Transfermarkt: Ist teuer gleich gut?

08.03.09 | von | Kategorie: Fußball allgemein | 4 Kommentare

Wenn Diego wechseln sollte, dann erwarten die Fans einen Transferrekord auf der Verkaufsseite. Ein zweistelliger Millionenbetrag sollte es schon werden. Nur wenn das so kommt, was passiert dann? Dann werden trotz wahrscheinlich verpasster Champions-League-Qualifikation die Rufe lauter werden, dass Werder für viel Geld neue Spieler holen soll. Wahrscheinlich wird es noch lauter werden als damals kolportiert wurde, dass Werder für Moreno und Fred fast 10 Millionen Euro geboten hat. Aber: Ist “teuer “denn auch gleichbedeutend mit dem Attribut “gut”?

Daher folgt eine Einschätzung der großen Bundesligatransfers dieser Saison um zu überprüfen, ob eine hohe Ablöse, die in vielen Fällen Vereinsrekord bedeutet, eben auch entsprechende Qualität garantiert. Und natürlich auch die Suche und die Hoffnung, dass die Konkurrenz auch einen Carlos Alberto gefunden hat.

Grundlage hierbei ist, dass die Ablösesumme mindestens 4,5 Millionen Euro betragen hat. Ab dieser Summe geht es für viele Vereine ans Eingemachte.

TOP:

Mladen Petric (Hamburger SV). Über ihn gibt es nicht viel zu sagen. Kostete nach starker Saison in Dortmund zwar viel Geld, schlug aber absolut ein. Machte 18 Tore in 32 Pflichtspielen, dabei viele wichtige Treffer. Petric kostete 4,5 Millionen plus 2,8 Millionen, die Hamburg in Form von Zidan nach Dortmund karrte. Man schlug gleich zwei Fliegen mit einer Klappe.

Renato Augusto (Bayer Leverkusen). Wie Thiago Neves war auch Renato Augusto einmal ein Werderkandidat. Trotz durchwachsener letzter Saison konnte Flamengo zusammen mit den Investoren bzw. Rechte-Inhabern von Renato Augusto insgesamt 10 Millionen Euro Ablöse von Leverkusen generieren. Eigentlich sehr viel, zu viel Geld, aber immerhin mit langfristigem Vertrag bis 2014. Schlug sehr gut ein, ist einer der zehn besten Bundesliga-Spielern nach Noten.

GUT:

Neven Subotic (Borussia Dortmund). Folgte Trainer Klopp von Mainz nach Dortmund und kostete für einen Zweitligaspieler sehr viel Geld. Doch die 4,5 Mio. zeigten ähnlich wie bei den Werdertransfers von Mertesacker oder Özil: gerade noch rechtzeitig den Spieler verpflichtet, bevor er zu teuer wurde. Allerdings: seit fast neun Spielen zeigt sein Formbarometer nach unten.

DURCHSCHNITT:

Jefferson Farfan (Schalke 04). In der Theorie ein Klassetransfer. Farfan ist kein typischer Außenstürmer, aber eben doch jemand der mehr auf die Außen passt als ein Halil Altintop. Mit einem Mittelstürmer wie Keffin Kuranyi und einem echten Außenläufer wäre das ein starker Sturm gewesen. Aber: Farfan war gerade auf dem absteigenden Ast. 2006 (20 Treffer) und 2007 (21 Treffer) war er so erfolgreich, dass sich Chelsea ein Vorkaufsrecht sicherte. In der Saison 2007/2008 traf Farfan dann aber nur noch siebenmal. Da sind 10 Millionen Ablöse, die Vereinsrekord für Schalke bedeuteten, eine sehr stolze Summe und vor allem war kein Großer mehr im Rennen, die hatten vorher alle abgewinkt. Leistungstechnisch hat Farfan noch nicht viel geboten. Kickernote 3,71, nur fünf Tore aber immerhin sieben Vorlagen. Da er international in allen sechs Spielen nichts vorweisen konnte, bleibt festzuhalten: ein Transfer, der Schalke Qualität im Sturm brachte, eine Ablöse von 10 Mio. Euro ist bisher allerdings nicht gerechtfertigt.

