Gastbeitrag: Zlatko Junuzovic im Profil

30.01.12 | von | Kategorie: Fußball allgemein | 7 Kommentare

Die medizinischen Checks absolviert, die Verträge unterzeichnet, die Tinte trocken. Es ist fix: Zlatko Junuzovic wechselt von Österreichs höchster Spielklasse in die deutsche Bundesliga, von Austria Wien zu Werder Bremen. In einem Gastbeitrag für worum.org nimmt Pascal Günsberg von 1911aktuell.at den neuen Spielmacher der Grün-Weißen unter die Lupe.

Standardschütze Zlatko Junuzovic (c)austriafans.at/1911aktuell.at

Standardschütze Zlatko Junuzovic (c)austriafans.at/1911aktuell.at

DATEN & FAKTEN

Name: Zlatko Junuzovic
Spitznamen: Juno, Sladdi
Geburtsdatum: 26.09.1987 (24 Jahre)
Nationalität: Österreich
Position: Offensivallrounder
Größe: 173cm
Gewicht: 65kg
Bisherige Vereine: GAK, SK Austria Kärnten, FK Austria Wien
Spiele in öst. Bundesliga: 204
Tore in öst. Bundesliga: 33
Länderspiele: 16 (ein Tor)

LEBENSLAUF

Aufgrund des Bürgerkriegs in seiner Heimat Zvornik (Jugoslawien, heute Bosnien/Herzegowina) wanderten Vahid und Marica Junuzovic 1992 gemeinsam mit ihren beiden Kindern Elsa (zwölf Jahre) und Zlatko (fünf Jahre) nach Österreich aus. In Kühnsdorf in Kärnten fand die Familie ihre neue Heimat.

Nach sechs Jahren folgte der nächste Umzug, nämlich in die Steiermark. Grund dafür waren diesmal Gott sei Dank nicht Bürgerkriege, sondern das fußballerische Talent des jüngsten Familienmitglieds Zlatko. Im Alter von nur elf Jahren zog es den Dribblanski in die für ihre gute Arbeit bekannte Akademie des GAK nach Graz.

Im Nachhinein gesehen war es für „Juno“ definitiv der richtige Schritt. Er entwickelte sich prächtig und schaffte 2004 den Sprung zu den Amateuren des GAK. Durch konstant gute Leistungen und einige Treffer wurde er selbstverständlich auch für die Kampfmannschaft bald ein Thema. Am 14. Mai 2005 wurde der Rechtsfuß ausgerechnet im Derby zwischen dem GAK und Sturm Graz eingewechselt und feierte mit nur 17 Jahren sein Debüt in der österreichischen Bundesliga. Ebenso alt war er auch bei seinem ersten Einsatz in der Europa League, als er gegen Racing Straßburg eingewechselt wurde.

Junuzovic blieb jedoch keine Eintagsfliege, ganz im Gegenteil. Durch starke Leistungen bei seinen Einsätzen und im Training etablierte sich Junuzovic in der Kampfmannschaft des damals amtierenden Meisters und avancierte vom Joker zum Stammspieler. Die Belohnung folgte rasch: Am 1. März 2006 feierte der damals 18-Jährige gegen Kanada sein Debüt im österreichischen Nationalteam.

Bedingt durch den Konkurs des GAK wechselte „Sladdi“ im Sommer 2007 zu Austria Kärnten. Ausschlaggebend waren dabei vor allem zwei Gründe: Einerseits ist Kärnten seine Heimat und auf der anderen Seite war dort zu diesem Zeitpunkt ausgerechnet Walter Schachner, welcher ihn bereits in Graz stark förderte, Trainer.

