Marko Arnautovic: Top oder Flop?

12.07.10 | von | Kategorie: Spieler | 14 Kommentare

Am 30. Mai 2009 kam die letzte große Sturmhoffnung: Marcelo Moreno. Fast genau ein Jahr später, am 04. Juni 2010 stellte Werder Bremen Marko Arnautovic vor. Und hofft, dass dessen Zeit im grün-weißen Trikot deutlich besser verläuft als die des Brasi-Bolivianers. Ein einziges Bundesligator würde da allerdings schon reichen, da Moreno ein Flop war, wie er im Buche steht. Doch nach dem nun wieder bei Donezk spielenden und als Einzelgänger beschriebenen Stürmer kommt mit Arnautovic neben viel Potential eben auch die Charakterfrage mit. Er ist reif genug? Ist er zu arrogant? Ist er zu egoistisch? Und dann die sportliche Frage: kann er nach seinen wenigen Kurzeinsätzen und der Verletzungspause bei Werder sein Potential abrufen, kann er sich wie Diego oder Özil vor ihm in Bremen weiter entwickeln?

Wie alles begann? Auffällig. Bis zum Alter von 17 Jahren hatte Arnautovic schon sechs Stationen hinter sich. Allesamt Wiener Vereine, Klubs seiner Heimat- und Geburtsstadt. Geboren und aufgewachsen ist er im 21. Wiener Bezirk namens Floridsdorf, dort leben viele eingewanderte Serben und Kroaten. Sein Vater ist Serbe, heiratete eine Wienerin. Arnautovic junior hätte theoretisch auch für Serbien die Fußballschuhe schnüren können, Abwerbeversuche blieben aber ohne Erfolg. Im ÖFB-Interview lies er nach seinem ersten Länderspiel für die Alpenauswahl klar durchblicken: “Ich fühle mich hundertprozentig als Österreicher. Das war auch eine Entscheidung des Herzens!”

Keine Entscheidung des Herzens sondern des Kopfes war der Wechsel zwei Monate nach dem 17. Geburtstag zu Twente Enschede. Ein junger Österreicher, der ins Ausland wechselt um sich besser zu entwickeln ist keine Seltenheit. Seltener war da schon, dass es in die Niederlande und nicht England ging. Der Wechsel allerdings war ein sehr wichtiger Schritt, nicht nur sportlich. In Wien war Arnautovic mittlerweile bei diversen Jugendtrainern in Ungnade gefallen. Fußballerisch extrem talentiert, physisch stark befanden sie allesamt. Genauso aber war man sich unisono einig, dass er kein Charakter für eine Mannschaft sei. Sein Egoismus auf dem Platz konnte man ertragen, allerdings machte seine Einstellung außerhalb der Spiele Probleme. Zu große. Arnautovic testete Grenzen aus, sah sich aufgrund seines Talents in einer Sonderstellung in jeder Mannschaft. Alle Trainingsübungen mitmachen, Bälle tragen? Nein, warum auch? Der verspielte Techniker wollte lieber Trainingsspiele als Konditionsübungen. Rebellion gegen Trainer? Nur allzu gerne. “Wenn es geheißen hat, Bälle tragen, hat er gefragt: Wieso ich? Waren Sprints angesagt, ist er locker gelaufen” beschrieb es Rapid-Trainer Setik.

Der Wechsel in eine völlig neue Umgebung vollbrachte dann Wunder. In der ersten Zeit war Arnautovic auf sich alleine gestellt, sprach kein Wort niederländisch, kannte niemanden. Er erzählte später von “Problemen in dieser Zeit”, hatte “mehrere kleine Krisen”. Eine schwere Zeit, in der er zum Glück nicht den leichten Ausweg zurück nach Wien suchte, sondern sich durchbiss. Der Intensivkurs in der Landessprache seiner neuen Heimat wurde bereitwillig wie nie besucht, auf Mannschaftskameraden ging er zu und überredete nach einiger Zeit seine Familie, nach Enschede zu ziehen. Arnautovic geläutert: “Ich war ein Problemkind”.

