Der Wutfan

13.06.11 | von | Kategorie: Fans | 24 Kommentare

Im Rahmen der Aktion „Mit Herz und Hunt“ [1] stand ich plötzlich einer Gruppe aufgebrachter Fans gegenüber, die mich bedrohte und beschimpfte. Das dahinter liegende Problem ist aber ein allgemeines: Fußballfans nehmen für sich in zunehmendem Maße in Anspruch, schlechte Leistungen ihrer Mannschaften mit Gewalt und Beleidigungen beantworten zu dürfen.

Someone said to me ‘To you, football is a matter of life and death’

So beginnt das berühmte, vielleicht am häufigsten falsch wiedergegebene Zitat der Fußballgeschichte, das dem legendären Liverpool-Trainer William „Bill“ Shankley zugeschrieben wird.[2] Menschen, die sich mit dem gebührenden Ernst einer so relativ unernsten Sache wie dem Fußball hingeben, führen es seit jeher in jener (falschen) Version im Munde, in der es bekannt geworden ist: „Es gibt Leute, die denken Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“[3] Aber auch in seiner falschen Variante wird klar, dass dieses Zitat eine ironische Wendung in sich trägt. Niemand wird bestreiten, dass Bill Shankley seinen Beruf mit einem heiligen Ernst betrieben, ja in der Tat als eine Art Berufung gesehen hat. Das Zitat verdeutlicht aber, dass er in der Lage war, zu sich selbst und seinem Beruf ironische Distanz zu bewahren.

Wenn Fußballfans dieses Zitat Shankleys im Munde führen, geht die ironische Brechung mit jeder weiteren Wiederholung zusehends verloren. Fans sind nicht in der Weise Fan wie Shankley Fußballtrainer war, sondern gehen normalen Berufen nach, falls sie nicht Schüler, Studenten, Rentner oder Arbeitslose sind. Ihrem Job gehen sie womöglich so gewissen- und ernsthaft nach wie Shankley dem des Fußballtrainers. Im optimalen Fall, denn nichts ist schlimmer als ein Mensch, der mit seiner sozialen Rolle verwächst, dem die „Charaktermaske“[4] zur zweiten Haut wird, haben sie zu dieser sehr ernsthaft betriebenen Tätigkeit dieselbe ironische Distanz wie Shankley zu der des Fußballtrainers. Die Wichtigkeit, die der Arbeit als zentraler Instanz des sozialen Lebens und der Sicherung des Lebensstandards zukommt, verlangt geradezu danach.

"Wenn ihr verliert, dann stürmen wir den Platz", Rapid-Fans beim Derby vor wenigen Wochen (1911aktuell.at)

"Wenn ihr verliert, dann stürmen wir den Platz", Rapid-Fans beim Derby vor wenigen Wochen (1911aktuell.at)

And I said ‘Listen, it’s more important than that’

Jedem wirklichen Fußballfan ist es mindestens einmal in seinem Leben so ergangen wie Bill Shankley: Er wurde mit dem Vorwurf konfrontiert, den Fußball viel zu ernst zu nehmen. Der dann oft erfolgende Verweis auf dieses Zitat ist für den Fußballfan allerdings ein Bumerang, ruft es doch gerade zur ironischen Distanz zum Fußballzirkus auf. Diese kann der Fußballfan, im Gegensatz zum Fußballtrainer, aber gerade nicht aufbringen. So wie die wirklich ernsten Dinge des Lebens wie Tod, Krankheit, das Verhältnis zu den eigenen Kindern oder Eltern, die Sicherung der eigenen Existenz durch einen (möglicherweise sehr unerfreulichen) Job usw. nach einer ironischen Distanzierung verlangen, da man sonst droht an ihnen zu verzweifeln, so können die unwichtigen Dinge des Lebens nur mit dem angemessenen Ernst betrieben werden. Nichts ist blöder als die Phrase von der „schönsten Nebensache der Welt“ – dem Fußballfan kommt es vielleicht noch in den Sinn, Fußball als schön (nach dieser Saison dürfte aber selbst das eine Ausnahme sein), keineswegs aber als nebensächlich zu betrachten. Nahezu jedes Hobby, ob Briefmarkensammeln, Gartenarbeit, Modelleisenbahn oder eben Fußballfan zu sein, hält einer kritischen Betrachtung letztendlich nicht stand. Wer es ausübt, der ahnt sicherlich gelegentlich, dass er dafür zu viel Zeit verwendet. Aus diesem Grund fehlt es an der nötigen Wichtigkeit der Sache, die für eine ironische Distanz zum Gegenstand notwendig wäre, weil Ironie eine Waffe ist, die großen Dinge klein zu machen. Somit ist auch erklärt, warum die Versuche, sich aus der Fanperspektive irgendwie lustig mit dem Thema Fußball zu befassen, im besten Fall unerträgliche Sendungen wie „Waldis WM-Club“[5] und einen Matze Knop hervorbringen, der Fußballer parodiert, die alle wie Matze Knop aussehen[6].

