Interview: Einblicke in die einzige Sozialabteilung der Liga

10.05.11 | von | Kategorie: Allgemeines | 4 Kommentare
Von Schulen für Werder gebastelt: nicht nur ein Spieler und das Wappen als Bild, sondern auch ein Mosaik-Özil

Von Schulen für Werder gebastelt: nicht nur ein Spieler und das Wappen als Bild, sondern auch ein Mosaik-Özil

Klaus-Dieter Fischer war gerade einmal 14 Jahre alt und hatte sich just die Hand gebrochen. Die Schmerzen waren nicht mehr so stark als in daraufhin Werders damaliger Jugendleiter in ein Feriencamp einlud. Es war Fischers erster Urlaub und im wurde dort früh bewusst, dass ein Verein nur funktioniert, wenn er auch soziale Kompetenz hat. So sagte er es einst. Es dauerte allerdings noch ein paar Jahre, bis es wirklich richtig umgesetzt wurde.

2002 fand die Vergabe der WM-Standorte statt. Bremen ging wieder einmal leer aus und Klaus Dieter Fischer war darüber sehr enttäuscht, ja sogar fast sauer. „Man muss der Region doch auch mal etwas zurückgeben können…“, sagte er damals. Der Grundgedanke war geboren und es dauerte nicht lange, bis das Projekt “100 Schulen – 100 Vereine” an den Start ging. KidsClub, 60plus, Werder World Wide, Werder goes Ehrenamt und weitere Projekte sollten folgen.

Wie sehr Klaus Dieter Fischer diese Angelegenheit am Herzen liegt, zeigt auch sein Verzicht auf Geschenke zu seinem 70. Geburtstag. Stattdessen forderte er alle Freunde auf, für die Stiftung zu spenden. 2008 wurde schlußendlich die Abteilung Sozialmanagement gegründet. Angefangen hat man mit einem Mitarbeiter – heute sind es elf feste Mitarbeiter und dazu noch vier Praktikanten. Einmalig in Deutschland. Anne-Kathrin Laufmann war übrigens auch eine dieser Praktikanten, als sie 2006 bei Werder begann. Heute ist sie die Leiterin des Bereiches und gibt im Gespräch im einen Einblick in die Abteilung, die vielen bisher noch gar nicht geläufig ist.

Worum.org: Frau Laufmann, was ist das älteste Projekt in der Sozialabteilung?
Anne-Kathrin Laufmann: 100 Schulen – 100 Vereine. Dies ist gleichzeitig auch unser bekanntestes Projekt.

Sind für die Zukunft noch weitere Projekte geplant?
Wir sind jetzt gerade dabei, das Thema Inklusion von behinderten Menschen nochmal zu verstärken. Dort gucken wir, ob wir bei Werder dafür noch spezielle Angebote schaffen oder anders im Sportverein integrieren können. Oder aber, ob wir vor Ort bei bestimmten Institutionen im Sportbereich unterstützend tätig werden. Was wir auch noch verstärkt ins Visier nehmen wollen, ist das Thema „Migranten“, weil wir einfach auch gemerkt haben, dass dieses Thema im Sportbereich – speziell im Fußball – für alle okay ist, aber gerade Frauen mit Migrationshintergrund sind da schwer für zu begeistern und da wollen wir einfach mal schauen, wie man die da auch noch mit integrieren kann. Vor Ort in einigen Einrichtungen, aber auch hier bei uns. Diese beiden Punkte sind uns ziemlich wichtig.

Werder hat mit dieser Abteilung ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal…

Genau. Wir sind der einzige Bundesligist, der eine eigene Abteilung dafür hat. Vor allem in dem Ausmaß. Bei allen anderen Vereinen läuft das Ganze unter Marketing oder Mitgliederverwaltung. Von der DFL gab es vor kurzem auch eine Auswertung über das soziale Engagement von Vereinen. Aus dieser Wertung wurden wir aber rausgenommen, weil wir mit unseren elf Mitarbeitern das Ganze viel zu sehr verzerrt hätten. Werder war ja schon immer sehr familiär und gesellschaftsnah. Wir wissen einfach, man muss auch etwas zurückgeben. Man kann nicht oben auf seinem Thron sitzen, ohne nach links und rechts zu gucken. Wir verstehen uns ja nicht als ein Unternehmen, das Profifußball macht, sondern das sollte ja auch der Sinn eines Sportvereins sein. Man muss gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

Wer hatte damals die Idee für die Abteilung – woher kam die Initiative für das Ganze?
Klaus-Dieter Fischer. Der ist auch mit vollem Herzen dabei und genau das macht es auch aus. Man braucht jemanden, der komplett dahintersteht, gerade in der Geschäftsführung.

