30 Jahre Ossis – lebenslang grün- weiß

23.08.09 | von | Kategorie: Fans | 5 Kommentare

Was haben die Zahlen 28 und 30 in Bezug auf Werderfans miteinander zu tun? Von der “Parole De La Racaille” der Racaille Verte gibt es mittlerweile die Ausgabe Nr. 28 und wir haben einen der Artikel als Leseprobe für alle Werderfans. Und da kommt die Zahl 30 ins Spiel: denn so viele Jahre gibt es mittlerweile den Fanclub “Ossis”. Damit ist er der älteste Fanclub des SV Werder und nun auch im Worum-Blog verewigt.

30 Jahre Ossis – lebenslang grün- weiß

Racaille Verte gratulierte mit einem Spruchband beim Bundesliga-Auftakt gegen Eintracht Frankfurt den Ossis zum 30. Geburtstag:

RV_Ossis

Der Anfang
Mit Stolz dürfen wir uns offiziell  ältester Werder Fanclub nennen.  30 Jahre ist es mittlerweile her, daß wir unseren Fan Club am 02. Juni 1979 (nach dem Bundesligaspiel SV W – Kaiserslautern 3:1 vor 16000 Zuschauern) aus einer Zugfahrgemeinschaft heraus gründeten.

Heute gilt es als hip und trendy, sich mit einem Trikot oder einem Schal des Lieblingsvereins zu zeigen. Vor 30 Jahren galt es als völlig daneben und eher asozial. Man musste schon Individualist sein und ein großes Herz für seinen Verein haben, um sich diesem Hobby zu widmen und trotz der Misserfolge des Vereins und der Nackenschläge aus der Umgebung ( Freunde, Schule, Beruf und Presse ) dabei zu bleiben. Aus diesen vielen Individualisten entlang der  Bahnstrecke Leer – Bremen gründeten wir unseren Fanclub.

Da wir stetig neue Mitglieder gewinnen konnten, gab es schon bald die ersten Busfahrten zu organisieren. Dabei legten wir immer großen Wert darauf, gegen Vorurteile und Fußballrandale anzukämpfen- Schläger haben wir nie geduldet. Es wurde auch nie der Weg an die Öffentlichkeit gescheut. Lange Zeit wurde jedoch diese Arbeit beim Verein nicht anerkannt, Fanarbeit oder Betreuung fand nicht statt.

Natürlich gab es auch das eine oder andere Scharmützel mit gegnerischen Fans, das konnte man gar nicht vermeiden. Zaunfahne und Kutte waren uns heilig und wurden mit allen Mitteln verteidigt. Aber insgesamt waren und sind wir ein friedlicher Haufen, der lieber ein Bier mit anderen Fans trinkt als sich mit ihnen zu prügeln.

Als Meilenstein kann man sicherlich das Jahr 1982 bezeichnen. Und es ist eng mit einem Namen verknüpft- Willi Lemke. Zum ersten Mal gab es jemanden im Verein, der Fans ernst nahm und uns unterstützte. Plötzlich musste man nicht mehr extra nach Bremen fahren mit einer Tasche voll Bargeld um an Karten zu kommen. Anruf genügte- „40 Karten fürs Spiel in München? Sind unterwegs.“ Auf Rechnung, ohne Bedingungen. Willi besuchte uns mehrmals in Leer, stellte Kontakte zu den Spielern her und sorgte dafür, sich als Teil der Werderfamilie zu fühlen. Auch bei Unstimmigkeiten kümmerte er sich darum, daß man sich als Fan nicht verarscht vorkam sondern suchte und fand gemeinsam mit uns Lösungen.

Mitglieder

Wie jeder Fanclub haben die Ossis eine wechselvolle Geschichte was die Mitgliedszahlen angeht. Nur zwei Mitglieder haben die 30 Jahre wirklich komplett mitgemacht. Nach dem anfänglichen Aufschwung sprangen etliche Mitglieder ab- hauptsächlich weil sich neue Fanclubs entlang der Strecke Leer- Bremen etablierten und sich Fanclubs damals lokal formierten- das Internetzeitalter war noch nicht geboren und kurze Wege waren wichtiger als eine Tradition, die grad mal in den Kinderschuhen steckte.

