Werders Talente Teil 1: Niclas Füllkrug & Alexander Hahn

26.01.12 | von | Kategorie: Spieler | 12 Kommentare

NICLAS FÜLLKRUG

Eckdaten: Stürmer, geboren am 9. Februar 1993 in Hannover, 188cm groß
Werder: im Verein seit Sommer 2006, Vertrag bis Sommer 2012
Nationalelf: aktueller U19-Nationalspieler (4 Spiele, 4 Tore), insgesamt 5 U-Länderspiele (4 Tore)
Bilanz: diese Saison 20 Spiele / 5 Tore / 1 Vorlage in der U23, 1 Spiel in der U19

Als 93er Jahrgang ist Niclas Füllkrug eigentlich noch A-Jugendspieler. Seit den letzten beiden Spielzeiten versucht der SV Werder seine talentierten A-Jugendspieler vermehrt über die U23 in den Herrenbereich zu integrieren. Schwer zu entscheiden, ob dies immer sinnvoll und langfristig für die Entwicklung am besten ist, man sollte es zumindest bei der Bewertung der Leistungen dieser Spieler im Hinterkopf behalten.

Füllkrugs Wirken wird derzeit von der Vertragssituation beeinflusst: sein Kontrakt läuft im Sommer aus. Er ist U19-Nationalspieler. Er ist ein Stürmer, der nachgewiesen hat, dass er im Herrenbereich trifft. Dass er allein deswegen Begehrlichkeiten anderer Clubs weckt, liegt wohl auf der Hand. Sicher wird auch im Hintergrund geschachert was das Zeug hält, und man muss kein Prophet sein, um nachzuvollziehen, dass sich Niclas und seine Ratgeber überlegen, welcher Verein ihn am besten fördert. Steht dabei die für einen jungen Spieler elementare Frage im Mittelpunkt, wo er die meiste Spielzeit und auf welchem Niveau bekommt, sind Dankbarkeit für die Ausbildung und Unterstützung durch den SV Werder keine tragenden Argumente. Die Frage nach der nicht nur mittelfristigen Perspektive kommt hinzu. Eine Prognose darüber, ob er am Anfang der nächsten Saison noch ein Werderaner ist, ist derzeit schwer.

Niclas Füllkrug, kam 2006 vom TuS Ricklingen

Niclas Füllkrug, kam 2006 vom TuS Ricklingen

Sein Verlust wäre bedauerlich. Der 1,88m große Füllkrug hat eigentlich alles, was einen Klassestürmer ausmacht: beidfüßig, schussstark, kopfballgewaltig, schnell, trickreich, mit wachem Geist und gutem Spielverständnis gesegnet und mit dem gewissen spielerischen Schalk versehen, den in Bremen einzig Pizarro ins Spiel bringt. In den jüngeren Jahrgängen, bis hin zum guten 97er Jahrgang ist kein Stürmer mit annähernd seinen Fähigkeiten zu sehen. Von den Anlagen ist er Spielern wie Lennart Thy und dem leihverkauften Sandro Wagner sicher überlegen. Vermutlich auch Rosenberg, der allerdings da seine Stärken hat, wo Niclas noch ausbaufähig ist, nämlich in der Zielstrebigkeit.

Wie stets wohnt allem Leichten die Nachbarschaft zum Leichtsinn inne. So ganz hat er den Sprung noch nicht geschafft und manchmal scheitert der Versuch, einen listigen Lupfer oder einen tückischen Tunnel anzubringen an der rohen Abgebrühtheit der Gegner in der dritten Liga. Da wirkt es dann doch manchmal etwas naiv, was er sich und den Zuschauern (nicht zuletzt ebenso den Mitspielern und Trainern) zumutet und -traut. Auch beschleicht einen seit Jahren das Gefühl, dass Füllkrug ein sehr unkonstanter Spieler ist. Zwar fehlte er immer wieder wegen Verletzungen länger, aber selbst in den erfolgreichen letzten zwei Jahren folgten auf sehr erfolgreiche Phasen mit vielen Toren und tollen Spielen auch tiefe Hänger.

Im Verbund mit seiner Art zu spielen erweckt dies den Eindruck, dass er den Ernst des Profidaseins noch nicht völlig verinnerlicht hat und schnell zufrieden ist. Auch in dieser Saison wurde der Eindruck des goldenen Oktobers, mit der Wahl zum Drittligaspieler des Monats, mit recht grauen Spätherbstauftritten infrage gestellt. Vielleicht ist er sich auch der Tatsache nicht völlig bewusst, dass ein Wechsel ihn vor eine weit härtere Konkurrenzsituation stellen wird, als der Verbleib beim SVW, wo seine Schwächen bekannt sind und gezielt daran gearbeitet werden kann. Zugutezuhalten ist ihm allerdings, dass er das noch im letzten Jahr unerfreulich ausgeprägte Wehleidige in seinem Spiel abgelegt hat und nicht mehr nach zwei, drei Körperattacken den Rhythmus verliert. Hier haben offensichtlich die Herreneinsätze gefruchtet.