Gibt es Projekte, die schon beendet wurden, weil es keine Resonanz oder Ähnliches gab?

Nein. Es ist ja auch wichtig, dass es nachhaltig ist. Es gibt mal einzelne kleine Aktionen, woran man sich beteiligt, aber alles, was wir angefangen haben, wird auch immer noch fortgeführt.

Wie wird die Tätigkeit im Verein bewertet? Bekommt man da ein Feedback?
(überlegt kurz) Am Anfang war es schwierig, hier seinen Standpunkt zu finden. Wir sind ja eigentlich die Abteilung, die nur ausgibt… (lacht) Es wurde oft gefragt: „Macht das Sinn?“ Aber mittlerweile wird es überhaupt nicht mehr angezweifelt, wir werden ganz viel unterstützt, auch von den anderen Abteilungen. Es merken auch alle, wie wichtig es ist, gerade in schlechten Zeiten, wie es jetzt der Fall war. Da muss man sich noch gezielter um die Fans kümmern.

Werder hat jetzt am Wochenende endlich den Klassenerhalt perfekt gemacht. Hätte sich hier in der Abteilung etwas geändert bei einem Abstieg?
Nein. (lacht) Die Frage ist ja aber berechtigt. Im Falle eines Abstiegs würde man nicht anfangen in diesem Bereich zu sparen.

Die Leiterin der Abteilung: Anne-Kathrin Laufmann

Die Leiterin der Abteilung: Anne-Kathrin Laufmann

Wie hat sich die Abteilung selber entwickelt, die Büros bspw. sind erst im Zuge des Ausbaus hinzugekommen…?
Als man 2002 anfing, saß der damalige Mitarbeiter noch irgendwo in der Westkurve beim Fanservice um die Ecke. (lacht) 2004 wurde dann ja hier ausgebaut und dann bekam er im ersten Turm ein Büro. Seit ich hier bin, sind wir aber auch noch vier Mal umgezogen, weil ja ständig erweitert wurde. (lacht) Ich habe auch im ersten Turm angefangen, dann kam ich in den dritten, zweiten und nun sind wir im vierten. Ich glaube, hier bleiben wir jetzt auch. (lacht)

Von wem wird das Ganze finanziert – Verein oder KGaA?
Teils, teils. Die Projekte, von denen auch die Mitglieder betroffen sind, wie Kids Club oder die Windelliga, werden vom Verein finanziert. 100 Schulen – 100 Vereine und alles Weiterführende wird von der KG finanziert, da haben wir dann ein bestimmtes Budget zur Verfügung. 100 Schulen – 100 Vereine wird aber auch noch von der AOK und Kraft Food unterstützt, die einige der Freikarten finanzieren.

Wie kommt die Arbeit in der Öffentlichkeit an?
Von den Verbänden und anderen Bundesligisten wird es sehr anerkannt. Vor kurzem war auch eine Sport-Business Messe in Düsseldorf, dort gab es von der European Football League einen Kongress zu CSR und da wurde bei uns als einzigem deutschen Bundesligisten angefragt, ob wir daran teilnehmen würden. Also bei den Leuten, die sich damit beschäftigen, kommt es sehr gut an. Es kommt aber leider nicht in der Masse an. Die meisten wissen, dass wir uns damit beschäftigen, was wir aber im Einzelnen alles machen, wissen die wenigsten.

Wieso hört man so selten in der Presse etwas von der Abteilung?
Die Bremer Presse interessiert sich leider weniger dafür. Wenn wir allerdings außerhalb sind, an Schulen, dann kommt oft die regionale Presse hinzu und ist da viel aktiver. Andere Clubs haben aber die gleichen Probleme, das Soziale steht halt irgendwie hinten an. Deswegen versuchen wir für wichtige Projekte halt öfter mal Spieler mit einzubinden, wie jetzt Tim Wiese für „100% fitter Werder Partner“, da er selber ja auch viel abgenommen und seine Ernährung umgestellt hat. Deshalb haben wir ihn dafür als Schirmherrn genommen, damit die Presse sich auch dafür interessiert und auch mal kommt.

Sie haben ja auch einige Ausbildungsbetriebe, mit denen Sie zusammenarbeiten. Gibt es da ein bestimmtes Kriterium nach dem man die aussucht?
Nee, es ist egal, ob das nun ein Bäcker ist, der nur einen Auszubildenden hat, oder ein großes Unternehmen. Wir haben das damals auf unserer Homepage ausgeschrieben und natürlich auch unsere Sponsoren angeschrieben, dass die sich auch in dem Punkt beteiligen können und dann haben sich verschiedenste Ausbildungsbetriebe beworben. Wir haben dann 25 Betriebe zusammenbekommen und mehr wollten wir auch nicht, denn man will ja auch immer noch Qualität bieten. Und die Betriebe kommen aus allen möglichen Bereichen.

