Für immer grün weiß – Mein Leben als Werderfan

22.04.09 | von | Kategorie: Fans | Ein Kommentar

Hallo Jan,

schön, wieder von Dir zu hören und erst einmal herzlich Dank für Deine schnelle Zusage bzgl. Interview. Das erste und letzte Mal trafen wir uns ja im Februar 2007, vor einem UEFA-Cup-Spiel in Bremen.
Wie geht es Dir?

Also mir und dem Rest der Familie geht es den “Umständen” entsprechend sehr gut, wobei man das bei meiner Frau wörtlich nehmen kann…

Was mich aber wie jedes Jahr stört, ist die zunehmende Arbeit im Lokal von Ostern bis Ende Mai. Nicht dass ich ein fauler Sack wäre, nein, die wichtigen Werderspiele in der Saisonendphase, Donnerstag und Sonntag Abend, sind in der laufenden Küche absolut schwer zu ertragen, egal wie sie enden. Gestern war auch wieder so ein beschissener Moment.

Tausend Leute wollen was vom Küchenchef und im Hintergrund schreit jemand aus dem TV “Tor in Berlin”… 2-1 verloren. Egal, Hauptsache alles wird gar und alle sind gesund.

Du hast ja eine Zeitlang hier in Bremen gelebt, extra in Bremen eine Ausbildung aufgenommen, nur um in der Nähe Deines Lieblingsvereins WERDER zu sein. Das Weserstadion war ja quasi Dein Zuhause.
Vermisst Du Bremen? Vermisst Du die Wochenenden im Weserstadion?

Natürlich vermisse ich Bremen, genauso wie ich in meiner Bremer Zeit mein Heimatdorf Dingden vermisst habe. Mittlerweile bin ich ja fast schon wieder 10 Jahre hier, ich feier quasi mit Thomas Schaaf Jubiläum…
Dennoch kann ich zufrieden feststellen, dass ich seit meiner Rückkehr keinen anderen Ort sooft besucht habe wie Bremen und das Weserstadion. Ist gut fürs Gewissen…

Schmerzlich wird es allerdings, wenn Werder immer in den UEFA-Cup “abrutscht” und dann nicht mehr an unseren Ruhetagen Dienstag/Mittwoch spielt. Dann ist für mich in der Regel die Stadionsaison beendet. Die Auslosungen im DFB-Pokal können wir ja auch seit Jahren inne Tonne kloppen …
Unterm Strich reichts aber immer noch für 4-5 Spiele pro Jahr. Und diese paar Spiele haben durch das “Eisen” (kleine Kneipe im Bremer Viertel, wo das größte Inventar der Fernseher ist) eine ganz andere Qualität bekommen …

Kommen wir auf Dein Buch “Für immer Grün-Weiß – mein Leben als Werder-Fan” zu sprechen. Es fiel mir ja quasi bei meinen Weihnachtseinkäufen aus dem Bücherregal direkt vor die Füße. Ich hob es auf, fing an zu lesen und wollte gar nicht mehr aufhören. Weihnachten war gerettet. U.a. fand Dein Buch auch den Weg nach Frankreich und in die Schweiz zu Werderfreunden sowie die Freude darüber riesig.

Hast Du ähnliche Resonanzen auf Dein Buch bekommen?

Für immer Grün-Weiß - Mein Leben als Werder-Fan

Für immer Grün-Weiß - Mein Leben als Werder-Fan

Also ich habe bisher von teilweise “wildfremden” Werderfans nur positive Reaktionen erhalten, sei es per Mail oder telefonisch. Das fühlte sich richtig gut an, da persönliche Zweifel am Werk dadurch weggewischt wurden und ich das erste Mal in meinem Leben mit etwas komplett eigenem Handeln, anscheinend vielen Leuten eine Freude gemacht habe. In meiner Küchenarbeit geht ja nix ohne Teamwork. Aber “Für Immer Grün-Weiß” war wirklich 100% nur Ich. Zumal auch nur meine Frau davon eingeweiht war, bis ich einen Verlag fand.
Hier im 6000-Seelenort Dingden hab ich persönlich an der “Theke” 250 Bücher verkauft und der örtliche Schreibwarenhändler 200. Wir haben also hier vorOrt einige Haushalte “abgedeckt”. Lustig ist, dass hier in Dingden die meisten das Buch natürlich kaufen, weil sich mich kennen und mehr über den Kneipensohn erfahren wollen. Für die hätte ich auch über Barfuß Kairo schreiben können …
Und in Bremen denken die meisten wahrscheinlich im ersten Moment, was für eine Wurst ist Jan Küpper, kaufen es aber, weil ihnen der Verein bekannt vorkommt …
Perfekt wäre es sicherlich gewesen, entweder in Bremen zu wohnen und bekannt zu sein, oder hier in Dingden ein Schalkebuch zu schreiben …
Ich denke aber, dass viele diesen Punkt im Buch zu schätzen wissen, dass ich leider kein normaler Dauerkartenbesitzer bin und meine Erinnerungen nur aus der Entfernung schildern kann.
Wo jetzt genau wieviel Bücher verkauft werden, ist schwierig für mich nachzuvollziehen. Der Verlag sagt, dass übers Internet, amazon usw. 20 Stück die Woche verkauft werden.

