Martin Harnik: “Torjäger-Gen schlummerte schon immer in mir!”

23.12.09 | von | Kategorie: Spieler | 4 Kommentare

Im Frühsommer galt Martin Harnik als Alternative für die Außenverteidigerpositionen, sollte zum Rechtsverteidiger umgeschult werden. Im Spätsommer war das Experiment bereits geendet, die Zeichen zwischen Spieler und Verein standen auf Trennung. Die erfolgte dann nicht nur, sondern brauchte auch ein überraschendes Ergebnis: die Hinrunde war für den jungen Österreicher die beste seiner Karriere. Sein Klub Fortuna Düsseldorf mutierte vom Aufsteiger mit Saisonziel Klassenerhalt zum Aufstiegskandidaten in die erste Bundesliga. Und daran trägt Harnik einen großen Anteil.

Wurde er im ersten Spiel gegen den FC Augsburg noch eingewechselt, so hat er die folgenden zwölf Ligaspiele alle von Beginn an bestritten. Nach den insgesamt dreizehn Saisonspielen stehen acht Tore und drei Vorlagen auf seinem Konto. Nicht nur in der Statistik, auch bei den  Leistungen (Kicker-Durchschnittsnote 3,15) gehört Harnik zu den besten Stürmern der zweiten Bundesliga. Eine überraschende Entwicklung, wenn man die letzten Spielzeiten betrachtet. In der U23 erzielte er insgesamt 13 Treffer in 54 Spielen, seine Saisonbestleistung lag bei sieben Toren. In der Bundesligamannschaft von Werder Bremen konnte er sich nicht durchsetzen, trotz teils ansprechender Ansätze gelang ihm der Durchbruch nicht.

Hat sein in sich schlummerndes Torjägergen endlich entdeckt: Martin Harnik ©werderfotos.de

Hat sein in sich schlummerndes Torjäger-Gen endlich entdeckt: Martin Harnik ©werderfotos.de

Einer der Hauptgründe war sicherlich die Position von Harnik. Oder besser gesagt: nicht die Position von Harnik. Denn der gebürtige Hamburger hat seine größte Stärke in der Schnelligkeit, spielte bspw. in der österreichischen Nationalmannschaft als Außenstürmer. Eine Position, die es im Bremer System nicht gibt. Als zentraler Stürmer erwies er sich als nicht torgefährlich genug, so dass nach zwei Spielen, in denen Harnik als Rechtsverteidiger aushelfen musste, zu Beginn des Sommers von den Werder-Trainer beschlossen wurde: eine Umschulung steht an.

In der Theorie nachvollziehbar, die Offensivqualitäten für einen “modernen” Außenverteidiger hat der Österreicher definitiv. In der Praxis musste allerdings bezweifelt werden, ob die Umschulung gut gehen kann. Das Zweikampfverhalten in defensiven Zweikämpfen schien Harnik nicht zu liegen, zudem spielte Clemens Fritz sich wieder in Form und blockierte den für Harnik wichtigen Platz. Einen Platz, der ihm Spielpraxis bescheren sollte. Nur im Training und auf der Bank kann eine Umschulung nicht funktionieren. Die Aussichten waren innerhalb weniger Wochen deutlich. Deutlich schlecht. Das Experiment wurde schnell wieder beendet.

Worum.org sprach mit Martin Harnik, der sich wie folgt zum Scheitern des Experiments äußerte: “Ich denke, dafür gab es mehrere Gründe: Erstens bin ich sicherlich nicht der geborene Verteidiger und zweitens hatte ich sehr wenig Zeit, um mich dieser neuen Aufgabe zu stellen.” Es folgten eine Analyse der Situation und der Entschluss, dass ein neuer Arbeitgeber das Beste für beide Seiten wäre.

Der Weg führte Harnik nach Düsseldorf, zur frisch aufgestiegenen Fortuna. Der Klub kaufte ihn allerdings nicht sofort, sondern lieh den 22jährigen Österreicher für ein Jahr aus, was nur möglich war, da Harnik seinen eigentlich nur bis 2010 laufenden Vertrag bei Werder um ein Jahr verlängerte. Möglich war der Transfer für die Düsseldorfer, da Unternehmer Michael Kamp (Firma Systaic) einen Großteil der Kosten finanzierte. Auch wurde schon damals geklärt, dass Kamp sich ebenfalls an der Ablösesumme beteiligen wird, sollte Fortuna Düsseldorf Harnik nach der Leihe kaufen wollen.