Werder World Wide agiert ja, wie der Name schon verrät, in der ganzen Welt. Gibt es da noch spezielle Beziehungen? Wynton Rufer beispielsweise?
Ja, der ist auch Schirmherr des Projektes. Den haben wir ausgewählt, weil er selber ja auch viel macht und sich engagiert für sozial Schwache. Der passt einfach zum Projekt und zu uns.

Guckt der auch öfter mal vorbei, wenn er in Bremen ist?
Ja, durchaus. Ich hoffe, er ist auch beim One Nation Cup in Bremen dabei. Und immer, wenn er hier ist, dann guckt er auch bei uns mal rein.

Wie kann man sich als Fan an den Projekten beteiligen, muss man sich irgendwie speziell bewerben?
Einfach Kontakt mit mir aufnehmen. Es kommt ja auch darauf an, wie man sich beteiligen möchte. Ob man nun ehrenamtlich mitwirken will oder ob man an eine eigene Einrichtung denkt und fragt mal nach, ob das für uns interessant wäre. Es soll ja auch eine gegenseitige Kooperation sein. Wenn man da eine Institution hat, die jedes Jahr nur ihre Freikarten abgreifen will, aber ansonsten gar nix macht, dann sortieren wir auch mal aus und nehmen neue dazu. Es soll ja mehr bei rumkommen und die Freikarten sind ja nur ein „Bonbon“, den wir dazugeben. Das soll ja aber nicht der Sinn der Partnerschaft sein.

Gibt es auch Feedback von den Spielern?
Wir haben auch Naldo als Schirmherr für den Kids Club. Man versucht schon die Spieler einzubinden, aber nicht zu stark. Wir wollen nicht den Fokus auf die Spieler legen, sondern auf die eigentliche Aktion, die wir vermitteln wollen. Wenn man einen Spieler dabei hat, bekommt man zwar viel Aufmerksamkeit, aber da ist der Fokus so stark auf dem Spieler, dass das Eigentliche drumherum total vergessen wird. Diego hatten wir auch schon eingebunden oder als wir vor kurzem eine Gruppe aus Danzig hier hatten, nahmen wir Boenisch dazu. Einige Spieler wissen also, was wir hier machen, und da bekommen wir auch positives Feedback. Wir haben ja auch den Vorteil, dass wir hier manchmal Azubis haben, die in der U23 spielen, nebenan sitzt ja Timmy Thiele. Und das finde ich auch gut, denn wenn sie irgendwann mal Profi sind, dann haben die durch ihre Tätigkeit bei uns vielleicht einen ganz anderen Draht zu der Sache.

Gucken die Spieler oder Funktionäre hier auch mal rein und erkundigen sich, was so ansteht?
Hier direkt natürlich nicht. (lacht) Klar, Klaus-Dieter Fischer ist oft hier, weil er unser direkter Vorgesetzter ist. Ansonsten hier in der Abteilung nicht direkt.

Gibt es bestimmte Zusammenarbeiten mit den Fanclubs?
Ja, wir arbeiten mit einem Fanclub sehr zusammen, der sich stark für Menschen mit Behinderung einsetzt. Ansonsten ist das aber eher die Arbeit der Fanbetreuung, mit denen wir ja aber wiederum zusammenarbeiten. Das wollen wir in Zukunft aber noch verstärken.

Vor einigen Jahren gab es Ärger wegen des Fan-Ethik-Kodex. Kam das hier auch an, da Sie sich ja stark für die Antidiskriminierung einsetzen, oder lief das nur über die Fanbetreuung?
Wir haben davon nicht so viel mitbekommen. Ich finde den Kodex aber auch gut, wir als Mitarbeiter haben ja auch sowas. Die Spieler mussten jetzt nicht unterschreiben, weil es eh Bestandteil ihres Vertrages ist. Aber ich finde es wichtig, dass man sich damit auch gedanklich mal auseinandersetzt.

Wo sehen Sie sich selber in 10 Jahren?
Immer noch hier. (lacht)

Kein fünftes Mal umziehen?
Nein. (lacht) Wir müssen halt selber schauen, dass wir das, was wir machen, auch weiterhin qualitativ gut machen und nicht ausufern. Wir müssen gucken, wo wir unsere Schwerpunkte legen. Nicht, dass es irgendwann immer mehr und mehr wird, sodass man keinen Überblick mehr hat. Wir wollen uns auf bestimmte Sachen spezialisieren und da dann in die Tiefe gehen.

Vielen Dank für das Interview und für die Zukunft weiterhin alles Gute.

Die Sozialabteilung auf Werder.de: Klick