In Deinem Buch begleitest Du ja Werder ein Stück, gibst detailgetreu einzelne Begegnungen wieder, erinnerst Dich an jedes Tor sowie an die Mecker-Opas in der Ostkurve. Hast Du nach jedem Spiel Tagebuch geführt?

Um Gottes Willen nein! Ich wusste bis Tim Wieses Juve Patzer doch noch gar nicht, dass ich ein Buch schreiben werde … Es kam halt einiges zusammen.

In mir war immer schon das Gefühl gewesen, mal was fussballerisches zu schreiben. Zum Beispiel wollte ich als Kind unbedingt zum “Kicker”. Mutter sagte, da muss man studieren. Also viel zu umständlich. In der Schule hab ich mal in meinem “naja-Fach” Deutsch ein einziges Mal eine Eins im Aufsatz geschrieben und zwar als ich eine selbst ausgedachte Live-Reportage über ein Eishockeyspiel der Kölner Haie gegen DEG geschrieben habe. Und es war so verblüffend einfach. Die nächste Klausur ging natürlich wieder in die Hose … Aber die DEG sorgte weingstens für eine Drei als Endnote …
Dann fiel mir vor 6 Jahren zum ersten Mal die “11 Freunde” in die Hand und ich dachte, das gibts doch nicht, die schreiben mir total von der Seele. Ich schrieb der Redaktion direkt einen ellenlangen Brief, in dem ich sie lobte und meine kleine Fangeschichte erzählte und meine Mitarbeit anbot, falls gewünscht… Natürlich kam keine Antwort.
Dann fiel mir in meinen Flitterwochen 2005 “FeverPitch” in die Hand. Ich fraß es auf und war so ergriffen, dass ich mir auf Barbados ein englischsprachiges und viel zu teures “Who is Who” aller Arsenal-Spieler kaufte, nur um die Gesichter der Nick-Hornby-Lieblinge vor Augen zu haben… einfach dämlich, oder?
Auf jeden Fall dachte ich , tolles Buch, aber wenn in diesem Buch statt Arsenal gegen Ipswich, Werder gegen Anderlecht spielen würde, wäre es noch interessanter.
Und ein halbes Jahr später kam Tim Wiese. Ich schimpfte, es flogen Flaschen, im Dorf ging schon die Scheidung rum und meine Mutter sagte scherzhaft, diese Scheidungsgeschichte sollte ich mal als Glosse zur lokalen Presse schicken …
Dann setzte ich mich an den PC (März 2006) und bevor ich den Namen Tim Wiese schrieb, dachte ich: “Nee, fang mal mit Kutzop an…” Das musste 20 Jahre später auch noch verarbeitet werden und so ging ich Saison für Saison durch. Leider sind die ersten Erinnerungen etwas sparsamer, aber dafür sehr authentisch.

Deine Lieblingsbegegnung mit einem Werderspieler war …?

Wie sooft im Leben bleibt hier die erste Begegnung mit Andi Herzog im Cafe “Blick” in Erinnerung. Mit gestandenen 18 Jahren stand ich total nervös vor ihm und bettelte um ein Autogramm und sagte, ich sei einen weiten Weg gefahren. Und er? “Kommste aus Holland?” und der ganze Tisch inkl. Votava und Wolter lachten sich schlapp …

Ich erinnere mich auch noch an eine recht ominöse Begegnung mit Tim Borowski … werde jetzt aber den zukünftigen Lesern nicht vorweggreifen.

