Das Transferkuriositätenkabinett 2010

30.12.10 | von | Kategorie: Worum | 3 Kommentare

Jedes Jahr gibt es zwischen normalen Gerüchten um Transfers auch Geschichten, die unterhaltsam, lustig und teilweise einfach nur skurril sind. Und das fernab der vielen Falschmeldungen, Übertreibungen oder von Klubs, Spielern und Beratern inszeniertem Interesse. Das Jahr 2010, insbesondere der Sommer, brachte einige Geschichten, auf die hier im Rückblick nochmal eingegangen wird:

Liam Boyce sorgte für 48 Stunden Verwirrung bei den Werderfans. Sein Klub gab am 30. August bekannt, dass Boyce so gut wie sicher zu Werder wechseln werde. Auf der letzten Transferliste der Sommertransferperiode standen viele lustige Namen, aber der von Boyce fehlte. Zeitgleich legte Boyces nordirischer Klub Cliftonvolle aber noch mal nach, verkündete auf der Vereinshomepage den Abgang des Spielers. Wenige Stunden später bestätigte der Berater des Spielers den Transfers, sein Klient sei nach Bremen gereist. Im Forum wurde nach Erklärungen gesucht: hat man nicht mehr rechtzeitig die Unterlagen eingerecht? Muss ein Spieler auf der Liste stehen, wenn er vor dem Wechsel Amateur bzw. Jugendspieler war? Es kristallisierte sich die Antwort heraus, die Werder am 1. September frühmorgens vermeldete: Boyce unterschrieb einen Amateurvertrag, wechselte zur U23. Dementsprechend musste der Spieler auch nicht auf der Transferliste stehen, die nur für Profiverträge der ersten und zweiten Bundesliga gilt. Cliftonville warb aber vorab lieber damit, dass ihr Eigengewächs zum Champions League-Teilnehmer und DFB-Pokalsieger wechselt. Klingt auch besser als auf die Ersatzbank der zweiten Mannschaft, wo er momentan sitzt.

 

Wesley sorgte gleich doppelt für Erheiterung. Zuerst sei dort der allofs’sche Dauereinsatz an der Hoffnungsfront genannt.

Am 8. Juli 2010 haben wir dort Allofs in der Kreiszeitung mit “Da tut sich wohl nächste Woche was”.

Am 13. Juli via Vereinshomepage: “Ich hoffe, dass wir in diesem Fall gegen Ende der Woche etwas mehr Klarheit haben”

Am 15. Juli am Rande des Testspiels: “… Geduld haben … es wird sich in den nächsten Tagen etwas tun”

Am 29. Juli in der Kreiszeitung: “Aber nun müssen wir uns eben noch etwas gedulden.”

Am 31. Juli auf einer Pressekonferenz: “Wir haben jetzt aus Brasilien das Signal bekommen, dass der FC Santos ihn auch gehen lassen will.”

Der Kicker am 5. August: “Nach dem Pokalspiel soll Klarheit herrschen, Allofs ließ sich nur ein “Abwarten” entlocken. Trotz der Störfeuer aus Portugal rechnet Werder fest mit der Abwicklung des Transfers in dieser Woche.”

14. August, Weser-Kurier: “Wenn sich die Dinge so entwickeln, wie wir das möchten, könnte Wesley nächste Woche schon in Bremen sein.”

Am 17.August auf der Özil-Pressekonferenz: “Die Verträge sind ausgehandelt, wenn da ein Signal aus Brasilien kommt dann wird das schnell gehen. Santos soll sich an die Zusage an den Spieler halten.”

Am 20. August wurde dann (endlich) der Wechsel von Wesley zu Werder verkündet. Man sollte also aufmerksam sein, wenn Klaus Allofs einem Geld schuldet und sagt, dass sich “nächste Woche” bezüglich der Rückzahlung sicher was tun wird.

