Freiheit für Franco

02.12.10 | von | Kategorie: Fans | 2 Kommentare
Der neun Meter lange FREE FRANCO-Banner im Auswärtsblock beim Spiel in Hoffenheim

Der neun Meter lange FREE FRANCO-Banner im Auswärtsblock beim Spiel in Hoffenheim

Gefangenen muss man helfen. Zumindest dann, wenn sie von der TSG Hoffenheim gefangen gehalten werden. Wie sie da hineingeraten sind? Sie waren jung und brauchten das Geld. Man sollte ihnen verzeihen, denn sie wussten nicht was sie tun. Um sie zu befreien braucht man entweder das A-Team oder ein großen Geldbeutel. In dem sollte allerdings auch eine Menge drin sein. Möglichst wenig Münzen, viele Scheine. Wenn man aber weder von Hannibal Smith erhört wird, noch sechs Millionen Euro in der Portokasse hat, dann wird es eng. Und alternativ.

So ergab sich, dass im Worum eine Gruppe Unentwegter einen Kopfgrätscher befreien wollte. Und dass User tatsächlich selbst aus einer kurzen Bierlaune (oder was auch immer man in Argentinien gerade trinkt) etwas auf die Beine stellen können, bewies die Aktion „FREE FRANCO“. Dies ist die Geschichte, wie aus einem Spieler der TSG Hoffenheim der heimliche Star für Werder Bremen wurde. Oder zumindest für eine Schar von Fans.

Am 21. November 2009 war es erstmals soweit: Der Begriff „FREE FRANCO“ wurde im Worum erwähnt. Nicht ganz ernst gemeint wollte User MaxUnknown eine Befreiungsaktion für Franco Zuculini starten und nur neun Tage später wurde tatsächlich ein Thread mit diesem Thema eröffnet und das Ganze nahm seinen Lauf. Es entstand eine Eigendynamik, die für Außenstehende oft nicht nachvollziehbar ist. Bierernst wurde das Thema nie gesehen, auch die Erhöhung der Chance auf einen Wechsel war nicht realistisch, aber irgendwie war der Weg das Ziel, es gab ordentlich Unterhaltung und den Spieler hat es auch gefreut.

Doch wie kam es dazu?

Im Juni 2009 wurde bekannt, dass Werder Bremen an der Verpflichtung von Franco Zuculini interessiert war. Ein gerade 18-Jähriger Spieler, hochtalentiert und im zentralen Mittelfeld zu Hause, von den Südamerika-Experten für gut befunden. Zudem strahlte der Gaucho einen gewissen Charme aus: sehr einsatzfreudig, giftig im Zweikampf, energisch und durch eine Kopfgrätsche berühmt geworden. Doch man war – natürlich – nicht allein mit dem Interesse. Die TSG Hoffenheim wollte den Spieler ebenfalls verpflichten. Es ging hin und her, nachdem Hoffenheim eröffnete. Zwischendurch war Werder vorne, dann wieder Hoffenheim. Bruder Bruno war zeitweise mit in der Verlosung, da Papa Marcelo die beiden Jungs nicht trennen wollte. Werder wollte die gesamte Familie umsiedeln, Hoffenheim primär Franco holen. Sogar die Berater prügelten sich mit in dieser Geschichte, Czyterspieler war für Hoffenheim, Decoud favorisierte Bremen.  Kurz vor der Verpflichtung gipfelte das Wettbieten in einem in der Öffentlichkeit ausgetragenen Disput zwischen den Managern Schindelmeiser und Allofs. Schindelmeiser schimpfte im Kicker kurz vor der Vertragsunterzeichnung: „Das geht zu weit. Von einem Verein, der sich immer das Bild der Seriosität gibt, hätte ich erwartet, dass man sich ab einem gewissen Punkt zurückzieht.“ Allofs konterte gelassen: „Ich bin überrascht. Wir haben vor einer Woche telefoniert, da gab es noch keinen Vertrag. Nach unseren Informationen war keine Entscheidung getroffen. Wenn der Deal nicht zu ist, gibt es keinen Grund, nicht alles zu versuchen.“ Hoffenheim machte am Ende das Rennen, holte Franco. Aber nur ihn, die Familie blieb zuhause in Argentinien.