Aufgrund der Vertragsverlängerung in Bremen und der im Sommer wiederum nur ein Jahr langen Restlaufzeit des Werder-Vertrages ist die mögliche Ablöse relativ gering, vor allem gemessen an seinen aktuellen Leistungen. Im November berichtete die BILD-Zeitung von einer ausgehandelten Summe von 350.000 Euro, Harnik sprach von einem “sehr humanen Vertrag”, der von den drei Parteien unterschrieben wurde. Gegenüber Worum.org wollte Harnik die Zahlen nicht weiter kommentieren.

Ein näheres Befassen mit den Vertragsinhalten könnte jedoch im Januar bereits anstehen. So hatte Fortuna-Trainer Norbert Meier vor einem Monat durchblicken lassen, dass er Harnik am Liebsten “sofort fest verpflichten würde”. Mit Werder hatte Fortuna angeblich noch keinen Kontakt, auch Harnik selber hat seit seinem Wechsel nicht mehr mit den Verantwortlichen gesprochen. Auch wenn er noch abwiegelt (“Das ist Zukunftsmusik und deswegen beschäftige ich mich damit noch nicht.”), wird Fortuna aller Voraussicht nach in Kürze versuchen, den Transfer zu bewerkstelligen.

Ob das möglich wäre, selbst wenn der starke Aufsteiger in der zweiten Liga bleiben würde? Wäre dies vereinbar mit den Karrierezielen des Österreichers? “Auf jeden Fall, ich habe hier wieder gelernt, wie wichtig Spielpraxis und sportlicher Erfolg für mich ist, um meinen Job so gut wie möglich zu machen”, so Harnik. Der 22jährige konzentriert sich voll auf seine Vereinskarriere, die Entscheidung zum Wechsel in Liga 2 war mit Nationaltrainer Dietmar Constantini nicht erläutert wurden (“Die Entscheidung habe ich alleine getroffen”), eine Rückkehr ins Nationalteam wäre aber nur logisch, wenn Harnik im Verein im Gegensatz zu seiner Zeit bei Werder wieder im großen Stile auf sich aufmerksam macht.

Dass er das gerade in Düsseldorf macht, kam auch für Experten ohne Ansage. Düsseldorf galt zwar als Aufsteiger mit Ambitionen, dass sich die sportlichen Leistungen aber so schnell an den enormen Zuschauerzuspruch (23.819 im Schnitt) orientieren würden, erwarteten die Wenigsten. Warum Harnik keine Angst vor einem Aufsteiger hatte, der eventuell monatelang tief im Abstiegskampf stecken würde? “Ich habe die Fortuna zufällig beim DFB-Pokalspiel gegen den HSV gesehen und war sehr angetan von der spielerischen Leistung. Als die Verantwortlichen der Fortuna dann auf mich zu kamen, hatte ich sportlich keine Bedenken mehr.”

Die Entscheidung war absolut richtig. Erst kam der Stammplatz, dann entdeckte er plötzlich ohne Hilfe von Ärzten das Torjäger-Gen in sich: “Es schlummerte schon immer in mir, doch bei der Fortuna habe ich erst wieder die Möglichkeit es zu zeigen!” Der Außenspieler ist bei den Düsseldorfern plötzlich ein zentraler Mann. Nicht nur für den Erfolg, sondern wortwörtlich im Spiel. Abstauber, Kopfballtore, eiskaltes Versenken der Bälle im gegnerischen Kasten nach Steilpässen. Torungefährlich? Harnik? Das Gegenteil ist mittlerweile der Fall. Ob er nun endgültig zum Mittelstürmer mutiert? “Ich spiele auch bei der Fortuna keinen reinen Mittelstürmer, das war ich noch nie und werde es wohl auch nie sein. Ich möchte mich aber auch auf keine Position fest legen, sonst beraube ich mich ja  meiner Vielseitigkeit.”

