Multitalent Ümit Davala im Interview

05.01.11 | von | Kategorie: Interviews | 6 Kommentare

Die Saison 03/04 war mit die erfolgreichste in Werders Vereinsgeschichte. Erinnert man sich daran zurück so fallen einem sofort die Namen Klasnic, Ailton oder Micoud ein. Kein Wunder, haben diese drei mit insgesamt 41 Toren mehr als die Hälfte aller gesamt erzielten Tore geschossen. Das man in der Saison aber auch eine sehr zuverlässige Defensive hatte ist einem vergleichsweise weniger im Gedächtnis geblieben. Zwar hat man auch damals schon 38 Gegentore kassiert, allerdings sollte man die neun Tore, die man an den letzten beiden Spieltagen kassierte einfach mal ausblenden, da die Mannschaft dort schon als Meister feststand. Ümit Davala war fester Bestandteil dieser Defensive. Wie schwer es ihm fiel seine Karriere zu beenden, was er jetzt macht und wie seine Zukunftspläne aussehen erzählte er uns am Rande des Hallenturniers in Oldenburg.

Worum.org: Herr Davala, was machen sie heutzutage?

Ümit Davala: Ich lebe in Izmir. Habe ein eigenes Bauunternehmen, führe ein Restaurant und war jetzt seit anderthalb Jahren vom Sport etwas weit entfernt. Aber wenn ich jetzt zurückkehre werde ich mich in Istanbul einnisten und wieder mehr mit dem Sport zu tun haben. Mache Analysen, schreibe für Zeitungen, etc.

Das letzte was man von ihnen sportlich hörte war der Job als Co-Trainer bei Galatasaray. Wie war ihre Zusammenarbeit mit Michael Skibbe bei Galatasaray?

Super! Wir haben keine Probleme gehabt, haben gut zusammengearbeitet. Aber wir haben Probleme mit dem Vorstand gehabt. Von daher ging das nicht gut und wir haben uns trennen müssen.

Stand zwischen den Spielen Rede und Antwort: Der Meisterschaftsprophezeier.

Stand zwischen den Spielen Rede und Antwort: Der Meisterschaftsprophezeier.

Woran ist die Zusammenarbeit mit Galatasaray genau gescheitert?

Das sollte man den Vorstand dort fragen. (lacht) Wir waren relativ erfolgreich. Waren Dritter in der Tabelle als wir entlassen worden sind und es war noch am Anfang der Saison.

Davor waren sie Trainer der türkischen U21. Können sie sich vorstellen noch mal ins Trainergeschäft zurückzukehren?

Klar. Ich hab die UEFA Pro Lizenz und habe vier Kurse belegt. Wenn jemand an meiner Tür klingelt, dann bin ich bereit mir alles anzuhören.

Es gibt viele Spieler, die sowohl einen deutschen als auch einen türkischen Pass besitzen. Können sie uns als ehemaliger U21 Trainer der Türkei einen kleinen Einblick darin geben, wie sie versuchen die Spieler von der Türkei zu überzeugen?

Wir recherchieren viel. Nicht nur in Deutschland, wo viele türkische Talente sind, die auch für die Türkei spielen könnten. Wir versuchen diese von der Türkei zu überzeugen, weil es eigentlich Türken sind. Aber halt Deutsch-Türken. Ich bin ja auch ein Fall davon. (lacht) Wir versuchen sie von der U21 zu überzeugen – aber auch schon darunter. U19, U18, U17, da fangen wir sehr früh an. Und nach der U21 kommt die A-Nationalmannschaft, das ist für die meisten ein phänomenales Ereignis, dort zu spielen. Die U21 haben wir für die A-Nationalmannschaft ja vorbereitet, das war auch sehr wichtig. Wir wollten auch Mesut Özil davon überzeugen, aber da hat es leider nicht geklappt. (lacht)

Wie sie selber grade sagten sind sie auch in Deutschland geboren. Stand für sie immer fest, dass sie für die Türkei auflaufen wollen?

