Werders Talente Teil 5: Aleks Stevanovic & Özkan Yildirim

06.02.12 | von | Kategorie: Spieler | 8 Kommentare

Im Teil 5 unser Serie über Werders Talente geht es zu zwei Spielern, die besser nur eines verbinden sollte: den Teamkameraden mit gleichen Nachnamen. Während Özkan Yildirims U19-Kollege Orhan Yildirim nicht mit ihm verwandt ist hat Aleksandar Stevanovic in Predrag seinen älteren Bruder bei Werder, der ihm den Wechsel nach Bremen erleichterte. Trotz ähnlicher Frisur unterscheidet beide beim Auftreten aber nicht nur die Körpergröße: Predrag wirkt liebt, Aleks wirkt böse. Das ist er eigentlich aber nicht, aufgrund seiner Kreuzbandverletzung bietet sich aber derzeit auch wenig Grund für beste Laune. Und damit hat er dann die passende Parallele zu Özkan Yildirim: der verletzte sich beim ersten Profitraining im Sommer und dürfte aufgrund der folgenden hartnäckigen und langwierigen Verletzungsprobleme auch nicht freudestrahlend durch Bremen laufen.

ALEKSANDAR STEVANOVIC

Eckdaten: defensives Mittelfeld, geboren am 16. Februar 1992 in Essen, 175cm groß
Werder: im Verein seit Sommer 2011, Profivertrag bis Sommer 2014
Nationalelf: kein aktueller Nationalspieler
Bilanz: 15 Spiele / 0 Tore / 0 Vorlagen in der U23, 1 Spiel / 0 Tore / 0 Vorlagen bei den Profis

Von 100 auf 0 in nur einem Monat. So ging es Aleksandar Stevanovic nach seinem Bundesligadebüt am 19. November in Gladbach. Am 1. Dezember wurde vermeldet, dass der Deutsch-Serbe sich das Kreuzband angerissen hatte. Der kicker meldete drei Wochen später: Die Ausfallzeit erhöht sich, weil nicht, wie zuerst angenommen, nur ein Anriss, sondern ein Riss des Kreuzbandes vorliege.

Es war das vorläufige Ende eines Weges, der in der Sommervorbereitung anfing. Dort war Stevanovic, der am 16. Februar seinen 20. Geburtstag feiert, eine der Überraschungen und aufgrund seiner bissigen Spielweise schnell auf der Favoritenliste vieler Fans gelandet. Seine Auftritte in den Trainingseinheiten und Testspielen hatten etwas aus der Insektenwelt: Für den Gegenspieler wie eine nervige Wespe, die man nicht los wird, trat Stevanovic mit Hummeln im Hintern auf.

Aleksandar Stevanovic, kam 2011 vom  FC Schalke 04

Aleksandar Stevanovic, kam 2011 vom FC Schalke 04

Ihn zeichnet ein unbändiger Wille in den Zweikämpfen aus, er ist drahtig, seine Bewegungen aufgrund enormer Körperspannung von hoher Wendigkeit geprägt. Ballgewinne erreicht er durch solche Situationen häufig, seine Beine, wenn auch bei 1,75m Körpergröße nicht sonderlich lang, sind immer wieder versucht, dem Gegenspieler den Ball wegzuspitzeln.

Sein größtes Problem kommt bei den Zweikämpfen allerdings schnell zum Vorschein: die mangelnde (Muskel-)Masse. Deutlich sichtbar ist, dass Stevanovic hier noch nicht im Herrenbereich angekommen ist, weswegen er auch in seiner letzten A-Junioren-Saison nicht vorzeitig im Profibereich debütierte. Noch ist es viel zu einfach, den Mittelfeldspieler in Zweikämpfen schlichtweg wegzuschieben, den Körper in den Mann zu stellen. Erschwerend kommt hinzu, dass Stevanovic’ Technik in den defensiven Zweikämpfen so angelegt ist, als habe er die entsprechende körperliche Robustheit dafür. Solange er diese aber nicht innehat, wäre es eine gute Möglichkeit, sich in dem Bereich weiterzuentwickeln und an der Feinheit zu feilen, mit ein, zwei gezielten Versuchen den Ball zu erobern, anstatt mit zehn etwas unkontrollierten Stocherversuchen.