Nach zwei Jahren in Kärnten wechselte Junuzovic von der Kärntner Austria zu jener aus Wien. Auch völlig neutral, ohne meine persönliche Sympathie für die Austria, lässt sich sagen: Dies war die absolut richtige Entscheidung! Sofort wurde der Mittelfeldspieler zum Stammspieler und Publikumsliebling. Nach einer recht guten Premierensaison in Österreichs Hauptstadt (40 Pflichtspiele, 7 Tore, 2 Vorlagen), blühte er zur Saison 10/11 so richtig auf: 49 Pflichtspiele für die Austria und das Nationalteam, dabei 12 Tore und 15 Vorlagen! In allen möglichen Wahlen wurde Zlatko Junuzovic von den Trainern, Managern, Präsidenten, Spielern und Fans zum absoluten Spieler des Jahres 2010 bzw. der Saison 10/11 gewählt.

Auch in der aktuell laufenden Saison überzeugte der 24-Jährige in allen Belangen. In unglaublichen 34 (!) Spielen in nur einem Halbjahr (in Deutschland ist dies eine ganze Meisterschaft) erzielte er 7 Tore und bereitete 18 weitere vor.

Nun folgt der nächste Schritt auf seiner Karriereleiter: Der Transfer in das Ausland zu Werder Bremen…

ALLGEMEIN

Junuzovic ist im Grunde das perfekte Beispiel für die Wörter „universell einsetzbar“ und „Offensivallrounder“. Es gibt in der Offensive kaum eine Position, auf welcher er nicht schon einmal gespielt hat. Im Bremer Rauten-Mittelfeld sehe ich ihn auf den beiden Außenbahnen (sowohl links als auch rechts), aber vor allem im offensiven Mittelfeld hinter den beiden Spitzen zuhause. Er spielte früher in Kärnten oft auch als hängende Spitze, dass dem aber auch in Bremen so sein wird, glaube ich nicht.

Seine Lieblingsposition ist, wie er immer wieder betont, das zentrale/offensive Mittelfeld, und das ist meiner Meinung nach auch jene Position, auf welcher seine Stärken am besten zur Geltung kommen. Beim GAK und Austria Kärnten spielte er meist auch auf dieser Position, mal hinter einer, mal hinter zwei Spitzen, selten im rechten Mittelfeld. Auch in seinen ersten zwei Jahren bei der Wiener Austria war dem so, doch im vergangenen Sommer änderten die Veilchen ihr Spielsystem von 4-4-2 auf 4-2-3-1, und seine neue Position war im linken Mittelfeld, in welchem er den gesamten Herbst spielte.

Vom Spielertyp ist „Juno“ einer, der den eher „spektakuläreren“ Fußball liebt. Er nimmt gerne einmal Risiko, wenn dafür eine schön anzusehende Aktion herauskommen könnte. Es ist definitiv in seinem Sinne, schönen Fußball zu spielen, er spielt sehr oft Doppelpässe und spielt oft auch mit der Hacke. Manchmal übertreibt er es damit vielleicht ein wenig, und man hat das Gefühl, er möchte den Ball in das Tor „hineintragen“. Für mich haut er viel zu selten einmal aus der Distanz drauf. In manchen Spielen, vor allem gegen tiefstehende Gegner, gegen welche sich die Austria sehr schwer tut, wäre das effizienter als so manche Kombination über zahlreiche Stationen, die dann aber im Abwehr-Bollwerk ihr Ende findet.

Nicht nur beim Jubeln engagiert: Zlatko Junuzovic mit Teamkollege (c)austriafans.at/1911aktuell.at

Nicht nur beim Jubeln engagiert: Zlatko Junuzovic mit Teamkollege (c)austriafans.at/1911aktuell.at

CHARAKTER

Charakterlich hat Werder einen Spieler bekommen wie man ihn sich nur wünschen kann. Durch einige Gespräche mit ihm kann ich durchaus behaupten, Sladdi recht gut zu kennen. Er ist ein ausgesprochen sympathischer Junge, der sich auch für Fan-Wünsche jederzeit nicht zu schade ist und auch kein Problem mit dem 234. Autogramm oder Foto am Tag hat.