Wie dem auch sei, Franco Zuculini war jetzt Hoffenheimer. Und er spielte… keine Rolle unter Ralf Rangnick. Dessen Wunschspieler war Zuculini nicht wirklich, Manager Schindelmeiser war dort die treibende Kraft. Die Trainingseindrücke waren gut, im Hoffenheimer Mittelfeld herrschte teilweise Personalmangel und trotzdem durfte Franco sich die Spiele der TSG weitestgehend von draußen ansehen. Er kam nur zu wenigen Minuten Spielzeit. Doch wenn es das alleine nur gewesen wäre. Die Probleme waren hausgemacht. Das Versprechen, im Winter Bruder Bruno nachzuholen wurde spontan vergessen. Die engagierte Deutschlehrerin lernte selber gerade spanisch und konnte Franco nicht sonderlich weiterhelfen. Die Hilfe bei Alltagsproblemen war nicht existent, Zucu wandte sich immer öfter an Mannschaftskollegen, vor allem an Maicosuel, der ihn zumindest sprachlich weiterhelfen konnte. Obwohl auch er als Neuzugang vom Verein nicht wirklich betreut wurde. Wenig Spielpraxis, dazu keine Spielgenehmigung für die zweite Mannschaft, keine Hilfe vom Verein in der neuen Kultur. Eine Entwicklung die später TSG-Gönner Dietmar Hopp öffentlich als Versagen des Klubs benannte. “Eine Tragödie” sei es, wie man die Integration des Spielers in den Sand gesetzt habe.

Der Argentinier fühlte sich alleingelassen. Nicht nur auf der Ersatzbank der TSG, wo er viel Zeit verbrachte. Stattdessen beschäftigte er sich mit wirklich wichtigen Dingen, zum Beispiel dem Kauf eines Rasenmähers für seinen Heimatclub Racing Avellaneda. Da die Begeisterung im Worum über diesen Spieler noch nicht vergessen war, wurde es Zeit ihm zu zeigen, wo er wirklich hingehört: zu Werder Bremen, zum Talentveredler Thomas Schaaf.

Schnell waren erste Fotomontagen von Usern gebastelt und es zog immer weitere Kreise. Der Thread entwickelte eine unglaubliche Eigendynamik. Immer mehr sprangen enthusiastisch auf den „FREE FRANCO“-Zug auf, trotz oder vor allem auch gerade wegen der Obskurität der Idee. „Wir machen das mit den Fähnchen“? Von wegen. User -=RK=- versprach: „Wenn es einer beim Pokalspiel (gegen Hoffenheim) aufhängt, zahl’ ich das Banner.“ Und er hielt Wort. Das Banner kam zum Einsatz, die ARD zeigte das Spiel live und wurde ebenso wie Zuculini selbst über die Aktion informiert. T-Shirts, Poster, ein Kurzfilm… das Worum sprudelte vor Ideen. Ein „FREE FRANCO“-Smiley hielt Einzugund begleitete dieses Vorhaben über Monate. Man begnügt sich ja auch schon mit kleinen Dingen.

Prost! Der erste Banner samt Worum-User im Einsatz beim Spiel in Hoffenheim.

Prost! Der erste Banner samt Worum-User im Einsatz beim Spiel in Hoffenheim.

Am Tag des Pokalspiels war die Kontextschmiede das erste Portal, das über „FREE FRANCO“ berichtete, Citybeat folgte nur kurze Zeit später. ’11 Freunde’ hatte FREE FRANCO sogar auf der Startseite. Natürlich waren inzwischen auch Links zum Worum-Thread in vielen gängigen Foren aufgetaucht.

