Ankunft #1: Felix Kroos wird Bremer

17.05.10 | von | Kategorie: Spieler | 9 Kommentare

Die Saison ist noch nicht einmal zwei Tage alt, da steht der erste externe Neuzugang laut Kicker fest: Felix Kroos wechselt zur neuen Saison zum SV Werder. Der jüngere Bruder vom Derzeit-Leverkusener und Bald-wieder-Bayernspieler Toni Kroos wird heute beim Relegationsspiel gegen Ingolstadt zum letzten Mal im Kader seines derzeitigen Klubs Hansa Rostock stehen.

Der Wechsel des jüngeren Kroos kommt zu einem Zeitpunkt, der für ihn persönlich kaum besser sein könnte. Dem Lockruf, seinem Bruder vor Jahren schon nach München zu folgen erlag er nicht. Der 1991 in Greifswald geborene Felix Kroos kam von dort aus 2002 zu Hansa und entschied sich Jahr für Jahr aufs Neue, dort zu bleiben – auch wenn die Bayern genauso wie anderen Bundesligateams lockten. Auch früher schon  gehörte Werder schon zu den Interessenten um den Spieler, den Toni Kroos bei seinem ersten Interview als Bundesligadebütant sogar als talentierter als sich selber bezeichnete.

Bis 2009 wollte Felix auf jeden Fall in Rostock bleiben, denn im Sommer des Jahres beendete er dort (vorzeitig) seine Schulausbildung. Warum er dann noch ein weiteres Jahr blieb? Er hatte in der abgelaufenen Saison 16 Spiele bestritten, davon sogar acht von Beginn an. Er sah in Rostock sehr gute Chancen, sich weiterzuentwickeln. Doch nach einem Knipserjahr 2007/2008 und einem Aufstieg zu den Profis in der Folgesaison folgte ein Jahr mit Rückschlägen für den jungen Offensivmann. Die meisten Wochen der Spielzeit verbrachte er bei der zweiten Mannschaft von Hansa, die in der Regionalliga spielt. Dort war er zwar gesetzt, doch bei der Zweitligamannschaft lief es nicht mehr rund. Für ihn nicht, aber auch für die gesamte Elf nicht. Seine Spielzeit schrumpfte, er wurde nur noch zehn Mal eingewechselt, durfte nur ein einziges Mal von Beginn an auflaufen.

Das lag auch an der Konkurrenz und der schwierigen Situation von Hansa – erfahrene Spieler wie Enrico Kern, Marcel Schied sowie der schnellere Fin Bartels und Winter-Neuzugang Gardar Johansson wurden Kroos vorgezogen. Doch der Anteil des Talents an der wenigen Spielzeit war auch vorhanden: zu überzeugen wusste Kroos selten. Ansätze blitzten wie in der Vorsaison auf, doch behaupten konnte er sich nicht. Anders als Altersgenosse Kevin Pannewitz konnte er sich nicht festspielen, trat nicht so dominant auf – und hatte auch die mannschaftliche Entwicklung gegen sich. Während auf Pannewitz’ Position nach einem zweikampfstarken Spieler gesucht wurde, weil dort der Großteil des Hansa-Spiels ablief, waren die Offensivleute oftmals alleine gelassen. Der schnelle Fin Bartels war mit seinen Einzelaktionen geeigneter für das Team. Und Kroos tat sich zum Ende hin deutlich schwer, in einem verunsicherten Team in seiner wenigen Spielzeit Akzente zu setzen.

Daher jetzt der Sprung zurück zum Zeitpunkt seines Wechsels zu Werder: Hansa steht unter enormen Druck, finanziell und sportlich. Man konnte es sich nicht leisten, Kroos “einfach” wochenlang spielen zu lassen, bis der sich über die Spiele in der Liga und der Mannschaft einfindet. Und wer bringt im harten Abstiegskampf im Fight ums Überleben des Vereins junge Talente, die lernen müssen? Trainer Marco Kostmann gehört nicht dazu, was ihm auch nicht vorzuwerfen ist. Im ersten Relegationsspiel gegen Ingolstadt fanden sich neben Kroos auch die jungen Tobias Jänicke und Kevin Pannewitz ein. Beide hatten sich eigentlich einen Platz im Team erkämpft, doch im Duell um den Abstieg war/ist Erfahrung gefragt.

Und so hart das auch für Rostock klingen mag: wenn Kroos in seinen Kurzeinsätzen mal sein Talent aufblitzen ließ, dann verpuffte das Angefangene schnell wieder. Eine gute Kopfballchance von ihm und danach war er bis zum Spielende ohne Anspiel. Auch setzte er sich mal gegen zwei, drei Gegenspieler durch, nur um dann Anspielstationen zu suchen ohne welche zu finden. Die Mitspieler waren zugedeckt oder hinter ihm.

