Eine Derby-Geschichte in 4 Akten

24.02.10 | von | Kategorie: Fans | 6 Kommentare

Fußball ist Sport, Emotion und Unterhaltung. Fußball ist aber auch: Rivalität. Aus Bremer Sicht besonders ausgelebt in den Vergleichen mit dem FC Bayern sowie dem Nordkonkurrenten aus Hamburg, dem HSV. Umso interessanter und wahrscheinlich auch einmalig bleibend war da eine Konstellation von Spielen, die vom 22. April bis zum 10. Mai 2009 stattfand. In allen drei Wettbewerben trafen Werder und der HSV innerhalb von weniger als drei Wochen insgesamt vier mal aufeinander. Und es waren wichtige Spiele. Nicht nur in der Bundesliga, sondern im UEFA-Cup ging es wie beim DFB-Pokal um den Finaleinzug. Die Grünweißen konnten sich in beiden Pokalwettbewerben durchsetzen, die 19 Tage Dauerderby gingen in die Geschichte ein. Und als Werderfan feiert man teilweise heute noch. Oder erinnert sich nur allzugerne. Wie Worum-User ‘kalli’ hier berichtet.

VORSICHT: der Text ist SEHR lang. Als Hamburger ist man danach am Boden zerstört, als Bremer durchlebt man noch mal die langen 19 Tage und die wichtigsten und emotionalsten Momente.

Derbyheld: Tim Wiese ©werderfotos.de

Derbyheld: Tim Wiese ©werderfotos.de

Eine (kleine )Derby-Geschichte in 4 Akten

Prolog: Gewissheit

Tag 1 (– 6):

Das Spiel ist aus! City ist geschlagen, es ist endgültig, es ist Fakt. Traum oder Alptraum? – frage ich mich. Alles zu gewinnen, alles zu verlieren. Ewige Schande oder historischer Triumph? Vier Spiele in neunzehn Tagen. Gott meine Nerven!

„Das überlebe ich nicht“, sage ich kläglich zu Nina und ihr gequältes Gesicht offenbart ähnliche Gedankenströme. Doch dann Trotz: „Dann machen wir die halt vier mal weg!“ Das ist die richtige Einstellung, denke ich mir und beschwöre vom Trotz ergriffen sogar den großen Allofs höchstpersönlich.

Mit fester gehobener Stimme zitiere ich feierlich: „Die entscheidenden Nordderbys gehen immer an uns.“

Mein Mantra für die nächsten Wochen – ganz klar. Gehen wir es an. Wer hätte gedacht, dass diese eigentlich verschenkte Saison, noch etwas derartiges zu bieten hat?

1. Akt: Zeichen, Wunder, Idiotie und ein Halbgott in gelb

Tag 1 (– 2):

Langsam werde ich ernsthaft nervös. Ich spüre mittlerweile deutlich das Fieber, das in der Stadt um sich greift. Flaggen werden rausgehängt, hässliche Menschen tragen hässliche Trikots spazieren – die falsche Raute ist plötzlich überall. Bisher fand ich es ja eigentlich ganz schön in Hamburg zu wohnen, aber das wird mir langsam zu viel. „Alles Feinde!“, denke ich mir. „Alle wollen sie mich leiden sehen!“ Ich bin missmutig und fahrig, sehe in jedem Hamburger dem ich begegne (und das sind in Hamburg naturgemäß einige) und der nicht zufällig ein St. Pauli-Trikot trägt einen potentiellen HSV-Fan und kann ihn deshalb nicht leiden. Nina genauso. Wir hassen alle hier. Dämliche Pinneberger allesamt! Derby halt.

Tag 1 (– 1):

Hoffnung! Zeichen! Überall Zeichen der Hoffnung! Ein IY-Ewald-Lienen-mit-aufgeschlitztem-Bein-Don’t-mess-with-Bremen-Aufkleber auf einer Mülltonne in Eidelstedt, Werder-Flaggen von Balkonen im Stellinger Weg und der Kieler Straße, Fisch mit Brokkoli… „Das gewinnen wir!“ beschwöre ich Nina, verspreche es ihr sogar. „Die schießen wir aus ihrer scheiß Bretterbude und buchen Berlin!“ Ich weiß nicht ob sie mir glaubt, aber ich bin mir sicher, bin siegesgewiss.

„Die entscheidenden Nordderbys gehen immer an uns.“

Danke Klaus.

Tag 1:

Es ist soweit: Tag eins von neunzehn ist angebrochen. Wir sind mittendrin und kommen hier auch nicht wieder raus. Morgens schalte ich den Videotext an. Timmy hat also gepöbelt. „Gewagt.“, denke ich mir, „aber wenn er den Druck braucht – immer los!“ Ich hab kaum geschlafen, habe immer wieder das Spiel gesehen. Derby halt.

Der Tag verläuft soweit ruhig. Ich bin bei der Arbeit, es ist viel zu tun, das lenkt mich ein wenig ab. Seltsam eigentlich: Je näher der Anpfiff rückt, desto entspannter werde ich. Ist es das Mantra, sind es die Zeichen oder ist es einfach das Vertrauen in meine Jungs? Vielleicht ist es auch schlicht nur die Einsicht, dass ich jetzt eh nichts mehr unternehmen kann. Spiel eins von vier, es nähert sich, kraftvoller als Hugos linker Hammer, unaufhaltsamer als ein Boenisch im fünften Gang, faszinierender als ein Özil-Solo über den halben Platz und verdammt noch mal wichtiger als Pizas Tore gegen die Mailänder Rentnerbande und Barack Obama samt portugiesischem Wasserhund sowie die gesamten Probleme der freien und meinetwegen auch der unfreien Welt zusammen!

Von wegen ruhig! Derby halt.

Sieben Uhr, endlich zuhause. Karten haben wir natürlich keine bekommen, wollten auch keine. „Wir werfen den blöden Stellingern doch keine fünfzig Euro in den Rachen“, haben wir uns gedacht und bereuen es langsam aber sicher.

Zu spät, also gucken wir zuhause. Es gibt übrigens Werder-DFB-Pokal-Essen. Alles strikt grün-weiß und in den Zutaten müssen alle Herkunftsländer der Werder-Profis abgedeckt sein. Das hat uns ins Halbfinale gebracht und wird uns auch ins Finale bringen. Und die Zeichen sowieso! Bei ProSieben ist GreenSeven-Day (was immer das sein soll), bei „Das Quiz“ lautet die Antwort auf die Frage, welche Mannschaft seit 70 Jahren im selben Stadion spielt selbstverständlich „Werder Bremen“ und die Kandidaten bei ebendieser Show kommen auch noch aus Lilienthal. Jeder Fußballfan wird mir zustimmen wenn ich behaupte, dass bei dieser Vielzahl und dieser Qualität von Zeichen eigentlich gar nichts mehr schief gehen kann!

Aber egal. Demut zeigen, Demut zeigen. Überheblichkeit wird bestraft im Fußball und vor allem bestraft von Werder, die immer dann besonders schlecht spielen und verlieren, wenn man als Fan am siegesgewissten, am überheblichsten war. „Also“, denke ich vor mich hin, hämmere es mir ein, „Hamburg hat eine starke Mannschaft, sie stehen vor uns, wir müssen draufgehen, sofort draufgehen, sie nicht ins Spiel kommen lassen, abkochen, kaltstellen, wie gegen Wolfsburg, wie gegen Wolfsburg, nur ohne Gegentore, nur ohne Gegentore, so machen wir’s, Petric kaltstellen, Olic kaltstellen, Guererro kann eh nix… und die Chancen nutzen, die Buden machen, die…“

Anpfiff.

Plötzlich überall Zweifel. Die Nervosität packt mich brutal von hinten und wirft mich zu Boden. Derby halt. Jeder Fehlpass ist ein potentielles Gegentor, jeder Pass ein potentieller Fehlpass, jede Ballannahme ein potentieller Pass, jeder…

Das sieht doch ganz gut aus. Werder dominiert. Plötzlich ist Mesut rechts durch –Körperspannung – gibt nach innen, Almei… „NEIN HUGO VERDAMMT!“ Ich brülle kurz auf, die Schreie verhallen einsam an meiner Wohnzimmerwand, dann konzentriere ich mich wieder.

Freistoß. Diego tritt, Merte schleicht sich davon dieser verrückte kleine 2 Meter große Schlawiner, Latte! und Merte wuchtet das Ding über die Linie. Ich raste aus, umarme Nina, umarme Merte, umarme die Welt, störe meine Nachbarn und freue mich. „Weiter so, weiter so“, brülle ich von Sinnen. „MACHT SIE KALT!“

Man ich bin erstaunt. Der Ball läuft und läuft durchs Mittelfeld, unsere Zweikampfführung ist erstklassig, Frings ist der alte Antreiber, Baumi der alte Baumi, der Fels im tosenden Meer, der jeden Pass schon Dekaden vorher erahnt, Diego ist mannschaftsdienlich und trotzdem magisch, Mesut ist einfach der helle Wahnsinn, alle anderen auch super… ich entspanne mich langsam. Mein Gefühl ist gut. Das zweite Tor dürfte nur eine Frage der Zeit sein.

