Wagner-Festspiele in Bremen?

05.02.10 | von | Kategorie: Spieler | 6 Kommentare
Sandro Wagner im MSV-Training ©Oliver Baum/msv-bilder.de

Sandro Wagner im MSV-Training ©Oliver Baum/msv-bilder.de

Es kommt keiner mehr. Es kommt vielleicht noch jemand, wenn ein anderer Spieler geht. Es kommt definitiv niemand. Es kommt nur jemand, wenn sich eine einmalige Möglichkeit ergibt. Es kommt keiner mehr, das wären jetzt nur Schnellschüsse. Und dann machte es Peng! und Sandro Wagner war da. Wochenlang sagte Klaus Allofs defensiv, dass man wohl nichts mehr auf dem Transfermarkt machen werde. Nach der Aufräumaktion im Kader holte er einen Tag vor Transferschluss dann doch noch einen neuen Spieler: den 22jährigen Wagner.

Ein Transfer, der vom Zeitpunkt auf dreifache Art und Weise verblüffte. Nach der Niederlage in Gladbach am Vortag schrie die Werder-Fanschar gerade am Lautesten nach Defensivspielern. Es kam aber ein Stürmer. Dann wunderte man sich, warum ein Spieler kommt, der derzeit verletzt ist und noch bis mindestens Mitte März nicht einsatzfähig ist. Am Ende ist da auch noch die Frage, warum ein Ergänzungs- bzw. Perspektivspieler jetzt kommt, wo er im Sommer anscheinend ablösefrei sowieso nach Bremen gewechselt wäre. Wir versuchen, Licht ins Dunkel zu bringen.

Wer ist überhaupt dieser Sandro Wagner? Ein waschechter Bayer, wurde 1987 in München geboren und spielte zwischen 1995 und 2008 für den FC Bayern. In den Jugendmannschaften profitierte er in den letzten 2-3 Altersklassen vor allem von seiner Statur, der jetzt 1,94m große und 87kg schwere Wagner hatte regelmäßig physische Vorteile gegenüber seinen Gegenspieler. Einer der Gründe, warum die Spielzeit 2005/2006 recht erfolgreich verlief: für die U19 von Bayern München traf er in 19 Spielen 15mal und er machte seine Treffer vor allem regelmäßig. Die in Jugendteams üblichen 3-Tore-in-einem-Spiel-Ausreißer hatte er nie. Zur Belohnung für seine Leistungen durfte er im Mai 2006 sein Debüt in der U23 geben und erhielt einen Zweijahresvertrag bis zum Sommer 2008.

In der Saison 2006/2007 gehörte er fest zum Kader der U23, bestritt 30 Spiele, wurde in der Hälfte der Begegnungen aber nur eingewechselt und hatte mit zwei Treffern eine magere Ausbeute. Nichtsdestotrotz durfte er sich in der folgenden Spielzeit bei den Profis in der Vorbereitung beweisen und nutzte die sich ihm bietende Chance kurzfristig. Der damalige Trainer Ottmar Hitzfeld fand Gefallen an Wagner, hielt ihn auch aufgrund der verletzungsbedingten Ausfälle von Jan Schlaudraff und Lukas Podolski sowie dem Abgang von Roque Santa Cruz im Profikader.

Der damals 19jährige Wagner kam daraufhin zu Saisonbeginn regelmäßig zum Einsatz. Drei Einsätze im Ligapokal, eine Einwechslung beim UEFA-Pokal-Auftakt und vier Kurzeinsätze in den ersten vier Bundesligaspielen. Danach war es mit der Fröhlichkeit aber dahin: den Rest der Saison blieb Wagner auf der Bank oder spielte bei der U23, wo er in 13 Spielen komplett ohne Torerfolg blieb. “Ich hatte Ladehemmung” umschrieb Wagner die torlose Saison. Sein Stern beim FC Bayern war noch nicht richtig aufgegangen, da war er schon verglüht. Trotz Ligapokalgewinn und Meistertitel am Ende der Saison: eigentlich sollte die Saison der Beginn für Wagner beim FCB werden, es wurde aber gleichzeitig auch sein Ende in München.