Doch wer glaubte, dass dies das Ende gewesen sein sollte, sah sich getäuscht. Kaum war man sich einig, dass das Banner beim Pokalspiel eine gelungene Aktion war, bot User der_Wer an, ein 9×2 Meter-Banner für das Auswärtsspiel in Hoffenheim zu basteln. Auch dieses kam durch gütige Unterstützung von Auswärtsfahrern zum Einsatz. Mehr geht nicht! Nein, mehr geht doch! Denn nicht nur in Deutschland wurde über „FREE FRANCO“ berichtet, auch in Zuculinis Heimat Argentinien wurde bekannt, was das Worum mit einem ihrer Zukunftshoffnungen vorhatte. So berichtete unter anderem der Racing Blog, im April sogar “El Grafico”. Das bekannte Sportmagazin brachte zudem einen Monat später einen Artikel in seiner Printausgabe.

Da Franco in Hoffenheim immer weniger zurecht kam und das Saisonende nahte suchte die TSG einen Verein, der ihn für die Saison 2010/2011 leihen würde. “Hoffenheim will mich nicht innerhalb Deutschlands abgeben, da es schlecht für sie wäre wenn ich dort und gegen sie gut spielen würde. Nach Südamerika lassen sie mich auch nicht gehen, somit bleiben Italien und Spanien” ließ sich Franco in einem Interview mit der Zeitung „Olé“ entlocken. Lange wurde mit dem SSC Neapel verhandelt, gewechselt ist er schließlich zum FC Genua, der eine Kaufoption für Zuculini erhielt. Allerdings läuft es auch dort nicht besser für ihn. Das Management wollte den Spieler, der Trainer wie auch in Hoffenheim nicht unbedingt. In der Folge kam Franco wieder nicht zum Zuge und versauerte auf der Bank. Der Trainer wurde inzwischen gewechselt, eigentlich eine neue Chance für Zuculini. Doch Coach Davide Ballardani sieht den Argentinier erstmal nur als Ergänzung, für den gezielten Aufbau des Spielers ist unter dem aktuellen Druck wenig Zeit. Etwas, was Zuculini aber dringend braucht und daher in gewisser Weise bei den Wechseln einfach schlecht beraten war.

Mittlerweile gibt es Gerüchte um einen vorzeitigen Abgang Zuculinis. Nicht wegen der Spielanteile, sondern weil in seine Wohnung eingebrochen wurde als der Argentinier seelenruhig schlief. Boulevardesk wird nun berichtet, dass der Spieler sich in Italien nicht mehr sicher fühle. Ob das auch nach dem Verfliegen des ersten Schocks so ist? Ob er zurück nach Deutschland kommt? Und dann nach… wer weiß.

„FREE FRANCO“ – Eine Faninitiative ging um die Welt. Und wenn er nicht bald mehr Spielzeit bekommt, wird sie vielleicht bald schon wieder die Runde machen… und das alles, weil das Worum viel mehr ist, als nur eine anonymisierte Ansammlung von Usern, die zufällig das gleiche Interesse haben. So geht Forum heute.

Zum Abschluss die Frage, ob der Spieler es überhaupt mitbekommen hat, was einige verrückte Werderaner veranstaltet haben. Informiert wurde er sowohl über die Aktionen als auch direkt vor den Spielen bzgl. der Banner. Er nahm es positiv zur Kenntnis, öffentlich wollte er sich aber nicht äußern. In seiner Hoffenheimer Situation auch die beste Variante. Zum Saisonende allerdings ließ er sich in einem Interview mit der heimischen Presse dann doch noch erstmals öffentlich entlocken:

Ist es richtig, dass Werder-Fans Dich verehren? “Ich kann es nicht fassen, aber ja. Werder ist der Club, zu dem ich gegangen wäre, wenn ich mich nicht für Hoffenheim entschieden hätte. Im Spiel gegen Werder hatten sie u.a. einen Banner mit „FREE FRANCO” aufgehängt!”