Werders Talente Teil 3: Levent Aycicek & Julian von Haacke

02.02.12 | von | Kategorie: Spieler | 9 Kommentare

Zuerst hatten wir mit Niclas Füllkrug und Alexander Hahn zwei Spieler des 93er Jahrgangs, die den Großteil ihrer Saison bei der U23 kickten. In Teil zwei ging es um zwei U19-Spieler mit den Außenverteidigern Cimo Röcker und Marnon Busch. In der dritten Ausgabe über Werders Talente widmen wir uns wieder zwei A-Juniorenspielern des 94er Jahrgangs, die beide zudem das spielerische Element vereint. Dem leider verletzten Levent Aycicek, der in den Wochen vor seinem Kreuzbandriss drei Testspiele bei den Profis absolvierte, sogar einmal netzen konnte. Sein Artikelpartner ist Julian von Haacke, der flexible Mittelfeldspieler, der in Abwesenheit von Aycicek und Orhan Yildirim die spielerischen Aufgaben der U19 erledigen muss.

LEVENT AYCICEK

Eckdaten: offensives Mittelfeld, geboren am 14. Februar 1994 in Nienburg, 165cm groß
Werder: im Verein seit Sommer 2008, Profivertrag bis Sommer 2015
Nationalelf: aktueller U18-Nationalspieler (noch ohne Einsatz), insgesamt 30 U-Länderspiele (14 Tore)
Bilanz: diese Saison 5 Spiele / 0 Tore / 2 Vorlagen in der U19

Levent Aycicek, kam 2008 von Hannover 96

Levent Aycicek, kam 2008 von Hannover 96

Wie wird Aycicek mit seiner Kreuzbandverletzung umgehen? Eine positive Antwort auf diese Frage ist Voraussetzung für seinen weiteren Werdegang. Wir können weder sein Verhalten in der Reha noch seine Fortschritte beurteilen, drücken ihm aber natürlich die Daumen, dass er an seine bisher gezeigten, nicht selten überragenden Leistungen anknüpfen kann. Gehen wir einfach zugunsten von seiner Karriere davon aus, dass er vollständig wiederhergestellt und ihm eine ausreichende Betreuung an die Seite gestellt wird, die ihm hilft, das Vertrauen in seinen Körper wiederzugewinnen. Zudem haben einige Spieler, die aus der Reha kamen, gerade in körperlicher Hinsicht erhebliche Fortschritte gemacht, zuletzt Florian Trinks, der dann sofort den Weg in den Profikader fand. Hoffen wir, dass Aycicek aus dem Ärger über die Verletzung trotzdem etwas Positives mitnimmt. Levent wirkt pfiffig und ausreichend ausgeglichen, um den Heilungsweg ruhig und konzentriert zu gehen.

Der 17-jährige hat in seinen Jahren seit der U15 eine herausragende Qualität gezeigt, die diesem Jahrgang immer wieder stark geholfen hat: er entscheidet Spiele. Fußballerisch eher Diego als Micoud, körperlich eher Marin als Diego, sind sein Zug zum Tor, seine überragende Ballführung, seine exzellente Schusstechnik (trotz für seine Größe beachtlich großer Füße) und sein eiskalter Abschluss die tragenden Eigenschaften seines Spiels. Auch hat er an der Präzision seines schwächeren linken Fußes gearbeitet, das Tor im Finale um die B-Juniorenmeisterschaft bewies es.

Levent spielt meist auf der Zehn, kann aber auch als hängende Spitze oder als offensiver Halbpositionsspieler eingesetzt werden. Wird er über die Dauer eines Spiels zu stark eingeengt, ist er in der Lage, sich durch kluges Rochieren Raum zu verschaffen, denn seine beste Wirkung erzielt er stets dann, wenn er mit seinen Tempoläufen auf den gegnerischen Sechzehner zustürmt. Seine Dribblings in den gegnerischen Strafaum sind unwiderstehlich und alles, was um die zwanzig Meter vor dem Tor zum Abschluss taugt, ist brandgefährlich. Im Defensivzweikampf Mann gegen Mann setzt sich Levent gut durch, trotz der geringen Größe ist er stabil, robust und standfest. Neben seiner eigenen Gefährlichkeit kann er durchaus die berühmten tödlichen Pässe in die Spitze spielen.

