Jürgen L. Born: “Werder bleibt bis zu meinem Tod mein Lieblingsclub”

13.11.12 | von | Kategorie: Allgemeines | 15 Kommentare
Jürgen L. Born, zum Zeitpunkt des Fotos noch in Diensten von Werder Bremen ©werderfotos.de

Jürgen L. Born, zum Zeitpunkt des Fotos noch in Diensten von Werder Bremen ©werderfotos.de

Werders jahrelanger Vorsitzender, Jürgen L. Born, kam viel herum in seinem Leben. Mehr als drei Jahrzehnte arbeitete er für Bankniederlassungen in Argentinien, Paraguay, Brasilien und Uruguay. Aber auch schon vor seiner dortigen Tätigkeit packte ihn das Reisefieber und trieb ihn hinaus auf die hohe See, wo er als Kombüsejunge anheuerte. Während seines Studiums in Hamburg hingegen ließ er es sich nicht entgehen, den Trainingsbetrieb des Hamburger SV in aller Regelmäßigkeit zu stören. Solche und viele weitere Geschichten – auch die Auflösung, warum er einmal ein entscheidenes Meisterschaftsspiel von Werder verpasste – findet man in seiner am 21. November erscheinenden Biographie “Die Born-Identität – Ein Bremer Junge erzählt aus seinem Leben”. Mitgearbeitet hat Autor Michael Kruse am Buch des 72jährigen gebürtigen Berliners.

Es handelt sich dabei um kein reines Werder-Buch, so nimmt seine Zeit als Geschäftsführer in Bremen nur etwa 30 Seiten ein. Dort gibt es aber klare Worte zu seinem Abgang, die man so bisher noch nicht hörte. Und man hätte sie wohl auch nicht gehört, wenn nicht durch Zufall von Born schon vor Jahren niedergeschriebene Anekdoten wieder aufgetaucht wären. Ein Freund hatte sie mitgenommen – und Jahre später wiedergebracht. Darüber, aber natürlich auch über die aktuellen Geschehnisse um Klaus Allofs sowie über mögliche Nachfolger hat er jetzt gesprochen.

Worum.org: Herr Born, wie kam es dazu, dass Sie Ihre Lebensgeschichte aufschreiben?
Jürgen L. Born: Es bestanden schon drei Bände an Reise- und Erlebnisgeschichten sowie weiteres Schriftgut in Form von kleinen Stories, Gedichten und Darstellungen, wie auch das Buch „Der Nachschuss“, welches auf Basis von Ermittlungsakten, Prüfungsberichten, Aussagen und diversen anderen Unterlagen erstellt wurde, im Besitz meiner Söhne ist und da wohl auch bleiben wird. Aus all dem hat Michael Kruse ein für meine Begriffe sehr unterhaltsames und launiges Werk gemacht. Ich bin ihm dafür dankbar.

Wieso hat Ihr Freund Ihr Manuskript mitgenommen und wieso hatte er Ihnen davon nichts erzählt?
Der Freund, der auch im Buch Erwähnung findet, besuchte uns vor vielen Jahren, schlief im Gästezimmer, nahm sich die Erlebnisgeschichten aus der Gästebibliothek, amüsierte sich und nahm die Bände mit nach Deutschland, weil er dachte, es gäbe mehrere Exemplare. Kürzlich, anlässlich eines Herrenabends, legte er sie mit hochrotem Kopf auf den Tisch. Dann wurde vorgelesen und die Gesellschaft zerbarst beinahe in einer überschäumenden Stimmung.

Konnten Teile des Manuskripts wiederverwendet werden, als Sie es wiederbekamen?
Da es sich um fertige Berichte handelt, musste nur ausgewählt, sortiert und ein wenig „veredelt“ werden.

Welche unerzählten Geschichten haben leider nicht ins Buch gefunden?
Es gäbe Stoff für mindestens zwei weitere Bücher.

Gibt es auch Anekdoten, die im Nachhinein gestrichen wurden?
Nein. Obwohl meine geliebte Deutsche Bank manchmal etwas herhalten musste.