Ein ironischer Fußballfan ist in etwa dasselbe wie ein Briefmarkensammler, der behauptet, dass es ihm im Grunde egal ist, ob seine besten Marken beschädigt oder beschmutzt sind, der sich permanent über das Briefmarkensammeln lustig macht und witzelnde, pseudo-ironische Kommentare über andere Briefmarkensammler schreibt. Seine „Ironie“ erweist sich als bloße Pose, als Selbstberuhigung; sie macht ihn zum besseren Briefmarkensammler, der sich allein dadurch, dass er den Unsinn des Briefmarkensammelns benennt und zugibt, als über die anderen Briefmarkensammler erhaben sieht. Während jeder Briefmarkensammler so etwas aber zu Recht als Zumutung betrachten würde und von seiner Hauszeitschrift „Philatelie“ des „Bundes Deutscher Philatelisten“[7] völlig zu Recht erwartet, dass diese sich gefälligst ernsthaft mit ihrem Hobby auseinandersetzt, lesen unzählige Fußballfans Magazine wie „11 Freunde“[8]. Dabei wird bei genauerem Hinsehen klar, dass die Funktionen der Ironisierung bei Shankley und dem „witzigen“ Fußballberichterstatter vollkommen unterschiedliche sind: Während Shankley sich selbst ironisiert, macht sich der Fußballfan und -kommentator über den Gegenstand seiner Leidenschaft lustig, um sich selbst, seine Fußballleidenschaft und in letzter Instanz auch den Fußball jeder Kritik zu entziehen. Was hier so pseudokritisch und -witzig daherkommt, erweist sich letztlich als totale Affirmation.

Der Fußballwahn ist eine Krankheit

Aber selten Gott sei Dank[9]“ reimte Ringelnatz, wie seit Günther Jauch und Horst Schlämmer[10] jeder weiß. Während sich am ersten Teil bis heute wenig geändert hat, konnte Ringelnatz sich die Ausmaße, die der Fußballwahn heute angenommen hat, nur schwerlich ausmalen. Denn jeder, der noch in der Lage ist, die notwendige Distanz aufzubringen, kann sich dem Urteil der nicht vom Fußballwahn befallenen Menschen nur anschließen. Der Fußballzirkus und die damit verbundene Massenhysterie lassen sich schwerlich ignorieren und im Widerspruch zu einer witzelnd-pseudoironischen Betrachtung muss der Fußballfan dies ernst nehmen und kritisieren. Die Tatsache, dass der Fußball schlechtes Benehmen und Hass auf die Fremdgruppe und somit letztendlich Fremdenfeindlichkeit aus sich hervorbringt, ist bereits ein alter Hut[11]. Umso erfreulicher, dass es für dieses Phänomen inzwischen ein breites Bewusstsein im Fußball gibt, von DFB-Präsident Theo Zwanziger[12] über das Bündnis aktiver Fußballfans (BAFF[13], Ausrichter der Ausstellung „Tatort Stadion“[14]) bis zur Politik und ihrer Förderung antirassistischer Fanprojekte[15]. In Bremen gilt es insbesondere die Fangruppe „Infamous Youth“ hervorzuheben, die sich immer wieder gegen Nazis nicht nur in der Bremer Fanszene engagiert[16] und überregionale Bündnisse verlassen hat, wenn es dort zu protofaschistischem Verhalten kam[17]. Darüber hinaus gibt es lesenswerte Blogs, die sich mit Fußball und anderen Themen des postfaschistischen Alltags auseinandersetzen, z.B. Lizas Welt[18] oder Verbrochenes[19].

