Liebhaber des Offensivfußballs: Max Kruse im Interview

17.12.09 | von | Kategorie: Interviews | 3 Kommentare

Wenn Hamburg, dann doch bitte St. Pauli und nicht der HSV. So sah es auch Max Kruse, als er vor knapp sechs Monaten von Werder Bremen zum FC St. Pauli wechselte. Und das, obwohl der aus der Hamburger Region stammende 21jährige in seiner Kindheit Fan des Hamburger SV war. Bei seinem neuen Klub ist er mittlerweile nicht nur in der Stammelf angekommen, sondern war in den letzten Wochen auch Leistungsträger. Sechs Tore und zwei Vorlagen in acht Spielen.

Nicht nur, aber vor allem auch möglich, weil Kruse im Sommer offensichtlich eine perfekte Entscheidung bei der Wahl für den nächsten Karriereschritt getroffen hat. Vom Offensivfußball, den er von Werder in der ersten als auch in der dritten Liga gewohnt war, ging es in die zweite Liga. Und genau zu dem Team, dass dort in dieser Saison mit Abstand den attraktivsten und offensivsten Ball spielt. Wenn dann noch der Erfolg dazu kommt, ist man entweder in Bremen oder eben beim FC St. Pauli. Der Klub steht derzeit auf Platz 2 der Tabelle, wird auf einem Aufstiegsplatz überwintern. Nach dem DFB-Pokalspiel im September könnte es nächste Saison also ein weiteres Wiedersehen in Bremen geben. Bevor das passiert hat sich Max Kruse habe die Zeit genommen, Worum.org einige Fragen zu seiner Vergangenheit, der Gegenwart und natürlich der Zukunft zu beantworten.

Max Kruse, von Januar 2006 bis Juni 2009 bei Werder ©werderfotos.de

Max Kruse (21), Jetzt beim FC St. Pauli. Vorher von Januar 2006 bis Juni 2009 bei Werder Bremen ©werderfotos.de

Worum.org: Hallo Max, wie geht es Dir derzeit?

Max Kruse: Danke, sehr gut.

Ist der Nagel von der Knie-OP mittlerweile raus aus dem Bein, gibt es noch irgendwelche Einschränkungen?

Nein, der Nagel ist noch drin. Am Ende der Saison wird er rausgenommen – sprich nach dem letzten Bundesligaspiel. Aber Beschwerden habe ich keine mehr.

Hast Du mittlerweile eine Wohnung in der Stadt gefunden?

Ja, habe ich. Meine Wohnung liegt ganz in der Nähe des Trainingsgeländes.

Eine diplomatische Antwort auf die Frage, ob Dir die Stadt Hamburg oder Bremen zum Leben persönlich mehr zusagt?

Ich denke, dass beide Städte ihre Vor- und Nachteile haben. Bremen ist etwas kleiner und gemütlicher, hat aber nicht so viele Attraktionen wie Hamburg. Aus diesem Grund kann man jeder Stadt etwas abgewinnen. Im Großen und Ganzen kann man aber sagen, dass ich mich in beiden Städten wohl fühle.

Du warst früher HSV-Fan. Das war sicherlich bei Werder schon nicht leicht, aber wie hat man es beim FC St. Pauli aufgenommen? Gab es ein Abschwör-Ritual?

HSV? Davon weiß ich nichts. (lacht) Nein, also ein Abschwör-Ritual gab es nicht. Ich habe mich dazu bekannt, dass ich früher HSV-Fan war, aber das hat sich bereits zu Werder-Zeiten gelegt und von daher gibt es in der Hinsicht keine Probleme.

Mathias Hain sagte einmal nach seinem Wechsel zu St. Pauli, dass er sich “richtig umgewöhnen” musste. Natürlich gefiel es ihm dann umso mehr, aber siehst auch Du die Umgewöhnung und die Unterschiede zu anderen Klubs?

Es gibt sicherlich Unterschiede. Ich denke jedoch, dass sich dies ausschließlich auf den sportlichen Bereich und auf die Trainingsmethoden bezieht. Vom Umfeld her ist es wie bei anderen Profiklubs.

Wie viel „Kultklub“ bekommt man im Alltag mit?