Für Verwirrung statt Aufschub sorgte hingegen der vermeintliche Twitter-Account von Wesley. Auch der Autor dieses Artikels fiel wunderbar darauf rein, als dort am 14. August vom Abschied die Rede war. Immerhin waren auch brasilianische Journalisten der Ansicht, der Account sei echt. Der User unterhielt sich sogar mit Fans, sprach mit lokalen Santos-Größen wie Musikern über Parties und Termine. Als dann die ersten deutschen Wörter über diesen Account flossen waren die Werderfans genauso wie die Bild-Zeitung, brasilianische Medien und andere Journalisten angefixt. Es gab Fragen, Antworten, er unterhielt sich begeistert kurz mit deutschen (Werderfans und) Twitter-Usern. Die Springerpresse zitierte sogar einige Aussagen am 16. August. Kurz zuvor hatte Wesleys Berater auf Nachfrage verkündet, dass sein Klient Twitter nicht nutze. Ein Santos-Journalist nannte ihn sogar “Fake, aber ein sehr guter Fake”. Ruhiger ist es seitdem auf WesleyLopes87 geworden, den Account gibt es aber heute tatsächlich immer noch.

 

Mato Jajalo wurde im Sommer Werder angeboten, wechselte letztendlich zum 1.FC Köln. Im Worum wurde über das Anbieten des Spielers berichtet (Werder zeigte auch kurz Interesse), ebenfalls die Ablösehöhe (2,5 Millionen Euro) für einen möglichen Kauf genannt. Das kroatische Internetmagazin Index machte einige Wochen später daraus dank Übersetzungskunst ein 2,5 Millionen Euro-Angebot von Werder. Chapeau!

Kevin Pannewitz ist einer der Spieler, die einen Termin mit Thomas Schaaf hatten – und am Ende nicht verpflichtet worden. Wie am 17. Mai berichtet, hatte Werder großes Interesse am Rostocker Mittelfeldspieler, der im Umfeld schon davon sprach, nach Bremen zu wechseln. Da sei nun noch “dieser Termin morgen früh in Bremen” und dann dürfte das bald amtlich sein. Am besagten folgenden Vormittag, einem Dienstag, saß Pannewitz nun also mit Schaaf zusammen, unterhielt sich eine ganze Zeit und machte sich dann wieder auf den Weg nach Rostock. Was folgte war ein Wirrwarr an Aussagen und Eindrücken: Rostock gab auf der Vereinshomepage bekannt, dass der Spieler bleiben werde, zitierte ihn sogar. Ohne aber mit ihm am selben Tage gesprochen zu haben, es wurde eine Aussagen-Konserve benutzt. Da gab es den Vertrag, der nicht für die dritte Liga galt. Und die Klausel, dass der Amateurvertrag bei Abstieg wieder gültig wird. Dieser läuft aber im Sommer aus. Also wie auch immer die Lage ist, es gilt Ablösefreiheit? Dann gab es da eine Ausstiegsklausel, von Rostocks Beinlich mysteriös als “aber ich sage nicht, in welchem Jahr die gilt” beschrieben. Es folgten angeblich Verhandlungen zwischen den Klubs, unterschiedlichste Aussagen an den Spieler und ein großes Fragezeichen, was denn nun los ist. Plötzlich rührte sich Werder nicht mehr, zwei Wochen später dann doch noch für kurze Gespräche. Am Ende meldete sich Werder dann aber wieder nicht mehr, die Frage nach dem Warum bleibt unbeantwortet. Von Bremer Seite gab es keinen Kommentar, der Spieler wollte standesgemäß schon immer nur in Rostock bleiben. Spekulieren darf man über die Gründe aber vor allem in Richtung charakterliche Fragezeichen. Allein die aktuelle Hinrunde brachte: Ernährungsberater dank Gewichtsprobleme, Suspendierung dank Alkoholfahne und zu viel Parties, Führerscheinverlust und die Bild’sche Frage, wie lange das bei Hansa noch mit ihm gut geht.

Michael Ballack sei hier stellvertretend für eine riesige Anzahl von Verwechslungen von Werder Bremen mit dem VfL Wolfsburg genannt. Die Times war der Meinung, Werder wollte den deutschen Capitano holen. Ähnlich war es auch schon bei Gökhan Inler, den ebenfalls Werder holen wollte. Andersrum passierte es bspw. bei Anthony Modeste, der plötzlich Werder Bremen zum VfL Wolfsburg mutieren sah.

Simon Kjaer war die Steigerung und das Highlight in diesem Bereich: Sogar ein TV-Experte verwechselte die beiden Klubs, berichtigte sich aber später.

