Interview: Einblicke in die Arbeit eines Scouts

03.05.11 | von | Kategorie: Interviews | 15 Kommentare
Ab heute Scouting-Mekka: die U17-Europameisterschaft. Mit den Deutschen und Werderaner Aycicek

Ab heute Scouting-Mekka: die U17-Europameisterschaft. Mit den Deutschen und Werderaner Aycicek

Die kommende Transferphase wird für Werder Bremen wichtiger denn je. Und sie wird die Schwerste der vergangenen Jahre. Es fehlt in der kommenden Saison der Europapokal, man muss zwangsläufig sparen. Entsprechend bei den Neuzugängen noch genauer hinschauen als zuvor. Und auch mehr Volltreffer landen.

Wichtiger denn je sind bei der Spielersuche die Scouts, die Klaus Allofs, Frank Baumann und Thomas Schaaf mit allen verfügbaren Informationen für die Spielerauswahl versorgen. Im letzten September gab Chefscout Frank Ordenewitz einen ersten Einblick, dieses Mal wird es etwas ausführlicher. Und namenloser. Für ein Gespräch mit Worum.org nahm sich ein Spielerbeobachter eines europäischen Erstligisten Zeit. Etwas intensivere Einblicke ins Scoutleben soll es geben. Allerdings mit der Einschränkung, dass nur auf allgemeine Bereiche Bezug genommen werden kann. Grund: Gespräche mit der Presse sind von Vereinsseite untersagt. Warum das so ist, kann man u.a. im Verlaufe des Interviews lesen.

Hallo, fangen wir mit einer grundsätzlichen Sache an: viel Zeit bzw. Freizeit als Scout?
Nein, sicher nicht. Die Arbeit für heute ist getan, nun geht es gleich noch an Schreibarbeit und an die Planung für die kommende Junioren-Europameisterschaft.

Was versteht man unter Schreibarbeit in diesem Fall?
Notizen und Beobachtungen vom heutigen Spiel werden in den Laptop übertragen.

In ein spezielles System?
Ja, wir haben eine Datenbank, die der Verein betreibt. Es gibt auch Klubs, die zusätzlich auf Externe, nicht Klubzugehörige zugreifen.

Was findet letztendlich der Sportdirektor für Infos dort vor?
Im Grunde genommen alles, was man beobachten und erfahren kann. Für reine 90 Minuten Spielerbeobachtung braucht man keine Vollzeitscouts.

Sondern?
Wir haben nicht unter der Woche allesamt frei, bis dann am Wochenende freitags, samstags und sonntags Spiele geschaut werden. Bei meinem letzten „Auswärtsbesuch“ blieb ich vier Tage. Zwei Jugendspiele, eine Jugendtrainingseinheit, ein Profispiel und vier Trainingseinheiten der Profis.

… vier Trainingseinheiten?
Ja, dort erfährt man oftmals sogar mehr als bei Spielen. Man sieht zudem Interaktion mit den Teamkollegen, man sieht den Alltag, die Vorbereitung, natürlich auch den Enthusiasmus eines jungen Spielers, wie sehr er selber tagtäglich Wert darauf legt, sich zu verbessern.

Und dann zum Abschluss 90 Minuten im Stadion?
Richtig, wobei da auch nicht immer alle spielen, die man im Blick hat.

Schaut man die Partien anders als der Fan, nimmt man sie anders wahr?
Definitiv. Gerade, wenn man direkt zum Scouting eines Spielers vor Ort ist, dann bekommt man allzu viel von den anderen Spielern und dem direkten Geschehen am Ball nicht mit. Zudem schaut man das Spiel in dem Sinne anders, dass man nicht auf die Attraktivität, die Unterhaltung oder Spannung aus ist. So fällt es einem dann auch schwer, ein Spiel einfach mal nur noch zu genießen, man schaut automatisch bei den Spielern des Gegners nach Potenzial, bewertet sie innerlich. Bei einem Gegentor ärgert man sich weniger, sondern analysiert den Spielzug, die Haltung beim Torschuss (lacht).

Worauf achtet man denn bei den Spielern genau?
Das ist pauschal gesagt alles.

Gibt es einen Unterschied zum Fokus bei den Jugendspielern?
Ja, da schaut man zwar auch auf alles, aber insbesondere auf Dinge wie die Antizipation, das Spielverständnis. Wie versteht und handelt der Spieler? Vor allem: wie handelt ein Spieler unter Druck? Es gibt Dinge, die man deutlich schwerer antrainieren kann. Bei mangelndem Spielverständnis kann auch die beste taktische Schulung nicht viel bringen.