Auf jeden Fall eine Menge. Gerade wenn man sieht, wie nah die Fans am Verein dran sind. Das ist einfach mehr verbreitet als in anderen Vereinen.

Spürt man die Rivalität Pauli-HSV in der Stadt?

Jein. Ich würde sagen derzeit spürt man es nicht so sehr. Ich zumindest nicht. Da der HSV momentan in einer anderen Liga spielt, wird man damit nicht so konfrontiert.

Zum Sportlichen: Wie schnell war der Schritt von der dritten Liga in die zweite Bundesliga vollzogen? Hängt man da die ersten Wochen noch hinten dran?

Nein. Es gibt lediglich Unterschiede im Bezug auf die Kondition, aber das legt sich in der Vorbereitung. Natürlich ist die 2. Bundesliga etwas schneller. Doch gerade bei Werder haben wir in der zweiten Mannschaft schnellen Fußball gespielt. Viele haben auch bei den Profis mitgewirkt und deshalb hängt man vom spielerischen Gesichtspunkt nicht hinterher.

Von Werder zu St. Pauli. Liebt Max Kruse Offensivfußball wirklich so sehr?

Ja!

Bei Holger Stanislawski hat man das Gefühl, dass er das richtige Verhältnis zwischen Ernsthaftigkeit und Spaß am Fußball übermitteln kann. Kann man es so kurz zusammenfassen oder was zeichnet ihn als Trainer aus?

Gerade bei Holger Stanislawski ist es so, dass er sich nicht über die Mannschaft stellt sondern als Teil des Teams sieht. Er glaubt an uns junge Spieler und stärkt uns den Rücken. Ich denke, dass macht ihn einfach aus.

Wer aus der Mannschaft kam eigentlich auf die Idee, die sagen wir mal herrlich verrückten Torjubel einzustudieren?

Zu dem Zeitpunkt war ich verletzt. Wer also genau auf die Idee gekommen ist, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass wir ein paar Trainingseinheiten damit verbracht haben.

Kruse bei der DFB-Pokalfeier im Mai 2009 mit Sebastian Boenisch ©snapfactory.de

Kruse bei der DFB-Pokalfeier im Mai 2009 mit Sebastian Boenisch ©snapfactory.de

Nichts zu jubeln gab es im September: War es ein komisches Gefühl, nicht mehr für sondern im DFB-Pokal auf einmal gegen Werder Bremen anzutreten?

Ich denke, dass ist für jeden Spieler, der gegen seinen Ex-Klub spielt, eine besondere Situation. Das war es natürlich auch für mich. Trotzdem habe ich mich auf das Spiel gefreut.

Ist nach dem Wechsel Deine Einstellung gegenüber dem Verein Werder Bremen eine andere?

Nein. Ich hatte immer eine positive Einstellung zu Werder Bremen. Auch wenn es ein bisschen unglücklich gelaufen ist. Aber durch den Wechsel hat sich nichts geändert. Ich respektiere den Verein genauso wie vorher und wünsche ihm natürlich alles Gute.

Du sagtest damals bei Deinem Wechsel, bei den Gesprächen um Deinen auslaufenden Vertrag „kam zu wenig“ von Werder. Zu wenig Bemühen um Dich oder schlichtweg zu wenig Perspektive, eine richtige und für Dich passende Chance bei den Profis zu haben?

Meiner Meinung nach greift das beides ineinander. Ich hatte das Gefühl, dass man sich nicht um mich bemühen würde und dachte mir, dass meine Chancen wahrscheinlich nicht so gut sind. Dadurch fiel die Entscheidung recht schnell, dass der Weg Richtung Hamburg gehen würde.

Enttäuscht gewesen, dass damals nach der Fußballparty gegen Bielefeld kein zweiter Bundesliga-Einsatz folgte?

Definitiv. Ich habe mir natürlich mehr erhofft. Zu der Zeit hatte ich einen guten Lauf und ich weiß nicht genau woran es gelegen hat.

Zu Beginn der Saison 2008/2009 hast Du mit starken Leistungen bei der U23 auf Dich aufmerksam gemacht. Ohne die dann folgende schlimme Verletzung wärst Du jetzt fester Bestandteil des Profikaders von Werder. Richtig oder zu positiv gesehen?