Trotzdem machte der harte Kern weiter und im Zuge des Werder- Aufschwungs der 80er gewann man Mitglieder hinzu. Zeitweise standen über 70 Leute im Mitgliederverzeichnis. Leider waren viele „Karteileichen“ dabei, die den Fanclub als bequeme Vorverkaufsstelle und Reiseorganisator benutzten, ohne selbst etwas beizutragen. Irgendwann hatten die „Macher“ die Nase voll und misteten aus- lieber eine Handvoll Aktive als den Fanclub zum Reisebüro verkommen zu lassen. Seitdem nahm der Fanclub einen stabilen, konsequenten Kurs- woran viele Fanclubs der 70er scheiterten, machte uns Ossis stark.

Ein Fanclub wird meist von gleichaltrigen, relativ jungen Menschen gegründet, das war bei uns nicht anders. Berufsausbildung, Studium, Heirat- oft verlässt man irgendwann seine Heimatregion. Deswegen sind viele Fanclubs allein mangels Masse irgendwann eingeschlafen. Wir Ossis haben es geschafft, auch in der Diaspora weiter Kontakt zu halten, die Spiele zu besuchen und auch die Mitglieder, die in Würzburg, Heidelberg oder sonst wo in der Republik wohnten und wohnen bei der Stange zu halten. Ob jemand nur ein Spiel besucht oder 34 ist völlig egal, solange er sich am Fanclub aktiv beteiligt. Sei es an den Diskussionen oder an den vielen Veranstaltungen, die wir organisieren.
Aktuell haben wir 42 Mitglieder, mit unserem Nachwuchs über 50. Das Altersspektrum reicht von 10 bis *** (zensiert, geht keinen was an).

Höhepunkte

Über 30 Jahre Fanclub, das heißt Geschichten ohne Ende. Um diese alle zu erzählen, reicht der Platz nicht. Aber ein paar Highlights wollen wir euch nicht vorenthalten:
Was wir bei unserer Gründung nie für möglich gehalten hätten: bei Werder stellten sich Erfolge ein. Nach jahrelangem Abstiegskampf, nach 2. Liga ( wir werden nie die Sonntags-Kaffeespiele in Lüdenscheid, Erkenschwick oder Bocholt vergessen ) gab es plötzlich einstellige Tabellenplätze, Europacup, Meisterschaften und Pokalsiege.

Absoluter Höhepunkt war sicherlich die 2. Meisterschaft 1988, als wir nach dem Spiel in Frankfurt im Mannschaftshotel in Wiesbaden aufschlugen. Mirko Votava schleuste uns durch den Hintereingang an der Presse vorbei in die Küche ein, wo wir die berühmte Pappkrone für Otto bastelten, während die Köche eine Torte vorbereiteten. Wir sind dann in den Festsaal und überreichten Otto die Torte und setzten ihm die Krone auf. Danach haben wir mit der Mannschaft die Meisterschaft bis zum Morgengrauen gefeiert- so etwas wird es nie wieder geben.

Besonders lustig war die Zeit nach der Wende- wir waren schon Ossis, bevor es Ossis gab. Wir haben so manches Freibier genossen- bevor wir jemandem den Unterschied zwischen Ostfriesland und Sachsen- Anhalt erklären konnten, stand das Bier auf dem Tisch für uns arme SBZler. Logisch, dass wir da kein Interesse an Aufklärung hatten.

Allein über die Reisen durch Europa lassen sich ganze Artikel schreiben. Besonders in Erinnerung bleibt vielen Mitgliedern aber unsere erste Fahrt nach Mailand 1989. 35er Reisebus, richtiger Nobelhobel mit Lederclubsesseln, Theke und Videoanlage. Leider konnte der Organisator selbst nicht mitfahren, da er beruflich unabkömmlich war. Aus Versehen (wie er behauptet) oder aus Rache (wie wir vermuten) gab es ne 37er Besatzung- 2 Leute zuviel. Die Beiden kannte niemand, aber sie hatten schließlich bezahlt. Also zusammengerückt und ab die Post.