Ex-Bremer Frank Fahrenhorst und Neu-Bremer Sandro Wagner  ©Oliver Baum/msv-bilder.de

Ex-Bremer Frank Fahrenhorst und Neu-Bremer Sandro Wagner ©Oliver Baum/msv-bilder.de

Rekordmeister Bayern ließ Wagner ablösefrei ziehen, zeigte kein Interesse an einer Vertragsverlängerung. Zweitligist MSV Duisburg sicherte sich die Unterschrift des großgewachsenen Stürmers, der einen Zweijahresvertrag unterschrieb. Wagner mauserte sich schnell zum Stammspieler, hatte allerdings zu Rückrundenbeginn eine Schwächephase von knapp zehn Spielen, in denen er nur eingewechselt wurde. Seine Bilanz am Ende der Saison: 30 Spiele, 7 Tore und 8 Vorlagen. Gerade zum Ende der Saison fühlte sich der damals 21jährige deutlich sicherer und selbstbewusster als noch zu Saisonbeginn, verbuchte acht Scorerpunkte in den letzten sieben Spielen.

Und es war auch genau diese Saison, die Wagners Debüt für Deutschland mitbrachte. Ende September 2008 durfte er zum ersten Mal für eine deutsche Nachwuchsauswahl spielen und wurde im Juni 2009 für die deutsche U21 nominiert, die an der U21-Europameisterschaft in Schweden teilnahm. Schon die Nominierung war umstritten. Einerseits galt Wagner als einer der Schwächsten im Kader, andererseits war er der einzig echte Stürmer im Aufgebot von Horst Hrubesch. Doch überraschenderweise spielte der mit Dejagah und Özil vorne, Wagner blieb meist auf der Bank. Bis zum Finale kam er auf lediglich neun Spielminuten durch zwei Einwechslungen. Da der Wolfsburger Dejagah aber im Finale gegen England gelbgesperrt war, griff Hrubesch auf Wagner als Stoßstürmer zurück und der traf beim 4-0 Erfolg gleich doppelt. Sein Treffer zum Endstand wurde sogar zum Tor des Monats in der ARD gewählt. Wagners dritter Titel war der des Europameisters der U21, zusammen mit seinen neuen Teamkollegen Mesut Özil, Marko Marin und Sebastian Boenisch.

Was folgte war ein gewaltiger Satz in der Entwicklung von Wagner: anders als Sebastian Boenisch, der nach dem U21-Sonderurlaub befürchtete, dass die Hinrunde für ihn nach der langen Saison “physisch und mental sehr schwer wird”, war der Stürmer sofort ‘voll da’. Vor dem Tor so abgebrüht wie nie, körperlich in bester Verfassung. Zu Saisonbeginn war Wagner schon heiß gelaufen, traf in den ersten vier Spielen fünf Mal. Seine Tore: konsequent und gradlinig. Er war sehr gut in Form, bis am sechsten Spieltag beim Spiel in Bielefeld das Ende der Hinrunde kam: eine Knieverletzung zwang Wagner zum Aussetzen. Knapp eine Woche später stellte sich heraus: das Kreuzband wurde beschädigt. Damals hieß es “Kreuzbandriss”, später wurde auf “Teilverletzung des vorderen Kreuzbandes” korrigiert. An der Ausfallzeit änderte das nichts: Ende Februar will Wagner wieder ins Training einsteigen, Mitte/Ende März erscheint eine Kadernominierung erstmals realistisch.

