Requiem

11.11.09 | von | Kategorie: Allgemeines | 10 Kommentare

Es ist 3 Uhr. Die SWR1 Nachrichten…

Ich kann nicht schlafen. Ich denke über den vergangenen Abend nach.

Gegen 18:25 Uhr habe ich mir gerade einen Tee gemacht und zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, welche Tragödie sich ein paar Hundert Kilometer nördlich von mir abspielte. Später saß ich gerade vor dem Fernseher als mir jemand sagte: “Du, bei der ARD läuft gerade ein Laufband durchs Bild. Enke ist tot!”
Was?! Zu einer bitteren Gewissheit wurden die Worte für mich als sie von Mariette Slomka verlesen wurden, der die Meldung sichtlich naheging.
Warum hat er das getan? Warum gerade jetzt?
Nach und nach kommen weitere Meldungen heraus. Die ARD berichtet live aus Hannover, wo sich Fans und Spieler zur gemeinsamen Trauer versammeln, das DSF telefoniert mit einem geschockten Martin Kind und einem ebenso geschockten Polizeisprecher, die ganze Fußballwelt befindet sich in einer Schockstarre.

Warum geht es mir so nahe? Robert Enke war kein Spieler von Werder, ich habe ihn nicht persönlich gekannt, nur einmal live im Stadion gesehen. Aber wir alle haben Anteil an seinem Schicksal genommen. Als seine herzkranke Tochter verstarb nahmen Fans vereinsübergreifend Anteil daran, als er kurz davor stand, die Nr. 1 im Nationalteam zu werden und sich dann die Hand brach tat es allen leid, dass er seine Chance auf diese Weise verlor.

Enke war kein Lautsprecher, eher ein stiller Typ, der sich intelligent und gewählt ausdrücken konnte und sich damit wohltuend von so vielen seiner Kollegen abhob. Er war auf dem Boden geblieben, hat sich auf das Wesentliche konzentriert, wusste worauf es im Leben wirklich ankommt.
Kahn und Lehmann mach(t) es einem mehr als schwer, sie zu mögen. Viel zu oft vielen sich durch Unsportlichkeiten oder ihre große Klappe auf. Enke war ein fairer Sportsmann, der seinen Gegner Respekt zollte, stets höflich war und neben seinem Berufsleben sozial engagiert.
Dabei musste er durch so viele Täler wandern. Das sportliche Auf und Ab, der private Schicksalsschlag, immer kurz vor dem Ziel zurückgeworfen zu werden.

Welche Spuren, welchen Ausmaß das auf seiner Seele hinterließ, konnte niemand ahnen.

Noch am Nachmittag waren die Themen “Lahm gegen den Vorstand der Bayern” und “niemand will 50+1 abschaffen außer Martin Kind”. Wie schnell all diese kleinen Grabenkämpfe in den Hintergrund treten können, an so etwas denkt keiner.

Schließlich schlafe ich doch ein.

Der nächste Tag.

Die Medien berichten weiter. Selbstmord ist es gewesen, man hat den Wagen von Enke gefunden, einen Abschiedsbrief. Haben wir alle die Anzeichen gesehen? Hätten wir etwas tun können? Wer kann schon wirklich etwas tun?

Der Morgen schleicht dahin, die angekündigte Pressekonferenz des DFB wird verschoben. Das ZDF sendet einen weiteren Beitrag. Der Braunschweiger Töpperwien zeigt sich tiefbetroffen, ein untadeliger Sportsmann sei von uns gegangen und er befürchte, dass es eine Diskussion, Spekulationen, in der Öffentlichkeit geben werde, zum Leid der Familie. Auch der Inhalt des Abschiedsbriefes werde früher oder später herauskommen. Leider. Auf n-tv äußern Politiker mehr oder weniger ehrlich empfundenes Mitleid. Die Uhr geht auf 1 zu, Hannover 96 hält eine Pressekonferenz ab.

Dort wird alles bestätigt, was ich in meiner stillen Kammer vermutet, aber nicht auszusprechen gewagt habe.

