Jens Lehmann und die Moral von der Geschicht

14.12.09 | von | Kategorie: Allgemeines | 3 Kommentare

Vor sieben Wochen machte Jens Lehmann seinem Erziehungsauftrag als Vorbild alle Ehre, als er einen Missstand öffentlich bemängelte: die Erziehung der Kinder. Da gab es einen 14jährigen Balljungen, der sich so schlimm und böswillig verhielt, dass dies unseren WM-Helden von 2006 richtig wütend machte. Er werde seine Kinder sicherlich besser erziehen als es die Eltern dieses Balljungen gemacht haben. Wie genau das aussieht, hat er uns in den letzten Tagen gezeigt: Jens Lehmann, der Super-Erzieher im Einsatz.

Es begann am Donnerstag, 3. Dezember: Noch-Trainer Markus Babbel versucht sich im Aktionismus und entmachtet Kapitän Thomas Hitzlsperger. Doch auch Lehmann wird ‘erzogen’, sein jeweils freier Tag nach einem Spieltag fällt weg, er muss ab sofort zum Auslaufen mit der Mannschaft anfliegen antanzen. Babbel dazu: “Die Entscheidung hat er akzeptiert.” Für seine Kinder sei daher festgehalten:

Die Moral von der Geschicht: Extrawürste braucht auch der Papa nicht.

Dienstag, 8. Dezember: Babbel ist mittlerweile nicht mehr Trainer, Christian Gross hat übernommen. Beim TV-Sender Sky gibt Lehmann ein Interview, das es in sich hat. Die VfB-Bosse hätten Babbel lediglich aufgrund des Fan-Widerstands entlassen (“Das hat dann wohl den Ausschlag gegeben, den Verein dazu zu bewegen, Entscheidungen zu treffen.”), das Standhalten gegenüber einem (falschen) öffentlichen Verlangen wäre auf Dauer besser, aber nur von einem starken Verein zu bewerkstelligen. Was im Umkehrschluss seinen Arbeitgeber und deren Verantwortliche zu einem schwachen Verein macht.

Aber noch nicht genug. Lehmann hat exklusiv die Starken und die Schwachen in der Mannschaft ausgemacht. Die Schwachen im Team hätten sich über die Extrawürste für den Ex-Nationaltorhüter moniert, daher seien die freien Tage für ihn gestrichen wurden. Teamgeist hin und her, aus Erfahrung weiß Lehmann, dass “man nie das machen sollte, was die Schwachen verlangen, da man dann keinen Erfolg haben wird”.

Und dann nach den Sticheleien gegen Mitspieler und VfB-Verantwortliche noch das Sahnehäubchen: gegenüber dem Sky-Reporter sagt Lehmann “Sie können sich vorstellen, dass ich in meiner letzten Saison für den Abstiegskampf keine Motivation verspüre.” So geht Abstiegskampf heute. Können wir nun bitte alle die DFL informieren, dass der VfB diese Saison nicht absteigen darf? Schließlich ist es die letzte Saison von Lehmann und er hat nun mal keine Lust auf Abstiegskampf. Oder kann bei den Schwaben mal zwischendurch mal ein anderer Torhüter zwischen die Pfosten? Ab Platz 14 würde Erzieher Jens dann wieder mitmachen.

Die Moral von der Geschicht: Alle sind schwach, nur der Papa nicht.

Mittwoch, 9. Dezember: Während des Champions League-Spiels gegen Urziceni verlässt Lehmann in der 80. Minute kurzzeitig sein Tor, springt hinter die Werbebande und erleichtert seine Blase. Pulleralarm in Stuttgart. Freude beim Fotografen, dem der Ausrüstungskoffer gehörte, den Lehmann ‘traf’.

Jens Lehmann hinter der Bande in der 80. Minute des CL-Spiels gegen Urcizeni. © SKY (Screenshot)

Jens Lehmann hinter der Bande in der 80. Minute des CL-Spiels gegen Urziceni. © SKY (Screenshot)

Die Moral von der Geschicht: seine Blase kontrollieren kann der Papa nicht.

Freitag, 11. Dezember: Der VfB Stuttgart bestraft Lehmann. Für seine vereinsschädigenden Äußerungen unter der Woche bekommt der Torhüter eine Abmahnung sowie eine Geldstrafe in Höhe von 40.000 Euro. Aber: Lehmann sieht das nicht ein. Gegenüber Bild erklärte er: “Ich akzeptiere die Geldstrafe nicht. Den Grund dafür habe ich dem Vorstand dargelegt.” In einem Gespräch am Freitagnachmittag hoffte Sportdirektor Horst Heldt, Lehmann davon zu überzeugen, dass die Strafe begründet und richtig sei. Sowohl Heldt als auch der Bestrafte äußerten sich nach dem Gespräch nicht mehr zum Thema.

Die Moral von der Geschicht: Alle zahlen Strafen, nur der Papa nicht.

