Ein Fußballsamstag in Japan

09.12.09 | von | Kategorie: Fans | Keine Kommentare

Der Samstag gehört König Fussball. Das galt vor allem letzte Woche. Schon um 11h holte mich mein Mannschaftskapitän Tomichan mit dem Auto ab – es ging nach Toyota. Toyota ist eine Stadt in Aichi (der Präfektur, in der auch Nagoya ist), die in der Tat nach der relativ bekannten Automarke benannt ist. Hier steht das Hauptwerk Toyotas, also das Wolfsburg oder Detroit Japans. Ausser Autos werden hier aber auch Tore produziert! Im Toyota-Stadion (ich weiss, die Namensgebung ist unheimlich kreativ) spielt Nagoya Grampus Eight die Hälfte seiner Heimspiele aus. Und wir hatten Karten!

Zunächst fuhren wir etwa eine Stunde durch den Moloch Nagoya City und holten einen weiteren Mannschaftskameraden ab (Koike-kun, neben einem begnadeten Fussballer auch ein guter Musiker, wie ich nach dem Hören seiner CD feststellte!). Eine weitere Stunde fuhren wir durch das ländlichere Toyota (das Stadtgebiet ist tatsächlich größer als Nagoya-Stadt, dementsprechend grün bzw. gold-gelb-rot – siehe ein Post weiter unten – ist es), bis wir schliesslich unser Ziel erreichten: Das Toyota-Stadion!

Das Stadion, dass ein bisschen aussieht wie ein gelandetes UFO, ist schön am Stadtrand an einem malerischen Fluss gelegen, der von einer futuristischen Brücke überspannt wird.

Die Einlasskontrollen waren sehr lasch, so dass wir unsere mitgebrachten (natürlich unalkoholischen!) Getränke problemlos mit reinschmuggeln konnten. Wahrscheinlich könnte man alles reinschmuggeln, weil „der Japaner an sich“ aber brav ist und keinen Quatsch macht, besteht wohl kein Grund zur Sorge.

Das Stadion ist ein reines Fussballstadion, was eine Seltenheit in Japan ist. Die Tribünen sind steil und hoch, man kann von überall gut sehen. Wir waren im Oberrang der Fankurve untergebracht, von wo aus man einen prächtigen Blick auf Spielfeld und Fans hat:

(Hier gibt es das Foto als Panoramabild)

Im Jahr 2001 für die WM in Japan und Korea gebaut, aber dann doch nicht als WM-Standort berücksichtigt, fasst das moderne Stadion mit Faltdach 45.000 Zuschauer. Ausverkauft ist es aber nur selten – z.B. wenn Nagoya gegen die Urawa Red Diamonds spielen. Diese sind vor allem für ihre fanatischen Fans bekannt, die in Scharen ihrer Mannschaft hinterherreisen und jedes Spiel zu einem Heimspiel machen.

Der Gegner in diesem Spiel hieß aber nur Yamagata Montedio, ein Club, der etwa 12 Autostunden von Nagoya entfernt liegt. Dementsprechend wenige Fans waren in Blau gekleidet, und trotzdem flösste mir die Treue dieser Fans Respekt ein. Seiner Mannschaft, die sportlich ungefähr den gleichen Stellenwert besitzt wie der VfL Bochum in der Bundesliga, hunderte Kilometer zu folgen, um sich 2 Stunden die Seele aus dem Hals zu brüllen – das ist wohl Fußball.

Sehr angenehm überrascht hat mich das schlanke Rahmenprogramm im Stadion. Während im Weserstadion die beiden Stadionsprecher mit dümmlichen Spielen nerven und man von Sponsorengedöns zugedröhnt wird und keine Minute Ruhe hat, haben die Fans hier wirklich noch die Möglichkeit, sich vor dem Spiel warmzusingen. Während die Spieler sich also auf dem Feld warmlaufen- und schießen, feiern die Fans schon ihre Spieler. Ich weiss nicht, ob wirklich jeder Spieler ein eigenes Lied hat, die Palette an Liedern ist aber wirklich sehr breit. Hier wird gerade Keiji Tamada gefeiert:

Auffallend ist, dass es nur wenige gibt, die nicht mitsingen oder -klatschen. Somit ist die Atmosphäre trotz weniger Zuschauer wirklich großartig – auch während des Spiels. Obwohl die Fans also ordentlich einheizten, plätscherte das Spiel ein bisschen vor sich hin. Vielleicht bin ich aber auch einfach von Werder verwöhnt…

Nach 20 Minuten musste ein alter Bekannter vom Feld: Joshua Kennedy, der dem ein oder anderen Fussballbegeisterten durchaus noch ein Begriff sein könnte, konnte nicht mehr weiterspielen, nachdem er einen missglückten Befreiungsschlag aus kurzer Distanz ins Gesicht bekam.