Doch die Zeit stellt Fragen um Fragen und es passiert: nichts! Überlegenheit aber kein Tor. „Man Werder“ fluche ich, „nicht schon wieder SO ein Spiel. Nicht heute.“ Nina nimmt mich in den Arm. „Wir gewinnen das“ beschwört sie, „wir gewinnen das!“ Boenisch – Rost, Diego – Rost. Scheiße!

Halbzeit. Ich gehe Bier holen, esse noch etwas, bin eigentlich zufrieden, wenn die bösen Vorahnungen nicht wären. Es ist wie oft: wir sind überlegen, treffen aber das Tor nicht. Ich will Wolfsburg, ich will München, ich will keine Spannung. Spannung im Fußball wird total überbewertet. Ich will, dass Werder nach fünf Minuten drei und nach zehn Minuten fünf zu null führt und das Ding dann locker runterspielt. Aber nein! „Derby halt“ denke ich resigniert.

Die Partie wird wieder angepfiffen, ich schicke Resignation nach Hause und winke Anspannung wieder herbei. Diese nimmt bereitwillig auf meiner Schulter Platz und drückt mich in die Sofakissen. „Komm schon Werder“ flehe ich „Komm schon. 2:0 und das Ding ist durch.“ Nina kauert neben mir, skandiert leise, fast beschwörend den Klassiker „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“

Pitroipa kommt, die nervige Fummeltrine aus Burkina Faso. „Egal“ denke ich mir „vor dem hast du keine Angst, der kann nichts, der hat in seinem Leben noch keinen halbwegs geradeausigen Pass gespielt.“ Doch die Restzweifel bleiben. Man weiß ja, an solchen Tagen wie heute können auch die blindesten Plinsen zu Helden werden, können auch die uneffektivsten Nulpen aller Zeiten mit irgendeinem noch so absonderlichen Körperteil einen dreifach abgefälschten Ball über die Linie stolpern.

„Der kann nichts“ beruhige ich mich „der kann nichts“. Ich glaube ich glaube mir sogar ein bisschen. Nina vielleicht auch. Ein bisschen zumindest.

Irgendwas ist anders. Irgendwas ist schlechter. Irgendwie ist der HSV jetzt stärker. Irgendwie machen wir zu wenig und irgendwie geht mir das ziemlich auf die Nerven. „Lauft!“ brülle ich meine Jungs an! „Macht was, macht sie platt!“

Das Spiel plätschert dahin, es passiert nicht viel. Werder ist zwar weiterhin leicht überlegen, doch nicht zwingend. Für den neutralen Zuschauer dürfte das alles nicht allzu spannend sein, doch mir bleibt bei jedem Querpass, bei jedem potentiellen Ballverlust und vor allem bei jedem wirklichen Ballverlust einmal komplett das Herz stehen. Einmal kommt sogar Pitroipa vors Tor und ich habe Angst. Angst vor Pitroipa, dem ineffektivsten Offensivspieler aller Zeiten… ich bin wirklich fertig.

Plätscher, plätscher, plätscher… NEEEEE…

…IIIIINNNNN!

Tor für den HSV. Olic nach Ping-Pong-Blödsinnsaktion mit tausend Schornsteinfegern im Gepäck ins Tor. Ich schreie nicht, ich bin zu schockiert, ich klammere mich an Nina. Wir schweigen beide, gefangen in unserer Apathie.

Fünf Minuten später: Ich schreie, ich fluche, ich wünsche die ganze Welt zum Teufel. Wie konnte das passieren? Warum kann mein Werder das nicht einfach mal nach Hause spielen? Warum muss es immer spannend werden? Wir hatten die doch im Sack Gottverdammtnochmal! Zwischendurch noch ein fast verzweifeltes, geschrieenes „Hey! Elfer! ELFER! DAS WAR EIN ELFER“, als Mathijsen an Pizas Leibchen zieht, als wolle er ihn auf der Stelle begatten.

Was folgt ist pures Leid, als würde ein sadistischer Gitarrist aus den Untiefen der neunten Hölle auf meinen blanken Nerven die ersten drei Akkorde von „Smoke on the Water“ spielen. Immer und immer und immer wieder. Ich verliere den Verstand, reagiere äußerlich kaum auf das, was sich auf dem Fernseher abspielt. Kein Aufbrausen, kein Schreien, keine Beschimpfungen – jeder Fußballfan weiß, dass dies die schlimmsten Spiele sind. Ich habe jetzt ein schlechtes Gefühl, man kennt sein Werder ja inzwischen. Heimlich trauere ich den Chancen des ersten Durchgangs hinterher. Die Angst, sie lähmt mich. Ich hasse Fußball – Derby halt.

Achtzigste Minute – nichts, Dreiundachtzigste – Rosi kommt, ansonsten nichts. Hugo sieht Gelb, es gibt Chancen hüben und drüben, aber nichts wirklich Aufsehens­erregendes, nichts, was mich aus meinem Schneckenhaus lockt. In Gedanken bin ich schon in der Verlängerung.

Plötzlich springe ich auf, Bier spritzt aus der Flasche in meiner Hand, ich zetere, ich gestikuliere und Thomas Schaaf tut dasselbe (nur ohne Bier)! Ecke HSV – geklärt – Özil setzt zum Tempolauf auf links an – Jarolim kommt von rechts heran und drückt ihn mit Vollschmackes in die Bande. „ROT“ brülle ich ohne viel Hoffnung „ROT VERDAMMT!“

Und tatsächlich: er zeigt es. Jarolim geht runter, Mesut lebt. Ich setze mich wieder, ein Hauch von grimmiger Zufriedenheit hat sich über meine gepeinigte Seele gelegt, streichelt sie liebevoll.

Abpfiff – Verlängerung. Ich bin vorsichtig optimistisch. Ganz vorsichtig. Furchtbar vorsichtig. „Ein Mann mehr ist gut“ denke ich mir, während vor meinem inneren Auge dutzende von Spielen aufblitzen, in denen eine Mannschaft mit zehn Mann erst den richtigen Kick bekommen und groß aufgespielt hat. Die gute alte zweite Luft.

Ich drücke die Gedanken beiseite, wie einst Jarolim den bedauernswerten Mesut Özil vor zehntausenden geifernden, blutgierigen Mäulern im Hamburger Volkspark und konzentriere mich wieder auf das Fernsehbild.

Kahn findet es war kein Rot, Beiersdorfer auch, Allofs sieht das anders. „Überraschend“ denke ich mir und stimme Klaus zu. Aus Prinzip.

Ein Pfiff. Es geht weiter.

Werder drückt jetzt und ich bekomme langsam wieder Oberwasser. „Da geht was, da geht was…“ murmele ich immer wieder vor mich hin und drücke Ninas Hand.

Werder rennt an, drückt, doch trifft das verfluchte Tor nicht. Erste Halbzeit regulär goes erste Halbzeit Nachspielzeit. Ich schreie jetzt wieder und gehe auch wieder mit, stehe auf, wenn der Ball vors HSV Tor kommt und lasse mich tief enttäuscht fallen, wenn die Chance mal wieder verdrömelt wurde. Langsam kommt die Angst zurück. Werder kombiniert sich tot, mal wieder. Immer hübsch, immer nett, doch nie wirklich zwingend. Ich verfluche jedes einzelne Bein der HSV-Abwehr und muss zu meinem Unglück feststellen, dass es 1. davon erschreckend viele gibt und 2. diesen leider Gottes die nervtötende Angewohnheit innewohnt, immer dort aufzutauchen, wo man sie am wenigsten gebrauchen kann. Ich hasse Beine, ich hasse den HSV. Ich hasse Hamburg. Derby halt.

OK, gleich ist es vorbei, das Elfmeterschießen ist unvermeidbar. Ich zünde innerlich eine Kerze für Timmy an, lege mir Beschwörungsformeln zurecht, konzentriere mi…

IIIIIII! PLÖTZLICH PITROIPA ALLEINE VOR DEM TOR. Ich falle auf die Knie, sehe meine schlimmsten Befürchtungen, all meine irrationalen Ängste wahr werden, fürchte mich vor Pitroipa. Er rennt, er rennt, schnell, verflucht schnell. Ist gleich durch. Ich kann nicht atmen, kann nicht schreien.

Ich schließe die Augen und falle ins Nichts. Die Geschichte ist einfach zu gut, die Dramaturgie zu offensichtlich. Ausgerechnet Pitroipa, klar wer sonst.

Ich knie vor dem Fernseher, harre des Torschreis der da kommen würde. Will es hinter mich bringen.

Doch nichts. Kein euphorisches „TOOOOOOR“, nicht einmal ein knappes „Tor“ oder ein leises „Tor“ oder ein nüchternes „Der Ball ist drin.“.