Der Fußball nimmt in seinem Leben eine sehr wichtige Rolle ein, ihm ist seine sportliche Perspektive deutlich wichtiger als beispielsweise das Geld. Er verdiente damals in Kärnten mehr als in Wien, wechselte aber dennoch, weil es für ihn sportlich gesehen eine bessere Plattform war. Zudem lehnte er im vergangenen Sommer ein Angebot von Red Bull Salzburg, wo er ca. doppelt so viel verdient hätte, ab. Auch jetzt hatte er, was man so hört, besser dotierte Angebote als jenes von Werder.

Egal bei welcher Station, Juno war stets Publikumsliebling. Er ist ein Typ, den man als Fan seiner Mannschaft einfach gerne haben muss. Bei uns in Wien war sein Trikot zudem auch das meistverkaufte.

Warum dem so ist, ist eine gute Frage. Einerseits natürlich wohl aufgrund seiner sportlichen Leistungen, andererseits aber mit Sicherheit auch wegen seines Charakters. Eben weil er sich nie für diverse Fan-Wünsche zu schade ist. Zudem ignoriert er auch im Stadion die Fans nicht, ganz im Gegenteil. Immer wieder, in ziemlich jedem Spiel, versucht Junuzovic die eigenen Anhänger durch Handbewegungen etc. anzuheizen, um eine bessere Stimmung zu erzeugen. Recht ausgelassen (und kreativ) fallen auch meist seine Torjubel aus, in welchen er stets die Nähe zu den Fans sucht.

Nach einem Freistoßtor in der 91. Minute zum 1:0 in der vorletzten Bundesliga-Runde 09/10, welches dafür sorgte, dass die Austria weiter realistische Chancen auf den Titel hatte, sprintete er über das gesamte Spielfeld vom gegnerischen Tor, in welches er traf, bis zum Auswärtssektor, wo er ausgelassen mit den Austrianern jubelte.

Ein weiterer Grund für seine große Beliebtheit ist wohl auch sein voller Einsatz über 90 Minuten in jedem Spiel. Teamintern war er stets sehr beliebt und gehörte auch zu den Führungsspielern.

STÄRKEN

Sladdi lebt von seiner Dynamik. Er ist schnell, läuft unglaublich viel und ist wendig. Ich gehe davon aus, dass er auch in Deutschland in vielen, vielen Partien zu den am meisten laufenden Spielern gehören wird. Was das Lauf- und Arbeitspensum angeht, unterscheidet sich die österreichische nicht viel von der deutschen Bundesliga, das hat auch der Transfer von Julian Baumgartlinger (Austria Wien zu Mainz 05) gezeigt.

Das ist definitiv jenes Attribut, welches bei ihm speziell heraussticht: Sehr lauffreudig, stets mit vollem Einsatz dabei.

Aber auch mit dem Ball kann er einiges. Sein von ihm so geliebtes Kurzpassspiel ist meiner Meinung nach sehr gut, zudem hat er einen guten Schuss, der ihm schon einige Distanzschuss-Tore ermöglichte, wobei die Frage ist, wie oft er in Deutschland den nötigen Platz und die nötige Zeit dazu bekommt. Grundsätzlich hat er aber einen sehr starken rechten Fuß.

Auch technisch hat er einiges zu bieten, er gehört(e) in Österreich sicher zu den technisch besten Spielern, ist nie um einen Trick oder ein „Ferserl“ (österreichischer Begriff für Hacke) verlegen, was er vor allem dem intensivem Einzeltraining während seiner Jugendzeit mit seinem Vater zu verdanken hat. In einem Interview sagte er einmal, dass er in jeder Minute zumindest einen Ballkontakt braucht und sucht.