Das können wir leider nicht mehr herausfinden, aber ich denke, dass ich auf einem guten Weg war den Sprung zu schaffen. Aber so ist es nun mal im Fußball. Dinge passieren, die man nicht vorhersehen kann und damit muss man leben.

Gab es noch andere attraktive Angebote und was war letzten Endes der Hauptgrund, dass der FC St. Pauli das Rennen gemacht um Dich gewonnen hat?

Es gab Anfragen, aber nichts Konkretes. Im Endeffekt wurde es zwischen Werder und dem FC St. Pauli entschieden. Hamburg war auch schon früher meine Heimat und deswegen hatte ich auch kein Problem damit, dass Angebot sofort anzunehmen.

Woran scheiterte die von Helmut Schulte geplante Leihe im Sommer 2008 sowie Januar 2009?

Von der Leihe im Sommer 2008 weiß ich nichts. Dass es im Januar 2009 einen Anfrage gab, kann sein. Sicherlich lag es auch daran, dass noch nicht klar war, wann ich wieder fit werde. Zu der Zeit hatte ich gerade meinen Schienbeinbruch und versuchte mich auszukurieren. Meine Zukunft war einfach noch zu unsicher, so dass wir gesagt haben, dass es noch zu früh wäre für einen Wechsel.

War ein Leihgeschäft wie beispielsweise bei Kevin Schindler oder Martin Harnik für Dich keine Option für den Sommer 2009? Verlängern, aber trotzdem zu Pauli können?

Gedanken habe ich mir natürlich gemacht. Wenn ich jedoch zwei oder drei Jahre verlängert hätte und bei St. Pauli keine Spielpraxis gesammelt hätte, müsste ich definitiv wieder zurück. Nächstes Jahr hätte ich dann wieder bei Werder in der Zweiten gestanden. Mein Ziel ist es aber mich weiterzuentwickeln und nicht auf der Stelle zu treten.

Apropos Martin Harnik: wie viele Versuche gab es, Martin ebenfalls nach St. Pauli zu locken? Es hieß, der Verein hätte ihn auch gerne verpflichtet.

Es gab ein paar Gespräche zwischen uns. Versuche zu locken, gab es aber nicht. Ich glaube Martin hatte zu der Zeit ein Angebot von St. Pauli vorliegen, aber das hat wohl mit Werder nicht richtig gepasst und von daher konnte ich da leider auch nichts machen. Aber natürlich hätte ich ihn gerne hier gehabt.

Wie lange hast Du ihn nach Deinem Tor und dem daraus resultierenden 2-1 Erfolg gegen ihn und seine Fortuna noch geärgert?

Noch circa eine Woche bis zum nächsten Ligaspiel. Da habe ich mich natürlich dann bereits aufs nächste Spiel vorbereitet. Er hat sich auch erst vier Tage später gemeldet, damit es nicht zu viel für ihn wird. Ich habe ihn noch ein bisschen genervt, aber dann war es auch schnell wieder gegessen.

Ist es eigentlich richtig, dass Martin und Dich damals der HSV verpflichten wollte, ihr euch dann aber für Werder entschieden habt?

Das ist richtig. Wobei die Bemühungen um Martin größer waren und ich eher zufällig mit in die Transferverhandlungen reingerutscht bin.

Welche anderen Kontakte und Freundschaften aus Deiner Zeit in Bremen sind auch nach dem Wechsel noch aktiv?

Ich habe gerade in der zweiten Mannschaft viele gute Freunde gehabt. Mit Einem der jetzt in der Schweiz spielt (Anm.: Kevin Fickentscher), habe ich früher in der A-Jugend zusammengespielt. Mit ihm bin ich noch sehr gut befreundet und aus der jetzigen U23 gibt es auch noch zwei bis drei Spieler mit denen ich regelmäßig Kontakt habe.

Mit Philipp Bargfrede hat nach einiger Zeit wieder ein Spieler aus dem eigenen Werdernachwuchs den Sprung zu den Profis geschafft. Du kennst die meisten Jungs aus der U23 noch sehr gut, wer wird Deiner Meinung nach der Nächste sein?