Bei Twente Enschede lief es für ihn vor allem durch die Integration neben dem Platz dann auch auf dem Platz richtig gut. Am 14. Mai 2007 durfte er knapp vier Wochen nach seinem 18. Geburtstag sein Profidebüt geben. In der Saison darauf reichte es für 14 Einsätze, die Juniorenmannschaft Jong FC Twente schoss er mit 22 Treffern zum Meistertitel. Was daraufhin folgte war die erste Bieterschlacht um Arnautovic. Ajax Amsterdam, diverse europäische Klubs, aber vor allem Feyenoord Rotterdam wollten das Talent unbedingt verpflichten. Doch daraus wurde nichts – auch, weil der neu geholte Trainer Steve McClaren den Österreicher unbedingt in seinen Reihen behalten wollte.

McClaren war es auch, der Arnautovic überzeugte, in seinem 4-3-3 System als Rechtsaußen perfekt aufgehoben zu sein. Die Offensive vervollständigten Linksaußen Eljero Elia (nun HSV) sowie Mittelstürmer Blaise N’Kufo. Mit großem Erfolg, denn Twente wurde Vizemeister, Arnautovic traf in 28 Spielen insgesamt 12 mal, bereitete weitere 6 Treffer vor. Elia war ähnlich erfolgreich mit 9 Toren und 6 Vorlagen, N’Kufo traf 16mal.

Den Ball im Blick: Arnautovic auf Norderney

Den Ball im Blick: Arnautovic auf Norderney

Nachdem schon in der Winterpause der Saison 2008/2009 die Interessenten Schlange standen, war im Sommer 2009 klar: Twente wird Arnautovic nicht halten können. Twente-CoTrainer und Schalke-Legende Youri Mulder legte via Kicker seinen Schalkern den Österreicher wärmstens ans Herz, am Ende waren die Königsblauen aber ein zu kleiner Fisch im Becken. Twente einigte sich im Mai relativ schnell mit dem FC Chelsea, unterzeichnete eine Transfervereinbarung die 12 Millionen Euro Ablöse in die Kassen spülen sollte. Zudem waren Boni in Höhe von weiteren zwei Millionen vereinbart. Doch der Transfer scheiterte in letzter Sekunde, da Arnautovic die sportmedizinische Untersuchung nicht bestand. Diagnose: Stressfraktur im Mittelfuß, Ausfallzeit bis zu sechs Monaten. Chelsea nahm Abstand von einer Verpflichtung, genauso wie zuerst auch die zweite Wahl namens Inter Mailand.

Nach langen Verhandlungen wechselte Arnautovic Anfang August 2009 dann doch nach Mailand, allerdings auf Leihbasis. Für einen Sofortkauf fanden sich durch die Verletzung keine Interessenten bzw. keine Klubs, die die Forderungen von Twente erfüllen konnten und wollten. Im Leihvertrag zwischen Twente und Inter wurde eine Klausel eingebaut, die besagte, dass die Kaufoption automatisch gezogen wird, wenn der Spieler eine gewisse Anzahl von Spielen absolvieren würde. Die 3 Serie A-Einsätze reichten dafür freilich nicht, so dass der Wechsel zumindest nicht ‘automatisch’ statt fand. Inter Mailand hatte trotzdem die Möglichkeit, bis zum 31. Mai die Kaufoption von ca. 9 Millionen Euro zu ziehen, tat dies aber nicht. Auch, weil Berater Rob Groener bereits Wochen vorher den Verein informierte, dass sein Klient auf keinen Fall bei Inter bleiben wolle.

Was folgte, war der Wechsel nach Bremen. In den Medien war in der gesamten Rückrunde von Arnautovic-Zukunft gesprochen worden. Ja, er werde Inter wohl verlassen. Ja, es gibt Interessenten. Konkret genannt wurde aber bis auf den VfL Wolfsburg kein Klub. Und der war vor allem dank Wolfsburgs neuen Trainer Steve McClaren ein ernsthafter Kandidat. Manager Dieter Hoeneß sprach über die neue taktische Ausrichtung, in die Arnautovic auf Außen passen würde, McClaren hatte zu seinem ehemaligen Twente-Spieler ein gutes Verhältnis.