Und das sieht man als Scout so genau?
Ich würde behaupten: ja.

Es ist also auch ein Talent?
Ja, ein Auge für solche Details sowie ein Talent, um das Gesehen einzuschätzen muss man schon haben. Antrainieren oder anlernen bringt da wenig. Mit Erfahrung wird man sicher besser, aber wie in allen Berufen kann man mit mehr Grundtalent mehr erreichen.

Gibt es Fortbildungen?
Nicht direkt. Wir haben aber im Klub, zusammen mit den Trainerteams des Vereins, immer mal wieder Besprechungen. Beispielsweise über die Charakterentwicklung, über den psychologischen Aspekt, gerade bei jungen Spielern. Das ist dann gut für die Einschätzungen der eigenen Beobachtung.

Du erwähntest vor einiger Zeit einen Vortrag über das Torhüterspiel, was genau lief da ab?
Da ging es darum, dass verschiedene Torhüter genauer beobachtet wurden, wie sie das Spielgeschehen beeinflussen. Es ging u.a. um: im Ballbesitz kann man kein Gegentor kassieren. Das verstehen selbst viele Profitorhüter nicht. Abschläge segeln ins Niemandsland, weite Abschläge werden gewählt obwohl man eine Kopfballschwache Truppe auf dem Feld hat.

Reicht eigentlich ein wirklich guter Scout pro Klub aus?
Nein, aus meiner Sicht nicht. Es sei denn, man ist Athletic Bilbao. Ansonsten braucht man aufgrund der vielen Ligen und der tausenden Spieler mehrere gute Scouts, sonst könnten die bestmöglichen Kandidaten ungesichtet bleiben.

Werderscout Frank Ordenewitz sagte, auf einen Alleine kommt es nicht an. Minimum drei Scouts schauen sich einen Spieler an, den einer für ansehenswert hält. Zusätzlich kann man dann wohl auch noch Trainer und Sportdirektor zurechnen. Alltag bei allen Klubs?
Ja. Umso größer, umso mehr Meinungen. Umso mehr Meinungen, umso besser das Bild vom Spieler. Drei plus Teamverantwortliche klingt gut.

Schauen das alle immer persönlich oder auch per Video?
Sowohl als auch. Bei den Trainern ist das oftmals schwer, während der Saison mal eben nach Südamerika zu fliegen. Zudem hat beides seine Vorteile.

Welche Vorteile zum Beispiel?
Im Stadion hat man den Vorteil, dass man das gesamte Spiel über direkt auf einen Spieler achten kann. Egal wo der Ball ist. Die TV-Kamera hingegen ist immer beim Ball, beim Spielgeschehen.

Welchen Vorteil hat die Videosichtung neben der Tatsache, dass man nicht durch die Weltgeschichte fliegen muss?
Man kann es tausendmal ansehen. Man kann anhalten, zurückspulen, Zeitlupe laufen lassen.

Nutzt Du auch YouTube?
Sehr selten. Es sind Zusammenschnitte, oftmals aus Spielen über Jahre hinweg. Da kommen dann aus 10.000 Spielminuten fünf Minuten mit ätzender Musik zusammen. Aussagekräftig ist das kein bisschen, es bringt lediglich einen ersten Eindruck, um was für einen Spielertypen es sich handelt.

Also ist es gar nicht hilfreich?
Doch, das schon. Aber primär für Fans. Man erkennt, was der Neuzugang wohl für ein Spielertyp ist. Man weiß, was an einem dann am Wochenende bei der Spielzusammenfassung erwartet. Aber man weiß, insbesondere bei allem was nicht als Stoßstürmer aktiv ist, nicht wirklich, wie gut der Spieler in einem Spiel über 90 Minuten, geschweige denn über eine Saison ist. Wie verhielt sich der Spieler in den restlichen 9.995 Minuten außerhalb der fünf Minuten bei YouTube?

Wie hilfreich sind Internetforen?
Eher für kleinere, unterklassigere Teams. Zu Beginn meiner Arbeit habe ich schon ab und an mal reingeschaut, aber es gibt dort keine wirklich relevanten Infos. Das Spiel habe ich selber gesehen, das Training auch. Habe ich das nicht gesehen, so bietet die Presse generelle Infos ebenfalls an. Ob ein Spieler, den ich beobachten will, spielt, erfahre ich auch über Berater, meinen Sportdirektor, die lokale Presse oder vom Spieler selbst.