NICHTS!

Ich öffne die Augen. Ich sehe Pitroipa zuckend am Strafraum liegend. Wiese ist bereits auf dem Weg zurück. Nur eine langsam verglimmende Feuerspur auf dem Rasen zeugt davon, dass hier etwas passiert sein muss.

Abpfiff. Ich sehe die Wiederholung.

Pitroipa rennt als wäre ein Fackeln und Forken schwingender Mob hinter ihm her, will den Ball grad kontrollieren und einschieben, als plötzlich eine Dampflock in gelbem Trikot herangerauscht kommt und ihm mit der Urgewalt eines 40-Tonners und doch mit atemberaubender Präzision den Ball vom Fuß spitzelt. Pitroipa fliegt hoch in die Luft, überfordert von der puren Power dieser menschlichen Maschine, die man „den Wiese“ nennt und bleibt auf dem Rasen liegen. Fast bin ich versucht um psychische Betreuung für diese arme Seele zu ersuchen, doch ich habe mich auf ein Elfmeterschießen zu konzentrieren. Das geht vor.

Elfmeterschiessen also. Mann gegen Mann. Einer nach dem anderen. High Noon in Stellingen.

Ich brauche Bier, mehr Bier. Ich ertrage es sonst nicht. Die Anspannung zerreißt mich förmlich. Am Kühlschrank der Schock: Kein Becks mehr, nur güldenes. Egal, Bier ist Bier und manchmal muss es eben Mädchenbier sein. Ich schnappe mir den Wiese-Becher dessen Pfandwert ich im Stadion einst mit Vergnügen gegen den Besitz getauscht habe und verlasse die Küche. Im Flur kehre ich wieder um und hole den Wodka. Sicher ist sicher.

Ich gieße uns ein, wir stellen den Wodka vor uns auf den Tisch, ich umklammere den Wiese-Becher und gönne mir noch einen Moment der Meditation vor dem großen Showdown.

Es beginnt.

Mathijsen schlendert zum Punkt. Tim ins Tor. Nina wirft der holländischen Abwehrkante den bösen Blick zu, wie sie es immer macht, wenn sich ein Gegner dem geheiligten grün-weißen Tor nähert. Ich beschränke mich auf wortreiche Verwünschungen.

Er trifft. Unten rechts, Tim ist in der richtigen Ecke. Immerhin.

Ich ertrage es wie ein Mann (jammernd).

Weiter geht’s. Piza steht bereit. Rost diskutiert noch ein wenig mit dem Schiedsrichter und bequemt sich schließlich doch irgendwann dazu, seine Position zwischen den Pfosten einzunehmen. Ich hasse Frank Rost.

Piza schießt…

…Pfosten…

…UND DRIN! Vom Innenpfosten springt der Ball ins Tor. Ich jubele kurz, aber intensiv. Konzentriere mich dann.

Aus dem Fernseher tönen „Wiese, Wiese“-Rufe. Das beruhigt mich irgendwie.

Boateng ist dran. In der Großaufnahme wirkt er nervös. Zumindest hoffe ich das. Vielleicht bilde ich es mir nur ein. Wer weiß das schon so genau, an Tagen wie diesen?

Ich murmele wieder Beschwörungsformeln. „Den machst du nicht, den machst du nicht…“ Dabei umklammere ich den Wiese-Becher wie ein Ertrinkender einen umher schwimmenden Holzklotz, strecke ihn gen Decke wie eine religiöse Reliquie.

Boateng schießt, unten links. Wiese ist da, dieser verrückte rheinische Panther! Katzenartig! Pritscht ihn weg wie ein Volleyballer in strahlender Rüstung. Boateng zieht sein Trikot über den Kopf, kann den Anblick nicht ertragen. Vorteil für uns. Wir trinken den Wodka.

Jetzt Mesut. Er sieht nervös aus und ich kann es ihm nicht verübeln. Er wird böse ausgepfiffen, „wegen der Jarolim-Szene“ vermutet der Reporter. Ich spreche mit ihm: „Komm Mesut, komm Mesut. Bleib ruhig, ganz ruhig…“. Er schießt…

… und BAM, oben links. Ganz lässig und souverän. Abgezockt wie ein Achtundvierzigjähriger. Wahnsinn! Mesut lächelt und ich lächele auch. Nehme einen Schluck „Bier“. Und bin optimistischer geworden.

Olic kommt und ich sehe den Ball schon im Tor. Der trifft schließlich gerne gegen uns, beim letzten Mal erst mit dem Glücksschuss des Jahrtausends.

Er legt den Ball auf den Punkt, geht ein paar Schritte zurück, läuft an, platziert den Ball rechts unten…

…und trifft Wieses Arm! Gehalten, gehalten, gehalten! Ich bin jetzt euphorisch, fast sicher, dass wir das Ding nach Hause schaukeln werden. Olic sieht traurig aus, ich kann mir ein wenig Häme nicht verkneifen. „Das hast du davon!“ gröle ich, ohne genau zu wissen wovon.

Nina versetzt mir einen Rippenstoß und zischt mir zu, dass ich bloß nicht überheblich werden solle. Karma und so.

Sie hat Recht. Frings ist an der Reihe. Er sieht aus wie ein Krieger, der in die Schlacht zieht. Genau das brauchen wir jetzt, jetzt sind Krieger gefragt. Wiese ist ein Krieger, Piza El Bombadero de los Andes sowieso und Mesut auch. Klein und schüchtern vielleicht, aber mit dem Herz eines Kriegers. Kein Zweifel!

„Lutscher, Lutscher, Lutscher…“ rufe ich rhythmisch. Jeder braucht ein Ventil.

Lutscher tritt den Ball und mein Herz steht.

Und steht.

Und steht.

Und schlägt! Schlägt wie verrückt! Wildes, exstatisches Jubelgeheul verlässt meinen Mund. BAM, BAM! Latte, Boden drin! „Lutscher du bist der Geilste!“ schreie ich. Ich bin ein Wrack, doch ein glückliches. Es sieht gut aus, so gut aus. Trainer und Mannschaft fassen sich an den Schultern, demonstrieren Geschlossenheit. Auch wir demonstrieren Geschlossenheit, klammern uns aneinander. „Wiese, Wiese“-Rufe hallen aus dem Fernsehgerät. Wir machen mit. Mehr Wodka, zur Beruhigung.

Jansen am Punkt. Er ist ein Wrack wie ich, nur weniger glücklich.

„Jansen ist nervös, Jansen ist nervös!“ Wir haben das Liedgut gewechselt. Der Junge lässt sich Zeit. Wieses Körper ist gespannt. Er ist ein Panther kurz vor dem Sprung. Wenn man ihn jetzt anpieksen würde, würde er vermutlich explodieren. Glücklicherweise tut dies niemand.

Links unten, WIESE EXPLODIERT DOCH NOCH! Hat ihn, macht den Sprung seines Lebens im Spiel seines Lebens. Jetzt ist alles egal, alles Exstase, alles jenseits von allem! Wiese spurtet, doch ich sehe es kaum. Ich liege auf dem Boden, zappelnd, jubelnd, brüllend! Keine Ahnung, wie ich dort hingekommen bin. Es interessiert mich auch nicht. Alles ist Freude! Ich rappele mich auf, stürze in Ninas Arme und wir jubeln gemeinsam.

Entrückt betrachten wir das Schauspiel im Fernsehen. Die Jungs vor der Kurve, alle sind verzückt, nur Stellingen trägt Trauer. Ich bin hämisch, Gott bin ich hämisch. Egal! Diese Nacht ist die unsere!

Martin Jols zerknautschtes Gesicht flackert über den Bildschirm. Er redet, er gestikuliert dezent, er sieht aus wie ein fröhlich plaudernder Märchenonkel, erstaunlich entspannt im Angesicht der Niederlage.

Ich höre ihm nicht zu, sondern werfe mich in meine Werdersachen. Heute geht es noch hinaus in die Nacht, in die Stadt der Verlierer. Das mag nicht besonders demütig sein, aber was soll’s.

So ziehen wir Schals schwenkend und Lieder singend durch die Straßen Eimsbüttels und scheren uns nicht um die umherziehenden HSV-Anhänger, die uns mit bestürzten Blicken und manchmal auch feindseligen bedenken. Wir kümmern uns nicht um die Trauergestalten in den Bars, die vor ihrem Holsten kauernd ins Leere starren. Wir trinken Becks und wir trinken Wodka, wir finden ein paar zerstreute Werder-Fans, mit denen wir anstoßen. Wir finden ein paar mehr St. Pauli-Fans mit denen wir ebenfalls anstoßen. Diese Nacht ist die unsere, wir spüren es hier und jetzt, doch als wir schließlich betrunken und zerschlagen im Bett liegen und die Augen schließen spüren wir auch: Das war erst der Anfang. One down, three to go.

Tag 2:

Der nächste Morgen beginnt mit Kopfschmerzen, es sind die besten meines Lebens. „Acht Tage noch“ rechne ich im Kopf.

