Frank Ordenewitz im Interview: vom Spielentscheider zum Spielbeobachter

09.09.10 | von | Kategorie: Interviews | 8 Kommentare

“Mach et, Otze!”
Diese Redewendung von Erich Rutemöller beim Kölner Pokal-Halbfinalspiel fehlt in fast keiner Sammlung älterer Herren, wenn sie von „damals“ berichten und ist sogar der Name eines kleinen Fußballvereins. Nach dem Kölner Gastspiel ging Frank Ordenewitz für zwei Jahre nach Japan, wo er riesig gefeiert wurde, bevor er nochmal in die Bundesliga in die verbotene Stadt (auch als “Hamburg” bekannt) zurückkehrte. Es folgten der Rotenburger SV, VfL Oldenburg, TSV Ottersberg und VSK Osterholz Scharmbeck, wo er 2005 seine Karriere beendete und als Scout zu Werder kam. Zu dem Verein, für den er in 127 Bundesligaspielen 37mal traf. Und so wurde der Torjäger vom Spielentscheider zum Spielbeobachter.

 

“Hallo Otze”
Bremen, Weserstadion. Die Glastürme an der Nordgrade. Fünfter Stock. Hier arbeitet Frank Ordenewitz. Ich treffe eine junge zierliche Dame, „Frank Ordenewitz? Sagt mir nix…“ sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln. Immerhin weiß sie, dass die Scoutingabteilung hinter der gegenüberliegenen Tür ist. Und da ist dann nicht nur die besagte Abteilung, sondern auch “Otze” persönlich. Das Worum kannte er noch nicht, trotzdem hat er sich kurz Zeit genommen. Bei der Frage, ob man einen Kaffee oder Wasser haben will schießt mir kurz der Gedanke „Bier!“ in den Kopf. Muss an der Stadionluft liegen. Dankend abgelehnt setzen wir uns in die Loge der Nordgerade. Ohne Kaffee. Ohne Wasser. Und natürlich ohne Bier.

 

 

Die Türme am Weserstadion: Arbeitsplatz und Hauptaufenthaltsort von Scout Frank Ordenewitz

Die Türme am Weserstadion: Arbeitsplatz und Hauptaufenthaltsort von Scout Frank Ordenewitz

Worum.org: Hallo Frank, danke dass du dir für uns Zeit genommen hast. Wie kann man sich so eine Arbeitswoche von Frank Ordenewitz vorstellen?

Frank Ordenewitz: Ja, wie kann man sich die so vorstellen… das ist eigentlich ganz unterschiedlich. Zum Einen mach ich Spieler- und zum Anderen Spiele-Sichtung. Bei der Spielesichtung ist es so, dass der Trainer eigentlich jeden Gegner vorher zweimal gesehen haben will. Da ich die Scoutingabteilung leite bin ich meistens die ganze Woche im Büro, wenn ich nicht gerade zu Länderspielen reise. Am Wochenende bin ich dann eigentlich immer unterwegs um mir Spieler anzugucken.

Du hast deine Fußballerische Karriere vor den Toren Bremens bei VSK Osterholz Scharmbeck beendet, bevor du Scout wurdest. Wie kam dann der Kontakt zu Werder zustande, dass sie dich angesprochen haben – oder ist der nie wirklich abgebrochen?

Mit den meisten Jungs, die hier im Nachwuchsleistungszentrum arbeiten habe ich ja selber noch zusammengespielt, insofern war der Kontakt immer da. Vor fünf Jahren suchte Werder einen neuen Scout, da der alte nicht vor Ort war, der kam aus der Heidelberger Ecke und Werder suchte jemanden vor Ort. Da wurde zuerst Günter Hermann (Anm.: früherer Mitspieler von Ordenewitz, seit 2001 Trainer von Osterholz) angesprochen, der aus zeitlichen Gründen aber nicht konnte. Und da hat er mich vorgeschlagen. Und so ist der Kontakt mit Thomas Wolter entstanden. Aber es sind ja hier soviele Spieler, mit denen ich noch zusammengespielt habe und da war der Kontakt immer da und ist eigentlich nie abgebrochen. Ist eine große Stärke von Werder.

Kann man den Beruf Scout eigentlich ‘erlernen’ oder warst du schon immer bekannt dafür, dass Potenzial in einem Spieler zu sehen?