Ich habe ja nie die Chance bekommen für Deutschland aufzulaufen. Mich hat nie einer gefragt, ob ich für Deutschland spielen will. (lacht)

Also hätten sie schon überlegt?

Das kommt immer drauf an. Ich habe hier in der Landesliga gespielt. Von da aus bin ich in die zweite Liga der Türkei gewechselt. Ich hab’ mein Glück dort einfach versucht und es hat geklappt.

Sie haben vor einiger Zeit auch mal Musik gemacht und ein Rap-Album aufgenommen. Wie lief es damals, wie waren die Verkaufszahlen?

Wir haben über 100.000 Alben verkauft. Ich könnte auch in dem Geschäft bleiben. (lacht) Aber der Fußball war da dann vorrangig.

In den türkischen Medien äußerten sie sich mal dahingehend, dass sie es sich vorstellen könnten sämtliche Gewinne aus dem Verkauf eines zweiten Album karitativen Zwecken zukommen zu lassen. Bestehen diese Pläne noch und wenn nein warum sind diese gescheitert?

Nein. Ich will ja weiterhin als Trainer tätig werden und ich denke nicht das Musik und Fußball zueinanderpassen.

Mesut Özil hat aber einen Song mit Jan Delay aufgenommen. Wollen sie sich nicht zusammentun?

Ja, wieso nicht? … Ein kleines Duett? (lacht)

Sie sind scheinbar ein wahres Multitalent. Auch als Bürgermeister haben sie in der Türkei kandidiert. Sind sie politisch immer noch aktiv?

Nein, ich bin nicht mehr aktiv. Ich hab da mal reingeschnuppert, aber es hat mir nicht gepasst, wie die Leute in der dortigen Region reagieren.

Bei der Weltmeisterschaft 2002 überzeugten Sie nicht nur sportlich im Trikot der Türkei sondern fielen auch durch Ihre markante Friseur, einem Irokesenschnitt, auf…

… mein Friseur Hakan ist dabei (lacht)

Das war die Einlösung einer Wette, oder?

Nein, das war keine Wette. Das war ziemlich spontan. Ich hab viel rumprobiert mit den Haaren, mit meinem Bart, quasi alles was da geht… Da hatte ich die Idee gehabt… und so kam dann der Irokese zustande. Hat geklappt. (lacht)

Nach der WM 2002 kehrten sie als einer der Helden der Türkei zurück. In der Stadt Kurudere wurde einer Brücke nach Ihnen benannt und in Afyon steht sogar eine Statue mit ihrem Abbild vor einer Sportanlage. Können Sie sich heute normal in der Türkei bewegen oder hält diese Verehrung nach wie vor so intensiv an?

Es ist nicht so extrem wie früher. Aber egal wo ich bin werde ich auch noch freundlich aufgenommen. Die Leute in der Türkei vergessen so was nicht. Wir haben ja auch viel bewegt, auch als ich noch bei Galatasaray gespielt habe. Ebenso in der Nationalmannschaft. Ist derzeit beides leider weit entfernt.

Viermal türkischer Meister, zweimal Pokalsieger und 2000 auch der UEFA Pokalsieg mit Galatasaray. 2004 dann das Double mit Werder…

… Moment! Supercup kommt auch noch dazu! (lacht)

Sorry, den hatte ich außen vor gelassen. Welcher Titel bedeutet ihnen denn am meisten?