Am Ende war Wolfsburg aber nur ein Backup-Plan, falls der Wechsel zu Werder Bremen nicht klappen sollte. Wie das mit Werder ablief? Anfang Februar kam nach Schließen des Winter-Transferfensters der erste Gedanke an einen Sommertransfer. Vom Berater gab es Hinweise, dass der Spieler wohl verfügbar und auch interessiert sein würde. Es gab Überlegungen wie er in den Kader passen könnte, Ende Februar fühlte Allofs am Rande des Europapokalspiels gegen Twente Enschede bei den Klub-Verantwortlichen vor. Am 3. März kam es im Zuge des U21-Länderspiels der Österreicher gegen Dänemark zu einer Prognose des Ex-Bremers Andi Herzog, die Arnautovic nach eigenen Worten noch gar nicht so recht ernst genommen hatte. Ob er Werder kenne? Natürlich kenne er Werder Bremen. Ob er den Verein für interessant halte? Natürlich tue er das. Und dann, so verriet Arnautovic bei seiner Vorstellung in Bremen, sagte ihm Herzog: “Ich glaube, Werder Bremen wird Deine nächste Station”.

WM-Orakelkrake Paul ist ein kleines Licht gegen Hellseher Herzog, der kurz nach seiner Prognose allerdings aktiv an einem Arnautovic-Transfer mitwirken durfte. Klaus Allofs und Thomas Schaaf erkundigten sich beide bei Herzog über Arnautovic, Herzerl gab einen deutlichen Kaufbefehl ab und sorgte dafür, dass Werder sich nun aktiver über Arnautovic informierte und dessen Berater signalisierte: Wir haben großes Interesse. Die Gespräche begannen. Und in der Branche bekam man so langsam Wind davon. Mitte April war zu hören, dass sich “Werder bezüglich Arnautovic umhöre”, eine Nachfrage bei Berater Groener ergab zwar keinen direkten Kommentar, aber doch eine interessente Formulierung davon: man möchte keine Angaben “über einen eventuellen Transfer von Arnautovic nach Bremen” machen.

Genau einen Monat später berichtete dann die Fanseite von Inter Mailand (Fcinternews.it) aufgrund einer “Indiskretion” einer ominösen Quelle von zwei Interessenten aus Deutschland: dem VfL Wolfsburg sowie Werder Bremen. Einen Tag später verriet Youri Mulder in einer niederländischen Fußballsendung namens Studio Voetbal: “Marko Arnautovic zu Werder Bremen, … wahrscheinlich”. Das bekam allerdings zuerst niemand mit, bis dann die Bild einen Tag später davon berichtete (und die Aussage etwas verfälschte).  Twente-Vorsitzender Munsterman dementierte noch jegliche Gespräche, doch Herzog schwärmte nun auch öffentlich in höchsten Tönen von von Arnautovic. Am Ende der Woche bestätigte dann Arnautovic-Anwalt Baas das Werder-Interesse. Am letzten Mai-Tag leitete Allofs die Verpflichtung ein – und äußerte sich öffentlich in seiner typischen “Das sage ich nur, wenn der Transfer kurz bevorsteht”-Art und Weise.

Technisch beschlagen: Arnautovic auf Norderney

Technisch beschlagen: Arnautovic auf Norderney

Am 4. Juni überschlugen sich die Ereignisse: am späten Vorabend deutete der italienische Journalist DiMarzio an, dass Arnautovic zu Werder wechselt, dann verkündete Spielerberater Giacomo Petralito, dass der Transfer definitiv fix ist. Wenige Stunden später kündigte Werder an, einen Neuzugang live über Werder.tv vorzustellen.