Bis zur italienischen Grenze gab’s keine Probleme. Zunächst auch da alles stressfrei, bis die italienischen Zöllner auf die Idee kamen einen Drogenspürhund in den Bus zu schicken. Das arme Tier wäre fast durchgedreht. Also erstmal den Bus räumen und alle schön an die Wand stellen. Gut, dass es nur 30 Grad im Schatten waren und kein Schatten vorhanden, sonst wäre uns noch warm geworden. Nach einer Stunde war ein zweiter Hund da, der uns dann einzeln beschnüffeln durfte. 35 Leute waren sauber, nur unseren zwei special guests wollte er irgendwo in der Leibesmitte was abbeißen. Danach haben die Italiener noch knapp zwei Stunden unseren Bus zerlegt, bis wir mit 35 Leuten weiterfahren durften. Zu dem Zeitpunkt hatten sich bestimmt schon zehn Bremer Busse angesammelt, die von ähnlichen Maßnahmen getroffen wurden. Wenn ihr damals Verspätung in Mailand hattet- die Ossis waren schuld.

Aktivitäten
Einmal im Jahr trifft man sich um den Fan Club Champion zu ermitteln. Der Champion muss sich im Boule, Kricket, Dart, Torwandschießen und Tischfußball durchsetzen. Dabei ist der Sieger nicht automatisch ein  Ossi- befreundete Fanclubs nehmen teil und stellen auch gelegentlich den Sieger. Auch Boßeltouren mit ostfriesischem Grünkohlessen gehören zum Programm.  Ansonsten werden das Feiern und die gute Laune bei uns groß geschrieben.

Höhepunkt jeder Saison ist die Abschlußfahrt- nur die eigene Beerdigung kann einen Ossi daran hindern. Viermal wurde das Weserstadion bereits von Leer aus mit dem Fahrrad angesteuert. Auch mit Trecker und geschmücktem Anhänger sind wir einmal von Syke aus zum Stadion gereist. Von Delmenhorst aus mit der Kutsche, von Oldenburg aus mit dem Schiff oder gleich eine Schiffstour auf der Weser, wie im Jahre 2009. Auch eine Wandertour oder die immer sehr beliebte Straßenbahnwagenpartyfahrt gehörten bisher zum Repertoire. 1999, 2000 und 2004 wurde als Abschlußfahrt eine 3-tägige Wohnmobiltour nach Berlin zu den Pokalendspielen organisiert.

Eigene Busse machen wir nur noch selten, meistens bei Europapokalspielen. Liegt zum einen an der Kartenpolitik bei Werder, die keine Planungssicherheit bietet. Zum anderen arbeiten wir eng mit befreundeten Fanclubs zusammen. So bekommt man die Busse voll, ohne ins Risiko zu gehen. Für die Heimspiele steigen wir beim Bus des FC Nüttermoor/Nortmoor ein. Bei den Auswärtsspielen, zu denen wir Busse machen, arbeiten wir mit den FCs Nordic Stars, Nordic Crew, PVC und Nordlicht zusammen.

Fanarbeit
Wir Ossis waren eigentlich von Anfang an „Auswärtige“. Allein die Entfernung hinderte uns schon daran, aktiv mit den Bremer Fanclubs so zusammenzuarbeiten, dass wir uns wirklich produktiv einbringen konnten. Man sagt uns nach, der „Vorzeigefanclub“ zu sein. Das ist sicherlich bis zu einem gewissen Punkt richtig- wir hatten immer einen sehr guten Draht zum Verein und haben unsere Probleme auf dem kleinen Dienstweg gelöst. Das ändert aber nichts daran, dass wir uns einmischen, wenn uns was nicht passt. Und in den letzten Jahren gibt es immer mehr, was uns überhaupt nicht gefällt. Den Ethikkodex haben wir erst nach Gesprächen mit Werder und langer interner Diskussion unterschrieben. Bei den Delegiertentreffen sind wir vertreten und werden weiterhin diejenigen unterstützen, die die Fanszene in Bremen voranbringen wollen.

About us
Wir sind keine Zweckgemeinschaft, wir sind so etwas wie eine Familie, die sich auf die gemeinsamen Termine freut. Es gab im Laufe der Jahre Todesfälle die wir gemeinsam betrauert, Hochzeiten, die wir gemeinsam gefeiert haben. Kinder wurden geboren und setzen hoffentlich die Tradition fort. Wir sehen manche Mitglieder nur einmal im Jahr, aber trotzdem gehören sie dazu. Es ist schwer, dieses Gefühl anderen zu vermitteln- es geht ja eigentlich „nur“ um Fußball.

Mit freundlicher Genehmigung der Racaille Verte, entnommen der “Parole De La Racaille” (Ausgabe Nr. 28).

Racaille Verte: Link

Racaille Verte-Thread im Worum: Link

[Bierstandszene]