Derby halt.

2. Akt: Der Fußballgott und sein lächerlicher Hang zur Dramaturgie

Tag 3 – 6:

Die nächsten Tage verlaufen vergleichsweise entspannt. Meine Nervenenden regenerieren langsam aber beständig, mein Ying und mein Yang vertragen sich wieder und meine innere Waage ist wieder im Gleichgewicht.

Wenn da bloß nicht die nächste Woche wäre.

Ein nervös zappelndes Sandkorn nach dem anderen fällt auf die Waage. Sandkorn um Sandkorn um Sandkorn. Ehe ich mich versehe, ist die Nervosität zurück und fast noch intensiver als zuvor. Ich habe Blut geleckt.

Der DFB-Pokal ist nur noch eine Erinnerung. Eine Schlacht von vielen, mehr nicht und vom Ruhm vergangener Tage kann man sich nun einmal nichts mehr kaufen.

Und schon sitze ich wieder auf dem Sofa, kaue selbstverloren an meinen Fingernägeln und bin vor Angst wie gelähmt.

Tag 7:

Ich habe Angst.

Tag 8:

Es ist wieder soweit.

Werder gegen den HSV, Bremen gegen Hamburg, der endlose Kampf um die Nummer 1 im Norden geht in die nächste Runde. GONG!

Während wir auf rituelle Weise unsere diversen Kaffee trinken (Zwei Werder-Becher, immer abwechselnd) diskutieren wir über das Spiel. Ich versuche Optimismus zu versprühen, haue eine „Zu-Hause-werden-wir-das-schon-packen“-Phrase nach der anderen heraus und bemühe mich dabei nach Kräften, das flaue Gefühl in meinem Magen und die Erfahrungen dieser Saison, die besagen, dass nach einem guten Werder-Spiel meist ein schlechtes folgt zu ignorieren. Nicht einmal ich glaube mir so richtig.

Gegen frühen Nachmittag machen wir uns auf den Weg nach Bremen, umkurven elegant die zeitraubende Vollsperrung bei Bockel und dringen schließlich „über die Dörfer“ bis zum Hansa-Karree vor. Dort suchen wir uns einen Parkplatz und besteigen die Straßenbahn Richtung Wohnzimmer.

Am Stadion sehe ich blau. Blau! Überall blau und rot und weiß! Furchtbar! Sieht aus, als wären die Stellinger früher hier. Ich bin schon wieder auf hundertachtzig, sauer, dass mein Territorium übernommen wurde. Ein paar versprengte Bremer klammern sich an die Biertresen vor dem Wirtshaus und dem Taubenschlag, doch das Gros der Massen besteht zu dieser frühen Stunde (es ist grade einmal 17 Uhr) aus über Bierbäuchen gespannten Jarolim- und Mathijsen- und Yeboah- und Van der Vaart-Trikots, die schäbige Parolen von sich geben und sich ansonsten darauf konzentrieren, aufrechte Werderaner zu bepöbeln und die Haake-Beck-Vorräte der schöneren Hansestadt zu vernichten. Auf dem Balkon der Wohnung, die über dem Taubenschlag liegt, hängt sogar eine HSV-Flagge neben der Werder-Flagge. Ein verdammtes Sakrileg, jawohl! Ich fühle mich unwohl. Irgendwie läuft heute alles schief. Erst die Vollsperrung und jetzt das.

Das schlechte Gefühl nimmt langsam überhand.

Gegen Abend wird es etwas besser. Ein Teil der Hamburger verzieht sich (wohin auch immer), wohingegen sich die Anzahl der Bremer sukzessive erhöht. „Die mussten ja auch arbeiten.“ denke ich gehässig.

Das schlechte Gefühl bleibt mir allerdings erhalten, klebt an mir wie der Schimmel an den kahlen Wänden einer Gelsenkirchener Mietwohnung. Da hilft auch der schönste Zweckoptimismus nicht.

Irgendwann treffen wir Andreas, einen Bekannten aus Hamburg, der ebenfalls Werderfan ist. Er teilt meinen Pessimismus für das Spiel, rechnet sich heute ebenfalls nicht viel aus. Allerdings wirkt er (im krassen Gegensatz zu mir) nicht betrübt, keineswegs betrübt, sondern eher fröhlich und optimistisch. Als ich ihn frage, woher das komme, nimmt er mich fast verschwörerisch zur Seite und berichtet mir von seiner Vision: „Folgendermaßen wird es laufen:“ berichtet er „heute verlieren wir, dafür machen wir in Hamburg alles klar.“

„Klingt gut.“ antworte ich ihm und meine es so. Ich bin für jeden Strohhalm dankbar.

Zum Spiel selbst gibt es nicht viel zu sagen, außer: es kommt wie es kommen musste. Die Hamburger sind heiß wie das viel zitierte Frittenfett, kriegen aber dennoch nicht allzu viel auf die Kette (gewohnheitsmäßig vermutlich) und Werder spielt wie Werder an einem Tag, an dem Werder wie Werder spielt und der Gegner wie Gladbach. In Gladbach.

Ein klassisches Spiel für ein salomonisches 0:0 also.

Ich bin zufrieden. Halbwegs zufrieden zumindest. Oder viertelwegs, das zumindest. „Das lässt alle Möglichkeiten für das Rückspiel“ referiere ich nach dem Spiel am Taubenschlag „immerhin sind wir auswärts ungeschlagen und so. Und Hamburg liegt uns. Die wichtigen Nordderbys gehen immer an uns!“ Ich zitiere und referiere und versuche nebenbei angestrengt die Realität zu ignorieren, die mir in Gestalt von Nina vorsichtig auf die Schulter klopft. Ein Blitzen, ein Bild in meinem Kopf, die Realität. Flanke Demel, Kopfball (!) Trochowski (!)… Wiese streckt sich, reckt sich und kommt nicht heran. Ein-Meter-siebenunddreißig geballte Kopfballstärke… ARGHHHH! „Was kommt als nächstes?“ höhne ich innerlich „Messi entscheidet das Champions League Finale… PER KOPF?“ Ich lache freundlos, das ist doch absurd alles.

Die Realität ist lächerlich.

Doch immerhin ist sie die Realität und ich bin viel zu nüchtern, um mich ernsthaft gegen sie aufzulehnen zu können.

0:1 also. Trochowski per Kopf in der achtundzwanzigsten Minute. Anschließend gefühlte dreißig hundert bis tausend prozentige Chancen für Werder, aber kein Tor. Kein einziges blödes Tor. Nicht einmal ein hässlicher Abstauber nach einer Ecke, kein unhaltbar abgefälschter Schuss aus 20 Metern, geschweige denn irgendetwas Herausgespieltes, Schönes, Nettes, Geschlenztes oder Brachiales, Diegoeskes oder Almeidastisches. NICHTS!

„Kein Wunder, dass dich niemand leiden kann Realität!“ zürne ich.

OK, Akzeptanz. War das die dritte oder die vierte Phase der Trauer? Leugnen jedenfalls habe ich hinter mir und zwar gründlich. Also nehme ich die Schnellstraße Richtung Akzeptanz, ramme Verhandeln rücksichtslos in den Straßengraben, lasse nur einen zerrissenen Fetzen weißen Stoffes zurück und blicke bedingungslos nach vorn. An Derbytagen wird nicht verhandelt!

Ich klammere mich an Andreas’ Prophezeiung, als wäre sie der letzte bröckelnde Felsvorsprung über dem schwärzesten aller Abgründe (der da Ausscheiden heißt). Äußerlich bin ich lässig,  versuche es zumindest zu sein. Also laufe ich herum und erzähle jedem der es wissen möchte etwas vom Fußballgott und seinem Hang zur Dramatik. „Dramaturgische Gründe, dramaturgische Gründe…“ höre ich mich stammeln, immer und immer wieder. Dass mir niemand wirklich zuhört, geschweige denn mir Glauben schenkt, stört mich kaum. Ich glaube mir, beziehungs­weise fange an mir zu glauben. Selbsttäuschung ist eine tolle Sache und ich bin der Meister aller Klassen in dieser Disziplin.

Auf dem Heimweg bin ich bereits restlos überzeugt und gelassener als Tim Wiese beim Elfmeterschiessen, optimistischer als Zuhause gegen Bochum.

Im Ernst: Derby halt.

3. Akt: Die Prophezeiung

Tag 9:

Bei der Arbeit durchblättere ich den Sportteil der Mopo, dem lokalen HSV-Hetzblatt. Die Euphorie, die Großkotzigkeit der Tage vor dem Pokal-Spiel ist Vergangenheit, die Presse übt sich in Understatement. Man traut dem Braten anscheinend nicht so ganz.

Soll mir Recht sein. Mir würde es ähnlich gehen.

Tag 11:

Wir leihen uns den neuen Batman Film aus. Ich werte das als Zeichen. Werder ist der dunkle Rächer im Event-Trikot, der HSV die Unterwelt von Gotham City. Das macht Sinn.