Nun ist er also da. Und anders wie kurzzeitig spekuliert, hat Inter Mailand keine Beteiligung an dem Transfer. Die Kaufoption lief ungenutzt aus, Arnautovic hatte bei Twente noch Vertrag bis 2011, der sich Gerüchten zufolge aufgrund der nicht genutzten Mailand-Klausel bis 2012 verlängerte. Werder nahm den Österreicher bis 2014 unter Vertrag, zahlt wie zu hören ist 6,2 Millionen Euro sofort und weitere 300.000 Euro bei Qualifikation für die Gruppenphase der Champions League. Das kostet auch in den Folgejahren: jeweils 250.000 Euro pro Qualifikation. Gehaltstechnisch sind es für das erste Jahr 1,2 Millionen Euro, mit vermutlicher an Erfolgen gekoppelter jährlicher Steigerung.

Ist er das Geld wert? Die Ablöse ist relativ moderat, gerade im Vergleich zu seinem österreichischen Landsmann Marc Janko. Nachdem Werder mit dem Arnautovic-Transfer einen Ablöserekord für einen Österreicher aufgestellt hatte, holte Twente Enschede Janko als dessen Nachfolger und gab kolpotierte 6,5 Millionen Euro dafür aus. Man hat die Arnautovic-Summe komplett reinvestiert – und geht dabei anscheinend von einer CL-Qualifikation aus. Zumindest reden wir uns das nun ein und halten es für ein gutes Omen.

Ob er das Geld wieder reinspielt? Lediglich er selbst kann sich dabei im Wege stehen. Vom Potential kann es kaum zwei Meinungen geben. Schon früh war dem technisch beschlagenen Stürmer anzusehen: er hat viel Luft nach oben. Als der erste große Schub während seiner letzten Saison bei Twente kam, sah man nicht nur, dass da noch mehr geht, sondern dass er auch in der Lage ist, sich wirklich zu entwickeln und zu seine Schwächen zu verbessern. Die Chancen auf ein ewiges Talent sind gering.

Vergleiche mit Zlatan Ibrahimovic kamen früh. Sehr früh. Und sie kamen aufgrund seiner Größe, seiner Physis und seiner Technik. Und auch aufgrund seiner Herkunft aus dem ehemaligen Jugoslawien, dokumentiert bei beiden durch den Vater und den jeweiligen Nachnamen. Arnautovic selber sieht die Vergleiche nicht gerne: “Es ist ein Unsinn, wenn man mich jetzt schon mit Ibrahimovic misst. Da wartet schon noch einige Arbeit auf mich. Alles Schritt für Schritt!” Sein Vorbild? “Christiano Ronaldo!” Und der ist nicht nur Vorbild, sondern passt als Vergleich ebenfalls. Beide Spieler kommen oft über die Außen, sind technisch beschlagen, körperlich robust, teilweise egoistisch, von sich selbst überzeugt und haben den Hang zur Übertreibung – aber auch den Hang zur Genialität. Schusstechnik a la Vorbild zeigte der Mini-Ronaldo zuletzt beim U21-Länderspiel gegen Dänemark.

Wie genau passt das ins Werder-Spiel? Mehrfach und überall. Arnautovic ist so flexibel und mit solchen Stärken ausgestattet, dass man für jede Offensivposition etwas Passendes findet, dass er einsetzen kann. Im System mit drei offensiven Mittelfeldspielern und einem Stürmer kann er alle Positionen bekleiden. Den Stoßstürmer allein schon aufgrund seiner Größe von 1,92m und seiner Fähigkeit, sich durchzusetzen. Hinter den Spitzen, weil er dann Raum hat, um seine Schusstechnik aus der zweiten Reihe auszuspielen. Auf den Außen – und gerade dort – weil er dort am meisten Platz bekommt, seine Schnelligkeit und Technik einzusetzen. Nicht nur, um dann nach innen zu ziehen und den Abschluss zu suchen, sondern auch, um dann aufzulegen. Arnautovic gilt zwar als eigensinnig, legt dies aber mehr und mehr ab. Damit ist eigentlich schon genug gesagt: Auf den Außen, hinter den Spitzen, in der Spitze und natürlich auch als zweiter Stürmer neben Pizarro. Ebenso als hängende Spitze, denn am Gefährlichsten ist Arnautovic immer dann, wenn er etwas Raum hat, durch seine Dynamik Fahrt aufnehmen kann und abspielen oder primär abziehen kann. Auch wenn seine Streuung doch noch relativ hoch ist.