Füllkrug ist ein Musterbeispiel für die These, dass nicht das Talent, sondern der Kopf, also Fleiß, Wille und Konzentration den Fußballprofi macht, und vor allem den Unterschied zwischen Potenzial haben und Potenzial ausschöpfen. Auch wirkt es so, als wolle er sehr schnell sehr viel. Vergisst dabei selbst bisweilen, dass er noch, siehe oben, ein Jugendspieler ist. Die Erwartungshaltung nach den jungen Özils, Draxlers und Götzes ist nicht nur bei der Öffentlichkeit, sondern auch bei den Talenten nicht immer korrekt eingestellt.

Schafft Füllkrug es, sich der fußballerischen Erwachsenenwelt zu stellen und anzupassen, ohne dabei seinen Spielwitz zu verlieren, wird der 18jährige über kurz oder lang ein sicherer Stürmerkandidat in der Bundesliga sein, der aufgrund seiner Spielweise eine gute Perspektive besitzt. Nicht ohne Grund stand er gegen Kaiserslautern erstmals im Kader der Profis. Zu hoffen ist, dass er begreift, dass dieser Weg noch lang ist. Zu hoffen ist auch, dass Werder und Füllkrug im Zuge der Hinrunde sowie der letzten Wochen in diesem Monat sehen: eine Verlängerung der Ehe ist für beide Seiten reiz- und sinnvoll. Gespräche zwischen Klaus Allofs und der Spielerseite laufen.

 

ALEXANDER HAHN

Eckdaten: Verteidiger, geboren am 20. Januar 1993 in Omsk/Russland, 187cm groß
Werder: im Verein seit Sommer 2007, Vertrag bis Sommer 2013*
Nationalelf: kein aktueller Nationalspieler, insgesamt 6 U-Länderspiele (1 Tor)
Bilanz: diese Saison 16 Spiele / 1 Tor / 1 Vorlage in der U23, 4 Spiele / 1 Tor / 2 Vorlagen in der U19

Hahn ist ein Riesenkerl. Nein, dabei handelt es sich nicht um den Kommentar eines Freundes über den Charakter des Defensivspielers. Von den vielen guten A-Jugendspielern, die sich im Herrenbereich tummeln, ist Hahn körperlich der eindrucksvollste. Der ehemals sehr schlaksig wirkende 19-jährige hat eine starke Physis. Seine (weiteren) Stärken liegen in der Defensivarbeit und in den Standards. Seine Kopfballstärke bei Freistößen und Ecken füllte sein Torekonte in der letzten Saison zweistellig.

Hahn gehört zu der aussterbenden Sorte defensiver Spieler, die einen herausragenden Offensivkopfball haben. Mut zum Ball zu gehen, Sprungkraft und ein exzellentes Timing machen ihn gemeinsam mit Füllkrug zu gefährlichen Abnehmern für gute Standards. Seine mit dem starken linken Fuß geschossenen Freistöße sind stets gefährlich, in der U19 erzielte er gegen St. Pauli so das Siegtor in der Schlussminute. Seine Leistungen dort zeigten Charakter: Obwohl eigentlich der U23 zugeordnet, wurde er viermal eingesetzt und spielte ohne Murren und mit großem Engagement gute Partien.

Technisch solide, ist er ein angsteinflößender Krieger in den Zweikämpfen. Er vertritt die schöne Philosophie, wonach der Erfolg des ‘An ihm Vorbeikommens’ stets mit einer saftigen Portion Schmerz zu erkaufen ist. In den deutschen Nationalmannschaften bis zur U17 Stammspieler als Innenverteidiger, wird Hahn nunmehr zwischen dem linken Mittelfeld, der Linksverteidiger- und der Innenverteidigerposition hin- und hergeschoben.

Vielleicht war er nicht gut beraten, den Schritt in die U23 so vehement zu fordern, denn Hahn wirkt bisweilen in der dritten Liga zu unkonzentriert und in einigen Spielsituationen überfordert. Sein Aufbauspiel, das in der U19 durchaus ansehnlich und mit Powerläufen durchsetzt war, verpufft im Herrenbereich bisher. Zu bieder in der Spieleröffnung, ist es immer wieder mit Stockfehlern in den Abspielen durchsetzt. Etwas rast- und ratlos auf verschiedenen Positionen eingesetzt, produzierte Hahn selbst auf seiner Stammposition in der Innenverteidigung Stellungsfehler oder traf falsche Entscheidungen, die mit hässlicher Regelmässigkeit bestraft wurden.