Und Tipps bezüglich interessanter Spieler?
Nein, auch deswegen nicht, weil gerade Leute wie ich angestellt sind, um das alles abzudecken. Wir haben genug Vollzeit- und Teilzeitscouts. Wir haben externe Scouts. Wir haben ein Management, das ständig den Markt beobachtet und entsprechend mit Beratern in Kontakt ist. Dort gibt es direkte Infos und mit mehr Substanz.

Gibt es Tipps von außerhalb, bspw. in Stadien direkt an Dich oder per Mail?
An mich direkt eher selten, an unseren Klub an sich aber massenhaft.

Und ist davon dann ein Spieler von Dir direkt mal beobachtet worden?
Das kann ich nicht wirklich beurteilen, bei Jugendspielern kommt das vor. Bei Profis würde ich da mit Nein antworten. Es kann aber sein, dass der Chefscout vom Sportdirektor einen Namen bekommt, den der Trainer durch ein YouTube-Video gesehen hat, dass er in einem Internetforum fand (lacht).

Bist Du jemals mit Bestechungsangeboten konfrontiert gewesen?
Natürlich. Bspw. weiche Aussagen, wo man von Beratern Sätze hört wie „wenn du Spieler X pusht, dann soll sich das für dich auch am Ende auszahlen“.

… mit Hollywood-Augenzwinkern dabei?
(lacht) Ja, das kam auch schon vor. Zwinkern, Arm in Arm und dann einerseits unverfänglich, andererseits mit klarer Botschaft, dass man mitverdienen wird, wenn man Auskünfte verfälscht.

Wie oft hat der Umschmeichler da Erfolg?
Man hört natürlich Gerüchte, dass so was auch schon mal funktioniert. Für mich ist das aber völlig sinnlos, da man sich am Ende nur selber schadet. Zuerst einmal sehen die Kollegen, die den Spieler danach dann noch beobachten, dass man übertreibt. Sollte der Klub den Spieler holen, so wird der Verein weniger Erfolg haben. Das fällt dann auch auf denjenigen zurück, der den Spieler so gepusht hat und entsprechend ist man dann auch irgendwann seinen Job los. Oder diese Zahlungen kommen raus und man ist nicht nur den Job los sondern in der Branche dazu noch gebrandmarkt.

Wo kommt so was am Häufigsten vor?
In Afrika und Südamerika, in Europa eher selten. Was natürlich bei den beiden genannten Regionen daran liegt, dass dort das Mitverdienen bei solchen Geschäften als nichts sonderlich Unmoralisches gesehen wird. Insbesondere in Südamerika, wo das Geschäft der Transferrechte ein eigener Wirtschaftszweig ist. In Afrika ist es eher so, dass vor allem Armut ein Grund ist. Bei der letzten U20-Weltmeisterschaft war ein Elternteil eines nigerianischen Spielers bei einigen Scouts, Beratern und Teamverantwortlichen vorstellig geworden, um beinahe zu betteln und das zukünftige Gehalt an diejenigen abzutreten, die ihren Sohn vom armen Afrika ins Wohlstandseuropa holen.

Wie ist das überhaupt mit den Eltern, gerade bei Jugendspielern; hört man da schon mal wilde Übertreibungen, lustige Forderungen?
Ich kann das sowieso nur bei den Jugendspielern beurteilen, bei den älteren Spielern bin ich selten bis nie involviert. Dort muss man sehen, dass die Eltern nur das Beste für ihr Kind wollen. Dabei überziehen sie aber schon mal, das kommt sicher vor. Einerseits das Klischee, dass Eltern mit ihren Geld verdienen wollen bzw. es selber nicht so weit brachten. Und andererseits wird da aus einem talentierten Jungen der nächste Lionel Messi. Wenn man das nicht sehe, solle man einen anderen Job ausüben.

Also auch mal etwas heftiger in der Argumentation?
Absolut. Da werden jungen Spielern, die mitten in der Persönlichkeitsentwicklung sind, jahrelang und konsequent Dinge eingeredet, so dass es später schwierig wird, dieses Weltbild zu verändern und entsprechend den Spieler bestmöglich zu fördern.