Jan, in Deinem Buch kommt so ziemlich gut das Flair im Stadion bei Internationalen Spielen rüber. Teilweise spürte ich beim Lesen diese Kribbeln, diese Aufregung.
Momentan fehlt mir teilweise dieses Kribbeln. Glaubst Du, die Werder-Fans sind schon zu verwöhnt, schon satt?

Bei mir persönlich ist es auch so, dass das Kribbeln in den letzten Livespielen etwas nachgelassen hat. Das hat aber einen ganz einfachen Grund. Ich übernachte seitdem ich Familie habe grundsätzlich in Bremen und fahre nicht gleich nach dem Schlusspfiff nach Hause. So fließt vorm Spiel jetzt etwas mehr (Eisen)Bier und ich bin dann etwas beschwipst und gelassener als früher. Ich glaube, das ist auf Dauer für’s Herz besser.
Wenn ich für 90 Minuten Werder ohne Rahmenprogramm und stocknüchtern nach Bremen düse, bin ich total nervös. Oder wenn ich Leute zum ersten Mal mitnehme – da fühl ich mich verantwortlich für einen schönen Fußballabend …
Dann, denke ich, liegt es auch am Älterwerden, vor allem seit der Kleine da ist, vergehen die Saisons wie im Flug und man denkt sich, regeln wir halt nächstes Jahr.
Was mich momentan stört ist, dass niemand sagt, unterm Strich war es jetzt auch schon eine erfolgreiche Saison. Nein, da müssen mindestens ein, aber eigentlich doch 2 Titel her. Das könnte man schon als verwöhnt bezeichnen, das stimmt. Also unter Otto haben wir sowas als erfolgreich gefunden, und zwar zurecht. Aber mein Gefühl sagt mir, dass wir abgezockt genug sind, für einen Titel. Ich glaube auch, dass der, der nach Berlin fährt, auch nach Istanbul düst. Wegen der Psyche und so.

Du hast ja Deinen Sohn Kalle genannt, nach dem großen Kalle Riedle.
Warum nicht Johan oder Diego? (lach)

Kalle war ja ein Vorschlag meiner Frau, die Vorlage musste ich versenken
Johann heisst übrigens mein 10 jähriges Patenkind. war eh besetzt. Und hat Verona Pooth nicht einen (San) Diego? Ich denke mit Kalle wurden wir gut geholfen …

So wie ich mitbekam, ‘musste’ Kalle ja schon frühzeitig mit Dir Fußball gucken zu Hause. Weiß er denn schon, wer überhaupt Werder ist?

Er wird am Tage des Pokalfinales 2 Jahre alt und erkennt die Werderraute direkt. Dann schreit er: “Papa, Derda!”
Meinen Kicker klaut er mir auch beim Mittagessen und sucht die Bälle. Clevererweise sagt er zum runden Ding nicht Ball, sondern direkt “Tor”. Gesundes Selbstvertrauen…
Wenn ich frag: “Kalle, wo ist Thomas Schaaf?”, dann rennt er direkt zum Meisterposter.
Anfangs bezog ich den unschuldigen Säugling ja in meinen Aberglauben mit ein. Er hatte mit mir eineinhalb Jahre eine sentionelle Werdertorquote. Er hat Werder noch nie verlieren sehen … bis zur 1-0 Niederlage gegen den KSC!
Ich war mir ja in meinem Buch nicht sicher, wie ich mit ihm umgehen werde. Ich werde ihn aber, solange es geht, mit Werder volltexten, spätestens in der Schule wird er eh merken, was es für schlimme andere Vereine gibt und dann hoffe ich, daß er standhaft bleibt. Hoffe nur, daß er Thomas Schaaf noch als Trainer live sieht in Bremen.
Am Liebsten würde ich mit Kalle ein 4-1 in Bremen sehen gegen, sagen wir mal, Nürnberg oder so. Irgendwas Entspanntes. Ruhig mit Gegentreffer. Soll ja realistisch sein.

Wie hat Rudi Völler reagiert, als Du ihm DEIN Buch nach Leverkusen schicktest?

Rudi Völler hat mir einen sehr netten persönlichen Brief geschrieben, sich mit einem VöllerTrikot bedankt und mir versichert, dass mein Buch bei ihm gut platziert im Wohnzimmerregal steht. Ich werde dem Worum bei Gelegenheit den Brief zustellen.

Wird es irgendwann noch einmal ein Werder-Buch von Dir geben, vielleicht so in 10 Jahren?