Seine mehrmonatige Verletzungspause könnte in punkto mangelnder Masse ebenfalls für Abhilfe sorgen, kam doch beispielsweise Florian Trinks nach seiner Verletzung mit deutlich verbesserter Physis aus der Reha. Zu Saisonbeginn wurde bei Stevanovic ein Gewicht von 65kg angegeben, vergleichbare Spielertypen mit der passenden Größe haben bis zu zehn Kilo mehr auf den Rippen. Zu hoffen bleibt, dass bei einer Verbesserung der Physis keine Dynamik und Spritzigkeit verloren geht.

An seiner Laufstärke dürfte Stevanovic so oder so nichts einbüßen, er ist sehr viel unterwegs, geht viele Wege. Sein Stellungsspiel ist von Konzentration geprägt, beinahe hektisch wirkend blickt er sich immer wieder um, versucht sein Hirn ständig bezüglich der Positionen seiner Gegenspieler und der Raumaufteilung auf dem Laufenden zu halten. Hierbei fällt auf, dass er stark im Verschieben ist, die Übersicht in der Defensive immer behält. Geht ein Verteidiger mit nach vorne, deckt Stevanovic dessen Position ab, er rückt in die Viererkette, wenn jemand herausweicht. Geht ein Mitspieler auf einen Gegenspieler, so hat er ein gutes Gefühl für den Raum und mögliche Anspielkandidaten. In der Entscheidungsfindung wird ihm Erfahrung zugute kommen, da er sich noch zu oft locken lässt und dann wider besseren Wissens eine Anspielstation freilegt.

In der Offensive wird der Ball gut von ihm abgeschirmt, seine Ballsicherheit ist durchaus ansehnlich, aber im Eins-gegen-Eins auch noch von seiner Physis negativ beeinflusst. Mit Ball am Fuß und Raum bewegt er sich mit gutem Spielverständnis, seine Pässe sind sauber und präzise. Seine Präsenz aus dem Nachwuchsbereich konnte er bisher nicht in den Profibereich retten, hier ist noch Luft nach oben. In der U23 konnte er es zu Saisonbeginn andeuten, allerdings wird er so dominant wie in der Jugend in der ersten Bundesliga nicht auftreten können, zu schnell ist das Tempo, zu wenig Räume bieten sich.

Aleks Stevanovic spielt seine Pässe wie erwähnt präzise, allerdings selten inspiriert. Hier wird nach dem Prinzip agiert, dass er den Ball erobert und dann an einen offensiven Kollegen weitergibt, der dann etwas Kreatives damit anfangen soll. Stevanovic initiiert zu wenig, kreiert selten. Da er technisch beschlagen ist, wäre es interessant zu sehen, ob er seine Teamkollegen im Aufbau direkter einsetzen kann, anstatt sich auf den ersten, leichten Pass im Spielaufbau zu beschränken. In dieser zentralen Position fordert Stevanovic nicht selten die Bälle, er belebt das Passspiel und hält das Tempo dadurch hoch. Seine Bewegung nach Abspielen ist oft vorbildlich, er versucht, sich sofort wieder als Anspielstation anzubieten. Ein Mann für One Touch-Spielaufbau, der durch seine Interpretation des Aufbaus und das In-Bewegung-Halten seiner Mitspieler zwangsläufig für Räume sorgt.

Wenn sich der gebürtige Essener in die Offensive einschaltet, dann meist auf direktem Wege mit dem Ball am Fuß. Der Großteil seiner Tore in der Jugend fiel so, sie bescherten ihm eine Quote von einem Treffer in fast jedem zweiten Spiel. Bei Hallenturnieren, wo der Weg nach vorne kürzer war, konnte er sich in aller Regelmäßigkeit als bester Torschütze seines Teams feiern lassen.

Was die Zukunft für Aleksandar Stevanovic bringt, scheint zumindest positionstechnisch offen. Aufgrund von personellen Problemen rückte er in seinen letzten U23-Einsätzen auf die Position des rechten Verteidigers. Defensiv ist er sicher, doch ist fraglich, wie viel er dort für die Offensive erledigen kann. Den Antritt bringt er dank geringer Übersetzung mit, auch seine Grundschnelligkeit ist auf gutem Niveau. Dennoch: Flankenläufe waren eine Seltenheit, überhaupt spielten Flanken in seinem Fußballerleben bisher nur eine sehr kleine Rolle. Vor seinen Auftritten auf der rechten Seite wirkte Stevanovic zentral etwas überspielt, wollte zu viel, agierte überhastet in seinen Aktionen und verursachte dadurch Probleme. Er hatte auch am vierten Spieltag in der Saison einen Auftritt, bei dem er früh im Spiel durch einen Fehler ein Gegentor verursachte und dann völlig den Faden verlor. Nichts gelang ihm mehr, man durfte froh sein, dass er bei der Auswechslung zehn Minuten vor Halbzeitpfiff den Weg zur richtigen Spielerbank fand.

