, Strukturen nachhaltig zu verändern. Seit Jahren breitet sich auf den sportlichen Entscheidungsebenen ein Ehemaligengeflecht aus, das peinlichst auf die Besitzstandswahrung und die strenge Einhaltung des Krähencomments wacht. Die Kommunikation zwischen Profis und Nachwuchs ist mangelhaft, das Scouting ist inkonsequent und wirkt mehr wie die Goldsuche am Yukon denn wie gezieltes und langfristiges Beobachten und Sichern von Spielern.

Klaus Allofs: drei Jahre als Spieler, dreizehn Jahre als Funktionär beim SV Werder © werderfotos.de

Klaus Allofs: drei Jahre als Spieler, dreizehn Jahre als Funktionär beim SV Werder © werderfotos.de

Wobei die Frage zu diskutieren sein wird, ob dies heute noch zeitgemäß ist, da die Spieler, die man sich über Jahre beguckt, wie seinerzeit Diego, heute viel schneller vom Haken springen. Es sind eben weit mehr Scouts unterwegs als früher, und dass Talente unentdeckt bleiben, ist eher die Ausnahme. Die Mannschaft ist seit dem Verkauf von Özil führungslos geblieben und, machen wir uns nichts vor, auf Hunts Verbleib, der sich dieses Jahr vorsichtig in die Führungsrolle tastet, sind wohl hohe Wettquoten zu erzielen.

Bewegung in allen Bereichen tut dem SV Werder nur gut. Natürlich dauert es den Betrachter und Fan, und wie immer im Werderkosmos fragt man sich, wie das nur weitergehen soll. Aber, und auch das hat die Vergangenheit gezeigt, es wird weitergehen. Die sich hier ergebende Chance muss allerdings auch genutzt und darf nicht durch ein internes Postenverschieben verspielt werden, das darin gipfelt, einen Kandidaten zu installieren, der den Weg unreflektiert fortführt und versucht, den Vorgänger in Art und Darstellung zu kopieren.

Zu wünschen wäre den Bremer Verantwortlichen der Mut, den der FC Bayern mit der Besetzung seiner Schaltzentrale durch den Nicht-Ehemaligen Sammer bewiesen hat. Zwar wird es sicher schwer sein, jemanden mit einem vergleichbaren Rückgrat und Durchsetzungsvermögen im Vereins- und Posten-Dschungel eines neuen Arbeitgebers zu finden, aber der Ansatz sollte verfolgt werden. Hinter den verschlossenen Türen der Personalfinder wird dies bestimmt hitzig diskutiert. Ein glückliches Händchen bei der Personalie ist uns allen zu wünschen.

Nicht außer Acht gelassen werden darf jedoch die Tatsache, dass die Aufgaben, die Allofs zuletzt zukamen, sich nicht allein auf das Treffen von rein sportlichen Entscheidungen beschränkten, sondern auch die Leitung des gesamten Operativbereichs des Millionenunternehmens SV Werder umfassten.

Ob extern oder intern, es erscheint utopisch, hier jemanden finden zu wollen, der diese Aufgabenfülle als Neueinsteiger in Personalunion bewältigen kann. So wird auch in diesem Bereich nach einer personellen Lösung gesucht werden müssen. Leichter wird es dadurch nicht, denn letztlich hebt eine Spaltung der Aufgaben das erst kürzlich initiierte Konstrukt wieder auf und zeigt, dass es nicht auf das Schaffen dauerhafter Strukturen, sondern auf eine Person ausgerichtet war.

Auch hier ist eine Stelle zu besetzen, die politisches Geschick, wirtschaftliches Verständnis und ein hohes Maß an Identifikation mit dem Verein erfordert. Eine örtliche Verwurzelung und Verknüpfung mit der Bremer Wirtschaft wäre mit Sicherheit ebenfalls hilfreich. Auch hier werden die Personalstrukturierer Geschick und Ruhe brauchen, denn, wie bei Werder üblich, sollen keine Minutenentscheidungen gefällt werden, die schnell bereut sind, sondern tragbare Langzeitpersonalien installiert werden, die eine neue Ära unter anderer Leitung einleiten.

Klaus Allofs ist zu danken für sportliche Erfolge, eine blendende Außendarstellung des Vereins, ein Stadion für die nächsten zehn Jahre. Er hat das Haus gut bestellt und wird aufgrund seiner Leistungen stets als Person in Erinnerung bleiben, der der SV Werder viele tolle Jahre zu verdanken hat.

Und das trotz seines Abganges, der Emotionen hat hochkochen lassen. Auch, weil der Neu-Wolfsburger bei dem Versuch, etwas zu sagen, ohne etwas zu sagen, grandios scheiterte. Allofs hatte die Transfersprache in den letzten Jahren mehr und mehr verwässert und schien nun ulkigerweise selbst mit ihr komplett überfordert, als es um seinen eigenen Transfer ging.

Vielleicht kam es dadurch, dass er mit der ganzen Situation überfordert war, dass die neue Herausforderung zwar lockte, aber ein Abgang doch surreal erschien. Vielleicht irritierte ihn, dass die Führungsebene nicht unisono aufschrie, als sie von den Gesprächen erfuhr. Da wurde offenbar auch eine Chance gesehen und – ähnlich wie mit der Transfersprache – sah Allofs sich dem ausgesetzt, was er selber seit Jahren predigte: für ein gewisses Angebot kann jeder Wechselwillige den Verein verlassen.

So ging er dahin und landete den zweitgrößten Paukenschlag seiner Werderzeit. Vom Mann, der Bremen Johan Micoud bescherte, kommt die wohl größte Konsequenz eines Umbruchs: er brach sich selber mit um.