Diese kommen aber teilweise zu spät und an manchen Tagen zu selten. Aus seiner Spielnatur heraus ist Ayciceks Spiel stets ein wenig selbstverliebt. Gewohnt, immer einen Weg zum eigenen Abschluss zu finden, fehlt ihm zeitweise die Übersicht. Unproblematisch an guten Tagen, doof an denen, wo der Gegner ihn stellt und die Läufe verpuffen. Sicher ein auch seiner Jugend geschuldetes Phänomen, aber von Zeit zu Zeit wird das von ihm getragene Spiel sehr mittellastig und ausrechenbar. Noch hat er im Spiel zu lange Pausen, in denen er untertaucht, leider auch in Spielen, die eng und unbequem sind. Man kann ihn aus dem Spiel nehmen. Mit ein Grund, warum sich der Jahrgang seit jeher gegen klug mauernde Mannschaften so schwer tut.

Passend zu der fehlenden Konstanz über ein Spiel ist auch die zu stabilisierende Defensivarbeit. Den Zehner, der hinter den Stürmern lauert und von allen Abwehraufgaben befreit ist, gibt es kaum noch. Levent ist zwar sehr gut in der Balleroberung, seine Defensivarbeit ist an manchen Tagen jedoch sehr sprunghaft. Hatte er in der U15 noch Freistoßtore am Fließband geschossen, stagniert er nun im Standardbereich, zu viele direkte Freistöße in die Mauer, zu viele Hereingaben, die nicht hinter den ersten Defensivspieler kamen. Üben, mit der Schusstechnik kann da mehr drin sein. Nicht üben, sondern Füße weg von den Elfmetern. Seine Quote ist zu schwach, als dass dieses Risiko vertretbar ist, zumal er stets die Elfer flach schiebt.

Levent wird, seine Genesung wieder vorausgesetzt, in der nächsten Saison zum Profikader gehören, sein Profivertrag läuft bis Sommer 2015. Ob er zunächst zur Wieder-Eingewöhnung noch U23 oder U19 spielen wird, sei dahingestellt. Intern steht bereits fest, dass er diese Saison nicht mehr spielen wird (etwas anderes mag gelten, wenn die U19 wider Erwarten noch um die deutsche Meisterschaft spielt und die Saison sich so verlängert).

Schaaf schätzt ihn, auch wegen der guten Trainingsleistungen bei den Profis. Seine Chancen auf einen Pflichtspieleinsatz bereits in dieser Saison hätten in Anbetracht des dürftigen Spiels der Kreativzentrale sehr gut gestanden. Aycicek ist effektiver als Trinks und Marin. Er ist zielstrebiger und torgefährlicher als die beiden. Im Gegensatz zu Marin ist er in der Lage, Pässe in die Spitze zu spielen und gegenüber Trinks ist er der dynamischere Spieler. Einen Ekici in dessen derzeitiger Form braucht er nicht zu fürchten, denn auch hier ist Levent in der Lage, schneller und engagierter zu spielen.

Aycicek hat den Körperbau, ist zudem wendig und flink genug, um frühzeitig im Profibereich als Alternative von der Bank zu kommen. Im Gegensatz zu Defensivspielern kann die Unerfahrenheit auch ein Plus sein. Marko Marin kam unter ähnlichen Voraussetzungen und in ähnlichem Alter zu seinem Debüt. Und bei Aycicek wäre dies in dieser Saison auch der Fall gewesen, wenn die Verletzung es nicht verhindert hätte. Trotzdem: Das „ob“ ist bei ihm keine Frage, lediglich das „wann“.

