Ralf Bulang: “Gedanken ans Aufhören hatte ich zu keinem Zeitpunkt!”

16.10.11 | von | Kategorie: Interviews | 2 Kommentare
Ralf Bulang während eines Spiels sah man selten: das letzte Pflichtspiele absolvierte er am 6. Juni 2010 (c) Ralf Bulang

Ralf Bulang während eines Spiels sah man selten: das letzte Pflichtspiele absolvierte er am 6. Juni 2010 (c) Ralf Bulang

Kreuzbandrisse haben in den Jugendbereichen bei Werder Bremen so langsam leider schon Tradition. Julian Grundt musste deswegen Anfang letzter Saison seine Karriere beenden, Profi Onur Ayik traf es letzte Saison im Spiel gegen Erfurt. Und erst vor kurzem gab es bei U17-WM und- EM-Teilnehmer Levent Aycicek die gleiche niederschmetternde Diagnose. Diese Woche wurde bekannt, dass sich auch U23-Spieler Kevin Krisch einen Kreuzbandriss zuzog.

Ralf Bulang war Vize-Kapitän hinter Kevin Krisch, als Werders U19 2010 Norddeutscher A-Jugendmeister wurde. Im Sommer 2007 wechselte er trotz anderer Angebote nach Bremen und lebte im Jugendinternat. Als es nach dem A-Jugendtitel fest in die U23 ging, gab es schon in der Vorbereitung die schwere Verletzung – “natürlich” einen Kreuzbandriss. Knapp über ein halbes Jahr fiel er aus.

Anfang März 2011 dann der nächste Schock. Gerade wieder im Teamtraining und auf dem Weg zurück in die Mannschaft folgte wieder eine Verletzung und wieder war das Kreuzband durch. Sein Vertrag, der im Sommer 2011 auslief, wurde daraufhin nicht mehr verlängert.

Und nun kämpft er sich seit fast 15 Monaten unentwegt durch Rehamaßnahmen. Wie man als junger Spieler mit so einer Situation umgeht, verrät er im Interview.

Worum.org: Ralf, zwei Kreuzbandrisse hintereinander, wie sieht der derzeitige Stand der Verletzung aus?
Ralf Bulang: Im Moment arbeite ich an den Grundlagen in Ausdauer und Fitness. Passspiel und leichte Technikübungen mit Ball waren auch schon dabei.

Wie geht man als junger Spieler mit so einer Diagnose um?
Das war nicht leicht, vor allem, weil ich gerade aus der U19 in die U23 kam und im Herrenbereich Fuß fassen wollte. Die vielen Aufmunterungen, Anrufe und SMS haben mich aber aufgebaut, den Kopf nicht hängen zu lassen. Als mein Kreuzband dann relativ schnell wieder gerissen ist, war es anfangs schon deutlich schwieriger, damit umzugehen, aber auch da kam relativ schnell der Punkt, nach vorne zu schauen.

Gab es Unterschiede beim zweiten Mal?
Ja, das zweite Mal war definitiv schmerzvoller, weil auch der Außenmeniskus gerissen ist und noch dazu der Innenmeniskus eingerissen.

Wer hat dich in dieser schwierigen Phase besonders unterstützt?
Am meisten natürlich meine Familienmitglieder, die sich sofort frei genommen haben, um für mich da zu sein. Sei es die Fahrt zur OP nach Bayern, die Tage danach, um mich zu pflegen oder einfach, um jemanden zum Reden zu haben.

Wie reagieren Freunde und Familie auf so eine Nachricht? Gibt es offene Gespräche über deine Zukunft und deine Chancen, drucksen die herum, gibt es vielleicht sogar welche, die hämisch reagiert haben?
Meine Familie und Freunde waren natürlich geschockt, weil sie ja auch wissen, was es bedeutet, wenn die Diagnose Kreuzbandriss fällt, trotzdem haben mir alle sofort Mut zugesprochen, das hilft in so einer Situation natürlich. Gespräche oder Fragen über meine Zukunft gibt es öfter, wichtiger ist aber momentan, dass ich gesund werde und vor allem bleibe, deswegen beschäftige ich mich neben meiner Genesung zurzeit viel mehr damit, was ich zusätzlich tun kann, um das Risiko einer erneuten Verletzung zu minimieren. Generell lege ich Wert darauf, Dinge realistisch zu sehen – das wissen, denke ich, auch meine Mitmenschen und reden deswegen auch offen über die Situation mit mir. Hämische Reaktionen oder Ähnliches habe ich bis jetzt nicht mitbekommen.

Wovon lebst du derzeit?
Da beide Verletzungen Arbeitsunfälle waren, tritt die Berufsgenossenschaft ein.

Der Traum der Fußballerkarriere und dann zwei schwere Verletzungen. Wie oft kommen da die Gedanken ans Aufhören?
Gedanken ans Aufhören hatte ich zu keinem Zeitpunkt! Mein zweiter Kreuzbandriss resultiert meiner Meinung nach nicht daraus, dass mein Knie nicht stabil genug war, sondern weil der Schlag, den ich unglücklicherweise bekommen habe, einfach zu viel Wucht dahinter hatte. Hinterher haben mir einige gesagt, ich war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

Hängt man da in der Reha auch einmal durch?
Tage, an denen man mal ein bisschen durchhängt, gibt es natürlich, wenn man seit 15 Monaten verletzt ist, aber ich bemerke ja auch die Fortschritte, die ich mache, und das wiederum motiviert mich, weiter zu arbeiten.

Es gibt manchmal kritische Stimmen zu Werders medizinischer Abteilung. Du hattest öfter mit ihnen zu tun als dir wohl selber lieb ist, wie würdest du die dortige Arbeit beschreiben?
Bis jetzt habe ich mich da immer in guten Händen gefühlt.