Nein, ein Lehrberuf ist das ganz sicher nicht. Es ist natürlich von Vorteil, wenn man ein bißchen Ahnung von Fußball hat und ein Auge für die Spieler. Ich hab ja vier Jahre erst nur die Jugend gemacht und bin jetzt seit einem Jahr auch für die Profis zuständig. Man sollte sich im Fußball ganz gut auskennen, aber Lernen kann man sowas glaube ich nicht. Entweder erkennst du, dass jemand das Zeug dazu hat Fußballprofi zu werden oder nicht. Selbst dann ist noch nicht gesagt, dass man wirklich zu 100% richtig liegt. Da spielen soviele Faktoren eine Rolle, gerade bei den Jugendlichen. Bekannt dafür war ich auch nicht, deswegen haben sie mich auch erstmal für die Jugend geholt. Dort ist es auch so, dass nicht nur ich entscheide, sondern wir gucken einen Jungen vorher immer mindestens drei mal mit drei verschiedenen Leuten an, bevor wir ihn überhaupt erstmal holen. Von daher ist man da schon etwas abgesichert, alleine entscheidet man als Scout gar nix.

Wo genau scoutest du?

In der Jugend ist es so, dass wir hauptsächlich in Deutschland gucken. In älteren Jahrgängen auch schon im näheren Ausland. Bei den Profis gucken wir dann natürlich weltweit.

Wirst du oft von der Presse erkannt, wenn du auf Turnieren nach Spielern guckst?

Wenn man heutzutage scouten geht, dann sind da soviele andere Scouts und auch Berater, da kennt man sich untereinander eigentlich schon, das ist schon ganz normal geworden. Ab und an wird man schon von der Presse erkannt. Aber das ist immer weniger geworden.

Wenn man die Kollegen der Konkurrenz trifft, bspw. aus Hamburg, tauscht man sich da dann untereinander aus?

Mit dem Einen oder Anderen versteht man sich gut, da tauscht man sich untereinander schon ein bißchen aus. Aber das Wichtige behält man dann natürlich schon für sich. (lacht)

Wie viele Tipps bekommst du die Woche über, dass du dir diesen oder jenen Spieler unbedingt mal angucken musst?

Das kann ich so gar nicht beantworten. Das sind so viele Sachen, die man bekommt. Per E-Mail, per Telefon, per Fax. Das ist unheimlich viel, da kann man gar nicht alles beantworten und muss ein bißchen sondieren und gucken wo es sich lohnt überhaupt hinterherzufahren.

Fasst man sich da auch öfter mal an den Kopf und stellt sich die Frage, was der ehrgeizige Vater da in seinem Jungen sieht?

Sind ja nicht nur die Eltern, sind auch die Berater. Die eigenen Spieler sind ja sowieso immer die Besten. (lacht) Da muss man schon vorsichtig sein.

Bist du insbesondere bei den jungen Spielern nicht nur am Beobachten, sondern auch am Kontaktieren um einen ersten Einblick in den Charakter zu bekommen?

Als ich das für das Nachwuchsleistungszentrum gemacht habe war es schon noch meine Aufgabe, mit den Eltern, mit den Beratern und dem Spieler selber ersten Kontakt aufzunehmen. Jetzt, bei den Profis, ist es natürlich nicht mehr so. Da läuft alles nur noch über den Berater. Wenn man natürlich die Gelegenheit hat, sich mit seinem Spieler zu unterhalten, dann macht man das. Ist aber eher die Ausnahme.

War bei den jungen Spielern dann oft auch der „Psychologe“ Ordenewitz gefragt um das Umfeld einschätzen zu können?

Psychologe will ich nicht sagen. Aber grade bei den jungen Spielern, wo sich viele drum reißen, ist der Eindruck, den man bei den Eltern hinterlässt, natürlich sehr wichtig. Als einzelne Person, aber auch als Verein. Wenn man sie dann einlädt und ihnen hier alles zeigt ist es schon wichtig, wie der Eindruck ist. Und man muss selber auch gucken, wie der Junge sich so gibt. Passt das zu uns, oder hat der einen Nagel im Kopf? Da muss man schon ein bißchen raushören und rausgucken.

Wir haben in den Teams unter den Profis viele Spieler aus dem Berliner Raum. Kann man sagen, dass es in gewissen Regionen Deutschlands mehr und/oder besser Talente gibt?