Im Kapitel „Grobes Foulspiel“ erheben Sie Vorwürfe gegen die Führungsriege von Werder, als Sie 2009 aus dem Verein ausschieden. Wieso jetzt?
Angeblich leben wir in einem Rechtsstaat. Aber wie wir immer wieder feststellen, ist Recht nicht gleich Gerechtigkeit. Wenn heute jemand einen anderen eines Deliktes bezichtigt, dann muss man keine Beweise beibringen. Im Gegenteil, der andere muss seine Unschuld beweisen. Tut er dies, so heißt es, er erhebt Vorwürfe oder gar, er rechnet ab. Bitte nicht böse sein, aber diese Handhabung verabscheue ich. Immerhin handelte es sich in meinem Fall um eine Kampagne, der man den Vorsatz des Rufmordes und der Verleumdung nur schwerlich absprechen kann. Möglicherweise kommt meine Stellungnahme zu früh, da die Prozesse gegen die Kontaktperson des Aufsichtsratsvorsitzenden, Frau Farè (Ex-Frau von Spielerberater Carlos Delgado, Anm. d. Red.), wegen Einbruch, Diebstahl und Dokumentenfälschung zwar bereits zu eindeutigen Urteilen führten, aber bezüglich des Deliktes der Erpressung noch ermittelt wird. Letztlich erhielt auch ich neben den seinerzeit von der Presse veröffentlichten Drohbriefen auch eine recht deutliche Zahlungsaufforderung an die ehemalige Adresse meiner verstorbenen Mutter. Alles merkwürdig. Immerhin hatte ich zehn Jahre unentgeltlich bei Werder gearbeitet, bin kein Krösus, komme aber auch gut durch und muss mir nicht für einen in dieser Hinsicht unbedeutenden Betrag die Finger schmutzig machen.

Könnten die Vorwürfe, die Sie im Buch formulieren, nicht nachträglich strafrechtliche Konsequenzen für einige bedeuten? Immerhin geht es um Verleumdung, vielleicht sogar Erpressung.
Ich glaube, dass Verleumdung schnell verjährt. Beihilfe zur Erpressung könnte man nach entsprechenden Urteil eventuell strafrechtlich verfolgen, sagen die Rechtsbeistände. Ein Interesse daran habe ich zur Zeit nicht.

Was sagen Sie Kritikern, die Ihnen aufgrund der Veröffentlichung jetzt ein grobes Fouspiel vorwerfen werden?
Ein Foulspiel ist nicht von mir, sondern gegen mich inszeniert worden. Einige Medien haben sich auch schon mal bei mir wegen einer seinerzeit zu breit angebotenen Plattform bei der Veröffentlichung unfundierter Mutmaßungen entschuldigt. Das verändert nicht das Vorgehen, ich erachtete dies jedoch als recht stilvoll.

Wie lief die Zusammenarbeit mit Michael Kruse?
Michael Kruse ist ein Riesentyp, der es sofort verstanden hat, die in allen Unterlagen enthaltene Heiterkeit zu konservieren. Jetzt, wo das Buch fertig ist, kann ich sagen, dass ich seine Freundin, die geniale Schauspielerin Heidi Jürgens, noch besser finde. Das kann Ärger geben. (lacht)

Buch-Cover von "Die Born-Identität"  ©Jürgen L. Born

Buch-Cover von “Die Born-Identität” ©Jürgen L. Born

Wie hoch wird die Auflage des Buches sein, und mit welchen Verkäufen rechnen Sie?
Es gibt erst einmal vornehm ausgedrückt eine Limited Edition, die von Freunden und Sponsoren finanziert ist. Übrigens kostet der ganze Spaß nicht viel und Nachdrucken ist natürlich möglich. Das Buch geht am 21./22. November in den Markt, und es bestehen bereits diverse Großwünsche von Firmen und Freunden. Der Buchhandel soll aber auch in Betracht gezogen werden.

An welche karikativen Einrichtungen wird das Geld fließen?
Wahlweise vorrangig an die Bremer Krebsgesellschaft, Kampf den Krebs (AVS & Friends) und Trauerland.

Kommen wir zum aktuellen Geschehen. Werder steckt mitten im Umbruch. Nun ist Klaus Allofs so gut wie weg und geht zum VfL Wolfsburg. Ist der Zeitpunkt nicht etwas unglücklich?
Wann ist für so etwas der Zeitpunkt glücklich? Vielleicht ist das Ganze in einem unglücklichen Moment an die Öffentlichkeit gegangen. Der Fußball ist generell umsatzstark und öffentlichkeitswirksam. Da ist es schwer, etwas geheim zu halten.

Sehen Sie interne Diskrepanzen, die einen Wechsel nicht unbedingt gestoppt haben?
Klaus Allofs könnte gelegentlich durchaus vermutet haben, Widersacher zu erkennen. Jedenfalls eindeutige Bekenntnisse für ihn kamen erst, als man merkte, dass da für Werder Geld zu verdienen ist. Vorher aber wurde völlig inopportun mitgeteilt, dass man ihm keine Steine in den Weg legen wolle.