Durchaus wahre Worte, wie ich finde. Sladdi ist ein Spieler, der ständig den Ball sucht und fordert. Seine ideale Position ist wohl, wie bereits weiter oben geschrieben, das offensive Mittelfeld hinter den Spitzen. Da kann er das Spiel lenken, die Bälle verteilen, entscheidende Assists geben und sein Laufpensum erfüllen, sprich exakt seine Stärken ausspielen. Ich sehe Werders neue Nummer 23 zwar als torgefährlich, primär aber in der Rolle des Vorlagengebers. Wichtig wäre auch, dass er auf dieser Position möglichst viele Freiheiten bekommt und nicht positionstreu spielen muss. Sein ständiges Rotieren war auch schon bei der Austria eine große Stärke, die ihn vor allem unberechenbar machte. Selbstverständlich muss dazu auch das Spielermaterial auf den anderen Positionen (in dem Fall auf den Mittelfeld-Außenbahnen bzw. auch im Angriff) stimmen.

Ich kann mir vorstellen, dass Arnautovic und Junuzovic sehr gut miteinander harmonieren würden. Im Nationalteam durften sie das zwar noch nicht allzu oft zeigen, bei den wenigen gemeinsamen Einsätzen waren aber viele zuversichtlich stimmende Ansätze dabei. Ich glaube, von den Spielertypen her ergibt das eine tolle Kombination, die Werder viel Freude bereiten könnte.

SCHWÄCHEN

Sein eher „zarter“ Körperbau hat zwar einige Vorteile, z.B., wie bei den Stärken erwähnt, die Schnellig- und Spritzigkeit, aber natürlich bringt er auch Nachteile mit sich. Ich bin noch sehr skeptisch, ob Sladdi für die deutsche Bundesliga körperstark genug ist. In diesem Bereich muss er auf alle Fälle noch einiges zulegen.

Auch bei seinen Standardsituationen sehe ich noch viel Potential nach oben. Keine Frage, einige Male brachte er ausgezeichnete Corner zur Mitte, aber oft bzw. meistens waren sie eben ein gefundenes Fressen für den Gegner. Seine direkten Freistöße landeten meist in der Mauer oder klar drüber, in seinen zweieinhalb Saisons in Wien erzielte er nur einen einzigen Freistoßtreffer.

Wie schon weiter oben geschrieben, übertreibt er es zudem manchmal mit dem Kombinationsspiel und versucht den Ball in das Tor hineinzutragen. Er hat einen super Schuss, diesen muss er aber noch viel öfter einsetzen.

Traumtor-Schnappschuss (c)austriafans.at/1911aktuell.at

Traumtor-Schnappschuss (c)austriafans.at/1911aktuell.at

PROGNOSE

Das ist der für mich schwierigste Teil meiner Spielerinfo, weil es einfach sehr schwer ist, eine Prognose abzugeben, wie sich Sladdi in Bremen anstellt. National (österreichische Bundesliga) wie auch international (Europa League, Nationalteam) zeigte er schon Top-Leistungen mit welchen er sich in Deutschland keineswegs verstecken müsste, und es steckt noch viel, viel mehr Potential in ihm.

Ich bin fest der Überzeugung, dass er dieses Potential bald ausspielen kann, doch dazu muss man ihm wirklich das Vertrauen schenken und ihn nicht nach einer schwachen Leistung sofort aus der Startelf werfen und öffentlich an den Pranger stellen. Sladdi ist ein Spieler, der dieses Vertrauen braucht.

Sehr, sehr gespannt bin ich, wie er mit der hohen Erwartungshaltung (Stichwort „Ösi-Özil“ z.B.) umgehen kann. Ich denke, anfangs wird er dieser noch nicht gerecht, weil es doch eine große Umstellung ist und er sich erstmal in sein neues Team und seine neue Heimat einleben muss. Dass er die Vorbereitung nicht bei Werder mitmachte, ist sicherlich nicht förderlich.

Wie gesagt: Das Potential, ein neuer Spielmacher zu werden, wie es mit Andi Herzog in Bremen bereits einmal ein Österreicher war, ist ohne Frage da. Ich hoffe, man verheizt dieses nicht und fördert ihn wirklich so wie angekündigt.

 Toi, toi, toi aus Wien, Sladdi!

*Alle Fotos wurden von 1911aktuell.at/austriafans (klick) zur Verfügung gestellt.