Tag 14:

Wir haben übrigens Tickets. Zwar haben wir es uns eigentlich zur Regel gemacht, keine Spiele in Hamburg zu besuchen, doch dies ist ein UEFA-Cup-Halbfinale verdammt!

Tag 16:

Ladies and Gentlemen – Round three! Ich kann es bald nicht mehr sehen.

Nach dem Aufstehen sitze ich auf dem Sofa und blicke versonnen auf das Pfützchen Kaffee, dass sich noch auf dem Grunde meines Werder-Unterschriften-Bechers aus der Saison 07/08 befindet, während Nina das selbe mit dem baugleichen Modell aus der letzten Saison tut. Später werden wir tauschen und wenn wir es nicht tun, dann werden die Konsequenzen fürchterlich sein. Rituale halt – die gehören zum Fußball wohl irgendwo dazu. Nebenbei rauche ich meine erste Frühstückszigarette und wundere mich über mich selbst.

Ich bin die Ruhe selbst.

Wo ist das nervöse Zucken, wo die plötzlich hereinbrechenden Visionen von Trauer und Niedergang, wo ist das Derby-Fieber? Wie kann ich mir so sicher sein? Wie kann ich derart zuversichtlich sein. Grade ich, der für gewöhnlich schon einen halben Herzinfakt bekommt, wenn er nur den Namen Mike Hanke auf dem Spielberichtsbogen erblickt. Ich bin NIE entspannt vor einem Spiel. Oder wenigstens fast nie. Das letzte Mal, dass ich so entspannt war, das dürfte das Heimspiel gegen Wolfsburg letzte Saison gewesen sein. Ich erinnere mich: damals glitt ich auf einer wahren Woge der Ausgeglichenheit gen Bremen, ich war locker und optimistisch, die einzige Frage die mich seinerzeit quälte, war die nach der Höhe des Triumphes, der zweifellos kommen würde.

Das Ergebnis ist bekannt. 0:1 – Grafite. Am Ende des Spiels stand Özils erste wirklich geniale Aktion im Werder-Trikot. Eine geschmeidige Ballmitnahme mit der Hacke im Strafraum, dann ein beherzter Abschluss. Leider stand Benaglio im Weg, so dass dieser erste Vorgeschmack auf die Klasse des Jungen nur eine Randnotiz blieb. Am Ende stand ein 0:1. Mehr nicht. Selten war ich nach einem Spiel so enttäuscht. Klar, ich war ja auch tief gefallen.

„Aber heute nicht.“ sage ich mir „Heute nicht.“

Und ich glaube mir. Heute bin ich durch nichts zu erschüttern.

Irgendwo in der Ferne höre ich mein Unterbewusstsein hämisch lachen. Es kennt mich besser als die meisten, das muss ich ihm wohl oder übel zugestehen und außerdem ist es ein kluges kleines Unterbewusstsein und weiß daher auch: Derby halt.

Der Tag verläuft soweit ruhig. Einigermaßen zumindest. Ich schiebe keine Panik aufgrund des Spiels, doch ich schiebe eine leichte Panik aufgrund der Tatsache, dass ich keine Panik aufgrund des Spiels verspüre. Irgendwo in den Untiefen meines Unterbewusstseins spukt das Wort „Wolfsburg“ herum, klopft gelegentlich gegen die Innenseite meines Schädels, wohl nur um zu demonstrieren, dass es noch da ist und wartet ansonsten auf seine Chance. Ich glaube mein Unterbewusstsein hat es zu sich eingeladen, hat vielleicht sogar Tee gekocht und den Tisch gedeckt, vielleicht sogar festlich, damit es sich auch ja wohl fühlt dieses dämliche und überflüssige Wort für eine ebenso überflüssige Stadt. Illoyales, hinterlistiges kleines Ding dieses Unterbewusstsein. Ich überlege, mich von ihm zu trennen.

Und doch vermag mich dieses stetig nagende Getier in meinem Inneren nicht nachhaltig zu erschüttern. Zu ausgeprägt ist mein Vertrauen in die Andreassche Prophezeiung, zu stark meine Zuversicht.

Gegen achtzehn Uhr brechen wir schließlich auf. Wir haben uns mit einer Freundin am S-Bahnhof Eidelstedt verabredet, „dort sei das Parken sicherer“ behauptet sie. Ich gebe ihr Recht – ein Auto mit gut sichtbaren Werder-Aufklebern während der Derby-Tage am S-Bahnhof Stellingen abzustellen könnte sich möglicherweise tatsächlich nicht als beste Idee aller Zeiten entpuppen.

Wir treffen ungefähr zeitgleich ein und schwingen uns sofort in die Bahn, wo wir kritischer beäugt werden, als ein einsam umherstehender Koffer in einer geschäftig wuseligen Bahnhofshalle.

Man lässt uns allerdings in Ruhe und das ist immerhin mehr, als ich erwartet habe.

Auf dem Weg zum Stadion verhält es sich ähnlich. Zwar waten wir durch ein blau-weiß-schwarzes Meer und waten und waten und warten vergeblich auf einen grünen Farbtupfer, der nicht von einem unserer Schals herrührt, aber außer unverhohlener Skepsis allerorten und hier und da einer Prise (immerhin vergleichsweise verhohlener) Abneigung, lässt man uns relativ friedlich unseres Weges ziehen. Ein paar Sprüche hier und da, ein paar Anfeindungen obendrauf, aber das ist wohl legitim an Orten wie diesen, hier im Schatten der Müllkippe. Ein Derby ist schließlich kein Streichelzoo sondern, nunja, ein Derby halt.

So kommen wir schließlich ohne große Komplikation im Stadion, formally known as AOL-Arena, an, erklimmen die steile Tribüne, begeben uns auf unsere Plätze und ertragen mit dem Höchstmaß an Gleichmut und Gelassenheit, das wir aufzubringen in der Lage sind (schaudernd, gruselnd, zeternd) Lotto King Karl, der (und das ist durchaus wertend gemeint) bekanntlich genau der Stadionsprecher ist, den dieser Verein verdient.

Noch eine protzige Choreo, dann geht es los.

Baumi und Jarolim treffen sich in der Mitte bei De Bleeckere, vollziehen die Seitenwahl und begeben sich wieder zu ihren Mannschaften. Die können sich inzwischen vermutlich auch nicht mehr sehen.

Anpfiff.

Da ist sie endlich, die Nervosität, die Art von Anspannung die einen während der 90 Minuten eines Fußballspiels immer und immer wieder um gefühlte 10 Jahre altern lässt. Ich bin mehrere tausend, an guten Tagen. Ich heiße sie willkommen wie eine alte Bekannte und nehme sie zärtlich in den Arm. Was habe ich denn erwartet?

Einwurf Boenisch, dann Piza, Pass auf Diego… und der haut gleich mal drauf. Rost wirkt allerdings nicht allzu beeindruckt. „Kommt noch“ denke ich mir.

Plätscher, Plätscher, Plätscher…

Boenisch tankt wie ein vollgetankter Tanker die Außenlinie entlang. Ich straffe mich, mache mich bereit zum Jubelsprung. Die Flanke segelt in den Sechszehner, direkt auf Pizarro zu. Ich spüre meine Hände zum Himmel gleiten, jubele schon fast, als Pizas Kopf sich dem Ball nähert…

…und sinke zurück, erschlaffe augenblicklich und schlage die Hände über dem Kopf zusammen. Aufsetzer, über das Tor. Oh man. Den hätte er nur einnicken müssen.

Egal. Es geht weiter.

Und wie es weiter geht! Es geht weiter wie im Hinspiel. Ich schreie! „NAAARRRRRRR“ schreie ich. Olic! Schon wieder! Gott, wie der mich nervt. Werder ist für einen Augenblick aggressiv wie ein Rudel Glücksbärchies, lässt Mathijsen durchs Mittelfeld spazieren und den Ball auf Olic durchstecken. Der macht ihn dann halt rein. Lupfend. Verdammt!

OK was soll’s. „Denk an die Prophezeiung, an die Prophezeiung, die Prophezeiung…“ hämmere ich mir ein und „dramaturgische Gründe dramaturgische Gründe…“ Der Fußballgott hält sich wohl für Shakespeare persönlich! Mit einem Sommernachtstraum hat das bislang aber herzlich wenig zu tun, das muss ich schon monieren.

Die HSV-Fans haben jetzt natürlich Oberwasser. „Istanbul ist schöner als Berlin“ hallt durch die Arena. Ich habe wenig entgegen zu setzen derzeit. Einzig die Hoffnung, die glimmt nach wie vor, heimlich zwar, aber stetig. Schließlich sind wir seit Äonen auswärts im Pokal ohne Niederlage. Und die wichtigen Nordderbys gehen ja sowieso immer an uns. Beißen Werder! Beißen verdammt!