So wenig neu der vorangegangene Abschnitt für Kenner der Fußballszene gewesen sein mag, so wichtig erscheint er mir in Bezug auf das nun Folgende. Denn während die Kritik des Nazi-Milieus und der offenen Fremdenfeindlichkeit inzwischen sogar unter Fußballfans zum guten Ton gehört, so gering ist das Bewusstsein dafür ausgeprägt, dass auch die eigenen Verhaltensweisen, als Fangruppe oder Fanorganisation ebenso wie als Einzelperson, mindestens ebenso kritikwürdig sind. Wenn dies auffällt, dann wird es meistens an einer „fremden“ Fangruppe durchexerziert[20], wogegen Kritik an anderen Fangruppen der eigenen Fanszene, zumindest öffentlich hörbare, merkwürdigerweise ein Tabu darstellt. Dadurch wird aber, allem antirassistischen Engagement zum Trotz, der fremdenfeindliche Charakter des Fußballs gerade nicht überwunden, sondern reproduziert. Immer wieder wird beschworen, dass man ja zusammenhalten und sich gegenseitig bloß nicht kritisieren solle, weil man ja, bei allen Differenzen, doch ein gemeinsames Ziel habe. Gruppen, die Kritik an den Zuständen in der eigenen Fanszene üben, wird, wie der bereits erwähnten Gruppe „Infamous Youth“, regelmäßig „Szenespaltung“ vorgeworfen, was sie selbst wohl eher als Kompliment verstehen dürfte, wie ein Spruchband anlässlich des fünfjährigen Bestehens zeigte.[21] Insgesamt stellen diesbezüglich die Verhältnisse in Bremen aber eher eine Ausnahme dar, weil es Gruppen gibt (neben „Infamous Youth“ vor allem „Racaille Verte“[22]), die sich von solchen Vorwürfen nicht einschüchtern lassen. Leider aber findet Selbst- und Szenekritik meist abseits der Öffentlichkeit statt und Ultra-Gruppen entwickeln häufig eine Wagenburg- und Opfermentalität: Schuld sind immer die anderen und gegen die muss zusammengehalten werden, kritische Äußerungen dürfen nicht an die Öffentlichkeit dringen. Vielerorts funktioniert es zudem, mit plumpen Parolen wie „Für die Szene!“, „Alles für die Stadt!“  und „Für unseren Verein!“ jede Kritik im Keim zu ersticken.  Die Assoziation zu Ereignissen der Deutschen Geschichte liegt unmittelbar auf der Hand: So wie z.B. Kaiser Wilhelm keine Parteien, sondern nur noch Deutsche kennen wollte[23], sind im Zweifelsfall „wir“ alle Fans „unseres“ Vereins und damit eine Schicksalsgemeinschaft, Kritik ist „Wehrkraftzersetzung“[24].

Genau hier wird klar, warum Fußballfans immer wieder neue Sündenböcke, Bösewichte und so weiter aus sich selbst heraus suchen müssen, selbst wenn sie sich noch so antifaschistisch gebärden: Das, was den Hass auf die Fremdgruppe erst hervorbringt, das, was ihn dringend benötigt, soll um keinen Preis in Frage gestellt werden: Die Einheit, das Wir. Es wurde nicht verstanden, dass der Hass auf den gemeinsamen Feind nicht nur destruktiv, sondern eben auch zentrales Moment der Herstellung einer gemeinsamen Identität und damit im schlechtesten Sinne produktiv ist. Anstatt den Mob abzuschaffen, richtet sich all das löbliche Engagement vor allem darauf, seinen Hass in andere Bahnen zu kanalisieren.

Der größtenteils vermummte Rapid-Mob wird von der Polizei vor der Austria-Kurve angehalten (1911aktuell.at)

Der größtenteils vermummte Rapid-Mob wird von der Polizei vor der Austria-Kurve angehalten (1911aktuell.at)

Aber selten?

Neben der Zusammenrottung zum Mob, die den Fußballfan unangenehm vom Philatelisten unterscheidet[25], gibt es leider auch einige unerfreuliche Gemeinsamkeiten, die der organisierte Fan und der akribische Briefmarkensammler teilen. Beide verbindet ein geradezu protestantisches Arbeitsethos, mit dem sie ihrem Hobby nachgehen. Wie die sozialdemokratischen Fabrikarbeiter zu Kaiser Wilhelms Zeiten nach ihrem tayloristisch[26] durchorganisierten Arbeitsalltag in der Freizeit nichts Schlechteres zu tun hatten, als an satzungsgemäßen Parteiversammlungen teilzunehmen und im Tauben- oder Kaninchenzüchterverein um die fettesten Viecher zu wetteifern, so vermag sich der durch Schul[27]- und Studienreformen[28] geplagte Schüler oder Student  auch seine Freizeit offenbar nur noch als eine einzige Leistungsüberprüfung vorzustellen.