Bessere will ich nicht sagen. Aber es gibt glaub ich nirgendwo in einer Stadt soviel geballte Jungs auf einem Haufen, die Fußball spielen. Ich glaube Berlin hat über drei Millionen Einwohner und da ist natürlich klar, dass man da auch speziell guckt.

 

 

Arbeitsumfeld #2: Der Fußballplatz. Wie hier Klaus-Dieter Fischer und Thomas Wolter beobachtet Ordenewitz mehrere Milliarden Spiele/r pro Jahr.

Arbeitsumfeld #2: Der Fußballplatz. Wie hier Klaus-Dieter Fischer und Thomas Wolter beobachtet Ordenewitz mehrere Milliarden Spiele/r pro Jahr.

Guckt man da auch mal auf den Bolzplatz vorbei oder gibt es solche „Straßenkicker“ heute nicht mehr?

Nein. Auf dem Bolzplatz, das kann man abhaken. Das ist heute nicht mehr so wie früher und der Leistungsfußball, so wie er im Jugendbereich auch schon vorherrscht, dass schafft man nicht mehr nur vom Bolzplatz her.

Kann man davon ausgehen, dass du Unmengen an DVDs mit Spielermaterial zuhause hast?

Zuhause eher weniger, wenn ich zuhause auch noch damit anfange, dann hab ich gar keine Freizeit mehr. Aber hier bei uns in den Räumen sind schon Unmengen an DVDs. (lacht)

Zur Jahrtausendwende war Petr Cech mal im Probetraining bei Werder Bremen und wurde nicht verpflichtet. Mal hört man es scheiterte an der Ablöse, mal wird gesagt, er wurde für nicht gut befunden. Ist dir auch schon sowas passiert, dass dir ein Junge „durch die Lappen“ ging?

Das ist ganz normal. Also ich war damals noch nicht da, aber ich habe gehört, dass Petr Cech damals krank gewesen war und eine Magen-Darm Grippe hatte, dann aber trotzdem trainiert hat und deswegen einen nicht so guten Eindruck hinterlassen hat. Aber das kann dir immer passieren. Das sieht man ja selbst in der Bundesliga. Auch ein Ribery hat heute mal einen schlechten Tag und am nächsten ist er super drauf. Das passiert dir immer wieder, dass du einen Spieler anguckst, der halt grade seinen schlechten Tag hat. Man versucht natürlich immer, sich den oder die besten rauszupicken, aber das da der ein oder andere dann auch durchfällt, das ist ganz normal.

In England werden für sehr junge Spieler schon hohe Summen und große Gehälter gezahlt. Denkst du diese Entwicklung wird nach Deutschland rüberkommen und irgendwann auch zu Werder?

Ich hoffe nicht. Wir machen das ganze nicht mit. Die Jungs verdienen dort drüben schon richtig gut, aber die meisten kommen dann auch wieder zurück nach Deutschland. Ich hoffe, dass der Verein das nicht mitmachen wird. Denn meiner Meinung nach versaut das die Jungs, wenn du in so jungen Jahren schon soviel Geld verdienst. Wir machen das nicht mit und da lassen wir den Jungen lieber ziehen.

Man hört immer mal wieder von unmoralischen Angeboten von Beratern, gerade im Ausland. Sind Dir Fälle bekannt bzw. gab es schon Versuche, Dich zu überreden, falsche Infos an den Verein zu geben?

Falsche Infos nicht. Aber durch die Blume wird dann schonmal gesagt, dass, wenn man den Jungen gut „sieht“, man da auch schonmal mitverdienen kann. Aber davon darf man sich nicht beeinflussen lassen.

Du warst auch bei der WM in Südafrika. Welcher Spieler hat dir besonders gefallen? Aus persönlicher – und aus „Der wäre was für Werder“ Sicht?

Wenn da jemand beigewesen wäre könnte und würde ich das jetzt nicht sagen. (lacht) Ich war in der Vorrunde da und ich muss sagen, die ganze Vorrunde war nicht so toll anzusehen. Ich weiß nicht wie das am Fernseher war, aber mir hat es nicht gefallen. Ich hab da auch keinen Überrangenden gesehen. Die deutsche Mannschaft hat sehr gut gespielt, was keiner erwartet hat, aber ich habe sie leider nicht sehen können. Ich sehe ein Spiel, glaube ich, auch ganz anders als ein Zuschauer. Ich achte da eher auf andere Dinge.