Warum dann gerade jetzt der Wechsel? Nach seinem Entwicklungssprung und der starken Leistungen zu Saisonbeginn war klar: der MSV wird Wagner nicht halten können, wenn man nicht aufsteigt. Nicht zuletzt durch dessen Verletzung taumelten die Duisburger in der Hinrunde, Wagner wurde immer mehr umworben. Bereits im Sommer gab es diverse Anfragen kurz vor Transferschluss. Vom PSV Eindhoven war da die Rede, von diversen Interessenten aus England und von einem konkreten Millionen-Angebot vom belgischen FC Brügge. Der MSV lehnte alles ab. Trotzdem konnte er nicht mehr verhindern, was dann passierte: Wagner entschied sich, im Sommer zu gehen. Möglich macht es die Ablösefreiheit, da sein Vertrag in Duisburg im Juni 2010 enden würde. Schon im Dezember bahnte sich eine Entscheidung bezüglich des neuen Arbeitgebers an, u.a. der VfL Bochum, Schalke 04 und Werder Bremen buhlten um den Stürmer (wir berichteten). Am Ende entschied sich Wagner für einen Wechsel zum SV Werder (“Ich hatte fünf konkrete Angebote”), einigte sich mit den Verantwortlichen auf einen Vertrag bis zum 30.06.2014. Man sieht sich am 01.07. – dachte man zuerst.

Testspielauftritt im Sommer  ©Oliver Baum/msv-bilder.de

Testspielauftritt im Sommer ©Oliver Baum/msv-bilder.de

Denn auf einmal ging in den letzten Tagen alles ganz schnell. Der MSV suchte aufgrund von Verletzungen vor Transferschluss noch einen Verteidiger, der möglichst Innen- und Außenverteidiger spielen kann. Das kann Dusko Tosic, bei Werder auf dem Abstellgleis. Zudem hatte Trainer Milan Sasic schon länger ein Auge auf Kevin Schindler geworfen, dessen Leihe beim FC Augsburg inoffiziell schon beendet war und für den Werder einen neuen Klub suchte.

Da Wagner aber noch einige Zeit ausfällt und sich dann erst wieder ranarbeiten muss, um in Form zu kommen, würde er diese Saison sowieso keine große Hilfe mehr für den MSV darstellen. Zudem holte MSV-Manager Bruno Hübner mit dem Mainzer Srdjan Baljak einen neuen Stürmer. Und damit man im Gegensatz zum Sommer nicht ganz leer ausgeht, kamen die beiden Klubs zusammen. Nach der Tosic-Odyssee sah der Deal am Ende wie folgt aus: Sandro Wagner wechselt zu sofort zum SV Werder. Kostenpunkt 350.000 Euro Ablöse. Im Gegenzug wechselt Kevin Schindler nach Duisburg, dessen Gehalt Werder dem Vernehmen nach so gut wie komplett übernimmt. Der MSV zahlt keine Leihgebühr, bekommt aber auch keine Kaufoption auf den Offensivmann. Wagners Ex-Klub bekommt eine sofortige Verstärkung für die Rückrunde und dazu noch eine Ablöse. Die ist zwar nicht sonderlich groß, Duisburg ist aber auch nicht auf Rosen gebettet und hat viele Talente nur leihweise und kann sie nicht zu Geld machen. Und die Grün-Weißen? Werder hat Wagner bereits einige Monate vorher im Team, kann ihn schon vor dem Sommer integrieren und an seine Aufgaben heranführen. Zudem hat man für Perspektivspieler Schindler eine gute, neue Leihstation gefunden.

Seit dem Wechsel dominiert nun eine Frage in den Fankreisen: Wie talentiert ist Sandro Wagner?

Beim FC Bayern hatte Sandro Wagner noch nicht mal einen Status wie ihn aktuell Marko Futacs bei Werder hat. Wagner war durch Verletzungen und Abgänge bei den Profis in die erste Mannschaft gerutscht, Hitzfeld fand für einen kurzen Zeitraum Gefallen und Verwendung. Für einen Profivertrag reichte es allerdings nicht. Auch seinen Abgang hat man nie bedauert, sondern viel mehr gewollt. Nachwuchstrainer Hermann Gerland setzte sich lieber für die Weiterverpflichtung von Stürmer Daniel Sikorski ein und sprach sich gegen Wagner aus. Der heute 22jährige Österreicher Sikorski spielt allerdings immer noch in der U23 von Bayern, konnte sich für die Profis nicht nachhaltig anbieten.