Gab es während der Verletzung oft Kontakt zu Thomas Wolter?
Ja, er hat sich regelmäßig über meinen Zustand erkundigt und gleichzeitig aber auch verlangt, dass ich ihn selbstständig über meine Fortschritte informiere.

Hast du Zukunftsängste?
Zukunftsängste vielleicht nicht, aber meine Gedanken mache ich mir natürlich schon. Im Moment allerdings eher darüber, wie ich es schaffe, gesund zu bleiben, weil zwei schmerzhafte Verletzungen hintereinander schon einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Wie verarbeitet man, dass die große Chance U23 sowie Profis bei Werder kaputt ist?
Wer weiß, vielleicht öffnet mir die Situation eine ganz neue Tür. Im Fußball kann so viel passieren, da wäre es falsch, den Kopf in den Sand zu stecken.

Hast du schon Angebote von anderen Vereinen?
Noch bin ich ja erst im Aufbautraining und genau absehen, wann ich wieder spielen werde, kann man auch nicht so leicht. Mein Berater-Team kümmert sich zwar darum und koordiniert alles, was die Vereinssuche plus mögliche Anfragen betrifft, aber konkret wird sowas sowieso erst, wenn ich wieder einsatzfähig bin.

Wie motiviert man sich da jeden Tag wieder neu?
Indem ich mir vor Augen halte, was mein Ziel ist. Ich denke, dass ich das auch noch erreichen kann, wenn ich nach meiner Genesung gesund bleibe. Das ist meine Motivation.

Und wie lenkt man sich ab?
Dafür hab ich meine Freunde, mit denen ich etwas unternehmen kann. Und wenn die gerade mal keine Zeit haben, gibt’s ja noch die Playstation. (lacht)

Macht Fußball in so einer Situation überhaupt noch Spaß?
Spaß macht es sicher nicht, wenn man monatelang keinen Ball berühren darf und gleichzeitig zusehen muss, wie die Mitspieler gerade trainieren, aber ich bin noch jung und durch die beiden Verletzungen um einiges reifer geworden, also kann ich durchaus auch etwas Positives aus den vergangenen Monaten mitnehmen.

Hast du das Gefühl, durch deine Konzentration auf den Sport etwas verpasst zu haben?
Nein, gar nicht, weil ich das mache, was mir am meisten Spaß macht. Ich brauche diese tägliche Auslastung, um mich gut zu fühlen. Zeit für andere Dinge habe ich trotzdem noch genügend.

Du kamst 2007 zu Werder, wieso gerade der Verein?
Es waren zu dem Zeitpunkt auch noch andere Vereine an mir interessiert, aber als ich dann in Bremen war, um mir alles anzuschauen, hab ich mich direkt wohlgefühlt – sowohl von den Leuten her als auch von dem Umfeld.

Wie bewertest du die Jugendarbeit von Werder?
Jeden Tag ist man in der Pflicht, sein Bestes abzurufen, dadurch entwickelt man sich automatisch weiter. Gerade im Bereich Technik und Taktik lernt man hier einiges dazu. Dazu kommt, dass die Trainer der höheren Mannschaft oder Altersklasse immer genau über die darunterliegenden Teams Bescheid wissen und sich deren Spiele anschauen, somit steht man immer im Blickpunkt und kann sich beweisen.

Zu deiner Anfangszeit hast du im Internat gewohnt. Alles locker oder gibt es klare Regeln? Wie kann man sich das Leben dort vorstellen?
Regeln gehören dazu, sonst funktioniert so ein Internatsleben nicht, und es würde irgendwann aus dem Ruder laufen. Ich habe die Internatszeit in guter Erinnerung, weil ich durch den Fußball bedingt die meisten meiner Freunde gleichzeitig im Internat hatte. Früh geht man zur Schule, danach erledigt man seine Hausaufgaben oder bekommt Nachhilfe, bevor es dann zum Training geht. Nach dem Training wird gemeinsam zu Abend gegessen, und danach hat man dann meistens Freizeit, wo man die Gelegenheit hat, etwas mit seinen Freunden zu unternehmen.

Du warst Vize-Kapitän der U19, die norddeutscher Meister wurde. Gab es da auch mal ein Treffen oder Gespräch mit Thomas Schaaf?
Nein, ein Gespräch gab es nicht.

Thomas Wolter sagte vor der Saison sinngemäß, dass die jetzige Truppe „charakterlich anders“ aufgestellt sei. Was hat er damit gemeint?
Das kann ich schlecht beurteilen, weil in der Mannschaft so viele neue Spieler sind, die ich persönlich noch gar nicht kennengelernt habe.

Wie stehst du heute zu Werder, nachdem dein Vertrag nicht verlängert wurde?
Das ist halt eine Entscheidung, die Werder sportlich gesehen so getroffen hat und die akzeptiere ich. Dennoch mache ich in Absprache mit dem Trainer ja trotzdem weiter mein Rehatraining hier und komme gut mit allen klar, da hat sich nichts geändert.

Kannst du die Entscheidung nachvollziehen?
Dass ich, aus der U19 kommend, mir sofort zwei Kreuzbandrisse zuziehe, hat meine Situation für eine Vertragsverlängerung ja von vornherein verschlechtert. Klar hätte ich mir gewünscht, fit zu werden und nochmal die Chance zu bekommen, mich beweisen zu können, aber Werder hat in der Hinsicht nun mal anders entschieden.

Vielen lieben Dank für das Interview, gute Besserung und hoffentlich sieht man dich bald wieder auf dem Platz!