Nach etwa 40 Minuten fiel dann endlich das 1:0 für Nagoya. Grampus war über die linke Seite gekommen, der flinke Linksverteidiger Shohei Abe passte quer in den Strafraum, und der offensive Mittelfeldspieler Ogawa machte das Ding nach einer schnellen Drehung kompromisslos flach rein.

In der Halbzeitpause gabs kein Bier, dafür hätte man nämlich ziemlich weit laufen müssen. Außerdem war es relativ kühl, und Glühwein gibts in Japan nicht. Deswegen begnügte ich mich mit einer Halbzeitkippe (im Stadion herrscht Rauchverbot!) und trank weiter meinen reingeschmuggelten grünen Tee.

In der zweiten Halbzeit machte weiter nur Nagoya das Spiel. Yamagata beschränkte sich eigentlich darauf, weite Befreiungsschläge zu machen, vielleicht hofften sie, so weitere Spieler von Nagoya aus dem Spiel zu nehmen. In der sechzigsten Minute war es dann so weit: Shohei Abe ließ auf der linken Seite 2 Spieler stehen, dribbelte in den Strafraum und spielte einen kurzen Pass auf Yamaguchi, der den Ball aus spitzem Winkel am Torwart vorbeischob – 2:0! Hochverdient!

Jetzt hoffte ich als einigermaßen neutraler Zuschauer darauf, dass Yamagata jetzt das Spiel machen würde. Aber nix. Spätestens am Strafraum war Schluss, und Nagoya konnte einen weiteren Angriff aufbauen. Dies passierte aber eher bedächtlich, der Trainer Stojkovic (vielleicht auch noch dem ein oder anderen ein Begriff) ließ seine Jungs kontrolliert spielen. So konnte sich keine weitere Dramatik im Spiel aufbauen, immerhin blieben die Fans ihrer Linie treu und sangen ihre Mannschaft nach vorne:

Es gab noch ein mögliches Handspiel im Strafraum und das ein oder andere Foul, was man hätte ahnden können, aber nach 90 Minuten war dann auch gut. Der Schiri pfiff ab, die Mannschaft verabschiedete sich von ihren Fans, Stojkovic hielt eine Rede in der er sich für den Support diese Saison bedankte, es war nämlich das letzte Heimspiel dieser Saison, und wir machten uns langsam auf den Weg.

Wir fuhren zu einer bekannten Hamburger-Kette und schlugen uns den Magen mit Junk-Food voll, schliesslich mussten wir anschliessend auch noch Sport treiben! Es war schon dunkel, als wir schließlich bei unserem angestammten Sportplatz in Fujigaoka ankamen. Wir machten uns warm, was bei der Kälte auch bitter notwendig war, und ich merkte schnell, dass Konzerne, die große Sportveranstaltungen sponsern, dadurch auch kein sportlicheres Essen machten… Die Burger lagen mir schwer im Magen. Als wir die erste Partie anpfiffen, legte ich also gleich mal los, ließ einen Spieler stehen, legte mir den Ball zu weit vor, rannte aber noch hinterher und grätschte dem verdutzten Torwart die Pille weg ins Tor! Was für ein Start!

Danach war ich erstmal total kaputt und ließ es langsamer angehen. Ich hatte ja jetzt schon den Respekt meiner Gegenspieler verdient, da muss man es ja nicht noch übertreiben. Also spielte ich ein paar Fehlpässe, brachte öfters den Ball nicht richtig unter Kontrolle und machte generell nicht zu lange Wege. Unser Gegner blieb aber hoffnungslos unterlegen.

Wenn ich mal im Tor stand (wir spielen immer mehrere Partien von jeweils 10 Minuten und rotieren durch) blieben wir gegentorlos, ohne dass ich großartig Paraden machen musste. Ich glaube wir haben den ganzen Abend nur 3 Bälle reinbekommen, einen aber von nem Mädchen, was dann gleich 3 Tore bedeutet. Wir hatten aber auch 2 Mädels, und eine von denen hat in einem Spiel gleich mal nen Hattrick gemacht. Nich schlecht!

Ansonsten verschoss ich noch einen Handelfmeter, und schoss dem Torwart die Kugel genau in die Arme, nachdem ich bei einem Konter einen Verteidiger gekonnt hatte stehen lassen. Meinen später doch noch etwas größeren Einsatz musste ich übrigens mit zahlreichen Fouls bezahlen, so dass mir nach 3 Stunden alles weh tat. Ein bisschen Rückenschmerzen hab ich übrigens immer noch.

Tomichan brachte mich nach dem Spiel nach Hause, es war schon 23 Uhr. Nach einem kurzen Bad und etwas Richtigem zu Essen konnte ich sogar noch eine halbe Stunde Werder – Wolfsburg sehen. Als Mertesacker in der 90. Minute den Ausgleich machte, wusste ich: Fussball is ne feine Sache!

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