Durch Gerlands Schule gingen viele Bayern- und Nationalspieler. Philipp Lahm, Holger Badstuber, Thomas Müller oder auch Bastian Schweinsteiger um nur die aktuellen Profis zu nennen. Bei den nicht aktuellen FCB-Spielern hat sich Gerland oder viel mehr Hoeneß samt jeweiligen Trainer ab und zu aber verkalkuliert. Bei David Jarolim, Piotr Trochowski, Zvejzdan Misimovic oder auch Patrick Ochs kann man sicherlich sagen, dass die Spieler erst woanders und nach einiger Zeit richtig aufgeblüht sind. Spätestens aber bei Mats Hummels ist die Bewertung der Bayern schon fragwürdig. Gerade wenn man sieht, dass lieber für 12 Millionen Euro brasilianische Wunderverteidiger geholt werden und ein kommender Nationalspieler ohne große Gegenwehr nach Dortmund abgegeben wird.

Ob sich die Bayern bei Wagner auch verkalkuliert haben? Zumindest zeigt die Vergangenheit, dass das im Moment noch nicht der Fall war. Über die Rolle des Bankdrückers wäre er dort bisher nicht herausgekommen. Und wenn es nach Hermann Gerland geht, dann wird Wagner auch nicht mehr als ein Bankdrücker in der Bundesliga. 2007 lies der Trainer verlauten, dass Wagner in der Vorsaison “enttäuscht” habe, “er hat den Ball von hier bis hier nicht über die Linie gebracht”. Und die beiden genannten Hiers waren laut Gerlands Gestik nicht mal einen Meter auseinander entfernt. Nachschlag gefällig? Als Wagner in der Bundesliga debütierte, schüttelte Gerland mit dem Kopf: “Was soll ich da noch sagen? In der Regionalliga hat er nichts gebracht, und jetzt ist er bei den Profis.” Wohl gemerkt: der Trainer war damals seit anderthalb Jahren für Wagner zuständig und musste noch mindestens ein Jahr mit Wagner zusammenarbeiten. Der junge Stürmer selber äußerte sich im letzten Sommer bei Spox angesprochen auf die Kritik mit einer gewissen Freude: “Es ist natürlich nicht gerade einfach, als sehr junger Spieler mit so einer Kritik umzugehen. Da macht man sich Gedanken, warum sein eigener Trainer so etwas sagt. Aber im Nachhinein kann ich über diese Aussage nur lachen. Herr Gerland hat ja auch Augen im Kopf und sieht, dass er mit seiner Aussage über mich falsch gelegen hat.”

Während des Trainings: Wagner hält den Ball ©Oliver Baum/msv-bilder.de

Während des Trainings: Wagner hält den Ball ©Oliver Baum/msv-bilder.de

Ganz falsch lag Gerland allerdings nicht. Auch wenn seine Aussage gerade im Umgang mit einem jungen Spieler sehr fragwürdig erscheint. Doch sportlich lief es für Wagner bei den Bayern nicht sonderlich. Während er in der U19 noch regelmäßig traf, machte er in 52 Pflichtspielen für den FCB nur drei Treffer. Im Chancen vergeben war einer der Besten. In Duisburg machte er in der Saison 2008/2009 schon deutliche Fortschritte, die aber auch zwingend notwendig waren. Warum er besser wurde? “Einfach weil ich mehr Spiele mache, älter werde und an Erfahrung gewinne” meint Wagner. Seine sieben Treffer in 30 Zweitligapartien waren ordentlich, dazu kamen acht Vorlagen – und ungefähr zehn Bälle ans Torgehäuse. Hauptsächlich Kopfbälle an die Latte des gegnerischen Tores.  Die Bälle brachten zwar keine Tore, aber immerhin zwei Spitznamen: “Latten-Sandro” und “Alu-Wagner”.

