Kommentar: Mario Basler

27.07.11 | von | Kategorie: Fußball allgemein | 13 Kommentare
Mario Basler beim ConFed-Cup 2005 ©floriank/wikipedia (Lizenz: http://bit.ly/zjGQdd)

Mario Basler beim ConFed-Cup 2005 ©floriank/wikipedia (Lizenz: http://bit.ly/zjGQdd)

Wer hat Mario Basler eigentlich noch spielen sehen? Wer kann sich an ihn erinnern? Ich habe ja eine gewisse sentimentale und sehr verklärende Sichtweise auf die Helden meiner Jugend oder in diesem Falle meiner “junger Mann-Zeit”.

Der Beste, an den ich mich hier entsinnen kann, war Johan Micoud. Dahinter hatten wir viele fantastische, besondere Spieler. Ein ganz Großer war Pico Schütz, zusammen mit Max Lorenz. Per Roentved war besonders. Und Norbert Meier, den hier ganz viele vergessen, weil er eine blöde Brille trägt und sich mit dem Plebs kabbelt, war technisch nicht von dieser Welt. Uwe Bracht ein letzter Fußballer, der das und nicht vielmehr, dies aber fantastisch beherrschte.

Mario Basler fehlte der eine Sieg, der ihn mit Werder zum Titel gebracht hätte, denn dadurch ist in Vergessenheit geraten, dass dieser Spieler uns das letzte Mal vor Micoud mit offenem Mund im Stadion hat stehen/sitzen, vor allem genießen lassen. Weil er jemand war, der Dinge tat, konnte und sich herausnahm, die kein Anderer sich auch nur auszudenken wagte. Ohne diesen Spieler wäre Rehhagel nicht bis zu einem freiwilligen Ende Trainer des SV Werder gewesen, wäre der SVW nicht bis zu dem Abgang des allgegenwärtigen Anstreichers aus Altenessen im oberen Tabellenbereich verhaftet geblieben.

Basler hatte etwas, was wir Bremer nicht kennen (bzw. kannten), was der SV Werder Bremen eigentlich nicht schätzt: er war wichtiger als alle anderen und er schiss auf die, die ihn nervten. Getragen war dieses durchaus schlichte (Mein Gott, sein Stammlokal hieß ‘Donnerbalken’!) und auch prollige Fußballer-Statement allerdings von einer Tatsache, die wichtiger war und ist als je zuvor: Basler hat Spiele entschieden. Allein. Unvergleichlich.

Erste deutsche Mannschaft in der Champions League? Wir! Baslers Tor gegen Sofia. Beliebteste Offensiv-Mannschaft? Wir! Baslers Läufe, seine Standards, … der Kerl war fantastisch. Und immer tat er so, als ob es ihm zuflog. Der Unterhaltungswert war ein so dickes, fettes Extra, es hat Werder sexy und ein klein wenig ruchlos gemacht.

In seinen guten Spielzeiten für uns war Basler ein unfasslich dynamischer Spieler, der mit seinen Dribblings von der Mittellinie reihenweise Mannschaften austanzte, als ob sie nicht da wären. Ein Spieler, der Pässe spielte, die die Stürmer erreichten, bevor diese wussten, dass der Ball bei ihnen landen würde. Und einer, der die gottverdammt fiesesten Standards auf der ganzen Welt schoss.

Bei Ecken gegen Werder stand Basler völlig gelangweilt an der Mittellinie, als ob ihn der ganze Mist da hinten nix anginge, fehlte nur noch die sonst obligate Kippe im Mundwinkel. Aber wehe, und wirklich wehe, der Ball wurde abgefangen und steil auf ihn gespielt: er ist implodiert, explodiert und alles, was man sich vorstellen konnte. Vor Freude darüber, dass der ausgedachte Spielzug funktionierte und dass er sein Spiel spielen konnte. Die Bremer Mannschaft der letzten Jahre lud die Gegner gerne reihenweise dazu ein, sie an Baslers Konter nach Standards zu erinnern.

Meine Lieblingsszene war ein Spiel gegen Eintracht Braunschweig: einige sagen Pokal, ich meine, es war ein Vorbereitungsspiel. Basler muss sich über achtzig Minuten auf der Bank unsäglich langweilen. Er wird eingewechselt, es gibt circa drei Minuten später einen Freistoß aus etwa 25 Metern. Basler legt den Ball zurecht, guckt, feixt, nagelt ihn rein, winkt und geht ansatzlos vom Platz. Wunderbar!

Und ganz im Ernst: es hat funktioniert, weil alle im Team sahen, dass der ein Chaot ist. Ein Spinner. Aber ohne den, ohne den sind wir nichts.

Als er zu Bayern ging, verletzte er sich. Lange Reha und, selbst wenn er sagen würde, dass hatte da nix mit zu tun, der Lebenswandel war nicht überragend. Und ich glaube fest daran, das hat ihn die zwei Zehntel im Sprint gekostet, die den Unterschied in seinem Spiel zwischen Werder und Bayern ausmachten und die ihn nur noch als Mann rein für die Standards in unserem Hinterkopf aufbewahren.

Warum ich von alten Zeiten und dem Offensichtlichen schwafel? Heute hab ich ihn wiedergesehen. Und DER Mario ist nicht mehr.

Er war im Sport1-Audi Talk mit einem blendend aufgelegten und extrem eloquenten Mark van Bommel (wenn der kein guter Trainer wird, dann weiß ich echt nicht mehr weiter) und wirkte neben ihm wie ein melancholischer Clown, der ständig seine durchaus unterhaltsame, aber selbstredend geghostwrittene BILD-Kolumne verteidigen muss. Weil sie eines tut, was Basler immer tat: kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Viel ärgerlicher fand ich jedoch den peinlichen Einspieler vom Ex-DSF, der eigentlich nur Baslers Faxen herausstellte und außer einem Nebensatz im Bezug auf das Hitzfeld-Zitat komplett vergaß, was für ein überragender Fußballer der Typ war. Leider verbocken sie auf diese Weise eine mögliche Trainerlaufbahn von Mario, weil er sich selbst für die Faxen immer wieder hergibt.

Jetzt werden sie ihn als Stichwortgeber und Kalauerbretterer beim Trinkerpass auf dem Stuhl vom alten Lattek festbinden und Basler wird uns allen als Fußballclown mit (lustigen) Sprüchen und reingedrehten Ecken im Kopf bleiben müssen.

Das ist schade, denn es wird ihm nicht gerecht. Zumindest in Bremen hat er – ähnlich wie später Toni und Micoud – Fußball beim SV Werder Bremen zu etwas ganz besonderem gemacht.

Armer Mario. Glückliches Bremen – damals.