 

JULIAN VON HAACKE

Eckdaten: zentrales Mittelfeld, geboren am 14. Februar 1994 in Bremen, 181cm groß
Werder: im Verein seit Sommer 2006, Vertrag bis Sommer 2013
Nationalelf: kein aktueller Nationalspieler, insgesamt 3 U-Länderspiele (kein Tor)
Bilanz: diese Saison 12 Spiele / 5 Tore / 4 Vorlagen in der U19

Von Haacke ist ein waschechter Bremer, mit Weserwasser getauft, der nie weiter als einen Kilometer vom Weserstadion entfernt gewohnt hat. Der 17-jährige fühlt sich als “absoluter Bremer”, wie er im letzten August im Worum-Interview verriet. Natürlich hoffen alle Beteiligten, mal wieder ein echtes Kind der Heimatstadt des Klubs im Bremer Weserstadion bejubeln zu dürfen. Wir sind gespannt.

In der U17 schien von Haacke im letzten Jahr als Sechser auf der Position, in der er seine strategischen Qualitäten am besten einbringen konnte, angekommen zu sein. Insbesondere sein sicheres Zusammenspiel mit Aycicek schuf im Mittelfeld der B-Junioren viele interessante und spielentscheidende Situationen. In der U19 wird auf einen Zerstörer vor der Abwehr vertraut, also rückte von Haacke zunächst auf die Halbposition und nach dem Ausfall von Aycicek auf die Zehn, um über den Umweg auf der Sechs zuletzt wieder über die Halbposition zu kommen, wobei er mit seinem jeweiligen Pendant regelmäßig während des Spiels rochiert. Ein Beweis für seine Variabilität, zumal er – mit Ausnahme eines katastrophalen Auftritts gegen Cottbus – stets ordentlich, teilweise herausragend spielte. Es verbleibt jedoch der Eindruck, dass seine ideale Position noch nicht gefunden ist. Torgefährlich aus dem Spiel und bei Freistößen, mit guten Standards als Vorbereiter, feiner Technik sowie klugen Pässen und Flanken in der Offensive, Biss, einem guten Stellungsspiel und einem gewissen Maß an Aggressivität in der Defensive, ist von Haacke wie geschaffen für einen Box-to-Box Spieler, der im Mittelfeld theoretisch alles kann, für den es im Werdersystem jedoch eine richtige Rolle nicht gibt.

Julian von Haacke, kam 2006 von FC Union 60 Bremen

Julian von Haacke, kam 2006 von FC Union 60 Bremen

Julian von Haacke ist laufstark und, wenn man genau achtgibt, mittlerweile jederzeit in der Lage, seinen linken Fuß ohne einen gedanklichen Zeitverlust einzusetzen, sowohl zum Flanken als auch bei Fernschüssen. Sein Spiel ist häufig pfiffig, manchmal etwas leichtfertig, aber immer attraktiv. Er ist durchtrieben, im positiven Sinne schlitzohrig, für den Gegner allerdings erfreulich oft nervtötend und provokativ. Sowohl das defensive als auch das offensive Umschalten kann er noch weiter beschleunigen.

Toller Spieler eigentlich, aber wo fehlt es? Von Haacke ist eher schmal gebaut, bisweilen wirkt er, als fehle es ihm ein wenig an Durchsetzungsvermögen. Hinzu kommt, dass er eine gewisse Grundarroganz ausstrahlt, die an mittleren und – zum Glück seltenen – schlechten Tagen darin gipfelt, dass er die gerade von Trainern erwartete ordentliche und permanente Körperspannung brutal verweigert. Das Prinzip des Nachsetzens ist in seiner Spielweise nicht gerade tief verankert, was dazu führte, dass sein Spiel etwas lustlos schien. Merkwürdig ist dabei, dass er ehrgeizig und verbissen ist wie kaum ein anderer Spieler. Für die am Rande stehenden Zuschauer und Trainer wirkt diese Mischung bisweilen etwas aufreizend. Entsprechend unsicher sind insbesondere die Bewertungen aus dem unmittelbaren Umfeld des U23-Trainerstabes, die von Haackes Spiel und Haltung derzeit als zu lässig kritisieren. Offensichtlich arbeiten alle Beteiligten daran, denn in den letzten Rückrundenspielen ging er auch die Wege, für die er sich zu Beginn der Saison bisweilen noch für zu fein hielt, oder die er als überflüssig erachtete.