Richarlyson wurde bereits früh von Klaus Allofs als “kein Thema” bezeichnet. Das hinderte dessen Berater nicht daran, in der brasilianischen Presse noch wochenlang darüber zu philosophieren, dass in Kürze ein Werder-Angebot für ihn eintreffen werde. Am Ende gab er klein bei, erzählte, dass lediglich ein deutscher Berater mit Werder-Connections nach Brasilien kam. Einen Zusammenhang zu Werder und einem Richy-Interesse gab es nicht.

 

Hatem Ben Arfa hat eine Skandalakte, auf die selbst Paris Hilton oder Lindsay Lohan neidisch wären. Öffentliches Angehen des Präsidenten, Trainingsrangeleien mit sogar ruhigen Zeitgenossen. Zickenkrieg mit Teamkollegen. Quertreiben während Transferverhandlungen. Im Abschiedsinterview dem Ex-Klub mangelnde Klasse vorwerfen, aber zwei Wochen später beim neuen Klub mit dem neuen Sturmkollegen im Training aneinandergeraten. Mit einem weiteren Mitspieler stritt er sich sogar heftig beim Warmmachen direkt vor einem Spiel. Eine Einwechslung verweigerte er, um danach erst zu behaupten er sei verletzt und später die Lüge zu gestehen und sich für alles zu entschuldigen. Unentschuldigtes Fehlen beim Training oder auch eine sehr laute Trainingsauseinandersetzung mit seinem Trainer? Alles normal für Ben Arfa.

Auch kein Problem war für Ben Arfa als die Verhandlungen mit Newcastle in einer Sackgasse waren. Er flog einfach ohne Erlaubnis nach England, gab ein Interview mit hanebüchenen Aussagen über seinen aktuellen Klub Olympique Marseille und bestreikte das Training. Solange, bis er am 27. August dann doch endlich von Marseille an Newcastle ausgeliehen wurde.

Doch wie passt Werder da ins Gebilde? Schon zu Beginn der OM-Verhandlungen mit Newcastle brachte die Ben Arfa-Seite andere Interessenten in die Presse, u.a. die Bremer. Allofs ließ am Rande eines Testspiels am 23. Juli kurz und knapp verlauten: “Da ist nichts dran”. Am 10. August begann dann aber eine Medien-Offensive über ein Werder-Interesse. Die L’Equipe berichtete über eine konkrete Anfrage, Werder sei bereit, knapp acht Millionen Euro Ablöse auf den Tisch zu legen. Hinterfragt wurde der Sinn dahinter nicht – 8 Millionen Ablöse für einen Spieler, der wie Sauerbier von seinem Klub angeboten wird, der zudem bereit ist, ihn günstig zu verleihen? Eine Woche später war da nicht nur die hohe Ablöse, sondern Werder biete Ben Arfa ein Gehalt in Höhe von 4,5 Millionen Euro brutto pro Jahr, schrieb FranceFootball. Absoluter Werderrekord.

Was folgte hatte etwas von Betteln, Hoffen und Anbiedern. OM-Präsident Jean-Claude Dassier kommentierte in sekundenschnelle alle Werder-Meldungen, vermied es gekonnt einen nicht vorhandenen Kontakt zu bestätigen, redete immer drumherum. Während in Villariba Allofs von “keiner heißen Spur” sprach, war Dassier in Villabajo der Meinung, dass “dort bestimmt was passieren wird”. Den Höhepunkt erreichte die Story, als Dassier auf einer Pressekonferenz davon sprach, dass Newcastle unseriös verhandle (“Die halten uns für Idioten”), die Bremer seien allgemein seriöser, bessere Verhandlungspartner. Es war ein Greifen nach dem Strohhalm: Bitte, bitte steigt in die Verhandlungen ein!