Sonntag, 13. Dezember: Das Highlight der Lehmann-Aktionswochen. Beim Spielstand von 1:0 für den VfB attackiert der Torhüter den Mainzer Stürmer Aristide Bance. Als er nach einer Chance des FSV den Ball aufnimmt, läuft er aus seinem Kasten direkt auf Bance zu und steigt diesem absichtlich auf den Fuß. Wohlgemerkt: kurz vor Schluss, bei einer 1:0 Führung des eigenen Teams und im eigenen Strafraum. Bei sicherem Ballbesitz. Für seine Aktion erhält Lehmann die rote Karte, den anschließenden Elfmeter verwandelt der Mainzer Polanski zum 1:1 Endstand. Glücklicherweise hatte VfB-Trainer Gross vorher nur zwei Mal gewechselt, sonst hätte auch noch ein Feldspieler zwischen die Pfosten gemusst.

Was Lehmann zu der Aktion bewogen hat? Das weiß nur er selber. Rausreden wird nicht möglich sein, da auf den TV-Bildern deutlich zu sehen ist, wie er zielgerecht auf Bance zuläuft und ganz bewusst seinen Schlappen auf dem des Mainzers platziert. Nun kann man ein Gag-Feuerwerk erwarten, denn schließlich ist Lehmann durch seine Spielereien der letzten Woche zum Clown verschrien und die tragen nun mal riesige Latschen. Zufall, dass man dann eben Füße anderer Leute trifft. Oder auch: Wer extra freie Tage hat und mit dem Hubschrauber zum Training kommt, der lebt halt auf großen Fuß. Undsoweiterundsoweiterundsoweiterundsofort.

Natürlich muss man erwähnen, dass Bance einige Minuten vorher den Torhüter gelbwürdig anging und dass ein 1,92m großer Sportler nicht so theatralisch zu Boden sinken muss. Vielleicht hat aber Lehmann genau darauf spekuliert: dass die Aktion vom Schiedsrichter und seinen Assistenten nicht gesehen wird, weil Bance sich nicht so anstellt und eventuell sogar zurückschubst. Dann hätten wir ihn wieder: den braven Torhüter, der von gegnerischen Stürmer unfair angegangen wird. Erinnert sei an das Werder-Gastspiel in Stuttgart, als er Marin gerne noch einen mitgegeben hätte. Auch in der Hoffnung, dass der sich revanchiert.

Die Moral von der Geschicht: Treten tun die Anderen, nur der Papa nicht.

Sonntag, 13. Dezember, Zugabe: Mario Basler wäre stolz auf Lehmann. Der Ex-Bremer hatte nach einem Spiel mal die Kamera-Abdeckung eines Reporters von dessen Kamera gemopst. Nun hat er (endlich!) einen würdigen Nachfolger für seine Aktion gefunden. Wen? Natürlich Jens L., unser aller Vorbild. Als er das Stadion in Mainz nach dem Spiel verließ beschwert sich ein Fan bei ihm über die Lehmann’schen Eskapaden. “Einmal normal, nur einmal ganz normal…” fordert der Fan von Lehmann, dass dieser sich endlich mal zusammenreißt und sich auf seine Leistung auf dem Platz konzentriere.

Doch Lehmann, wortgewandt wie er ist, nimmt dem Fan die Brille von der Nase und zieht von dannen. Eher erstaunt als wütend trabt der Fan dem Ex-Nationaltorwart hinterher und bittet um Rückgabe seiner Brille. Bis dieser knapp 20 Meter weiter die Brille wieder rausrückt. Wortlos. Kindisch.

Lehmann mopst dem Fan die Brille von der Nase ... © DSF (Screenshot)

Lehmann mopst dem Fan die Brille von der Nase ... © DSF (Screenshot)

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... und macht sich mit der Beute auf dem Weg zum VfB-Bus ... © DSF (Screenshot)

... um nach 20 Metern und einigen Bitten dem Freund des Brillenbesitzers die Brille doch noch auszuhändigen. © DSF (Screenshot)

... um nach 20 Metern und einigen Bitten dem Freund des Brillenbesitzers die Brille doch noch auszuhändigen. © DSF (Screenshot)

Ob dies ein höchst intellektueller Hinweis von Lehmann darauf war, dass er Bances Fuß übersehen hatte, weil er seine Brille nicht dabei hatte?

Die Moral von der Geschicht: ohne Brille sieht der Papa nicht.

Fazit: Man muss mittlerweile stark daran zweifeln, dass der VfB Stuttgart die Eskapaden von Lehmann weiterhin toleriert oder lediglich rügt. Gerade in der schwierigen Situation des Klubs schadet der eigentlich doch so erfahrene Torhüter seinem Klub mehr als das er ihm hilft. Das Spiel beim FSV Mainz könnte der letzte Bundesliga-Auftritt von Jens Lehmann gewesen sein. Das gut erzogene Vorbild würde damit als doppelter Rekordhalter in die Geschichtsbücher der Bundesliga eingehen. Die meisten gelben Karten für einen Torwart? Jens Lehmann mit 33. Die meisten Platzverweise? Jens Lehmann mit 5. Natürlich nur, weil er so oft gespielt hat. Weswegen sonst?

Am 26. Oktober diesen Jahres sagte Lehmann nach dem Hannover-Spiel und dem Balljungen-Vorfall:  “Ich muss nach Hause, meine Kinder gut erziehen, damit die sich korrekt verhalten.” Hoffentlich ist er zu Hause ein anderes Vorbild als außerhalb der eigenen vier Wände.

Die Moral von der Geschicht: so witzig wäre die Bundesliga ohne Lehmann nicht.