Schab Vertrag. Beim Real.

24.08.10 | von | Kategorie: Spieler | Keine Kommentare
Vorsicht, Cristiano Ronaldo! Eventuell bist du bei Real Madrid bald nicht mehr der Geilste! ©Worum-User Kantersieg

Vorsicht, Cristiano Ronaldo! Eventuell bist du bei Real Madrid bald nicht mehr der Geilste! ©Worum-User Kantersieg

Er ist nicht mehr da, der Mesut Özil. Der schüchterne Gelsenkirchner, der im Januar 2008 nach Bremen kam. Er machte viele Tore, bereitete noch mehr vor und sorgte für noch mal deutlich mehr Diskussionen. Vor allem in den letzten 15 Monaten. Von Schalke 04 über Bremen ging es nach Madrid. Zu den Königlichen, zum teuersten Spieler der Welt und zum wohl besten Vereinstrainer im Profifußball. Und diesen Schritt macht genau der 21jährige, der ungern einkauft. Lebensmittel zusammensuchen, an der Kasse warten. Das ist nicht sein Ding. Besser war er dafür im Phrasendreschen und mithilfe derer wird der Wechsel kurz beleuchtet.

Schab Vertrag. Alle zwei Tage konnte man es in den Gazetten lesen: Wechsel? Wer, ich? Nööö, schab Vertrag! Wahlweise auch: Schab Vertrag bis 2011. Die Fanseele hat es irgendwann genervt, ein “Kein Kommentar” oder “Der Stand ist der Gleiche wie gestern” wären vielleicht besser gewesen, andererseits muss man sich fragen: wenn eine Vielzahl von Reportern bei jedem noch so unwichtigen Interview eine und die selbe Frage immer wieder einbauen – warum dann nicht auch immer die gleiche Antwort geben? Schab Langeweile, also hab ich Vertrag.

Auf jeden Fall. Hätte es Özil wie Diego machen können? Ja und nein. Ja, er hätte vorzeitig verlängern können, um dann trotzdem diesen Sommer zu wechseln. Aber der von Diego fair gewählte frühe Zeitpunkt (zum Saisonende) seines Wechsels wäre auch von seiner Seite wohl nicht gewählt worden, wenn er im gleichen Sommer eine WM hätte spielen können. Das Schaufenster hätte er wie Özil mitgenommen. Allerdings war es sicherlich alles andere als glücklich, den Wechsel bis einen Tag vor dem letzten Wechselzeitpunkt hinauszuzögern. Und das hatte seine Gründe im Verhandlungspoker – auch wenn diese mehr bei Real als bei Özil lagen. Auf jeden Fall sogar.

Das freut mich natürlisch. In der Rückrunde der letzten Saison sah man ab und zu Özil zu ausgepowert, aber auch mit hängenden Schultern. Trotz allem spielte er eine starke Saison, wurde zum Bundesliga-Spieler der Hinrunde gewählt. In insgesamt 109 Pflichtspielen traf Özil 16mal, bereitete weitere 56 Treffer vor. Er zeichnete sich für den Siegtreffer im DFB-Pokalfinale 2009 verantwortlich und brachte neben vielen schönen Spielzügen auch Geld nach Bremen. Knapp fünf Millionen hat er gekostet, mindestens das Dreifache bekommt Werder aus Madrid nun für ihn. Und das freut uns natürlich.

Natürlisch. Nach seiner Verlängerungs-Aussage im letzten Mai gab es ewig lange Gespräche, die nicht zu einer Verlängerung führten. Bei den meisten Fans kam das gar nicht gut an. Dass Özil aber in diesem Sommer wechselt und nun nicht mehr über 2011 hinaus verlängerte bzw. im nächsten Jahr ablösefrei ging war dann doch mehr als abzusehen. Der Markt an Spielertypen a la Özil war so gut wie leer, der Mittelfeldspieler war bei der WM einer der großen Stars und war für knapp die Hälfte der Summe zu haben, die er bei einer langjährigen Restlaufzeit eines Werdervertrages gehabt hätte. Er hätte sich auch in der Saison 2010/2011 nicht noch weiter in den Vordergrund spielen können, als er das bereits bei Werder und der WM getan hatte. Die Ablöse war für die absoluten Topteams gering genug, um ihn sofort zu holen. Werder wollte allein aus wirtschaftlichen Gründen verkaufen. Der Verkauf in diesem August war vor allem eines: zu erwarten. Natürlisch.