Marcell Jansen (Hamburger SV). Der deutsche Linksverteidigerschauspieler wechselte für 8 Millionen vom FC Bayern nach Stellingen. Noch ist es zu früh, abschließend zu beurteilen. Vor allem, da Jansen zuletzt im Mittelfeld zum Einsatz kam. Bei seinen bekannten Defensivschwächen kein Wunder. Die Ablöse ist für den Linksverteidiger Jansen zu hoch, für den Außenbahn- bzw. Mittelfeldmann Jansen aber vielleicht angemessen. Zumindest gilt hier: es könnte sich noch auszahlen.

Khalid Boulahrouz (VfB Stuttgart). Der schon Bundesliga-erfahrene Niederländer kostete den VfB genau 5 Millionen Euro. Auch wenn er noch nicht durch klasse Leistungen überzeugen konnte: für weniger bekommt man zumindest die Klasse eines Boulahrouz nicht. Preislich topp ist das allerdings noch nicht.

FLOP MIT AUSSICHT NACH OBEN:

Alex Silva (Hamburger SV) Der Transfer hat ein Gesamtvolumen von 12,4 Millionen Euro, wobei der HSV allerdings nur exakt 50% der Rechte erwarb. Silva kam als IV oder DM zum Einsatz, musste sich allerdings mit einem Leistenbruch und einem Bänderriss rumplagen, was seine Saison beeinflusste. Nach Noten in der Bundesliga derzeit ein Flop, hat allerdings noch Anpassungsschwierigkeiten. Sicherlich nicht abschließend zu beurteilen, da Südamerikaner manchmal länger brauchen, sich hier zurechtzufinden. Und Ansätze sind sichtbar. Aber bisher ist er eine kalkulierte Ablöse von über 10 Millionen Euro keineswegs wert.

Wellington (TSG Hoffenheim). Kam mit 20 aus der ersten brasilianischen Liga und kostete knapp 4,5 Millionen Euro. Wirklich kann man den Transfer vor allem aus Altersgründen noch nicht beurteilen. Leistungstechnisch hat er nicht viel gezeigt, wurde in der Saison bisher nur achtmal eingewechselt und konnte nicht überzeugen. Wirkte auch nicht austrainiert. Gilt allerdings als sehr intelligenter Bursche, man ordnet ihn nicht in die “Funktioniert nur in Brasilien”-Kategorie ein.

FLOP:

Cristian Zaccardo (VfL Wolfsburg). War einer der Großeinkäufe der Wolfsburger in diesem Jahr und kostete satte 7 Millionen Euro. Von der italienischen Nationalmannschaft ist Zaccardo mittlerweile weit entfernt, bei Wolfsburg ist er nicht mal Stammspieler. Und zudem sah man haufenweise schlechte Leistungen, wenn er mal nicht auf der Bank saß. 7 Mio. Euro und ein Vertrag nur bis 2011? Bisher ein Flop der ersten Kategorie.

Thiago Neves (Hamburger SV). War Fußballer des Jahres 2007 in Brasilien, kam in die Selecao und hatte ungefähr 40 europäische Topklubs, die wöchentlich mit ihm in Verbindung gebracht wurden. Auch der SV Werder war dabei. Im August erfolgte dann der Wechsel für letztendlich 6,5 Mio. Euro zum Hamburger SV. Die eigentliche Summe war noch eine Million höher, wurde aber reduziert, weil der HSV die Summe zwei Monate nach dem Wechsel komplett an Fluminense überwies und nicht, wie erst angedacht, in Raten. Neves kam, spielte kaum, meckerte etwas, zeigte null Motivation und ging dann wieder. Was war passiert? Zuerst wirkte es wie ein genialer Schachzug, dass Neves nicht zu Manchester, Madrid, Sevilla, Rom oder den anderen Topklubs ging, sondern zum HSV. Dann auch noch für vergleichsweise wenig Geld, war doch vorher immer von weit über 10 Millionen Euro als mögliche Ablöse gesprochen wurden.