Seine Berufung in die Nationalmannschaft für die U21-Europameisterschaft war wie bereits erwähnt einerseits richtig, andererseits diskussionswürdig. Wagner gehörte mit seiner Leistungsstärke sicherlich nicht zu den besten Stürmern, die die U21 jemals gesehen hatte. Zudem trumpfte der Großteil der Offensive längst in der ersten Liga auf (Özil, Dejagah, Marin), während Wagner noch dabei war, sich in der zweiten Liga zu etablieren. Richtig war die Nominierung am Ende trotzdem, da in der Kategorie Mittelstürmer außer Wagner kaum bis gar keine Kandidaten vorhanden waren. Durch den starken Endspurt in der Liga war der Duisburger als bei der EM – als einziger echter Stürmer im Aufgebot. Das hielt Trainer Horst Hrubesch trotzdem nicht davon ab, Wagner draußen zu lassen. Erst im Finale kam er zum Zuge und zeigte sich so, wie ihn Hermann Gerland nicht in Erinnerung hatte: schnell, konsequent und abschlusssicher.

Diese Entwicklung setzte sich dann zu Saisonbeginn fort: der vor allem im Vergleich zu den Bayern-Zeiten robuster wirkende Wagner spielte auf einmal dominanter gegen die gegnerischen Abwehrspieler. Sein lange Zeit nicht vorhandenes Durchsetzungsvermögen kam zum Vorschein, vor allem gegen die starren Verteidiger einiger Zweitligaklubs. Luft nach oben ist dort aber noch vorhanden. Genauso wie im Kopfballspiel. Für einen 1,94m großen Stürmer ist die Kopfballtechnik biederer Durchschnitt, böse Zungen können das für seine viele Lattentreffer verantwortlich machen. Etwas verwunderlich daher, dass Klaus Allofs bei der Verpflichtung das Kopfballspiel als einer der Stärken Wagners aufzählte.

Seine Stärken? Wagner ist ein echter Mittelstürmer, der aber nicht nur vorne drin steht. Lange Bälle kann er gut annehmen, auch verwerten. “Er kann die Bälle halten und verteilen. Er ist ein ‚Wandspieler’, der die Bälle prallen lässt” beschrieb ihn damals Ottmar Hitzfeld. Was bei Wagner auffällt und was dem Werderspiel sowie ihm selber zugute kommen kann und hoffentlich auch wird: seine Laufwege, sein Anbieten. Der 22jährige Stürmer verfügt über eine gute Grundschnelligkeit, ist aber sicherlich kein Flügelflitzer. Dafür aber kann er sein Tempo schon gut einsetzen, versucht bei Offensivaktionen sich immer und immer wieder freizulaufen, orientiert sich permanent weg vom Gegenspieler. Den Vorbereitern um Marin kann dies nur recht sein, wobei abzuwarten ist, inwieweit Wagner das gegen die deutlichen besseren Abwehrspieler in Liga eins umsetzen kann. Ein Demichelis, van Buyten oder Simunic lassen sich nicht einfach abschütteln.

Die größte und ausgeprägteste Stärke Wagners: seine Einfachheit im Abschluss. Zumindest die der letzten Monate vor der Verletzung. Er versucht keine unnötigen Dribblings, stoppt die Bälle ab oder möchte es besonders spektakulär machen. Dafür aber ist er konsequent, direkt und so für einen in München noch sehr warmen Vollstrecker eiskalt. Hugo Almeida bspw. fehlt auch heute noch oftmals die Konzentration und die Genauigkeit – auch wenn er deutlich härter schießt als Wagner. Der aber hat ihm voraus, dass er konzentriert bleibt, lieber platziert statt hart schießt. Und da lag auch lange ein Manko, was hoffentlich durch die von ihm selber erwähnte Erfahrung noch mehr ausgemerzt wird. Früher machte es Wagner zwar auch einfach, sein Timing war aber schlecht, der Abschluss zu simpel. Der richtige Grad bei Schußhärte und Platzieren des Balles war selten bis nie gegeben. Auch deswegen lies er viele Chancen liegen. Einen echten Killerinstinkt hat er noch nicht entwickelt, wobei er sich bei Claudio Pizarro gerade in dem Bereich einiges abgucken kann. Passend dazu seine Aussage im Bild-Interview: “Ich will von Pizarro lernen!” Positiv sei auch zu erwähnen: Wagner ist beidfüßig, kann problemlos mit links und rechts abschließen.