Unbestätigten Gerüchten hielt sich Ben Arfa am 19. August sogar in Bremen auf, Allofs dementierte aber wiederum. Das veranlasste die L’Equipe einen Tag später dazu, ein sechs Millionen Angebot aus Bremen zu behaupten, mit den ganzen Dementis hätte Allofs “nur den Preis drücken wollen”. Marseille werde das “tolle Angebot” annehmen. Zwei Tage später korrigierte man sich auf “Werder wolle den Preis auf sechs Millionen drücken”. Kurz darauf folgte eine Einigung, dann war das Angebot plötzlich gigantisch hoch und ein Klub aus England hätte sich Last Minute eingeschaltet. “Eine große Überraschung” sei der Klub laut Michel Ouazine, auf den wir später noch zurückkommen.  Liverpool sei wohl der Last Minute-Shopper – zumindest in den Medien.

Am 26. August war endlich alles ausgehandelt zwischen Ben Arfa, Newcastle und Werder, Allofs müsse nur noch den Vertrag unterschrieben zurückfaxen. Eine Kleinigkeit. Bürokrat war dieser Allofs doch schon immer, das dürfte also in Kürze geschehen. Unbeachtet haut Allofs in der Bild nochmals zu den Meldungen ein Dementi (“Falsch!”) raus. Aber wen interessiert das an diesem Punkt noch? Am 27. August gaben Newcastle und Marseille den Wechsel von Ben Arfa bekannt. Huch. Da war jemand vorm Faxgerät offenbar eingeschlafen.

Der Grad der Erkundungen von Werder bleibt bis heute unbekannt, der Großteil der Meldungen ist aber laut Recherchen in Ben Arfas Umfeld frei erfunden wurden. Hintergrund ist die Beratersituation des Spielers. Das Verhältnis zu seinem Vater ist nicht das Beste, sein eigentlicher Berater kommt nicht zu ihm durch, sein Anwalt sieht den Klienten bei allen Aussagen immer im recht (“Streik? Natürlich ist das richtig!”) und dann gibt es da besagten Michel Ouazine. Laut Vater Ben Arfa hat Ouazine seinem Sohn “eine Gehirnwäsche verpasst”, es sei “wie in einer Sekte”, “der hat sich bei Hatem eingenistet und lebt von ihm, zahlt nicht mal seine Flüge selber”. Ouazine konterte in richtung Vater mit “er hat ihn immer nur unter Druck gesetzt”. Nicht sonderlich redegewandt für einen ansonsten so kreativen Menschen. Ouazine war vor seinem Fulltime-Entourage-Job bei Ben Arfa als Journalist tätig, unterhält auch heute noch gute Kontakte zu Sportjournalisten. Schon vor fast 15 Jahren lernte er Hatem Ben Arfa kennen und in diesem Sommer entschied er sich dazu, Newcastle und Marseille mit Falschmeldungen in den Verhandlungen unter Druck zu setzen. Und trotz lustiger Zahlen (8 Mio. Ablöse, 4,5 Mio Gehalt) hat das anscheinend geklappt. Mit dem Last Minute-Liverpool übrigens nicht, dort ließ man direkt nach der ersten Meldung ein “das ist nicht korrekt” los und das Thema war schnell gegessen. Verköstigungen mit Bremen dauern aber offenbar länger. Und Ouazine ordert gerne Nachtisch.

Emmanuel Mbola ist ein 17jähriger Linksverteidiger aus Sambia. Zu Bekanntheit kam Mbola beim Afrika Cup zu Beginn des Jahres, als Stammspieler der sambischen Nationalmannschaft. Damals mit gerade mal 16 Jahren. Logischerweise gab es daraufhin dutzende Interessenten für Mbola, Verhandlungen liefen bspw. mit Tottenham. Gerüchte gab es auch über Klubs aus Italien, der Schweiz sowie Deutschland. Eine Worums-Nachfrage Ende Januar beim italienischen Berater von Mbola ergab, dass der Spieler noch auf dem Markt ist. Und so richtig schien der Berater die Nachfrage auch nicht verstanden zu haben, sprach er doch in der eMail danach von den Spielerrechten, den involvierten Beratern, Reisekosten nach Armenien und natürlich werde man mitverdienen, sollte ein Transfers des Spielers zustande kommen. Getreu dem Motto: ich verstehe deine Sprache nicht, aber Geschäfte machen sollten wir trotzdem. Was auch immer du eigentlich von mir wolltest.

Ob das Jahr 2011 da mithalten kann? Klaus Allofs würde sagen: “Da wird sich wohl was tun”.