Ich bestehe auf ein Beispiel…
Jaja (lacht). Ein typisches, und das kommt mir auch immer wieder in den Kopf wenn Eltern in diese Richtung driften: Ich hatte einen 15jährigen Offensivspieler beobachtet und war vom Chefscout angewiesen, nach dem Spiel mit dem Jungen und seinen Eltern ein erstes Gespräch zu führen, um zu sehen, ob die Familie es als Möglichkeit sieht und ob es für uns sinnvoll wäre, den Spieler mehrere hundert Kilometer von zuhause zu uns zu holen. Das Spiel was ich sah war von unserem Kandidaten aufschlussreich: sein Talent klar sichtbar, seine Leistung aber schlimm. Egoistisch, lauffaul, der hatte Allüren. Nach dem Spiel dann im Gespräch mit dem Spieler und den Eltern fiel mir auf, dass der Junge schon nachdenklich wirkte, ob das richtig ist, was er da auf dem Feld macht. Er bekam dann aber vom Vater und auch von der Mutter bei jedem Anflug von Zweifel sofort deutlich gesagt, dass er alles richtig mache. Für jede misslungene Aktion wurden Mitspieler und Trainer, alternativ der Schiedsrichter, als Grund ausgemacht. Schuld hatten alle anderen.

Und was ist aus ihm geworden?
Er spielt aktuell dritte Liga, blieb beim damaligen Wechsel nah seines Heimatortes. Ich denke, für ihn wäre es als Persönlichkeit und auch fußballerisch besser gewesen, wenn er zu uns aufs Internat gekommen wäre. Oder eben zu einem anderen Klub samt Internat. Eben weg von der Heimat.

…dann wären die Eltern mitgezogen.
(lacht) Aber bevor man nun alle Eltern verteufelt: in ganz jungen Jahren weiß man als Talent nicht immer, was für die eigene Entwicklung das Beste wäre. Da helfen viele Eltern. Und auch Berater ab und zu.

Das Stichwort greife ich mal auf: ist man oft in Kontakt mit Beratern?
Nicht oft, aber regelmäßig schon. Ich bin bei sehr vielen Spielen, da ist man selten alleine. Selten unter Scouts. Gerade bei Spielen, die nicht gut besucht sind wie Nachwuchsländerspiele. Da wimmelt es in gewissen Tribünenteilen von uns und von Beratern.

Tauscht man sich da aus?
Nicht wirklich fachmännisch, das ist eher so dass man auf den vielen Trips wenigstens mal bekannte Gesichter zum Small Talk hat. Hotel, Flug etc..

Und Scouts untereinander?
Mit den nicht-eigenen Leuten spricht man schon deutlich mehr über Spieler und Spiele. Allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt. Wenn ich da in einem Spiel einen Spieler für sehr gut bewerte, dann werde ich dieses am Getränkestand nicht meinem Konkurrenten auf die Nase binden, …

… sondern das Gegenteil.
Das passiert selten, kommt aber mal vor. Beispielsweise wollte mir ein Scout eines Konkurrenten mal einen Spieler ausreden, der von mir und meinen Kollegen, die ihn vorher sahen, für sehr gut bewertet wurde. Da sprach er dann beim gemeinsamen Gang nach dem Spiel zum Hotel von Schwierigkeiten bei der Ballannahme, von taktischen Problemen, von so ziemlich allem. Den werde sein Klub nicht holen wollen. Zwei Wochen später erfuhr ich von unserem Sportdirektor, dass der Klub desjenigen noch am Folgetag intensive Verhandlungen mit dem Berater des Spielers aufgenommen hatte. Da wollte man lediglich die Konkurrenz loswerden.

Und wie sieht es mit der Presse aus? Wird man erkannt, angesprochen?
Erkannt selten, ich bin kein extrem bekannter Ex-Nationalspieler. Angesprochen wird man ab und zu, aber ich darf laut Verein keine Stellungnahme zu Spielern abgeben, im Grunde kein Wort mit der Presse wechseln.

Weil das Verhandlungen beeinflusst?
Richtig.

Entstehen durch Dein Auftauchen bzw. durch das Erkennen Deiner Person oder Scouts generell also oft Gerüchte?
Richtig, das passiert häufig. Entweder neu oder es wird dann ein gerade kursierendes Gerücht untermauert.