Besucht man z.B. das Portal der Bremer Fanszene[29], dann schallt einem der Leistungsgedanke bereits unverhohlen entgegen: „Teilzeitultra? Fuck you !“ lautet die Signatur, die ein Mitglied der Fangruppe „Wanderers Bremen“[30] an seine Beiträge anhängt. Es ist beeindruckend, wie wenig diese Menschen in ihrer Freizeit dem entfliehen können, dem sie in ihrem Alltag ausgeliefert sind, wie sehr ihnen der gesellschaftliche Zwang zur „zweiten Natur“[31] geworden ist. Anstatt in ihrer Freizeit Zerstreuung, Vergnügung, Entspannung zu suchen oder im Gegensatz zur stupiden Tretmühle etwas geistige Erbauung zu suchen, setzen sie sich einer fortwährenden Leistungs- und Gesinnungsprüfung aus, die die in der Schule oder Universität noch übertrifft. Wer malt die größte Choreographie, wer besucht die meisten Spiele, wer ist schon am längsten dabei, wer fährt die meisten Kilometer, wer wird in die Gruppe aufgenommen, wer gehört nur zum „Umfeld“, wer singt am lautesten und meisten, wer steht seinen Mann, wenn andere die Gruppe bedrohen und so weiter.

Dieser Befund deckt sich mit dem, was auch die sogenannte „Shell-Jugendstudie“[32] zutage fördert: 60% der jungen Menschen halten Fleiß und Ehrgeiz hoch, nur 57% wollen demgegenüber ihr Leben genießen[33]. „Verschwende Deine Jugend“ oder „no future“ – das war einmal. In Zeiten von Thilo Sarrazin[34], Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft[35] und Guido Westerwelle[36] kann man sich Genuss offenbar nur noch als Lohn für Entbehrung, harte Arbeit und eiserne Disziplin vorstellen. Den „Teilzeitultra“ oder „Modefan“, der nur zu besonderen Spielen wie denen im benachbarten Hamburg oder Hannover mitreist oder wenn Werder Bremen mal wieder ein Pokalfinale in Berlin bestreitet, nicht jedoch die Ochsentour mit dem Wochenendticket nach Freiburg mitmacht, hat dieses Vergnügen nach diesem merkwürdigen Fanverständnis ebenso wenig verdient wie „Florida Rolf“[37] einen gemütlichen Lebensabend am Strand, denn solche „spätrömische Dekadenz“ kann sich der eiserne Vollzeitultra keineswegs leisten. Passend dazu vertreten nach der Studie „deutsche Zustände“ 61% die Auffassung, dass in Deutschland zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden müssten[38] – von den nichtsnutzigen Griechen ganz zu schweigen.

Es ist die Reproduktion der Verhältnisse der Arbeitswelt, denen man eigentlich doch entfliehen wollte, sogar in der Freizeit, und die Selbstsetzung als fleißiger Musterfan, die geradezu zwangsläufig dazu führen, überall dekadente Schmarotzer auszumachen, die sich die eigene „Fanleistung“ einverleiben wollen. Das sind dann neben den „Teilzeitultras“ vor allem die „Erfolgsfans“, die Logenbesucher, die Sponsoren, die Fernseh- und Internetfans und alle anderen, die nicht durch messbare Ergebnisse belegen können, keine „Minderleister“ zu sein. Aus diesem Gefühl heraus, selbst ganz besonders viel „für den Verein“ zu leisten, werden dann allerlei Albernheiten gerechtfertigt, ob offene Briefe, Fanblockaden, Platzstürme oder der Kampf gegen „Kommerzialisierung“ (was auch immer das sein soll). Der Wutfan ist sich sicher, es besser zu wissen als die Verantwortlichen seines Vereins und protestiert am liebsten gegen nützliche Dinge wie die Erhöhung des Umsatzes „seines“ Vereins -  wie sein Verwandter, der Wutbürger, gegen einen modernen Bahnhof unter der Erde.