Nach der Verletzung wird es für Wagner sicherlich sehr wichtig sein, wieder top fit zu werden, um sein Spiel gerade in der höheren Liga bei einem Verein mit den Ansprüchen von Werder umsetzen zu können. Zu Beginn der Hinrunde dieser Saison wirkte Wagner agil, für einen großen Spieler sehr beweglich und lauffreudig. Kann er das eins zu eins ins Bremer Trikot übertragen, so wird er mindestens bei einer Führung für ein Tor gut sein. Hintergrund: Wagner stößt gerne durch seine Laufwege in Lücken, läuft sich frei und spielt dann einfach zu Ende. Das geht, wenn Platz ist und der Gegner diesen bei einem Rückstand zwangsläufig gewähren muss. Was aber passiert, wenn Werder drückt, der Gegner (mal wieder) nur hinten drin steht? Dann wird Wagner gefordert sein, benötigt den nächsten Entwicklungsschub. Noch vor dem Sommer kann er schon im Werder-Training hautnah erleben, wie schwer es sein wird, sich bspw. bei Flanken gegen Spieler wie Mertesacker oder Naldo durchzusetzen.

Kann rechts wie links: Sandro Wagner ©Oliver Baum/msv-bilder.de

Kann rechts wie links: Sandro Wagner ©Oliver Baum/msv-bilder.de

Das Training und die Erfahrung wird gerade im Zweikampf wichtig werden für Wagner. Denn im Gedränge ist er nicht gut. Bei Freiraum, den er sich selber “erlaufen” hat, kann er glänzen. Beachtlich auch: mit dem Ball am Fuß büßt er im Gegensatz zu vielen Stürmerkollegen sehr wenig Tempo ein. Wenn es aber eng wird, verliert Wagner öfter mal den Ball, muss dort zulegen. Wie bereits erwähnt, war er für seine Statur lange Zeit nicht mit einem sonderlichen Durchsetzungsvermögen gesegnet, zeigte aber zu Saisonbeginn Ansätze einer deutlichen Verbesserung – was auch nötig war, um jemals den Sprung nach oben zu schaffen. Fraglich auch, wie der Stürmer im Bremer Kombinationsspiel zurecht kommt.

Wie passt Wagner in die Werder-Planung? Diese Saison ist nur zum Eingewöhnen. Und um eine Alternative darzustellen, nachdem Moreno gegangen ist. Dessen 63 Bundesliga-Minuten aus der Hinrunde wird der gebürtige Münchner sicherlich toppen können. Ab Sommer stellt sich dann die Frage, für welchen Platz in der Sturm-Hierarchie gedacht ist. Claudio Pizarro ist als Nummer 1 im Sturm absolut gesetzt. Marko Marin wird wohl in der kommenden Saison im Mittelfeld benötigt. Bleiben Markus Rosenberg und Hugo Almeida. Der Schwede wird nach zuletzt vielen enttäuschenden Auftritten und auslaufendem Vertrag im Sommer 2011 höchstwahrscheinlich gehen (müssen). Einiges deutet auf einen Abschied nach Saisonende hin. Anzeichen darüber gibt es auch bei Almeida. Dessen Vertrag läuft ebenfalls 2011 aus. Will man noch Geld machen, so kann man das nur im Sommer. Und da steht zum Glück die WM an, in der der Portugiese sich präsentieren kann. Und anscheinend will er das auch, was sein Beraterwechsel zu Jorge Mendes bzw. Gestifute zeigt. Der Branchenriese vermittelt Brasilianer und Portugiesen nur allzu gerne für großes Geld nach England und Spanien. Zufällig zwei Ligen, die Almeida immer wieder in Interviews als Ziele nach der Werder-Zeit nannte. Kampflos wird Werder den kultverdächtigen und cool wirkenden Almeida aber sicherlich nicht abgeben. Entscheidend wird sicherlich dessen finanzielle Vorstellung sein, wenn es in die Gespräche um eine Vertragsverlängerung geht.