Hat einen ordentlichen Bumms: Arnautovic auf Norderney

Hat einen ordentlichen Bumms: Arnautovic auf Norderney

Die starke Schusstechnik und -kraft sucht noch die perfekte Heirat mit der Schussgenauigkeit. Seine Abspiele unter Druck sind genauer, aber bisher noch zu selten. Das kennt auch Marko Marin, dessen Spiel beim Wechsel nach Bremen ähnlich war, sich aber im Verlauf der Saison stark verbesserte. Übrigens wäre eine ziemlich unterhaltsame Aufstellung Marin und Arnautovic auf den Außen im 5er Mittelfeld mit drei offensiven. Sollte das ins Rollen kommen, würde ‘Marinovic’ ‘Robbery’ alt aussehen lassen. So alt, wie Werders neuer Stürmer die Torhüter bei Freistößen aussehen lassen kann. Vor allem bei direkten Varianten. Man hat durch ihn wieder einen Spezialisten in den grün-weißen Reihen, der bei dem Thema allerdings noch als Rohdiamant gilt. An besagter Genauigkeit muss noch gefeilt werden.

An der Technik nicht. Und das nicht nur an der Schusstechnik nicht. Trickreich und wendig präsentierte sich der Österreicher bei Twente Enschede, allerdings auch oftmals verspielt, eigensinnig und dann dadurch ungenau im letzten Moment. Verbessern muss er ebenfalls sein Kopfballspiel. Das Stellungsspiel und der passende Riecher, wann er ‘beflankt’ werden könnte, passen. Allerdings die Kopfballtechnik noch nicht, die meisten Kopfballtreffer kamen durch einfaches “Birne-hinhalten” zustande. Auch defensiv heißt es: Luft nach oben vorhanden. In der Theorie kann er durch seine Physis dort viel verbessern und auch jetzt schon einen ordentliche Figur abgeben. In der Praxis konzentrierte er sich zu sehr auf die Offensive, stand in Österreichs Jugendnationalmannschaften teilweise aufgrund seiner Defensivverweigerung in der Kritik. Inter-Trainer Mourinho sagte einmal, dass er nur Bällen hinterhergehe, die er verloren hätte. Ansonsten nutze er sein vorhandenes Feuer zu selten. Auch wenn U21-Coach Herzog anmerkt: “Er ist ein außergewöhnlicher Spieler, so einem muss man auch Freiheiten geben.”

Ob er sich bei Werder entsprechend weiterentwickeln kann? Zumindest scheint er davon überzeugt. Nach der wenigen Spielpraxis in der vergangenen Saison wird auch er wissen: für mehr als Inter Mailands fünfte Ergänzung in der Offensive reicht es aktuell nicht. Auch wenn er beim Wechsel voller Tatendrang war und keine Angst vor der Konkurrenz (“Das sind auch alles nur Namen”) hatte. Er wurde eines Besseren belehrt. Bei Inter reichte es nur zu einem Spiel in der zweiten Mannschaft (allerdings mit Treffer im Stadtderby gegen AC Milan) sowie drei Kurzeinsätzen in der Serie A. Ansonsten landete er oftmals nur auf der Tribüne. Ein Realitycheck für den Österreicher. Dessen große Ziele (“Ich will mehr erreichen, als Ibrahimovic erreicht hat”) müssen nun warten. Obwohl er mit dem Triplegewinn schon etwas erreicht hat, was seinem Inter-Vorgänger nicht gelang.

Was ihm bei Werder gelingen wird? Das Ziel sind auf jeden Fall laut Pressekonferenz: “Preise!” Nach Prödls Stiegen (=Treppen) also nun Preise statt Titel im Werder-Sprachjargon. Bei seinem Wechsel zu Inter sagte er übrigens selbstbewusst: “Was ich diese Saison gewinnen will? Meisterschaft, Pokal und Champions League.” Ümit Davala-like klappte das. Man kann also im Sommer 2011 auf einen Preis für Werder hoffen.