Eine Vielseitigkeit, die sich momentan einseitig in Toren zeigt, die Harnik aber nicht zu hoch hängen möchte. “Das ist für mich sekundär, der Erfolg der Mannschaft steht an erster Stelle”, lässt er mannschaftsdienlich durchklingen und fügt dann nicht unerwartet an: “aber ich möchte natürlich mit möglichst vielen Toren und guten Leistungen dazu beitragen.” Mannschaftlicher Erfolg heißt in diesem Falle übrigens auch möglicher Aufstieg.

Hätte die Fortuna ein Tor mehr erzielt, sie würden in der Tabelle nach der Hinrunde auf einem Aufstiegsplatz stehen. Doch trotzdem: ist es nicht verfrüht, den Aufstieg anzupeilen? Nicht sogar arrogant, als Aufsteiger mit einem guten Lauf sich ernsthaft Gedanken über die erste Liga zu machen? Harnik sieht das keineswegs so. “Wir wurden jetzt schon wochenlang mit dem Thema konfrontiert, auch, weil wir zu recht da oben stehen. Es hat nichts mit Arroganz zu tun, über unseren derzeitigen Erfolg zu sprechen.” Die Gegenwart zu thematisieren ist in Ordnung, bei der Zukunft hält man sich doch noch etwas zurück. “Über einen Aufstieg, der noch so viele Spiele entfernt wäre, denkt bei uns keiner nach.”

Mit Sebastian Prödl konnte Martin Harnik im Sommer den DFB-Pokalgewinn feiern. Folgt bald die Aufstiegsparty ohne den "Prödler"? ©werderfotos.de

Mit Sebastian Prödl konnte Martin Harnik im Sommer den DFB-Pokalgewinn feiern. Folgt bald die Aufstiegsparty ohne den "Prödler"? ©werderfotos.de

Auf die Rückrunde blickt man allerdings nicht nur entspannt, sondern auch ambitioniert. “Wir sind als Mannschaft unglaublich eng zusammen, leben von unserem Teamgeist, der Unterstützung durch die Fans und auch der ganzen Stadt”. Eine Euphorie ist zu spüren. Allerdings eine sympathische Euphorie, denn in anderen Städten wären die Erwartungen bereits in Forderungen umgeschlagen und ein immenser Druck auf die Mannschaft für die Rückrunde projiziert worden.

Ein Druck, der dann Rückschläge nicht mehr leicht verkraften lassen würde. So wie bspw. die 2-1 Niederlage der Fortuna gegen den FC St. Pauli. “Ich war sehr enttäuscht und das Spiel, das wir meiner Meinung nach auch zu Unrecht verloren haben, schwirrte mir noch einige Tage im Kopf herum”, so Harnik, dessen Kumpel aus Bremer Zeiten, Max Kruse, ihm dann wenigstens etwas Abstand gönnte. “Max hat mich fairerweise in Ruhe gelassen und ein paar Tage später habe ich ihn dann angerufen.” Um doch ein paar Sprüche abzukommen, wie der letzte Woche Worum.org verriet.

Überhaupt hat Harnik noch gute Kontakte nach Bremen, vor allem zum Ösi-Kollegen Sebastian Prödl (“Wir stehen weiterhin in engem Kontakt”), auch wenn ihm das in Werderfankreisen schon weit verbreitete ‘Prödeln’ noch unbekannt ist (“Davon habe ich noch nicht gehört”). Sein Anteil an dessen Wechsel zu Werder? “Er hat sich eine Meinung bei mir eingeholt” verriet Harnik, “doch überreden musste ich ihn in keinster Weise.”

Überreden, Weihnachten ausgiebig zu feiern, muss man Martin Harnik dieser Tage nicht. Er hat allen Grund dazu, sportlich geht es ihm so gut wie nie. Wo er feiern wird? Bei seiner Familie in Hamburg? Der Teilzeitheimat Bremen? Bei der Verwandtschaft in der Steiermark? Während er zurecht moniert, dass dort eine Option fehlt (“Ist denn Düsseldorf keine Alternative?”), wünschen wir ihm ein frohes Weihnachtsfest, Hoffen auf ein Wiedersehen in Bremen, danken ihm für seine Zeit und ignorieren bewusst den Ort der Feierlichkeiten (“Ich feier’ bei meiner Familie in Hamburg”). Merry christmas.