Mit dem gesetzten Pizarro und dem evtl. bleibenden Almeida hat man maximal zwei Stürmer sicher, die dann zu Saisonbeginn vor Wagner stehen. Sollte neben Rosenberg auch Almeida gehen, so wird sicherlich mindestens ein weiterer externer Stürmer kommen. Bisher werden zwei Namen für den Sommer gehandelt: der Kroate Mario Mandzukic und der Brasilianer Rafael Coelho. Beide sind andere Spielertypen als Wagner, ein möglicher Dreier- oder Vierersturm plus Talente wäre möglich und sinnvoll.

Der Talentepool dahinter ist allerdings prall gefüllt. Ohne Schwimmflügel scheinen dabei die beiden nach Düsseldorf verliehenen Torsten Oehrl und Martin Harnik. Oehrl ist Wagner nicht unähnlich und zudem mit 24 Jahren kein Jungspund mehr, der lange aufgebaut werden kann. Zudem wurde er im letzten Jahr intensiv unter die Lupe genommen. Ein Abgang erscheint wie bei Harnik, der wenig Lust auf Werder verspürt, wahrscheinlich. Der dritte Leihstürmer im Bunde ist John Jairo Mosquera (Union Berlin), er kommt aber erst im Sommer 2011 wieder. Und trotzdem erscheint es aufgrund seiner starken Entwicklung (machte wie Wagner im Sommer einen großen Satz nach vorne) fragwürdig, warum Werder einen ähnlichen Spielertypus holte. Man muss von Wagner schon sehr überzeugt sein – oder von Mosquera weniger. Bleiben hinter den im Profiteam gesetzten Spielern noch zwei U23-Spieler mit Profiverträgen: der lange Gulasch-Lulatsch Marko Futacs. Auch ein sehr großer, Wagner leicht ähnelnder Spieler. Er muss sich aber vorerst in der dritten Liga beweisen. Und wird daher den Vorzug des talentierten Stürmers, der in den 18er-Profikader rutscht, vorerst Pascal Testroet überlassen. Der 19jährige würde selbst bei der vor ihm stehenden Konkurrenz mit Namen Pizarro, Coelho, Wagner, Almeida und/oder Mandzukic noch gut ins Team passen, ist er doch ein Spielertyp mit anderen Stärken. Ebenfalls positiv: alle Kandidaten könnten als Zweiersturm funktionieren, wobei am Ehesten die Kombination Almeida&Wagner zu ähnlich ist.

Warum eigentlich Werder, Herr Wagner? “Der Wechsel zu Werder bedeutet für mich, bei einem absoluten Traumverein seit Kindertagen spielen zu dürfen.” Nach Abdennour muss man sich fragen: wie viele Werderfans sind da noch, die wir holen können? Kann mal jemand Lionel Messi anrufen? Sollte man eine Geheimfrage bei den Bundesligaprofis durchführen und Klaus Allofs das Ergebnis zukommen lassen? Auch beachtlich bei Werders neuem Stürmer: er ist gebürtig aus München und trotzdem im tiefsten Rivalenland ein Grün-Weißer geworden. Kontakte nach München? “Nein, da gibt es keine Verbindungen mehr – gar nichts.” So geht Werderaner heute. Sein Lieblingsspieler aus Werder-Zeiten? Marco Bode. Pikanterweise früher auch lange als “Chancentod” verschrien.

Lieber Sandro, wir haben bei Aymen Abdennour die Bestätigung bekommen, dass eine Werder-Verbindung wirklich vorhanden ist. Dass aber nun ein Spieler, der aus München stammt, bei Hertha München (worst Vereinsname+Stadtkombi ever!) und dann 13 Jahre Spieler vom FC Bayern war sagt, dass er seit Kindesbeinen an ein glühender Werderfan ist, … das ist schwierig zu glauben. Abnehmen werden wir es Dir nach einem Hattrick im Pokalfinale in Hamburg (wahlweise auch Berlin) oder wenn Du Kinderfotos im Bremen-Trikot an worum@worum.org mailst. Wir nehmen auch Kopien von Einkaufsbelegen von Werder-Fanartikeln an. Kaufdatum vor 2008 wohlgemerkt.