Wo genau liegt die Scoutingarbeit des ganzen Teams bei den Profis?

Wenn wir ganz unten anfangen, also 12-13 jährige, machen wir das in der Umgebung von Bremen. Ab der C-Jugend, also U15, nehmen wir schonmal den ein oder anderen ins Internat auf, wenn er sehr weit weg wohnen sollte. Im U17-, U19-Bereich nehmen wir dann auch schonmal Jungs aus dem Ausland. Und dann im Profibereich ist das natürlich weltweit. Da geht es dann nur nach Leistung und ob man den Spieler bezahlen kann. Da geht es dann nicht mehr nach der Region.

Wenn ich richtig informiert bin hast du damals auch Martin Harnik und Max Kruse entdeckt. Freut man sich besonders, wenn man dann sieht, dass sie ihren Einsatz im Profiteam haben und auch weiter ihren Weg gehen?

Ich war einer von vielen. Wie vorhin schon erwähnt, dass mehrere immer die Jungs angucken, bevor wir sie holen. Ich war einer davon. Aber es ist ganz klar, dass man sich dann besonders freut. Auch wenn sie es bei uns nicht schaffen, sondern woanders. Und meist hat man dann auch immernoch Kontakt zu den Jungs.

Bekommst du und dein Scouting Team von Thomas Schaaf und Klaus Allofs bestimmte Vorgaben, worauf ihr genau achten solltet bei neuen Spielern?

Gewisse Vorgaben sind schon da, ja.

Wie läuft das ganze dann genau ab. Ihr entdeckt einen Spieler, beobachtet ihn einige Male. Seht, dass er in die Spielphilosophie passt. Wann werden Schaaf und Allofs darüber informiert?

Informiert werden sie natürlich sofort, wenn wir jemanden sehen und finden, der gut ist. Dann wird derjenige natürlich über einen gewissen Zeitraum weiter beobachtet und wenn er das bestätigt sind dann in letzter Instanz Klaus und Thomas gefragt. Das heißt, sie gucken sich den Spieler an und entscheiden dann, ob er was für uns ist oder nicht. Und natürlich auch, ob er finanzierbar ist.

Bremen ist bekannt dafür, die Spieler oft über Jahre zu beobachten, wie man bei Arnautovic und auch Diego schon gehört hat. Wie läuft das genau ab? Hat man die einmal im Blickwinkel und guckt dann ab und an nochmal nach?

So ein Spieler wie Diego war nach meinen Informationen damals zu teuer für Werder. Und dann wartet man halt ab, bis er vielleicht mal nicht mehr gespielt hat, oder nicht mehr die Leistung gebracht hat, die er bringen könnte. Bis der Marktwert dann halt fällt. Und so einen Spieler beobachtet man halt automatisch. Es werden heute fast alle Spiele irgendwo übertragen und da achtet man dann schon drauf. Bei solchen Spielern muss man den richtigen Moment abpassen.

 

Kannst du uns noch eine lustige Anekdote erzählen von der Scoutingarbeit?

Ich hatte mal eine witzige Bewerbung. Das war ein Junge, der sich hier beworben hat. Das war ein Brillenträger. Aber nicht nur das – er konnte ganz schlecht sehen. Als letzten Satz in seiner Bewerbung hat er dann aber geschrieben, er würde “sich blind verstehen mit Diego”. Da schmunzelt man dann doch schon.

 

Ordenewitz tippt auf einen Sieg gegen die Bayern. Ein Fan am Trainingsplatz gar auf die Meisterschaft.

Ordenewitz tippt auf einen Sieg gegen die Bayern. Ein Fan am Trainingsplatz gar auf die Meisterschaft.

Wo wir grade bei Anekdoten sind. Wieviele Linksverteidiger hast du die letzten Wochen und Monate angeguckt?

(lacht) Eine Menge.

Nix Passendes dabeigewesen?

Entweder das, oder es war nicht zu finanzieren.

Zum Abschluss noch dein Tipp fürs Wochenende?

Ich tippe mal ganz optimistisch und hoffe mal auf ein 2:1 für uns.

Gut, das war es auch schon. Danke nochmal, dass du dir die Zeit genommen hast.

Interview geführt von Worum-User Kiki. Fotos von Kiki/kantersieg.

Die Scoutingseite im Nachwuchsbereich von werder.de: klick

Diskussionsthread zur Scoutingabteilung im Forum: klick