Ganz offensichtlich ist der strikte Leistungsfangedanke Ausdruck einer „autoritären Persönlichkeit“[39]. Dies zeigt sich insbesondere immer dann, wenn der Spieler oder die Mannschaft, die der Fan ja eigentlich  unterstützen will, bei der Leistungsmessung durchfallen und zu wenige Punkte erzielt werden. Denn so wie sie es akzeptieren müssen und gerne akzeptieren, dass Autoritäten ihre Leistungen nach mehr oder weniger zweifelhaften Kriterien bewerten und gegebenenfalls den Ton verschärfen oder „Zeichen rauer setzen“[40], wenn jene nicht zufriedenstellend sind, so beurteilt jeder Fußballfan die Leistung seiner Mannschaft mindestens genauso streng wie sein Vorgesetzter oder Lehrer die eigene. Wird das Leistungsziel verfehlt, dann müssen die Fans strikte Konsequenzen ziehen: Liebesentzug, offene Briefe, Pfiffe, Beleidigungen, Platzstürme, Busblockaden. Auch hier ist eine Wandlung unverkennbar: War die erste dokumentierte Busblockade am 20.03.2003 in Dortmund noch friedlich, musste Eintracht Frankfurt zuletzt unter Polizeischutz trainieren[41]. Die jungen Fans, die oft aus gutsituierten Familien stammen, reproduzieren hierbei ein gängiges Vorurteil ihrer mittelständischen Eltern: Ihr relativer Wohlstand, ihr kleines Häuschen basiere auf ihrer großartigen Arbeitsleistung, die sie angeblich erbracht hätten. Umgekehrt bedeutet das natürlich, dass die Armen arm sind, weil sie weniger leisten, gängige Schimpfworte heutzutage lauten nicht umsonst „Verlierer“ oder „Opfer“[42]. Dieses Strickmuster wird auf die Fußballspieler übertragen: Leistungsschwankungen, Formkrisen, Angst vorm Versagen oder Verletzungsmisere – alles geht auf in der einen, finalen Erklärung, dass die Spieler sich nicht genug angestrengt hätten. Dass Niederlagen zum Sport und auch zum Leben gehören, wird total verdrängt.

Wenn wir hier nicht gewinnen

Gilt zumindest in (west-)deutschen Stadien Rassismus und Antisemitismus als verpönt (im Osten sieht das leider ganz anders aus[43]) und wird die Gewalt zwischen den Fangruppen von sogenannten szenekundigen Polizeibeamten zunehmend erschwert, bleibt ein Sündenbock übrig, an dem man sich weiterhin nach Herzenslust abreagieren kann: Der, der ungeheuer viel Geld verdiene, sich nicht mit dem Verein identifiziere und viel zu wenig Leistung bringe: Der Fußballprofi. Jeder kann und darf ihn nach Herzenslust nicht nur bewerten: Im Schutz der Masse, im Mob, hat man auch keine Hemmungen, diesen zu beschimpfen, auszupfeifen und zu beleidigen. Aber auch im privaten Umfeld sind Fußballspieler vor solchen Übergriffen durch Fans nicht sicher, sie werden mit Geld beworfen, beleidigt oder sogar tätlich angegriffen.

Wer nun sagt, dass dies die ganz ordinäre Suche nach dem Sündenbock, dem Schmarotzer, dem Weichei, dem Faulpelz, dem Vereinsschädling ist, der hat natürlich vollkommen Recht. Es zeigt sich auch und gerade in der Hetze gegen die „Scheiß Millionäre“[44], dass dem Hass, dem Neid und damit den faschistischen Neigungen des Mobs nicht mit bloßer Tabuisierung der Fremdenfeindlichkeit beizukommen ist. Auch wenn dieser wie der andere Gesang, der die Mentalität des Fußballfans auf den Punkt bringt („Wir haben bezahlt, wir wollen was sehen!“), heute kaum noch gesungen wird, was man eventuell sogar als einen Erfolg werten darf, sind diese beiden Gesänge das insgeheime Motto, auch wenn die „Bezahlung“ bei antikommerziellen Fans die Mühe, die Arbeit, der Einsatz ist, für die man eine Gegenleistung einfordern darf.  Ebenso wird die fürstliche Bezahlung geneidet, dabei sollte der Fußballfan doch allemal so großzügig sein, den Spielern ein angenehmes Leben in Reichtum und ohne harte Arbeit zu gönnen. Wem als Kritikpunkt zum Profifußball vor allem einfällt, welche hohen Summen dort umgesetzt und verdient würden, dass die Spieler für ihr Geld viel zu wenig leisteten, begreift vom Antifaschismus bei allem löblichen Engagement leider gar nichts.