Da gibt es meines Erachtens mehrere potentielle Anwärter. In der zweiten Mannschaft von Werder gibt es viele gute Fußballer. Sebastian Mielitz ist jetzt öfter dabei und wenn er die Geduld hat und Tim Wiese irgendwann mal wechseln sollte, hat er bestimmt auch die Möglichkeit Nummer Eins zu werden. Hinzu kommt Thorsten Oehrl im Sturm, der sicher auch eine gute Chance hat, den Sprung zu schaffen.

Immer und immer wieder gibt es Diskussionen in Fußballdeutschland um die zweiten Mannschaften von Profiteams und deren Eingliederung in den Ligen. Welche Vorteile siehst Du gegenüber einer eigenen Nachwuchsrunde, wie es sie bspw. in England gibt?

Meiner Meinung nach gibt es zwei große Vorteile. Das sind zum einen die Zuschauer. Da man bereits in der 3. Liga vor großem Publikum spielen kann,  lernt man mit dem Druck umzugehen. So bekommt man später in der ersten Mannschaft nicht das Flattern, wenn man vor 40.000 Zuschauern spielt. Ich denke, dass ist gerade auch für junge Spieler wichtig. Zum Zweiten ist es gut, dass man bereits an die Härte gewöhnt wird, die der Profifußball einfach mit sich bringt.

Zurück zu Dir: Hast Du langfristige Ziele? Aufstieg, Nationalmannschaft, Auslandswechsel…?

Jeder von uns träumt davon, in der 1. Bundesliga zu spielen. Wir haben in diesem Jahr eine wahnsinnige Chance den Aufstieg zu schaffen. Sofern wir so weiter arbeiten wie bisher. Sicherlich ist es mein Ziel innerhalb der nächsten zwei Jahre in der Bundesliga zu spielen. Zur Nationalmannschaft kann ich so viel sagen, dass ich bisher einmal bei der U21 dabei war und es ein sehr schönes Gefühl war. Ich hoffe aufgrund meiner guten Leistungen in den letzten Wochen, auch dort wieder einmal eingeladen zu werden.

Ans Ausland denke ich hingegen gar nicht. Ich fühle mich wohl in Deutschland und hoffe, dass es auch so bleiben wird.

Wie kann man sich den Menschen Max Kruse vorstellen? Extrovertiert, Einzelgänger, zurückhaltend…?

Zurückhaltend passt eher weniger. In der Öffentlichkeit muss ich nicht unbedingt im Vordergrund stehen, aber privat und unter Freunden bin ich ganz offen.

Gibt es schlechte Angewohnheiten?

Nein. (lacht) Doch ganz klar, ich bin sicherlich ein wenig stur, alles andere müssen andere beurteilen.

Wie schaltest Du nach Trainingseinheiten und Spielen ab? Musik, DVDs…?

Ich fahre nach Hause und mache mir einen schönen Abend oder Nachmittag mit meiner Freundin. Sie hilft mir schon sehr beim entspannen und auch dabei einfach mal abzuschalten.

Das Millerntor-Stadion. Ab Sommer 2010 wieder 1.Bundesliga-Standort?

Das Millerntor-Stadion. Ab Sommer 2010 wieder 1.Bundesliga-Standort?

Zum Abschluss ein paar Einschätzungen: der FC St. Pauli schafft den Aufstieg?

Wenn wir so weiterarbeiten wie bisher, dann ja.

Werder Bremen erreicht diese Saison Platz …?

Zwei.

Bei einem Europapokalendspiel in Hamburg mit Werder-Beteiligung bist Du im Stadion?

Ja, definitiv!

Werders U23 schafft den Klassenerhalt?

Ich hoffe es sehr.

Fortuna Düsseldorf bleibt in Liga 2 und Du hast am Ende mehr Tore auf dem Konto als Martin Harnik?

(lacht) Eine Wette gibt es noch nicht. Wichtig ist nicht wer die Tore schießt, aber natürlich würde ich mich freuen wenn ich weiterhin so treffe wie bisher.

Das wünschen wir Dir – genauso wie besinnliche Feiertage. Danke für Deine Zeit.

Mit freundlichem Dank und Grüßen an den FC St. Pauli sowie Joy Dahlgrün-Krall bzw. der Presseabteilung.

Max Kruse im WorumWiki, Diskussionsthread im Forum, Profil auf FCStPauli.com.