Alexander Hahn, kam 2007 vom VfL Nordhorn

Alexander Hahn, kam 2007 vom VfL Nordhorn

Insgesamt wirkt er, wie so manch anderer in der Abwehr der U23 gerade ebenfalls, schlicht verunsichert. Verwunderlich ist dies nicht, denn alle Defizite, die auch aus einem kleinen Hang zur Selbstüberschätzung herrühren, waren in den letzten beiden Spielzeiten bereits zu erkennen. Nur wird in der Jugend noch nicht so konsequent bestraft wie in den Profiligen. Mehr Zeit bei der U19 wäre die bessere Wahl für ihn gewesen, auch wenn er sich selbst schon für zu gut dafür hält. Die Mannschaft hätte ihn gebraucht, und er hätte weitere Sicherheit gewinnen können, die ihn besser auf den Herrenbereich vorbereitet hätte. Er hätte mehr an Kleinigkeiten arbeiten können.

Aber der Konjunktiv ist kein Freund des Fußballs. Ebenso unglücklich ist das Verfahren, nachdem versucht wird, eine Position in der U23 für ihn zu finden. Auf keinem der getesteten Plätze zeigte Hahn konstante Drittligareife. Fragwürdig ist, ob es sinnvoll ist, ihn krampfhaft, teilweise entgegen seinen Neigungen einzusetzen, nur um festzustellen, dass es noch zu früh ist. In der Abstiegshektik der U23-Spiele wird er so schnell keine Konstanz finden.

Gleichwohl lernt er gerade eine Lektion, die die guten Werderaner nicht kennen und die ihnen im Herrenbereich häufiger begegnen wird, als ihnen lieb ist, nämlich um seine Position in der Mannschaft kämpfen zu müssen. Hahn ist ein talentierter Spieler, aber seine Leistungen für den Herrenbereich, zumal dem professionellen in Liga drei, sind zu inkonstant. Er wird begreifen müssen, dass die Durchsetzung in den oberen Etagen ständige Konzentration, aber auch das ständige eigene Hinterfragen beinhaltet. Erschwerend kommt hinzu, dass es für Defensivspieler grundsätzlich schwerer ist, im Herrenbereich Fuß zu fassen, da die Erfahrung den Meister macht. Die generell unsichere und panische Defensivarbeit der gesamten U23 wirkt da keinesfalls stabilisierend.

Obgleich Werder ihn zu Ausbildungszwecken in den letzten zwei Jahren viel im Mittelfeld eingesetzt hat, ist der Innenverteidigerposten seine Position. Hier kann er seine Stärken ausspielen und die Schwächen im Spielaufbau sind nicht so auffällig. Die Rückrunde wird hart für den 19-jährigen. Leon Balogun und Sandro Stallbaum kehren zurück. Fußballerisch sticht Hahn beide aus, aber deren Erfahrung wird der U23 mehr helfen als die Fähigkeiten von Hahn. Hinzu kommen junge Talente, die wie Florian Hartherz auf links oder Clemens Schoppenhauer in der Mitte ebenfalls ihre Spielzeit beanspruchen und nicht nur aufgrund ihrer Zeiten bei den Profis vor ihm stehen.

Ob ihn der Bankplatz weiterbringt, ist zu bezweifeln. Möglicherweise würden ihm neben dem Training mit der U23 in der Rückrunde vermehrte Einsätze in der U19 vor allem Sicherheit in seinem Spiel wiederbringen. Man sollte in aller Konsequenz allerdings darauf achten, dass dies kein Abschreiben des Spielers ist, sondern der Erkenntnis entspringt, dass er einfach noch Geduld benötigt. Derzeit wirkt er, als sei er zwischen die Mühlsteine der Jugendpolitik geraten und drohe dem Mahlwerk zum Opfer zu fallen.

Dabei bringt Hahn gerade körperlich viel mit, auch wenn es aufgrund seiner Schwächen sicher ein längerer Weg in die Spitze wird, als bei anderen. Wobei Defensivspieler, insbesondere Innenverteidiger, so oder so oft zwei Jahre als Stamm in der U23 kicken, bevor der Durchbruch in höheren Spielklassen nicht nur kommt, sondern eben auch erst möglich ist.

Werder sollte ihn in Ruhe weiter aufbauen, zumal es nicht nur in Werders Nachwuchs nur wenige Spieler gibt, die bei den Standards so gefährlich sind wie Hahn. Kann er diese Stärke mit in die höchste Etage des Fußballs retten und zudem über das Gewinnen von Routine und das konsequente Arbeiten an den Schwächen die nächsten Schritte in der Entwicklung machen, so gibt es durchaus mittelfristig Perspektive, dass er den Sprung in den Kader der Profis schaffen kann. Und wenn er dort spielt, sorgt er so für Torgefahr vor dem gegnerischen Gehäuse. Und nicht dem eigenen.

 

WorumWiki-Profile von Niclas Füllkrug (klick) und Alexander Hahn (klick). Fotos von Worum-User Tasja (Album)

 Teil 2: Cimo Röcker & Marnon Busch
Teil 3: Levent Aycicek & Julian von Haacke
Teil 4: Marcel Hilßner & Lukas Fröde
Teil 5: Aleks Stevanovic & Özkan Yildirim

 

*laut transfermarkt.de