Der Weg nach der Verletzungspause führt hingegen hoffentlich schnell zur richtigen Spielerbank: der der Profis. Zu sehr verkörpert Aleks Stevanovic einen interessanten Spielertyp in der Zentrale, der durch sein Selbstverständnis des Fußballspiels mittelfristig auch eine Führungsrolle einnehmen könnte. Man kann allerdings nicht deutlich genug werden, wie wichtig für die Spielweise eines Gennaro Gattuso eben dessen enorm robuster Körper vonnöten ist. Werder Bremen hat sich hier, im Einklang mit der neuen Philosophie, wie bei Aleks’ Bruder Predrag dazu entschieden, auf das spielerische Potenzial zu setzen und das Risiko zu gehen, dass die physische Entwicklung Zeit braucht oder im schlimmsten Falle gar nicht auf entsprechendes Niveau kommt. Beim FC Schalke überwog die Skepsis, vor der letzten Entscheidung zum Wechsel nach Bremen probierte der damalige Neu-Coach Ralf Rangnick Stevanovic im Profitraining aus.

Am Ende aber ging Aleksandar – wie sein älterer Bruder nicht mal ein halbes Jahr vorher – zum SV Werder, der, anders als oft verkündet, den 19jährigen aus seinem Schalke-Vertrag herauskaufen musste. Die nächste Einschätzung, ob sich die Investition gelohnt hat, wird leider frühestens in der Vorbereitung auf die kommende Saison möglich sein. Doch bei Sommertrainingslagern hat der aus Gelsenkirchen Befreite schon einmal für Aufmerksamkeit gesorgt.

 

ÖZKAN YILDIRIM

Eckdaten: offensives Mittelfeld, geboren am 10. April 1993 in Sulingen, 172cm groß
Werder: im Verein seit Sommer 2003, Profivertrag bis Sommer 2013
Nationalelf: aktueller U19-Nationalspieler (noch ohne Einsatz), insgesamt 23 U-Länderspiele (4 Tore)
Bilanz: noch ohne Einsatz

Eigentlich müsste der Name Özkan Yildirim bei Diskussionen über Talente des SV Werder immer und immer wieder fallen. Dass er das nicht tut, liegt an hartnäckigen Verletzungsproblemen. Zunächst heilte ein Wadenbeinbruch sehr langsam, danach folgte eine Knie-OP wegen eines Außenmeniskusanrisses sowie Folgeprobleme, die bis zum heutigen Tag einen vernünftigen Wiedereinstieg ins Mannschaftstraining, geschweige denn den ersten Einsatz in einem Spiel dieser Saison verhindern. Die folgende Betrachtung geht allerdings davon aus, dass er, komplett wiederhergestellt, an seine ursprünglichen Leistungen anknüpft. Seine Entwicklung muss wegen dieser Fehlzeit anhand der beiden letzten Spielzeiten betrachtet werden.

Özkan Yildirim, kam 2003 vom TuS Sulingen

Özkan Yildirim, kam 2003 vom TuS Sulingen

Özkan ist bereits seit der frühesten Jugend bei Werder und seitdem als Stürmer und auf den offensiven Mittelfeldpositionen ein herausragend gefährlicher Spieler. Klein von Wuchs, aber mit großer Dynamik, liebt Yildirim das Spiel mit dem Ball. Seine Ballführung ist fantastisch, er verliert auch mit der Kugel am Fuß kaum Tempo. Die Dribblings sind fintenreich, die geschlagenen Haken hasenhaft, seine kurzen Abspiele, gerne lässig aussehend mit dem Außenrist, ebenso überraschend wie präzise. Er spielt ausnehmend trickreich, wobei er nie versucht, den Gegner vorzuführen, sein Spiel ist von Natur so. Wendig im Strafraum und mit einem guten Gespür für Gefahrensituationen ist er auf allen Offensivpositionen stets torgefährlich. Durch seine Schussstärke und überragende Technik kann Yildirim Abwehrreihen in den Wahnsinn treiben. Sein Spiel ist elegant und mittlerweile auch so mannschaftsdienlich, dass er das Spektrum jeder Mannschaft erweitert.