Aber wie kommt es dabei zu konkreten Namen bzw. das Herauspicken von einem der mindestens 22 Spieler auf dem Platz?
Raten? Kombinieren? Beispielsweise Werder Bremen dürfte doch dafür ein gutes Beispiel sein. Linksverteidiger, so ist man sich einig, sucht Werder so gut wie immer. Sieht oder hört man nun von irgendeinem Scout bei einem Spiel, so muss Werder dann natürlich einen der beiden Linksverteidiger im Auge haben.

Und bei den Spielern, die nicht als Linksverteidiger unterwegs sind?
Da sind es dann die besten oder talentiertesten Spieler. Die besten Talente, die besten Spieler oder eben die Spieler, die auf Positionen spielen, wo der Klub Bedarf hat. Die Spekulationen können natürlich aufgrund der Logik auch öfter mal richtig sein, sind aus meiner Erfahrung aber aufgrund von spekulativen Gedanken geboren.

Unterstützt wird so was durch Klubs, die offenbar Anwesenheitslisten von Scouts an die Presse weitergeben, wie öfter in Belgien der Fall. Wie kommt das zustande?
Durch Anwesenheit (lacht). Es gibt Klubs, die so ihre Verhandlungsposition stärken wollen, weil sie ein „Verkaufsklub“ sind und davon leben, Spieler zu Topklubs für viel Geld ziehen zu lassen. Umso mehr angebliche Interessenten, umso besser.

Woher wissen die Klubs aber die Anwesenheit der Vereine sogar schon Tage vorher?
Das ist meist so, wenn man zu Topspielen fährt und diese meist schnell ausverkauft sind. Um dann nicht ohne Karte oder im letzten Winkel zu sein meldet man sich vorher beim Klub, um so ins Stadion zu kommen und Karten zu erhalten. Gerade bei den vorher genannten Verkäuferklubs ist das für viele Vereine kein Problem. Einem finanziell schwachen Drittligisten wird man aber von dem Kartenkontigent nichts abgeben.

Bei Turnieren gibt es Akkreditierungen wie bei Journalisten?
Richtig, das ist vergleichbar. Bei der kommenden U17-EM bspw. ist für Scouts ein Bereich im Stadion reserviert.

Und der ist voll?
Wenig ist dort nicht los.

Mehr als in den vergangenen Jahren?
Es wird schon etwas mehr.

Bleiben wir beim Vergleich der Vergangenheit: wie hat sich der Markt an sich entwickelt, sind die Spieler, die man nach dem Scouting holen will, noch so erreichbar wie vorher?
Nein, das hat sich schon geändert. Berater und Sportdirektoren können das besser einschätzen, aber es ist so, dass mehr auf junge Spieler geschaut wird. Es schauen zudem mehr Teams auf jüngere Spieler. Und die kommen von oben und unten.

Das heißt konkret?
Es gibt weniger Teams, die mit Riesenablösen um sich schmeißen. Früher waren das noch viele Klubs aus der Serie A. Heute nicht mal mehr Manchester oder gar Chelsea. Also schauen diese Klubs früher hin, wo kommende Stars noch bezahlbar sind. Das macht es aber auch für die Verkäuferklubs schwieriger, da sie nun weniger für ihre Toptalente beim Weiterverkauf bekommen.

Das sind die Klubs von unten?
Nein, die Klubs von unten sind einerseits die Mannschaften, die das erfolgreiche Konzept anderer Klubs kopieren: und die setzen meist auf jüngere, hungrigere Spieler. Es werden mittlerweile mehr Stars gemacht als fertig geholt.

Stichwort Werder Bremen…
… ja, nur muss man eben sehen: dieses Konzept war erfolgreich also wird es sehr oft kopiert. Entsprechend haben diese Klubs größere Konkurrenz in ihrem Kernbereich.

Auch durch die Neureichen?
Osteuropäische Teams?

Ja.
Absolut. Nicht nur die Konkurrenz der eigenen Ligen, sondern auch zig Teams aus Osteuropa sind in diesem Markt aktiv. Und die können zudem deutlich mehr Gehalt zahlen.

Also kann Werder mit der gleichen Arbeit wie vor zehn Jahren heute weniger machen?
Ganz klar. Man muss sein Konzept einerseits einpassen und andererseits noch besser arbeiten.

Heißt das auch, dass man bei Transfers manchmal mehr Risiko gehen muss?
Ja. Weil man mittlerweile nicht mehr die Kandidaten Nummer eins bis zehn bekommen kann, sondern elf bis zwanzig. Und das hat seine Gründe, warum diese Spieler nicht die Nummer eins bis zehn sind: weniger Talent, charakterlich schwieriger oder einfach unfertigere Spieler.