Kann sich selber im Weg stehen und sich selber das Wasser reichen: Arnautovic auf Norderney

Kann sich selber im Weg stehen und sich selber das Wasser reichen: Arnautovic auf Norderney

Möglich wird das nur durch die Hilfe und starker Leistungen vom Preisjäger höchstpersönlich. Und da ist dann wieder die Frage: wird er in Bremen einschlagen? Und natürlich eben auch: wird er sich selber im Wege stehen? Die Charakterfrage stellt sich, die Antwort ist offen. Das Risiko ist vorhanden, Werder hat sich aber bewusst und deutlich dafür entschieden. Man kann allerdings darauf zählen, dass man von Andreas Herzog sowie Nationalmannschaftskollege Sebastian Prödl eine gute Einschätzung bekommen hat. Und man kann darauf bauen, dass Arnautovic bei Twente Enschede ein starkes Jahr hatte, sich dort integrierte, weiterentwickelte und bei Inter auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde.

Inter-Trainer Jose Mourinho nannte ihn allerdings Anfang des Jahres einen “Kindskopf”, allerdings einen solchen, “den er liebe, der faszinierenden Fußball spielen kann”. Gebracht hat er ihn aber trotzdem selten. Keinen Bock auf faszinierenden Fußball? Neben der großen Konkurrenz mit Milito, Eto’o, Balotelli oder Pandev blitzte leider ab und an die unreife Seite Arnautovic’s auf. Unorganisiert bei den Trainingszeiten (sogar mal zu früh statt zu spät), seltene aber trotzdem vorhandene Trainingsunlust und kein allzu perfekter Umgang. Mit Mario Balotelli und Ricardo Quaresma war er oft in Gesellschaft der Spieler, die ebenfalls nicht gerade als Musterprofis gelten.

Doch wenn es Schaaf und dem Team gelingt, Arnautovic bei Laune zu halten, wird er Werder nicht nur sportlich bei Laune halten. Klasnic hätte endlich einen Nachfolger. Denn Mourinho sagte nicht nur, dass der Österreicher ab und an zu unreif war, sondern dass sein erfrischender Humor einer Mannschaft gut tun kann. Klar ist: wenn es läuft, dann sind bei Arnautovic wenig bis gar keine Probleme zu erwarten. Ein ehemaliger Twente-Trainer bezeichnete ihn als “sensibler als man denkt”, er brauche Bestätigung und er muss integriert sein. Dann würde er sich gar nicht die Mühe machen, sich abzulenken. Zudem lobte er seine Lernbereitschaft, er habe und werde sich weiter entwickeln.

Dass das in Bremen problemlos klappt, dafür sorgt wie in Enschede und Mailand seine Familie. Vor der Vertragsunterschrift war der Arnauto-Clan bereits in Bremen, schaute sich die Stadt an. In Bremen wird er unterstützt von seinen Eltern, seinem Bruder und auch die Freundin wird oft vor Ort sein. Die Familie ist ihm wichtig – was sie genau machen? “Meine Mutter kocht, mein Vater kann mir ungefähr erklären, wie es im Leben läuft. Und mein Bruder Daniel arbeitet wie mein Manager.” Bruder Daniel galt lange Zeit als ebenfalls großes Talent, hat es im Profifußball nicht geschafft, hat mittlerweile seine Karriere beendet. Und er galt in den Medien einige Zeit als schlechter Einfluss. Denn da gibt es bekanntlich den wunderschönen Satz: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich recht ungeniert.

Und der traf Marko Arnautovic in Österreich wie kaum einen anderen. Zwischen berechtigter Kritik bekam er die unglaublichsten Vorwürfe und Geschichten ab. Teilweise absurd berichteten die Medien über ihn. Jeder wusste etwas zu berichten, jeder wollte etwas sagen. Das größte österreichische Fußballtalent stand im Fokus. Und wer hoch steigt, kann höher getragen werden. Wer tief fällt, wird noch tiefer getreten.