Sollte Hansa nun in die dritte Liga absteigen, wird der Verein unbedingt sofort den Wiederaufstieg anpeilen. Auch, weil finanzielle Zwänge (Stadionkredit) das gar nicht anders zulassen. Ob dann mehr Platz und vor allem Zeit und Ruhe für die Entwicklung von Felix Kroos vorhanden ist? Es bleibt stark zu bezweifeln.

Und da kommt Werder ins Spiel. Die U23 spielt ebenfalls in Liga 3 – und damit höher als die U23 der Rostocker und vermutlich bald in der gleichen Liga wie der erste Kogge der Hansa. Anders als Rostock wäre der Erfolgsdruck und die entsprechenden Handlungen der Verantwortlichen ein komplett anderer. In Werders U23 spielen hauptsächlich junge Talente, um sich zu entwickeln. Man hat keinen erfahrenen Spieler vor der Nase. Der große Druck, mit dem Team so erfolgreich in der Tabelle abzuschließen, wie irgend möglich ist nicht gegeben. Laut Trainer Thomas Wolter zählt primär die Entwicklung der Talente für die Profimannschaft.

Ein mehr als netter Nebeneffekt ist, dass sich Kroos’ Problem mit der defensiven Grundtaktik und der mangelnden Unterstützung in der Offensive auflöst. Werders U23 wird seit Jahren von den gegnerischen Trainern als sehr spielstark und technisch gut ausgebildet beschrieben. Manche halten das Team sogar für die in den Bereichen stärkste Elf der Liga. Das wird Kroos in seiner Entwicklung entgegen kommen und die Stagnation entkrampfen. Seine neuen Teamkollegen? Alles dabei, was ein Offensivallrounder im Spiel vorne um sich herum braucht: der knipsende Pascal Testroet, der große Marko Futacs mit dem harten Schuss, dazu der aufrückende Timmy Thiele aus der U19 sowie der auch nächste Saison noch dort spielberechtigte Lennart Thy. Hinter/neben Kroos gibt es mit dem torgefährlichen Onur Ayik, dem schnellen Vorbereiter Tobias Kempe (der hoffentlich verlängert) auch noch Timo Perthel, der ihn dank guter Schusstechnik Bälle direkt auf den Kopf zaubern könnte. Dahinter lauern mit Serhan Zengin ein technisch beschlagener Spieler sowie mit Florian Trinks ein Spielmacher, der wie Thy noch ein Jahr bei den Junioren spielen kann. Kroos könnte den Kaderplatz von Addy-Waku Menga einnehmen, dessen Abgang bereits fest steht.

Sollte sich Kroos dann schnell einleben und seine Entwicklung wieder voran treiben, so hat er perspektivisch gute Chancen auf mehr. In den letzten beiden Spielzeiten haben mit Mielitz, Bargfrede, Oehrl, Ayik, Perthel und Andersen insgesamt sechs Spieler aus der U23 bei den Profis ihr Debüt gegeben. Mehr als je zuvor. Passend dazu möchten Allofs und Schaaf dem Vernehmen nach mehr Qualität im festen Profikader und weniger Quantität. Dafür eine größere und talentiertere Zahl von Jugendspielern hinter dem Kader – allesamt mit dem Blick nach oben. Und der Möglichkeit, es wie Bargfrede zu machen und sich erst einen Kader- und dann einen Stammplatz zu erkämpfen.

Wundern muss man sich allerdings schon, denn gerade im Offensivbereich baut Werder nun hinter den Profis eine ganze Wand von Talenten auf, die allesamt Bundesligapotential haben und dies entfalten könn(t)en. So hat die U23 nächste Saison schon jetzt mit Perthel, Ayik, Testroet und Futacs vier Spieler mit Profikontrakt und Blick zu den Profis im Kader. Hinter den vieren gibt es mit Thy und Trinks zwei Spieler, die in der Rückrunde ihr Drittliga-Debüt feierten. Also wird es langsam zu voll von Talenten? Die Antwort lautet: nein. Felix Kroos kann sowohl Mittelstürmer als auch hängende Spitze und sogar im offensiven Mittelfeld spielen, wobei die ersten beiden Positionen und gerade die hängende Spitze dem aktuellen Hansa-Akteur am meisten zugute kommen. Kroos war vor allem in der Jugend ein Vollstrecker. Seine direkte Konkurrenz wären also Testroet und Futacs, wobei Ersterer ein Etablierter ist und Letzterer ein komplett anderer Spielertyp. Platz für Spielzeit ist also vorhanden. Die bekam auch Menga, dessen Platz er wie erwähnt wohl einnehmen wird.