Eigentlich hatte ich geplant, einen Kommentar zur Störung einer Fanaktion zu schreiben. Doch je mehr man sich mit der Thematik befasst, desto klarer wird, dass viele Fangruppen sich immer nur als Opfer begreifen. Damit möchte ich mich nicht gemein machen, vielmehr geht es darum, dass kritische Interventionen und sinnvolle Aktionen sich gegen solche oben beschriebenen Fans zu richten haben. Wird eine Person, eine Fangruppe, ein Vereinsverantwortlicher oder ein Spieler Zielscheibe unfairer Hetze oder Gewalt, dann bedarf es uneingeschränkter Solidarität, egal um wen es sich handelt und aus welchen Gründen sich dieser Sündenbock gesucht wurde. Auch und gerade die Vereine sind hier gefordert, Zeichen zu setzen.

Dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt

Wie ich versucht habe darzulegen, ist Fußball eine ernste Angelegenheit und erfordert es, sich mit seinen negativen Aspekten wie Massenhysterie und dem potentiellen Faschismus des Mobs auseinanderzusetzen. Es ist die Aufgabe aller kritischen Fans, hier und zuerst vor der eigenen Tür zu kehren, solchen Tendenzen entschiedener zu begegnen, sich gegenseitig zu kritisieren und auf das eigene Verhalten zu reflektieren. Die Kritik, die sich immer nur gegen die anderen, die „Kunden“, die Vereinsverantwortlichen oder Spieler, die Nazis, die Polizei, die Fangruppen anderer Vereine etc. richtet, hat gegenüber der Selbstkritik und der Selbstkontrolle zurückzustehen. Die Rechtfertigung von Gewaltakten, Beleidigungen oder Bedrohungen darf nicht Bestandteil einer wie auch immer verstandenen Fußball- oder Fankultur sein.

Das zentrale Moment, so will es mir scheinen, ist hierbei die zunehmende Entfremdung zwischen Spielern und Fans. Während ein durchschnittlicher Profifußballer seinem Job dort nachgeht, wo er das meiste Geld verdienen kann (und meinetwegen auch dort, wo er sich sonstige Vorteile wie Ruhm, Anerkennung und sportlichen Erfolg erhofft), nimmt unter organisierten Fans die Identifikation mit dem Verein und der Region eine immer wichtigere Rolle ein, die bis zur Lächerlichkeit getrieben wird[45], obwohl sich die Vereine praktisch nur noch durch ihren Standort und ein wenig Lokalkolorit unterscheiden. Es ist ein alter Hut, dass die massenhaft vereinzelten Menschen nach Identität suchen, nach etwas, woran sie sich halten können. Gelten aber unter den nach Selbstdefinition eher linken deutschen Jugendlichen[46] Nation und Vaterland teilweise als verpönt (die Religion sowieso), bieten Fußballverein und Heimatstadt eine akzeptable Alternative oder, gerade in der ostzonalen Ödnis, eine passende Ergänzung. Demgegenüber steht der scheinbar „wurzellose Fußballsöldner“, dem es immer leichter fällt, den Verein zu wechseln und anderswo sein Geld zu verdienen. Letztendlich handelt es sich um den typischen Konflikt zwischen einer Heimat- und Bodenideologie einerseits und kapitalistischer Ökonomie andererseits, welcher den Nährboden jedes Faschismus bildet.