Und Werder beißt, beißt wie ein tollwütiger Hund, den man von der Kette gelassen hat und schnappt und drückt. Ohne Erfolg allerdings. Der HSV spielt Regenwurm und windet sich raus. Jedes Mal!

Doch dann! GEISTESBLLITZ! Piza lupft auf Diego, der lupft über Rost ins Tor ein. Ein einziges Gelupfe da unten! YEAH! JA! JA! JA! JA! JAAAAAAA! Hallo Hoffnung! Wir jubeln selbstvergessen, werden gegen die Absperrung gedrückt und kümmern uns nicht drum. Ein Tor noch, dann… dann Istanbul! „Istanbul, Istanbul, Istanbul“ murmelt mein Unterbewusstsein mantraartig. Es scheint, als hätte es Wolfsburg endlich vor die Tür gesetzt, den Kaffeetisch abgedeckt und stattdessen zu Wasserpfeife und Börek geladen. Es kapituliert vor Werder, vor einem Werder, das giftig ist und gewillt, hier heute etwas zu erreichen, „etwas anzubieten und sich selbst zu belohnen“ um es mit den Worten des bärtigen Propheten aus Mannheim zu sagen, der einst gen Bremen zog, um uns alle zu erleuchten. Noch ein Prohet, Propheten überall.

BAM! DIEGO! LATTE! VERFLUCHT!

JANSEN ALLEIN VOR WIESE! TIMMY! GOTTSEIDANK!

Mein Nerven, meine Nerven.

Dann steht mein Herz, blutend. Ich sehe nur einen Pulk, mehr ist von da oben nicht drin. Alex Silva ist dabei, Diego auch. Silva schubst den Kleinen, das kann ich erkennen. Und die gelben Karten auch… Langsam dämmert es mir, die Erkenntnis verbreitet sich im Block.

Er ist gesperrt.

Ich muss den Gedanken beiseite schieben. Es zählt nur das hier und jetzt, mehr nicht. Ungelegte Eier und so.

Olic tritt Merte auf die Stengel. Ich möchte ihm da keine Absicht unterstellen, doch ich tue es! Natürlich tue ich es! Blöde Nervensäge, kroatische. Merte humpelt, kann aber weitermachen. Der Werder-Block skandiert lautstark: „Wiese hau ihn um!“. Zu Recht!

Jetzt Halbzeit. Pause, Ruhe, eigentlich. Aber mein Puls lässt nicht nach. Das ist alles zu viel für mich. Derartige Krimis sind meine Sache nicht. Wie gesagt, ich will Werder nach zehn Minuten 3:0 führen sehen. Ich liebe Langeweile im Fußball, Langeweile ist das Salz in der Suppe. Spannung nervt.

Und weiter geht’s.

TOR! PIZA! Der Block explodiert, feiert ausgelassen und schreit alles heraus! Nur mein Unterbewusstsein schreit nicht, es hält sich vornehm zurück, klopft mir nur vorsichtig auf die Schulter und weist mit stummer Miene auf den Linienrichter.

Verdammt.

Leere.

Merte muss raus. Olic hat ihn kaputt getreten. Stattdessen kommt Prödl, entschlossen jeden ins Nirvana zu prödln, der sich unserem Strafraum auch nur auf Spuckweite nähert.

Noch mehr Leere.

WIESE! Irgendwer (Jansen?) tankt sich links durch und gibt in die Mitte. Pitroipa verpasst und bringt ihn nicht unter. Dann wird von rechts stramm draufgezogen und MEGAFUSSABWEHR WIESE! Sein Körper spricht! Drahtige Worte hallen durch die Arena, nonverbal: „Ihr kommt hier nicht vorbei!“

Ecke HSV. Ich schließe die Augen, öffne sie erst wieder, als Özil den Ball durchs Mittelfeld treibt. Pass auf Piza, der geht noch ein paar Meter und schießt. Harmlos denke ich, bzw. harml…

Der Rest ist schreien! Rost lässt den Ball passieren, diesen eigentlich harmlosen Flatterball! TOOOOOR! TORTORTOR! TOR! Wir führen, wir sind weiter, in diesem Moment sind wir weiter! Nächste Ausfahrt Istanbul. Mein Unterbewusstsein googelt schon mal nach bezahlbaren Flügen.

Aber es ist noch nicht vorbei. Ein schneller Blick auf die Anzeigentafel verrät: Noch etwas über zwanzig Minuten. „Pfeif ab!“ flehe ich den Schiedsrichter an, schreie sogar, mir der Sinnlosigkeit meines Tun mehr als bewusst. Ventile braucht der Mensch. Mein Inneres gleicht einem Kessel unter Volldampf, irgendwie muss ich den Druck ablassen, schließlich wäre es äußerst unglücklich beide Finals zu verpassen, Istanbul und Berlin, und das nur wegen so einer lästigen spontanen Selbstexplosion.

„Istanbul ist schöner mit Berlin!“ Jetzt sind wir für die Stimmung in dem Laden zuständig. Aus den anderen Blöcken dringt nur panisches Schweigen. Derby halt.

Der HSV wirkt nicht, als könne er noch großartig was reißen, aber… naja, Fußball und so. Man weiß ja nie. Das Spiel läuft und läuft und ich schaue immer wieder auf die Anzeigentafel. Die Zeit kriecht, schleppt sich über die Tafel, träge wie eine quarzgewordene Super-Slowmo.

Der HSV mit diversen Halb-, Viertel- und Achtel-Chancen. Der Laden hält. Zum Glück.

Tor HSV! Doch nicht. Wiese winkt lässig ab, der Schiri gibt ihm Recht. Nichts da! Ich puste durch.

Werder jetzt im Vorwärtsgang über links, doch der Angriff verebbt. Als Gravgaard den Ball zu Rost zurückspielt, schaue ich längst woanders hin. Wie ist die Raumaufteilung bei uns? Gibt es irgendwo Schwachstellen? Plötzlich Ecke, warum auch immer. Der Großteil des Stadions stöhnt auf, aus unserer Kurve dringt höhnischer Applaus. Ich habe mal wieder nichts mitbekommen. Egal, Ecke also!

Diego bringt die Ecke rein, irgendwer verlängert und… BAUMI! Er wirft sich in den Ball, furchtlos, heroisch, aufopferungsvoll. TOR! Istanbul ist ganz nah! Ich kann es schon fast riechen! Baumi rennt Richtung Eckfahne, schreit alles heraus, alles was er in sich hat. Oh Käpt’n mein Käpt’n, wie verehre ich dich. „Das muss reichen, das muss reichen!“ schreie ich wie von Sinnen, ich bin taumelig vor Glück, kenne keinen Zweifel mehr. „Das muss reichen!“

„Istanbul ist schöner mit Berlin, mit Berlin, mit Berli-i-iiiin!“

ARGHHH! OLIC! Trifft! Schon wieder! Ich schreie ihn an, beschimpfe ihn. Vergebens. Die Spannung ist zurück. Ich sehe Olic über meinen blanken Nerven stehen, mit einer rostigen Säge in der Hand, debil grinsend wie ein wahnsinniger Chirurg in einem drittklassigen Horrorfilm. PFEIF AB!

Almeida sieht gelb. Warum auch immer, mir egal. Für den Augenblick zumindest. Ich widerstehe dem übermenschlichen Drang, mich in Fötushaltung auf den Boden zu kauern.

Gleich ist Schluss. Nicht mehr lang, nicht mehr lang, nicht mehr lang. Ecke HSV, Rost ist mit vorne. Timmy fliegt vorbei. Draußen Boateng. Flankt. Baumi macht irgendwas (was auch immer), Rost fällt, wedelt noch im Fallen mit den Armen. „Elfmeter“ denke ich bestürzt, „GARNIX“ schreie ich aus allen Lungenflügeln! Der Schiri gibt mir Recht. Konter Werder, im Gegenzug, drei gegen eins. Kopfballverlängerung Hugo. In den Gegner. Der Ball kommt zu Diego. In die Zange genommen, fällt…

SCHLUSS! AUS! VORBEI! ISTANBUL! Der Rest ist Jubel, Hamburg ist Jubel, Bremen ist Jubel, alles drumherum und dazwischen ist auch Jubel, die ganze A1. Istanbul ist Jubel, Wiese ist Jubel, Fritz ist Jubel, Prödl ist Jubel, Boenisch ist Jubel, Baumi ist Jubel, Frings ist Jubel, Niemeyer ist Jubel, Özil ist Jubel, Diego ist Jubel, Hugo ist Jubel. Draußen ist Piza Jubel und Rosenberg und Harnik auch, Tziolis ist ebenfalls Jubel, sogar Tosic ist Jubel und Mielitz auch. Merte ist auch Jubel, wenn auch ein humpelnder. Schaaf und Allofs und Rolff und Tiger und alle anderen sind auch Jubel. Heute ist alles JUBEL! Ich bin auch Jubel und Nina und der ganze Block. Wie feiern und jubeln, als die Jungs zu uns kommen. Alles freut sich, alle hüpfen, tanzen, skandieren. Sie tragen Merte, den armen, armen Merte, dessen körperliche Unversehrtheit auf dem Feld zurückblieb, auf ihren Armen. Doch auch Merte ist Jubel, heute ist alles egal. Ihm und uns. Wir haben es geschafft, wir fahren nach Istanbul. Wir sind im Finale, allesamt!