Also vom Stoff her denke ich unbedingt, nur dass ich damit noch warten sollte. So aufregend und wichtig ist mein Leben weiß Gott nicht, um wegen einer aktuellen Story den Verlag wieder zu stressen …
Aber was auch passieren kann und davor hab ich etwas “Angst”, dass der Verlag aus Euphoriegründen sagt: ‘Jan, Werder hat das DOUBLE 2009 geholt, zack, zack, die Leute fliegen wieder auf alles was mit Werder zu tun hat, schliess dich ein und schreib die letzten 2 Jahre auf!’ Hui, bei diesen Gedanken krieg ich Gänsehaut …, aber das wären mir die Titel dann auf jeden Fall wert…

Zum Schluss möchte ich Dir noch ein paar Begriffe zuwerfen und Dich bitten, ganz kurz darauf zu antworten:

Meister 2008/2009?

Werder wirds eher nicht….., vielleicht das andere W (erinnert mich stark an uns 2004: Misimovic macht den Micoud, Josue den Baumann, Grafite Ailton, Dzeko den Killer und die Automatismen sitzen, Respekt) War zu lang oder?

Werder?

Unverschämt, darauf nur kurz antworten zu können! Okay:
trotzallem: familiär, bescheiden, liebenswert, oft sexy, manchmal tollpatschig, aber grundsätzlich sehr niveauvoll auf allen Ebenen und soweit ich sie kennengelernt hab, total normale Fans, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Nicht so hysterisch wie meine nervigen Nachbarn hier, aus Herne Ost.

UEFA-Cup/DFB-Pokal?

wie sagt Luca Toni: Isch liebe Doppelpack …

El Born?

Scheiß Abgang, egal wie es ausgeht. Tut mir weh. Er wird fehlen mit seinen kernigen Aussagen. Hoffe, dass seine Weste sich als sauber herausstellt.

Thomas Schaaf?

Ohne Scheiß – menschlich für mich – ein absolutes Vorbild. Auch wenn man ihn persönlich nie getroffen hat. Ich hatte in meiner Lehrzeit einen ähnlich tollen Küchenchef in Bremen. Wenn ich werke, denke ich im Hinterkopf oft an die Beiden, wie sie evtl auf gewissen Situationen reagieren würden. TS—Chapeau!
Hoffentlich allen Unkenrufen zum Trotz bis Kalle ihn mal sieht.

Diego?

Wahrscheinlich fußballerisch der Beste, den wir je hatten. Aber passen würd er eher zu Real Madrid. Ich freue mich übers Weiterkommen gegen Udine, aber das war zuviel Diego. Das waren keine Tore wie früher, Zack, Zack und Tor. Wir sollten froh sein, wenn er uns zu Titeln schießt und dann für viel Geld geht.

Ich würde, wenn ich die Wahl hätte, immer wieder Micoud nehmen, auch mit all seinen Zicken. Er war auf seine Art auch Weltklasse, aber ich finde einen tollen Micoudpass zum Tor schöner, als ein Fallrückzieher-Tor von Diego. Mit Micoud kam das Spiel abgerundeter und als Teamleistung rüber. Momentan soll Diego aber ruhig ganz alleine die wahren Fischköppe weghauen. Wir brauchen endlich neue Wimpel (Mist -wieder zu lang)

Noch ein Wort zum Worum!

Ich bedanke mich recht herzlich für die Aufnahme ins Worum und freue mich wieder ‘alte Gesichter’ zu lesen. Aber nicht böse sein, ich bin Vater und hab min. eine 50-Stunden-Woche. Ich werd hier leider nicht so oft sein können, wie ich wirklich möchte. Aber wenn, dann richtig.

Jan, es war ein wunderbares Interview. Für einen Augenblick vergaß ich meine Werdersorgen. Ein WerderFan mit viel Herz, Optimismus und Gelassenheit, fernab von dem ‘Geschrei’ via Internetfußballforen.
Ich hoffe, Du kannst mit diesem Interview noch einige Werder-Fans mehr für Dein Buch begeistern.

Es lohnt sich auf alle Fälle, hin und wieder in den ‘Vereins-Memoiren’ zu schmökern.

Das Worum wünscht Dir und Deiner Familie auf jeden Fall viel Kraft und Freude für den erneuten ‘Werderneuzugang’.

Du bist jederzeit herzlich willkommen im Worum und törlich in Bremen, da wo die Weser einen großen Bogen macht :o )

Vielen Dank

Katarina