Für einen Platz bei den Profis wird es allerdings schon enger. Dafür müsste er nicht nur an Ayik und Testroet vorbei, sondern auch am alten/neuen Stürmerstall hinter dem Platzhirsch Pizarro. Da wäre als Nummer 2 Almeida (oder ein entsprechender Nachfolger, sollte Hugo gehen), der jetzt fitte Sandro Wagner und eventuell ein weiterer Stürmer, der dann zusammen mit Wagner die Kaderplätze von Rosenberg und Moreno bekommt. Es ist also davon auszugehen, dass Kroos sich vorerst in der U23 “fangen” soll und von dort dann aus einer Stammplatz-Situation und vorhandener Form oben angreift.

Entsprechend mit einem Profivertrag ausgestattet soll er sein, dem Vernehmen nach bis zum Sommer 2013. Eine Ablösesumme sowie Ausbildungsentschädigung wird fällig, da Kroos im März 2008 einen Amateurkontrakt bis zum 30. Juni 2011 beim FC Hansa unterzeichnete. Die Entschädigung für die Ausbildung ist erfahrungsgemäß ca. 200.000 Euro. Wenn man bedenkt, dass Dennis Diekmeier (der ebenfalls nur einen Amateurvertrag hatte) bei einem halben Jahr Restvertragslaufzeit letzten Winter für wenig Geld nach Nürnberg ging, so wird auch die Ablösesumme für Kroos nicht allzu hoch ausfallen.

Eventuell kommt Kroos auch nicht alleine nach Bremen – nach Worum.org-Informationen hat Werder einen zweiten Anlauf beim hier schon erwähnten Kevin Pannewitz gestartet. Der 18jährige ist im defensiven Mittelfeld zuhause, ist zweikampf- und schussstark und für sein Alter ziemlich robust. Der damalige Hansa-Coach Andreas Zachhuber zog Pannewitz Ende Oktober 2009 zu den Profis, ermöglichte ihm sein Debüt im schweren Heimspiel gegen den Rivalen aus St. Pauli. Von Beginn an. Es folgten 15 weitere Einsätze. Pannewitz unterzeichnete wenige Wochen später zwar einen Profivertrag bis zum Sommer 2013, der gilt allerdings nur für die ersten beiden Ligen und der Nachwuchsmann wäre somit bei einem heutigen Abstieg der Rostocker ablösefrei, es wäre nur eine Ausbildungsentschädigung fällig. Ob Werder dieses Mal mehr Erfolg hat? Beim ersten Versuch, Pannewitz nach Bremen zu locken, entschied der sich im Sommer 2008 gegen Werders Angebot und für einen Wechsel von TeBe Berlin nach Rostock. Kommt nach Teamkollege Kroos und dem Berliner Thiele nun auch Pannewitz?

Bevor diese Frage beantwortet ist, gibt es noch ein paar kalte Fakten zu Felix Kroos:

– wie Bruder Toni wird Felix nachgesagt, seit Kindesbeinen an Werder-Fan zu sein. Das ist bekanntlich seit Kurzem Mode bei den Bremer-Neuverpflichtungen. Felix selber bezeichnet sich aber aufgrund der Nähe von Rostock an seinen Geburtsort Greifswald als Hansa-Fan.

– er selber nennt Wayne Rooney und Ulf Kirsten als Vorbild. Langfristiges Ziel England, am Besten Manchester United.

– er bekam 2009 die Fritz-Walter-Medaille in Bronze für den U18-Jahrgang.

– aktuell ist Kroos nur auf Abruf der U19-Nationalmannschaft nominiert, seine Bilanz für den DFB bis dato:  8 Spiele/6 Tore für die U16, 10/6 für die U17, 10/6 für die U18 und 6/2 für die U19. Er bestritt zudem einige Spiele als Kapitän.

– Ex-Trainer und Werder-Legende Dieter Eilts holte ihn zu den Hansa-Profis. “Felix ist wie sein Bruder Toni ein außergewöhnlicher Spieler: ballsicher, kreativ, mit viel Drang zum Tor”. Beobachter beschreiben Kroos zudem als Spieler, der einen klaren Pass spielt und gute körperliche Vorraussetzungen mitbringt. Negativ: bisher konnte er sein starkes Spiel meist nur gegen Gleichaltrige aufziehen, der komplette Sprung zu den Profis ist noch nicht gelungen, auch im Durchsetzungsvermögen mangelt es ihm noch gegen die harten Innenverteidiger mit jahrelanger Erfahrung aus Liga eins und zwei. Sein größtes Manko: Antritt bzw. die Schnelligkeit.

– Toni Kroos ist ein Jahr älter als Felix, der theoretisch diese Saison noch in der A-Junioren-Bundesliga hätte spielen können.

– Felix’ Leistungsdaten bei den Profis: 28/0 (2.Bundesliga), 1/0 (DFB-Pokal) und 26/4 (Regionalliga).

– Er ist 1,84m groß und 75kg schwer.

– Während Bruder Toni mal “der ist talentierter als ich” sagte, schränkte Vater Roland (Trainer der Rostocker U17) ein: “Ich sehe in ihm kein Wundertalent.”

– Sein Profil im WorumWiki: hier klicken.