Ist die Außendarstellung von Werder, aber auch von Klaus Allofs in den letzten Tagen nicht etwas unglücklich gewesen?
Außendarstellungen sind immer von hohem Schwierigkeitsgrad, wenn der Anlass kompliziert ist. Hier ist er es.

Thomas Schaaf soll seinen Verbleib im letzten Winter eng an den von Klaus Allofs geknüpft haben. Trauen Sie ihm zu, dass er auch mitten in der Saison geht?
Wir wissen ja gar nicht genau, wann jemand geht. Ich meine, das Thema Thomas Schaaf steht zurzeit nicht an. Was morgen ist, weiß in der freien Wirtschaft niemand; wie wäre das auch langweilig.

Von vielen Seiten wird Klaus Allofs nun Charakterschwäche vorgeworfen, weil er mitten im Umbruch den Verein verlässt. Können Sie das nachvollziehen?
Im Fußball wird mal gelobt und mal gesteinigt. Allofs hat eine neue Mannschaft zusammengestellt und langfristige Verträge im Werder-Safe. Soll er gehen, wenn die verfallen? Der Moment für große Entscheidungen ist selten günstig.

Vor einer Woche musste er noch den größten Verlust der Vereinsgeschichte bekanntgeben. Wie schätzen Sie diesen Rekordverlust ein?
Der Verlust ist bitter, aber auch nicht ohne Chance, ihn zu verschmerzen. Ich mache mir mehr Gedanken über das laufende Geschäftsjahr und die mittelfristige Zukunft.

War er zu vermeiden?
Das ist für mich schwer zu beurteilen.

Nach Ihrem Ausscheiden hat Klaus Allofs neben dem Sportdirektor-Posten auch den der Geschäftsführung übernommen. Sollte Werder jetzt beide Posten wieder einzeln besetzen?
Keiner darf mir übel nehmen, dass ich unser System mit vier Geschäftsführern von 1999 bis 2009 gut und nützlich beurteile. Es gab Umfragen, da wurden wir zum besten Management der Bundesliga gekürt. Und der Erfolg war ja auch wirklich da. Auch imagemäßig. Ich weiß nicht genau, wo die Reise Werders hingehen soll, aber eine Fortschreibung der Clubverschlankung erachte ich als gefährlich.

Wen sehen Sie als Favoriten für diese Posten?
Zunächst einmal würde ich Dietmar Beiersdorfer als gute Lösung bezeichnen. Dies nicht nur, weil er ein Auge für das Fußballgeschäft hat, sondern auch, weil er bei KPMG verwaltungstechnisch gedrillt wurde und überdies auch Werder-Bezug bescheinigen kann. Frank Baumann und Marco Bode sind ausbaufähige Kandidaten. Auch Allofs kam ohne große Erfahrungen.

Sie sind gut mit Dietmar Beiersdorfer befreundet, wie oft haben Sie in den letzten Tagen nach Russland telefoniert und mit ihm über Bremen gesprochen?
Meine letzten Kontakte liegen allerdings etwas zurück und beschränken sich auf ein Gespräch in Belek/Türkei sowie ein kürzliches Essen in Hamburg, bei welchem wir – keiner wird es glauben – über das Geschäft mit Sojabohnen sprachen, und dies nicht, weil Willi Soja mal früher zu meinen Werder-Lieblingsspielern zählte, sondern, weil meine Familie in Südamerika dem Soja-Anbau und Beiersdorfer über Verwandtschaft in New York dem Soja-Handel nahesteht.

Egal, wer es wird, bekommt derjenige denn direkt einen Anruf mit Hilfeangebot und Kontakten aus Südamerika?
Beim Verein kann grundsätzlich jeder mit meiner Hilfe rechnen. Werder bleibt bis zu meinem Tod mein Lieblingsclub, daran kann niemand etwas ändern.

Haben Sie Sorge vor den nächsten Wochen?
Würde ich mir keine Sorgen machen, so wäre ich sehr oberflächlich. Der angestrebte Umbruch verläuft noch nicht ganz so, wie ich ihn mir vorstelle. Details würde ich aber lieber einmal beim Bier mit den Verantwortlichen besprechen, bevor ich mich dazu in der Öffentlichkeit äußere.

Wo wird Werder am Ende der Saison stehen?
Mein größter Wunsch ist, wieder international dabei zu sein.

Ihr Tipp für das Spiel am Sonntag?
2:1 für Werder.

 

Weitere Infos zur Buchveröffentlichung und zum Erwerb werden wir zeitnah im Forum mitteilen.