Enke hat an Depressionen gelitten, schon seit Jahren. Er hatte panische Angst davor, dass die Öffentlichkeit davon erfahren könnte. Angst, dass niemand einen depressiven Profi braucht. Angst, seine adoptierte Tochter wieder zu verlieren. Angst, wie ein Versager dazustehen.
Sein Arzt hat ihn nicht mehr retten können. Enke brach die Behandlung ab, fasste den endgültigsten aller Beschlüsse.
Ein letztes Mal erschien er am Morgen zum Training um danach nie wieder die Fußballschuhe zu schnüren.

Er hinterlässt seine Ehefrau und die kleine Tochter. Ich bewundere den Mut von Teresa Enke, vor die Presse zu treten und von der Krankheit ihres Mannes zu berichten. Bevor die Aasgeier der Journaille die Geschichte zerpflücken können.

Die Krankheit lag seit Jahren wie ein Schatten auf dem Familienleben der Enkes.

Depression, ein lautloser Killer. Von einer Gesellschaft nicht akzeptiert, die nicht an Krankheiten glaubt, die man nicht auch sehen kann. Jemand mit einem Gipsbein bekommt Mitleidsbekundungen, die Freunde unterschreiben auf dem Gips. Jemand mit Depressionen bekommt bestenfalls den nutzlosen Rat, es doch einmal positiv zu sehen. Der Druck baut sich langsam auf, jeder Rückschlag füttert die Krankheit zunehmends, ohne Hilfe steht in vielen Fällen leider am Ende der Freitod. Der letzte Weg, aus dem Teufelskreis der Krankheit auszusprechen.

Viele lehnen aus Scham die Behandlung ab, wollen nicht als krank oder verrückt dastehen in einer Gesellschaft, die keine Schwäche duldet. Dabei kann es jeden treffen. Unabhängig von Beruf oder sozialem Stand. Die Symptome werden nicht erkannt weil keiner hinsieht oder die Betroffenen sie verstecken, wie ein Alkoholiker seine leeren Schnapsflaschen.

Wer Depressionen hat, der wird aussortiert, wie ein fehlerhaftes Teil an einem Fließband.

Man wünscht sich, man könnte die Welt anhalten um innehalten zu können, einmal über alles nachzudenken und zusammen mit anderen die Zusammenhänge zu ergründen. Doch die Welt dreht sich weiter. Im Radio läuft Karnevalsmusik.

Haben wir als Fans einen Anteil an solchen Tragödien? Nehmen wir den Fußball zu ernst? Ist er inzwischen mehr als nur ein Spiel geworden? Was erwarten wir von “unseren” Spielern? Würden wir auch einen Spieler “lieben”, der, vielleicht aufgrund einer Krankheit, nicht perfekt ist?

Hätte sich das Schicksal von Enke geändert wenn er mit seiner Krankheit an die Öffentlichkeit gegangen wäre? Wäre ihm Verständnis entgegengebracht worden? Hätte man ihn zum Fall Deisler II erklärt? Einem Profi, dem es ja gar nicht schlecht gehen kann weil er nun einmal Fußballprofi ist? Hätte man ihn gar ausgelacht, verspottet? Über das übliche Maß hinaus?

Sollten wir nicht einmal in uns gehen? Nehmen wir uns selbst und den Fußball zu wichtig? Ist es Fans bei Schmähgesängen wie “Tod und Hass dem HSV!” bewusst, wie schnell daraus bittere Realität werden kann?
Uns als Werderfans sollte das noch klar sein, aber die Erinnerung an Adrian verblasst.
Der Freitod von Enke hat es wieder zu einer bitteren Realität in unserer scheinbar heilen Fußballwelt werden lassen, deren wichtigste Probleme Interviews mit der BILD und verfehlte Einkaufspolitik sind. Die sich mit ihren vielen kleinen Grabenkämpfen selbst so wichtig nimmt. Scheitert der FC Bayern in der Champions League geht das Abendland unter und steigt ein Verein ab, geht am nächsten Tag die Sonne nicht mehr auf.

Ist das wirklich der Mittelpunkt des Lebens?

Robert Enke musste viele Kämpfe in seiner Karriere bestreiten. Gegen sportliche Tiefschläge, gegen die private Tragödie. Den wichtigsten Kampf seines Lebens hat er im Schatten ausgetragen. Den Kampf gegen seine Krankheit hat er leider am 10. November 2009 verloren.

Wenn es einen Himmel gibt, dann steht Enke jetzt dort im Tor und seine Tochter steht am Spielfeldrand und sieht ihm dabei zu.

Ruhe in Frieden.

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