Es verwundert sehr, dass viele Menschen Wut offenbar als eine wünschenswerte Eigenschaft oder zumindest als eine verständliche Reaktion auf die Verhältnisse betrachten, wie die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) mit ihrer Wahl zum „Wort des Jahres“  2010 deutlich macht[47]. Sie erklärt, dass dieses Wort gebildet worden sei, „um einer Empörung in der Bevölkerung darüber Ausdruck zu geben, dass politische Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen werden.“ Das Wort dokumentiert ein großes Bedürfnis der Bürgerinnen und Bürger, über ihre Wahlentscheidung hinaus ein Mitspracherecht bei gesellschaftlich und politisch relevanten Projekten zu haben.“ Diese Begründung ließe sich ohne Weiteres auf den Wutfan übertragen, der empört über seinen fehlenden Einfluss auf den Erfolg des Vereins ist und ein Mitspracherecht einfordert. Es verwundert sehr, wie wenig der Begriff der Wut in diesem Zusammenhang reflektiert wird. Wut äußert sich unspezifisch, unkontrolliert, unreflektiert und oft genug an Randphänomenen. Adorno kritisierte die Wut der 68er wie folgt: „Denn Denken hat das Moment des Allgemeinen. Was triftig gedacht wurde, muß woanders, von anderen gedacht werden:  dies Vertrauen begleitet noch den einsamsten und ohnmächtigsten Gedanken.  Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend:  Denken hat die Wut sublimiert.  Weil der Denkende es sich nicht antun muß, will er es auch den anderen nicht antun.“[48] Der Wutfan dagegen ist unfähig zu erkennen, dass seine Wut ganz andere Ursachen als die Niederlagen seiner Lieblingsmannschaft hat, die nur den äußeren Anlass bilden, endlich einmal die Sau herauszulassen.

Zentrales psychisches Motiv des Wutfans wie des Wutbürgers ist die Angst vor sozialem Abstieg, die er wie eine Niederlage seiner Mannschaft als narzisstische Kränkung empfindet und die sich angesichts von Banken-, Wirtschafts- und Eurokrise immer weiter verschärft. Äußert sich diese Angst beim Wutbürger noch einigermaßen sublim im Slogan „Oben bleiben!“[49], mit dem gegen die Verlegung des Stuttgarter Hauptbahnhofs unter die Erde protestiert wurde, schallte den Spielern des 1. FC Köln beim Gang in die Kurve[50] derselbe Slogan entgegen, den sie auch als Graffiti auf ihrem Trainingsplatz[51] lesen durften: „Wenn Ihr absteigt, schlagen wir Euch tot!“ Alle dargelegten Motive des Fan-Faschismus kommen hier zusammen: Erstens die ungeheure Angst vor sozialem Abstieg, von dem sich über 90% der Bevölkerung fürchten, was sie dazu veranlasst, Schwächeren und Minderleistern die Solidarität aufzukündigen [52]. Zweitens der Leistungsgedanke frei nach Thilo Sarrazin und Konsorten, der den sozialen oder sportlichen Abstieg dem Einzelnen, seiner Faulheit oder seinen Genen in die Schuhe schiebt. Drittens die Zusammenrottung zum Mob, der zu gewalttätigen Aktionen gegen das zum Sündenbock erklärte Feindbild drängt. Und viertens die grundsätzliche Entsolidarisierung zwischen Spielern und Fans, die zwar Erfolge noch gemeinsam feiern („Wir sind deutscher Meister!“) und Spieler dulden, solange sie funktionieren, den Misserfolg aber ausschließlich den Spielern in die Schuhe schieben, sich um keinen Preis mit „deren“ Abstieg identifizieren wollen.

„Wenn wir schon nicht gewinnen, dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt“ – mit Sicherheit dachte Rolf Rüssmann nicht an die Fans von Rapid Wien, die auf den 0:2-Rückstand ihrer Mannschaft nach 25 Minuten im Derby gegen Austria mit einem Platzsturm reagierten[53]. Im Gegensatz zum Fußballer Rüssmann zertreten die Wutfans aber nicht nur „ihnen“ den Rasen, sondern auch sich selbst, wenn sie sich gegen die eigenen Spieler stellen. Der Sport als große Show funktioniert prima auch ohne Traditionsvereine, aktive Fangruppen und Gewalt, andere Sportarten beweisen dies. Nur ohne die vielbeschimpften Protagonisten, die Spieler, kann der Sport niemals funktionieren.


Ein Rapid-Fan wirft einen Bengalo in den Austria-Block. Und "trifft" damit leider auch noch. (1911aktuell.at)

Ein Rapid-Fan wirft einen Bengalo in den Austria-Block. Und "trifft" damit leider auch noch. (1911aktuell.at)

[4] Karl Marx, Das Kapital, Wiki-Link
[41] siehe Kicker Sportmagazin vom 9.5. 2011, S. 16f.