Allerdings hat er einen Gutteil seiner Eigenschaften erst in der letzten Saison in der U19 zur vollen Blüte gebracht. Noch in seinem zweiten B-Jugendjahr hat er seine Talente nicht in den Dienst der Mannschaft gestellt und fiel sogar aus dem Kader der Nationalmannschaft. Erst gegen Ende jener Saison schien er begriffen zu haben, dass er ohne die Zusammenarbeit mit den Mannschaftskameraden scheitern würde. In der U17-Spielzeit erweckte er, wie dies leicht bei dribbelstarken Spielern der Fall zu sein scheint, den Eindruck, ein Egomane zu sein, dessen einziges Ziel es war, sich selbst ins rechte Licht zu rücken.

Überwiegend im rechten oder zentralen Mittelfeld eingesetzt, war seine Rückwärtsbewegung nicht existent und auffällig häufig übersah er die besser postierten Spieler. Zu vermuten ist, dass er sich – bewusst oder unbewusst – auf einen mannschaftsinternen Zweikampf mit Aycicek eingelassen hatte, bei dem beide zu Lasten der Mannschaft agierten. Offensichtlich hat er diese Mängel erkannt und abgestellt, denn in der letzten Saison hat der 18jährige noch einmal einen Riesensprung gemacht, der mit einem ersten Einsatz in der U23 belohnt wurde. Insbesondere die Einbindung seiner Mitspieler hat seinem Spiel gut getan, denn er ist immer in der Lage, aus einem Getümmel, das er durch seine Dribblings angezettelt hat, den Ball auf engstem Raum in Lücken zu stecken, in denen seine Mitspieler lauern. Auch dosiert er den Anteil von rationalem Spiel und Trickfeuerwerk, so dass er nicht auszurechnen ist.

Natürlich drängt sich gleichwohl der Vergleich mit Aycicek auf, der von Statur und der grundsätzlichen Spielanlage ähnlich wirkt. Allerdings ist Ayciceks Spiel eher auf den eigenen Abschluss gerichtet, insbesondere aus der Distanz, während Yildirim eher aus dem Strafraum den Abschluss sucht und die Abspielvariante bevorzugt. Auch ihre Dribblings sind nur ähnlich, auch ähnlich gefährlich, aber nicht identisch. Alpinistisch verglichen ist Aycicek Super-G und Yildirim Slalomspezialist. Yildirim ist in der Einteilung seiner Aktionen reifer, er ist über das gesamte Spiel präsenter als Aycicek, der von Zeit zu Zeit ganz abtaucht. Ob diese beiden herausragenden Offensivkräfte tatsächlich harmonieren können, wird die Zukunft zeigen. Yildirims offensichtliche Lernfähigkeit spricht dafür.

Perspektivisch besetzt Yildirim eine Spielposition, die ihm den Sprung in die Profimannschaft ermöglichen sollte. Er bietet sich zunächst als Einwechselspieler an, da er immer in der Lage ist, Gegenspieler zu binden und einen gehörigen Wirbel zu entfachen. Bestenfalls Marko Marin kann dies an guten Tagen, Yildirim hat wegen seiner größeren Kompaktheit und der Effektivität aber das Potenzial, dies konstanter als Marin ins Spiel einzubringen – wenn er sein Spiel im Herrenbereich genauso aufziehen und entfalten kann.

Die Stärken des Sulingers liegen eindeutig im Offensivspiel, ob er die Teilnahme an der Defensive auch so verinnerlicht hat wie sein stark verbessertes Mannschaftsspiel, wird er nach seiner Genesung zeigen und beweisen müssen. Der erwähnte Anflug des Egoismus sowie das mangelnde Annehmen der Defensivarbeit mögen auf das jugendliche Alter zurückzuführen sein, hat doch Yildirim ansonsten wegen seiner bodenständigen Art und guten Einstellung nicht nur bei Werder, sondern auch beim DFB einen sehr guten Ruf. Seit Sommer 2008 läuft er für die deutschen U-Mannschaften auf, war nicht nur Stamm- sondern auch Führungsspieler. Im November 2010 trug er erstmals die Kapitänsbinde bei einem Länderspiel, sollte im letzten Sommer vorzeitig für die EM-Qualifikation in die deutsche U19-Nationalmannschaft aufrücken. Damals wie heute hinderte eine Verletzung Özkan am Spielen.

 

WorumWiki-Profile von Aleks Stevanovic (klick) und Özkan Yildirim (klick). Fotos von Worum-Usern zur Verfügung gestellt.

Teil 1: Niclas Füllkrug & Alexander Hahn
Teil 2: Cimo Röcker & Marnon Busch
Teil 3: Levent Aycicek & Julian von Haacke
Teil 4: Marcel Hilßner & Lukas Fröde