Die Bereiche, in denen sich von Haacke steigern muss, sind diejenigen, die für einen Jugendlichen besonders schwer zu erreichen sind, da sie sich im Kopf abspielen. Er sollte lernen, sein Spiel auch gegen Widerstände durchzubringen und auch dann mutig weiter im Spiel zu arbeiten, wenn die Zeichen gegen die Truppe stehen. Auch wird im Herrenbereich die Gegenwehr und Härte gegen einen Spieler wie ihn extremer, konsequenter und vor allem regelmäßiger.

Es wäre ärgerlich, wenn ein Spieler wie er von anderen überholt würde, deren rein fußballerisches Potential weit geringer, deren zur Schau getragenes Engagement jedoch größer ist. Aber Julian erscheint klug und noch jung genug, um diesen Weg zu finden. Bei seinen strategischen Anlagen muss man von ihm mittelfristig erwarten, dass er in engen Spielen mutiger den Ball und die Verantwortung für das Spiel fordert. Zudem dürften ihm zwei Kilo mehr an Muskelmasse im Oberkörperbereich nicht schaden, dies wird jedoch die allgemeine körperliche Entwicklung mit sich bringen.

Interessant wird zu beobachten sein, wohin ihn sein Weg im nächsten Jahr führen wird. Mit den dazustoßenden Spielern aus der U17 hätte Werder eine konkurrenzfähige U19, die versuchen kann, den Makel des verlorenen U17-Endspiels des letzten Jahres zu tilgen. Verlassen wieder die besten Spieler des älteren Jahrgangs die U19 in die U23 wird die Motivation, ein weiteres Jahr in der A-Jugend zu spielen, nicht nur bei ihm nicht wachsen. Ob er allerdings begeistert sein wird, in der Regionalliga zu spielen, ist, wie bei vielen anderen auch, sicher fraglich.

Von den fußballerischen Anlagen ist von Haacke der kompletteste Spieler des 94er Jahrgangs. In der Spielanlage eher moderner Achter, ist er positionell bestens gerüstet. Begreift sein Kopf, was die Beine leisten können, wird er mit Sicherheit in den Profibereich gelangen. Er und auch der Verein, bei dem er in Zukunft spielen wird, werden Geduld brauchen, um seine strategischen Fähigkeiten bei den Senioren zur Wirkung zu bringen. Ob dies der SV Werder sein wird, darf bezweifelt werden. Zu viele erwachsener wirkende Spieler drängen nach vorn, zu untypisch ist die Spielweise von Haackes für den Verein. Besonders das Werder, das in der Vergangenheit noch sehr stark auf Physis, wenig auf Spielerisches setzte, dürfte mit einem solchen Spieler seine Probleme gehabt haben. Wie man ihn innerhalb der heutigen Ausrichtung sieht, wird auch davon abhängen, inwieweit man selber den neuen Gedanken schon trägt und nicht nur propagiert.

 

WorumWiki-Profile von Levent Aycicek (klick) und Julian von Haacke (klick). Fotos von einem Worum-User zur Verfügung gestellt.

Teil 1: Niclas Füllkrug & Alexander Hahn
Teil 2: Cimo Röcker & Marnon Busch
Teil 4: Marcel Hilßner & Lukas Fröde
Teil 5: Aleks Stevanovic & Özkan Yildirim