Ganz klar der UEFA Pokalsieg. Was wir da geschafft haben… Ohne Niederlage sind wir UEFA Pokalsieger geworden. In der CL-Gruppenphase spielten wir gegen AC Mailand. Es war die 90. Minute und es stand 2:2. Kurz danach bekamen wir einen Elfmeter. Bei dem Spielstand wären wir Vierter gewesen und ausgeschieden. Ich hab den Elfmeter geschossen und auch verwandelt. So wurden wir Dritter und konnten im UEFA Cup weiter mitspielen. Und so haben wir letztendlich den Pokal  dann auchgewonnen. (lacht)

Gründe zum Strahlen gab es genug für Davala, u.a. den Turniersieg in Oldenburg und das Wiedersehen mit Ailton

Gründe zum Strahlen gab es genug für Davala, u.a. den Turniersieg in Oldenburg und das Wiedersehen mit Ailton

Beim Wechsel nach Bremen sagten Sie, dass Sie gekommen sind um Titel zu gewinnen und das in der Saison die Meisterschaft das Ziel sei. Viele Leute haben Sie dafür belächelt, am Ende sollten Sie jedoch recht behalten. War diese Aussage Ihrem unerschütterlichen Optimismus geschuldet oder haben Sie wirklich zu dem Zeitpunkt das wahre Potential der Meistermannschaft erkannt?

Wir waren einfach alle Freunde. Wir waren zusammen im Trainingslager und danach habe ich mich dazu geäußert. Die Freundschaft hat gestimmt, das Potential war da. In den Vereinen, in denen ich gespielt habe, war auch nur die Meisterschaft die Frage. Ich bin nach Bremen gekommen, um Meister zu werden. Deswegen habe ich auch diese Aussage getätigt. Für mich gab es nie was anderes.

Verfolgen sie die Spiele von Werder noch mit besonderer Aufmerksamkeit?

Ich verfolge die Spiele nicht. Aber gucke immer auf die Tabelle. Zurzeit läuft es ja leider nicht so gut bei Bremen. Aber ich bin überzeugt davon, dass Thomas und Klaus das wieder hinbiegen können.

Die beiden haben es zurzeit ja nicht leicht. Können Sie kurz erläutern, was Ihnen zu Ihrer aktiven Zeit bei Werder Bremen am meisten imponiert hat in der Zusammenarbeit mit dem Gespann Allofs/Schaaf?

Die Zusammenarbeit von den beiden ist das A und O für Werder Bremen. Was die beiden gemacht haben hat niemand sonst geschafft. Die Transfers, die Leute die sie verpflichtet haben und dann für viel Geld verkauft haben, das ist für den Klub sehr wichtig gewesen. Sie waren immer bei uns dabei und haben uns den Rücken freigehalten. Von daher sind Klaus Allofs und Thomas Schaaf sehr, sehr wichtig für den Verein.

Fiel es ihnen schwer ihre Karriere damals aufgrund der Verletzung zu beenden?

Auf jeden Fall. Ich hab mit 32 Jahren aufgehört. Das ist mit die beste Zeit für einen Fußballer mit der Erfahrung und dem Können. Ich habe es ein Jahr probiert mit der Schambeinverletzung und habe viel versucht, um noch mal zurückzukommen. Aber mit der Verletzung hatte ich viel Pech gehabt. Daher war es das beste für mich aufzuhören.

Ist die Verletzung inzwischen auskuriert? Auf der Linksverteidigerposition hat Werder großen Bedarf an einem guten Spieler…

Ja? Wir sollten nach dem Turnier mal schauen, dass ich mit einigen Offiziellen hier noch mal spreche… (lacht)

Zu welchen ehemaligen Bremern haben sie heutzutage noch am meisten Kontakt?

Ich habe mit Lutscher noch Kontakt. Mit ihm spreche ich viel. Ansonsten, wenn ich in Bremen bin, mit Thomas und mit Klaus. Ich gucke öfter vorbei, schau’ mir das Training an und geh’ in die Kabine wenn ich in Bremen bin. Ich bin jetzt bis Freitag in Bremen, aber leider sind die ja heute nach Belek geflogen. Wenn ich aber in Bremen bin gehe ich sie alle sehr gerne besuchen.

Herr Davala, vielen Dank für das Interview und für ihren weiteren beruflichen Wege alles Gute.