Als die Spieler sich in die Kabine verabschieden, halte ich einen Moment inne und lasse meinen Blick durch das Rund schweifen, mustere die letzten versprengten Überreste des Hamburger Publikums, das deprimiert auf seinen Plätzen sitzt und mit leblosen Blicken auf den Rasen starrt und stelle fest:

Die Hamburger sind nicht Jubel.

Man kann es ihnen nicht verdenken.

„Und schon wieder kein Finale HSV! Und schon wieder kein Finale HSV!“ Wir singen jetzt seit geschlagenen zwanzig Minuten eingesperrt im trostlosen Betongrau des Treppenhauses der HSH-Nordbank-Arena, deren deprimierende Farbgebung wie nichts anderes den Zustand des Hamburger Fußballs dieser Tage beschreibt. „Und schon wieder kein Finale HSV!“ Immer dasselbe Lied, ich warte darauf, dass es mir langweilig wird, aber es passiert einfach nicht. Wie auch? „Und schon wieder kein Finale und schon wieder kein Finale und schon wieder kein Finale HSV!“ Herrlich!

„Auf den Deichen, liegen Leichen…!“ singend begeben wir uns nach einer Ewigkeit, die uns wie ein einziger schöner Augenblick vorkam, nach draußen in die Nacht und machen uns auf den Weg nach Hause. Der Versuch ein Taxi zu erwischen, erweist sich schon bald als sinnlos. Es ist keines in Sicht.

Also bleibt uns nur der Fußweg. Einmal quer durchs Stellinger Hinterland, Werderschals um den Hals, Glückseeligkeit auf dem Gesicht. Das könnte spannend werden.

Wie erwartet sind wir anscheinend die einzigen Idioten in grün-weiss, die diese Route gewählt haben. Überall Hamburger. Sie tragen blaue Schals, rot-weisse Trikots, Kutten oder schlicht schwarz. Sie sind männlich oder weiblich, groß oder klein, jung oder alt. Alle sind sie verschieden. Nur eines haben sie alle gemeinsam: sie wirken nicht sonderlich glücklich und außerdem nicht sonderlich erfreut uns zu sehen.

Einer blafft uns sarkastisch von der Seite an: „Habta verdient gewonnen wa?“ Nina strahlt ihn an: „Find ich auch!“ Ich stupse ihr in die Seite, zische ihr zu, sie solle bloß nicht provozieren.

Wir gehen weiter. Wenn Blicke töten könnten, lägen wir wohl längst vor uns hin modernd im nächstbesten Straßen­graben, doch wir sind unversehrt. Man lässt uns in Ruhe. Es ist eben doch nur Fußball.

Es ist keine Polizei zu sehen, nirgendwo ist Polizei zu sehen. Man rechnet offensichtlich nicht damit, dass sich Bremer in dieses Gebiet verirren könnten.

Hinter der nächsten Biegung liegt die S-Bahn-Station, der kalte Schein der Innenbeleuchtung zeichnet sich deutlich gegen den tiefschwarzen Himmel ab, die dunklen Silhouetten einiger hochragender Bäume geben dem Bild einen schauerlichen Rahmen. Die Schienen fahren hoch in der Luft, sind praktisch auf einer Anhöhe gebaut, an deren unterer Seite sich eine kleine Kaschemme an die steinernen Brückenpfosten schmiegt. Diese kleine Kneipe ist es, die unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht, dieser Ort ist es, den wir passieren müssen.

Die Außenwand der Spelunke ist mit einer bunten Kette aus Lampions behangen, wie man sie von Grillpartys im örtlichen Schrebergartenverein kennt, aus ihrem Inneren tönt dumpfes Gebrüll und laute, ebenfalls dumpfe Musik. Draußen tummeln sich jede Menge Stellinger, trinken Bier (Holsten vermutlich), fluchen, pöbeln und trauern und sind ganz offensichtlich vollauf mit der Analyse des Spiels beschäftigt. „Die werden sich freuen uns zu sehen“ bemerke ich lakonisch und ernte ein wissendes Grinsen aus drei, zwar von Licht des Triumphes erstrahlten, aber ein gewisses Unbehagen nicht leugnen könnenden Gesichtern. Derby halt.

Dies ist kein Ort für einen Werderaner, dies ist eine Tatsache, diese ist uns bewusst. Aber was sollen wir tun? Irgendwie müssen wir es ja zur S-Bahn schaffen, irgendwie müssen wir ja nach Hause kommen.

Wir diskutieren kurz, wägen ab und fassen schließlich einen Entschluss. Es ist ein feiger Entschluss und unser eigentlich nicht würdig, aber wir treffen ihn trotzdem. Es ist ein Entschluss der Vernunft.

Erst leicht widerstrebend, dann doch schneller schließen wir unsere Jacken, rücken unsere Schals unter den Kragen und verstecken alles, was uns als Bremer identifizieren könnte. „Das ist nicht der Zeitpunkt um Flagge zu zeigen“, denken wir uns.

Und so machen wir uns auf den Weg zur S-Bahn, so inkognito wie möglich, mit bemüht neutralem Gesichtsausdruck und fühlen uns dabei wie Frodo und Sam, die durch das finstere Land Mordor wandern und auf ihrem Weg eine heruntergekommene Ork-Kaschemme passieren müssen.

Die Tarnung hält.

Oben angelangt erblicken wir ein paar Polizisten und wähnen uns in Sicherheit. Wir stellen uns so nah wie möglich an sie heran, schmiegen uns praktisch an die wärmende Schulter des Gesetzes und lüften wieder unsere Schals. Die Beamten wirken nicht besonders glücklich mit unserer Demaskierung, fürchten vielleicht Stress. Einer richtet seinen eisigen Blick auf meinen Schal und einen irrationalen Moment lang fürchte ich, dass dieser auf der Stelle in Flammen aufgehen werde. Ich blicke ihm keck ins Gesicht und ernte nichts als Missbilligung. „Wohl HSVer“ denke ich und schmunzele in mich hinein.

Die Bahnfahrt verläuft ruhig. Ein wenig Gepöbel hier, ein paar Kommentare dort, aber nichts Aufsehen erregendes. Einer fleht uns sogar an, ihnen wenigstens noch die Chance auf die Champions League zu lassen, ihnen das nicht auch noch zu versauen. Ich kann nichts versprechen.

In Eidelstedt steigen wir wieder in unseren (unversehrt gebliebenen Wagen) und nehmen die Kieler Straße gen Eimsbüttel. Dort angekommen suchen und finden wir einen Parkplatz und stürzen uns anschließend in die letzten Zuckungen, die das Eimsbüttler Nachtleben an einem Donnerstagabend noch zu bieten hat.

Drei Bier im Boltenhagen. Feiern mit einigen anderen lokalen Werderanern.

Zwei Bier im Bräuer’s (spendiert von einem bekannten Werderfan, der euphorisch Lokalrunde um Lokalrunde große Beck’s ordert und verteilt, bis der Laden schließlich schließt).

Dann wanken wir nach Hause, betrunken und glücklich. Dort angekommen blicken wir uns einmal entschlossen in die Augen und klicken auf „Bestellen“. Istanbul ist gebucht.

Tag 17:

Am nächsten Morgen ist alles von mir abgefallen. Ich kann es noch kaum glauben.

Wir haben es geschafft.

Tiefenentspannt nippe ich an meinem Kaffee, ziehe genüsslich an meiner Zigarette, klappe mein Notebook auf und gönne mir die Berichte, Artikel und Zeitungsmeldungen zum gestrigen Spiel und freue mich, freue mich über den Sieg, freue mich über meine Mannschaft und freue mich vor allen Dingen über die Papierkugel – die große Geschichte, den großen Helden diesen dritten Derbys. Ein Held, dessen Existenz mir bis dato nicht bewusst war, mich jetzt aber umso mehr beglückt. Ein zusammengeknülltes Papierknäuel aus ihrer eigenen protzigen und angeberischen Choreo entscheidet das Spiel? „Verrückter Kram“ denke ich und gleich darauf „Derby halt“.

Tag 18:

Inzwischen bereue ich es, mich nicht stärker um Karten für das morgige und abschließende Spiel dieses Derby-Zyklus bemüht zu haben. Die Party dürfte gigantisch werden.

Versonnen surfe ich bei Ebay die Angebote ab, die sich allesamt in einer Preisspanne von teuer bis sehr teuer bewegen (Verfluchter Schwarzmarkt!) und bin beinahe versucht zu bieten, als mir mein Gewissen schließlich einen Ellenbogen in die Seite rammt und mich mit tadelnder Stimme ermahnt: „Istanbul und Berlin, das wird teuer genug. Reiß dich zusammen!“

Es hat Recht. Blödes Gewissen, prügelt mir dauernd Vernunft ein.