Was kann man da als Scout machen?
Auch besser arbeiten. Genauer hinschauen. Vor allem aber bei Spielern, die nicht sofort ins Auge fallen, die nicht so sehr im Rampenlicht stehen. Und auch abseits der großen Spiele, Turniere suchen.

Also auf nach Asien, viele kleine Kagawas suchen?
(lacht) Durch Kagawa schauen sicher nicht nur viele Bundesligisten sondern allgemein europäische Klubs nun noch intensiver nach Asien.

Nicht umsonst taucht der 18jährige Takashi Usami bei vielen Fans auf der Wunsch-Einkaufsliste ihres Klubs auf.
Sicherlich ein sehr talentierter Spieler. Aber schon lange sehr umworben, da werden viele Einkaufslisten bearbeitet werden müssen. Wie allgemein Wunschspieler selten Wunschspieler sind.

Und Ball ist nicht gleich Ball. Nur: was heißt das konkret?
Ich habe zu Beginn meiner Scoutingarbeit auch noch anders gedacht als heute. Da hatte ich Spieler, die mir gefielen. Und man regt sich dann auch mal ein bisschen auf, wenn wieder einer dieser Spieler nicht zu meinem Klub kommt, obwohl er doch eigentlich sportlich und finanziell passt. Diese Ansicht, welcher Spieler passt, ändert sich dann aber komplett.

Weil man mehr vom Spieler sieht?
Das auch, aber ich meine hier insbesondere das Drumherum. Wenn man im Verein mit Trainer, Sportdirektor, Scouts und Co-Trainer zusammensitzt und sagen wir für eine bestimmte Position alle Spieler durchgeht, die nun Kandidaten sind. Da ist die Liste von 50 eigentlich geeigneten Kandidaten schnell nur noch bei 10. Und dann eine Woche später auch mal nur noch bei 2-3 wirklichen Optionen.

Warum fallen so viele weg?
Der Spielertyp muss passen. Das System, in dem er spielen soll, muss zu ihm passen. Das Potenzial muss passen, wenn nicht schon genug Leistung vorhanden ist. Ist der Spieler konstant oder unkonstant? Passt er zur restlichen Mannschaft, charakterlich und von der Spielanlage? Passt er zum Trainer? Passt er zum Verein? Das sind noch die softeren Kriterien, denn dann kommt die Spielerseite und die lässt die Liste dann schnell kürzer werden. Spieler wollen nur in bestimmte Länder, nur in ausgewählte Ligen. Sie wollen nur bestimmte Rollen im Team haben…

Rollen?
Ja, bspw. Stammspieler. Nur Backup, wenn der Konkurrent entsprechend nicht so gut oder schon sehr alt ist. Darüber hinaus dann natürlich auch Positionswünsche, dass ein Mittelfeldspieler, der immer defensiv aushilft, nun auch endlich im Mittelfeld komplett sein Zuhause hat.

Und die finanzielle Seite?
Von der kaum zu sprechen.

Doch doch, nur zu.
(lacht) Natürlich spielt die Ablöse eine enorme Rolle. Dann das Gehalt. Darin die Aufstaffelung des Gehaltes, wie viel fix, wie viel variabel? Eventuelle Sonderwünsche, Boni usw.. Aber auch die Veränderung zum momentanen Status, zum aktuellen Gehalt.

Das war sicher noch nicht alles.
Nein. Dazu kommen dann noch weitere Dinge wie eventuell die Meinung der Frau und Kinder. Vielleicht kennt ein Spieler in einem Team Spieler aus der Vergangenheit, hat Freunde dort. Vielleicht kennt er den Trainer. Natürlich geht es dann auch um den Klub an sich, denn so ein bekannter Trainer kann in einem Klub Jahre sein, in anderen nur wenige Wochen.

Also bleibt am Ende aus 50 Kandidaten gar keiner mehr über. Das würde die Linksverteidigermisere in Bremen erklären.
Es bleiben natürlich Spieler über. Den perfekten Neuzugang findet man eh selten, Abstriche muss man immer irgendwo machen und Kompromisse finden. Nur von den Wunschspielern der Klubs und den Fans sind am Ende nur sehr wenige wirklich sinnvoll und machbar.

Also alles relativ. Dann relativ vielen Dank für Deine Zeit!