Bei Inter Mailand gibt es zwei Wohn-Varianten für die Spieler: in der Stadt oder am Comer See. Elegante Stadtwohnung oder Appartment in der Villengegend am See. Arnautovic entschied sich, wie viele Spieler, für Letzteres. Nicht nur wegen dem Ort, sondern auch, weil viele Inter-Spieler dort lebten, mit denen Arnautovic am Besten klar kam. Für die Ösi-Presse ein Grund, ihn als verhätschelten Möchtegernstar zu sehen, der sich am Comer See ein schönes Leben macht. Dass er sich den Bentley von Kollege Samuel Eto’o lieh, sorgte mehrfach für Aufsehen. Auch hier galt das Möchtegernstar-Argument, allerdings fährt zum Beispiel auch Werders Husejinovic einen alles andere als unauffälligen Sportwagen.

Und dann gab es die Story, dass sich Arnautovic den “Bentley von Eto’o vor einem Hotel klauen ließ”. ‘Klauen lassen’ an sich klingt schon unterhaltsam. Der Wagen war abgeschlossen, stand in keinem gefährlichen Viertel, sondern im Stadtzentrum in der Nähe des Sheraton Hotels. Warum hat die Presse für den Diebstahl also Arnautovic angegriffen? Doch wer in der Schusslinie steht, wird von allen Seiten befeuert. Und da geht auch mal jegliche Verhältnismäßigkeit verloren. Österreichs Ex-Nationaltrainer Josef Hickersberger befand es sogar für nötig, in einer Kolumne Gerüchte zu verbreiten und sich über Kleinigkeiten aufzuregen. Inter Mailand war im Winter im Trainingslager in Abu Dhabi. Hickersberger schaute sich das Training von draußen an. Als Arnautovic dann vorzeitig vom Platz ging, passierte Folgendes: “Da hab ich mir gedacht: Vielleicht ist er angeschlagen, ich werde ihn einmal fragen. Als er bei mir vorbeiging, sagte ich ‘Hallo Marko’, er ging aber grußlos vorbei. Na ja, er ist noch jung, vielleicht kannte er mich nicht”. Ob Jürgen Klinsmann bei Werder-Training zwischen den Zuschauern steht, dann aus der Traube heraus “Hallo Aaron” ruft und sich danach öffentlich beschwert, dass dieser nicht zurück grüßt?

14 Bundesligatreffer in der ersten Saison?

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Und das Hickersberger es für nötig erachtet, sich als “Tratschopa” zu betätigen, ist auch verwundernswert: “Ich hoffe für Arnautovic, dass folgende Geschichte, die beim Training erzählt wurde, nicht stimmt. Angeblich soll er auch Mourinho nicht grüßen.” Man kann sich anscheinend in Bremen glücklich schätzen, dass Arnautovic bei der Vorstellungs-PK (Ausschnitte kostenlos bei LaOla.tv) als Erstes die anwesenden Medienvertreter freundlich begrüßte. Und die kannte er nicht mal.

Und auch wenn er bei der Pressekonferenz monoton sprach, sich eisblock-artig zeigte und kein Naldo-Grinsen hat: Werder kann noch viel Freude an ihm haben. Durch gemeinsames Sonnenbaden mit Tim Wiese wird er sicher lockerer, von der neumodernen Disco-Sonnenbank-lustige Frisur-Tattoo-getunter Golf-Generation hat Werder noch mehr zu bieten. Mit Sebastian Prödl hat er einen Übersetzer in der Mannschaft. Das Timing für Scherze kann ihm Claudio Pizarro beibringen, schicke Kappen kann er mit Boenisch und Özil tauschen – Freundschaftsbändchen mit Pascal Testroet. Die Freude über Bremen scheint ihn zumindest mehr ins Gesicht geschrieben als damals in Mailand. Wird Zeit, dass er auch die Bremer Fans in Entzücken versetzt.


Weitere Fotos vom Trainingslager auf Norderney: hier klicken.