4. Akt: Die dicke Frau pfeift ab

Tag 19:

Die Sonne scheint, als ich erwache.

Es ist der letzte Tag, der letzte von neunzehn und ich blicke ihm mit Freuden entgegen. Habe ich vor dem letzten Mal noch behauptet entspannt zu sein, nur um mich kurz danach selbst der Schönrederei zu überführen, so bin ich es heute wirklich. Nichts mag mein Gemüt zu trüben, die eigentliche Schlacht ist geschlagen, heute steigt nur die Siegesfeier, wenn auch mit geladenen Gästen. Wir haben in dieser Rückrunde eh nur noch bessere Freundschaftsspiele, haben also nichts zu verlieren. Zu Gewinnen haben wir in diesem Spiel zwar auch nicht wirklich etwas, aber ein Derby ist immer noch ein Derby, mit all seinen Facetten und all seiner Geschichtsträchtigkeit. Ein Jeder weiß, jedes Derby ist wichtig und wenn es schon faktisch nichts zu gewinnen gibt, so doch wenigstens und nicht zu letzt Ruhm und Ehre und das schöne Gefühl, ein weiteres Derby für sich entschieden zu haben.

Das ist doch immerhin etwas.

Ich erinnere mich vage daran, einem HSV-Fan vor den Spielen versichert zu haben, dass er das Bundesligaspiel gerne haben dürfe, wenn wir dafür beide Finals bekämen. Er wollte nicht, selbst Schuld.

Und so sitze ich vor dem Fernseher, als die Spieler einlaufen und freue mich wie ein kleines Kind über die ausgelassen tanzenden Fans in der Ostkurve und über die Stimmung, die im Stadion offensichtlich herrscht und bin gleichzeitig unendlich traurig nicht dabei zu sein. Ein bisschen habe ich das Gefühl, mich selbst um meinen Lohn gebracht zu haben. Knappe drei Wochen lang habe ich gezittert und gebibbert, ich habe mir diese Party verdient!

Egal. Ich schiebe den Gedanken beiseite und genieße das Spiel. Und es ist zum Genießen. Nicht sonderlich spannend, nicht sonderlich aufregend und dramatisch schon gar nicht, aber immerhin: Zwei Tore durch Hugo und ansonsten ein deutlich angezählter HSV, der so herzerfrischend wenig auf die Kette bekommt, das es schon fast lustig ist.

Der Schiedsrichter pfeift ab, die Partie und damit auch die Derbywochen im Allgemeinen.

Ich atme auf und beginne mich wieder meinem Leben zu widmen.

Epilog: Folgen – schwer

Wir schreiben mittlerweile den Januar 2010. Ich schaue aus dem Fenster meiner Küche und sehe Schnee überall. Auf den Dächern, in den Gärten und auf den Fluchtlichtmasten des Weserstadions, deren rote Lämpchen das Panorama beleuchten. Seit den Derbywochen ist viel passiert. Werder war in Istanbul, Werder war in Berlin und wir waren mit dabei, natürlich waren wir das. Wir haben auf der steilen Tribüne des Şükrü-Saracoğlu um den Cup getrauert, wir haben die scheinbar teilnahmslosen Massen aus Donezk ertragen, die den UEFA-Cup-Sieg feierten wie unsereins den Gewinn des Volkswagen-Cups, wir haben in verstopften Berliner S-Bahnen unsere Lieder gesungen und auch im Olympiastadion, wir haben Diego gefeiert, wir haben Özil gefeiert, wir haben vor allem Baumi gefeiert und am meisten den Pokal, in Berlin, in Hamburg und auf dem Domshof. Dies alles sind großartige Erinnerungen, die sich unauslöschbar in unser Hirn und ins kollektive Gedächtnis aller Werder-Fans eingebrannt haben, doch die Derby-Wochen, die waren noch etwas anderes, etwas wirklich Besonderes. Drei Wochen von unvergleichbarer Intensität, vier Spiele in drei Wettbewerben gegen den ärgsten Konkurrenten, ein neunzehn Tage dauernder Kampf um die fußballerische Vorherrschaft im Norden, fast episch in seiner Konzeption. Das hat Spuren hinterlassen und zumindest bei mir, der ich Werder-Fan in Hamburg bin, waren die beiden Finals, so nervenaufreibend und bombastisch sie sich auch darstellten, nie mehr als ein Zubrot, ein Sahnehäubchen auf der eigentlichen Geschichte dieser Rückrunde 2008/2009, die aus diesem kleinen aber feinen Privatduell zwischen meinem SV Werder und den Jungs von der Müllverbrennungsanlage bestand.

„Es gibt keine Schlacht ohne Narben“, das hat bestimmt mal Irgendwer berühmtes und zitierfähiges gesagt und wenn nicht, dann tue ich es jetzt. Die Narben finden sich vermutlich auf der Seele eines jeden Werder-Fans (und sicherlich auch eines jeden HSV-Fans). Bei mir sind die Folgen allerdings besonders drastisch, manifestierten sie sich doch in extremen Einschnitten in meinem Privatleben. Ich will ganz ehrlich sein: ich weiß eigentlich, dass man diese Fußballsache nicht so weit kommen lassen sollte, dass es eines leidlich gebildeten und aufgeklärten Menschen eigentlich nicht würdig ist, seinen Alltag und sein Leben vom Fußball dominieren zu lassen, dass es quasi fahrlässig ist, sein Wohlbefinden, seine Laune und manchmal auch seine seelische Gesundheit in die Hände eines Haufens überbezahlter Jungspunde zu legen, deren einzige Begabung es zumeist ist, schnell laufen (gelegentlich nicht einmal das) und gut gegen einen Ball treten zu können. Natürlich weiß ich das, ich bin ja kein Idiot…

…aber was soll ich machen? Muss ich erst Nick Hornby zitieren?

Jedenfalls, so abenteuerlich das klingen mag, haben mich die Derby-Wochen von der Stadt Hamburg entfremdet. Klar hat es mich auch vor diesen schicksalsträchtigen Wochen im April und im Mai ziemlich genervt, dass ich nicht in grün-weiß herumlaufen konnte, ohne an jeder Ecke schief angeguckt und an jeder zweiten bepöbelt zu werden. Klar hat es mich gestört, nach jedem Werderspiel im Hamburger Hauptbahnhof auf einen feindseligen HSV-Mob zu treffen, zumindest dann, wenn die beiden Vereine zufällig am selben Tag spielten, aber damit hatte ich mich schon vor längerer Zeit abgefunden. Vielleicht, weil es in Eimsbüttel sowieso nie so richtig schlimm war und ich mich selten bis nie in die Diaspora von Barmbek, Pinneberg, Wandsbek oder Billstedt gewagt habe, wo es möglicherweise schlimmer gewesen wäre. Vielleicht auch weil ich insgeheim wusste, dass es einem Typen in HSV-Klamotten, der fröhlich „Die Nummer 1 im Norden sind wir“-pfeifend durch die Bremer Innenstadt flanieren würde, nicht viel besser ergehen dürfte.

HSV dreimal besiegt: Bremen feiert ©werderfotos.de

HSV dreimal besiegt: Bremen feiert ©werderfotos.de

Aber seit den Derby-Wochen war alles irgendwie anders. Ich weiß nicht, ob es die für jeden sichtbare Tatsache war, dass plötzlich in jeder Straße mindestens ein, einstmals neutrales, sauberes Fenster durch eine blau-weiße Fahne verunstaltet wurde, oder eher das dumpfe Gefühl umzingelt zu sein. Vom Zeitpunkt der Auslosung an, schien plötzlich jeder ein HSVer zu sein. Ich fühlte mich wie ein Aussätziger.

Es scheint mir, als hätte Hamburg während der Derby-Tage seine Zuneigung zu seinem Verein wiederentdeckt, so wie Deutschland während der heimischen WM seine Liebe zur deutschen Flagge wiederentdeckte. Beides Phänomene, die mir gleichermaßen suspekt sind.

Es ist durchaus möglich, dass ich mich da in etwas hineingesteigert habe, das gebe ich gern zu, doch war es mir auch Monate später nicht gelungen mich wieder hinauszusteigern. Dann, eines warmen Augustabends, blickte Nina mich an und sprach die magischen Worte: „Lass uns nach Bremen zurückgehen.“ Ich war erleichtert, ihr ging es genau wie mir.

Und so sitze ich hier am Schreibtisch, blicke auf die Flutlichtmasten meines Stadions, schreibe die letzten Zeilen dieser kleinen Geschichte und muss dabei feststellen, dass mich diese neunzehn Tage im Frühling doch stärker beeinflusst haben, als ich mir bis dato eingestehen wollte.

Aber was soll ich sagen:

Derby halt.