Einfach glücklisch. So richtig glücklich waren einige Fans in Bremen kurioserweise nicht mit Özil. Auf dem Platz monierte man seinen fehlenden Biss, daneben gab es immer mal wieder Gedanken an den Schalke-Abschied. Dazu kamen seine schüchterne Art, die Nichtverlängerung, der im Hintergrund wirkende Vater sowie der harte Verhandlungspartner Fazeli, Özils Berater. Als der Shooting Star dann in Anna Maria Lagerblom seine neue Freundin fand, da ging es für den Stammtisch beim Thema Özil schon lange nicht mehr um Sportliches. Und das, obwohl Diegos Vater mit anderen Klubs öffentlich mehr flirtete, der Brasilianer mit Lagerbloms Schwester Sarah Connor im Nachtleben gesichtet wurde und zudem auch noch kurzzeitig Ärger wegen Trunkenheit am Steuer hatte. Wegen der Olympiateilnahme gab es Stress. Aber irgendwie war die kleine Grinsebacke für die kühlen Norddeutschen dann doch liebenswerter. Diego flogen die Herzen zu, der Medienprofi grinste in alle Kameras, redete immer sehr positiv von Werder, rief “Isch liebe Werdar Breme” vom Rathausbalkon und knuddelte nebenbei Naldo. Einfach glücklisch waren wir.

Mannschaft hat misch toll unterstützt. Aaron Hunt gehörte zu denjenigen, die darauf hofften, dass “bald eine Entscheidung fällt”. Tim Wiese sah es nach der Wechsel-Verkündung eben wie ein Tim Wiese es sieht und wie ein Tim Wiese sich eben äußert: “Das Theater ist zum Glück vorbei, dieses ganze Drunter und Drüber”. Die Mannschaft hat die Nichtverlängerung als ständiges Thema während der gesamten Saison sowie das Fragezeichen bzgl. Wechsel im Sommer schon ab und an gestört. Profitiert aber haben sie sportlich von Özil – und er von der Mannschaft. Die Offensive Marin-Özil-Hunt-Pizarro war letzte Saison für viele Leckerbissen verantwortlich, die Mannschaft hat ihn toll unterstützt.

Beim Real. Ein bißchen Komik musste natürlich auch beim Wechsel dabei sein. Özils ausgewiesener und oft genannter Lieblingsverein: der FC Barcelona. Mesuts neuer Klub: Real Madrid. Der Erzrivale. Aber Werder-Fan Ballack spielte auch jahrelang bei den Bayern und bis heute nicht für Bremen. Und wo schon Werder im Atemzuge mit Real, Bayern und Barcelona genannt wird:  Diego ging zu Juventus, Arnautovic kam von Inter Mailand und war für wenige Minuten beim FC Chelsea. Von dort kam auch Claudio Pizarro. Im Konzert der Großen fällt der Klubname Werder Bremen immer häufiger.

Im Übrigen sorgte nicht nur Mesuts Vereinswahl für eine gewisse Komik, auch der vermeintlich von ihm via Twitter und Facebook verbreitete Text: “Ich blicke auf eine Tolle Zeit beim SV Werder Bremen zurück und gleichzeitig freue mich auf meine neue Herausforderungen beim Real.” Ja, da steht beim Real. Nicht bei Real. Denn Özil ist erwachsen geworden, hat sein Bremer Nest verlassen und wird nun für Madrid hoffentlich starke Leistungen zeigen und dann demnächst alleine einkaufen. Beim Real.

Viel Erfolg in Spanien, Mesut. Und danke, Schalke.