Nachruf

13.11.09 | von | Kategorie: Allgemeines | 4 Kommentare

Noch immer starre ich ungläubig auf die Banner à la “Robert Enke gestorben”, die im DSF und den anderen Sendern in den Ecken erscheinen. Ich frage mich immer wieder, wie es soweit kommen konnte und tappe dabei ebenso im Dunkeln wie alle anderen auch. Als angehender Journalist frage ich mich aber auch, ob die heutige Medienlandschaft etwas damit zu hat.

Das ist allerdings eine Frage, auf die ich keine Antwort habe und so habe ich mich entschlossen, andere, teilweise auch schon fast vergessene Fälle von Depressionen im Sport neu zu dokumentieren. Durch das Kennenlernen ihrer Herangehensweise mit der Krankheit, kann man vielleicht auch Robert Enkes endgültige Entscheidung verstehen oder in Frage stellen.

Die Liste von Sportlern, die dem enormen Druck der Gesellschaft nicht standhalten konnten, ist lang – sie reicht von Christoph Daum und Diego Maradona, die dem Druck nur durch Kokainkonsum standhalten konnten, bis zu Englands Idolen Paul Gascoigne und Tony Adams sowie Boris Becker, die sich allesamt in den Alkoholmissbrauch flüchteten. Es gab auch schon Todesfälle im Fußballbereich, die ebenfalls durch Depressionen ausgelöst wurden.

Das erste Beispiel, das ich in diesem Bezug ansprechen möchte, ist Rainer Rühle, geboren am 10.06.1956 und gestorben am 07.05.1981, der nicht mal 25 Jahre alt wurde und bei dem als Grund für seinen Selbstmord angegeben wurde, dass er die Trennung von seiner Freundin nicht verkraftet hätte.

Für den aktuellen Bezug bedeutender ist das Beispiel von Guido Erhard, geboren am 06.10.1969 und gestorben am 21.02.2002, er wurde 32 Jahre alt. Auch Guido Erhard musste mehrere, vor allem sportliche Schicksalsschläge ertragen. Er wurde in mehreren Vereinen, trotz großer Beliebtheit und anständigen Torquoten aussortiert. Sein Manko war seine mangelnde Technik – er war ein großer, kämpfender und kopfballstarker Stürmer. Mitspieler bestätigten ebenfalls den sehr guten Charakter von Guido, selbst mit seinen Stürmerkonkurrenten verstand er sich hervorragend.

Beim VfL Wolfsburg kamen bei Guido Erhard die ersten Depressionen, er kündigte seinen Vertrag und fing 1997 wieder an Fußball zu spielen, diesmal beim FSV Mainz 05. Dann trennte sich seine Freundin von ihm und er verfiel wieder in Depressionen. “Einmal fing er auf der Auswärtsfahrt zu einem Zweitligaspiel im Bus plötzlich an, sämtliche Selbstmordmöglichkeiten aufzuzählen”, sagte ein ehemaliger Teamkollege von Mainz 05 und vor dem nächsten Heimspiel gestand er schließlich dem Mainzer Physiotherapeuten seine ersten Selbstmordgedanken. Er wurde ins Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim eingeliefert, wo manisch-depressive Zustände festgestellt wurden. Dort wurde er insgesamt sieben Monate behandelt, doch eine wirkliche Besserung trat nicht ein.

Im Oktober 2000 kam es zu seinem ersten Selbstmordversuch, bei dem sich Guido ein Hotelzimmer mietete und sich dort einen Cocktail aus Alkohol, Schlaf- und Herztabletten mixte. Er überlebte und sagte daraufhin „Ich hatte riesige Angst vor dem Tod. Ich will leben. Jetzt schaff ich es.“

Und er schaffte es auch, es ging aufwärts, durch die Berufsunfähigkeitsrente war er finanziell abgesichert, er hatte eine neue Freundin und fing wieder mit dem Fußball an, beim Bezirksligisten VFR Kesselstadt in Hanau. Doch der nächste Rückschlag ließ wieder einmal nicht lange auf sich warten, 2001 starb sein Vater und Guido zweifelte auch an sich selber, weil er seine Ziele, ein Buch zu schreiben und eine Umschulung zu machen, nicht umgesetzt hatte.

Es ist der 21.10.2001, Spitzenspiel in der Bezirksliga, 83. Minute: Guido Erhard macht einen Seitfallzieher und drischt den Ball ins Netz, es war das entscheidende Siegtor, und sein letztes…
Weihnachten 2001 ging Guido zurück in die Klinik in Offenbach, er isolierte sich vollkommen und ließ nur noch enge Familienangehörige an sich heran.

Mit diesem Beitrag über Guido Erhard möchte ich auch noch mal die Erinnerung an ihn hervorholen, viele der jüngeren Generation werden sich gar nicht mehr oder nur geringfügig (inkl. mir) an ihn erinnern.

Ruhe in Frieden Guido Erhard.

Das jüngste Beispiel für Depressionen im Fußball war bis zum 10.11.09 Sebastian Deisler. Dieser bekannte sich während der Saison 2003/2004 offen zu seiner Krankheit, aber wie reagierte damals die Presselandschaft auf diese Äußerungen?

Überall gab es breites Verständnis für Deisler, trotz der öffentlichen Kritik von Deisler und FC Bayern Funktionären an der Medienlandschaft, die mit ihrem Druck und „Hochgejubel“ des jungen Supertalents einen enormen Anteil an den Depressionen hatten.

Deisler konnte fantastisch Fußball spielen, aber mit dem Geschäft Fußball kam er nicht zurecht, wie auch Teamkollegen bestätigten. Je größer der Druck auf ihn wurde, desto mehr zog er sich zurück.

Die Kommunikation mit den Medien, die ein immer größeres Stück vom deutschen Heilsbringer wollten, lag Deisler nicht – er wollte einfach nur spielen, leider konnte er sich nie auch mit dem Geschäft des Fußballs identifizieren oder zumindest arrangieren.

Doch zum Abschluss muss man festhalten, dass Deisler sich mit seinem Problem an die Öffentlichkeit gewandt hat und er akzeptiert wurde. Auch das Problem von Guido Erhard war öffentlich, aufgrund seines im Vergleich zu Robert Enkes doch eher geringen Standings stand er nie so im Fokus wie ein Nationalspieler, doch auch Guido Erhard wurde akzeptiert.

Warum also machte Robert Enke es nicht auch öffentlich? Ob es die Sorge um seine Tochter war, die Angst, sie wieder zu verlieren? Welches der entscheidende Punkt war, das wird wohl nur Robert Enke selbst gewusst haben, aber Beispiele anderer Spieler haben gezeigt, dass man durchaus in der Öffentlichkeit akzeptiert wird, auch wenn einem das bei dieser Krankheit nicht hilft.

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