Aber: die ersten Zweifel kamen, als Neves fast sympathisch wirkte, als er davon sprach, wie sehr die Fußballer in Südamerika Ware sind und oftmals gar nicht dort hin wollen, wo sie hin müssen. Doch was die HSV-Fans nicht erhofft hatten: Neves meinte damit vor allem sich selber. Auf Hamburg hatte er überhaupt keine Lust, auf Europa auch nicht wirklich. Ein Spieler, der aktuell nicht nach Europa passte. Und das war er dann auch: der Grund, warum so ein Spitzenspieler für so wenig Geld “nur” in Hamburg und nicht in Manchester landete. Immerhin hob er wieder ab. Der HSV hatte das beschissene Glück, dass ein Scheich unter den Tisch gesoffen werden konnte und der HSV die komplette Ablöse und sogar einen Teil des Handgeldes von Al Hilal Riad wiederbekam. Für 7 Mio. Euro wechselte er. Und bei dem Besäufnis war auch noch jemand aus Brasilien dabei, denn der betrunkene Scheich lieh Neves sogar noch an Fluminense aus. Ergebnis: eine absolute Fehleinschätzung für viel Geld, die aber glimpflich endete.

Andrea Barzagli (VfL Wolfsburg). Wie Kollege Zaccardo kam er als italienischer Nationalspieler, stand immerhin während dieser Saison auch mal auf dem Feld bei einem Länderspiel. Er ist also aktuell noch Nationalspieler und bringt durchaus anständige bis gute Leistungen für Wolfsburg. Aber: Vertrag nur bis 2011 und eine Ablöse von 14 Millionen Euro sind das nicht wert. Im Vergleich finden sich diverse Spieler, die nicht mal die Hälfte gekostet haben und ähnliche Leistungen abliefern. Und in Italien sagte man bereits vorher, dass Barzagli kein Schlechter, aber auch kein überragender Verteidiger ist und der Preis dementsprechend überzogen war. Sportlich okay, finanziell aber so dermaßen zu hoch und daher zwar schwer einzuordnen aber eben doch: ein Flop.

VOLLFLOP:

Orlando Engelaar (Schalke 04). Niederländischer Nationalspieler, sogar Stammplatz bei der EM im hochkarätigen Mittelfeld mit der Farbe Oranje. Das muss Qualität sein. Doch: warum spielte Ente Engelaar solange nur bei Ligadurchschnitt NAC Breda und gar in der belgischen Liga in Genk? Vor zwei Jahren brauchte Twente Enschede nur knapp 500.000 Euro für ihn zu bezahlen um dann 5,5 Millionen von Schalke zu bekommen. Natürlich, er war Kapitän und hatte auch keine unerfolgreiche Zeit bei seinen Klubs, die aber allesamt im europäischen Fußball unbedeutend sind. Und die Konkurrenz im Defensivbereich der niederländischen Nationalelf war so groß nun auch nicht. Schon gar nicht groß genug dafür, dass sein Gehalt schätzungsweise verachtfacht(!) wurde und er nun 3 Mio. pro Jahr beim FC Gazprom bezieht.

Gelohnt hat sich der Transfer. Für alle Gegner des FC Schalke. Trainer Fred Rutten, der Engelaar auch schon in Enschede unter seinen Fritten-Fittichen hatte, hielt solange an dem Niederländer fest, bis der auch offiziell nach Kickerdaten und -noten zum “schlechtesten Bundesligastammspieler” der Saison 2008/2009 mutierte. Herzlichen Glückwunsch. Den Preis nenne ich nicht goldene Himbeere, sondern blaue Banane. Und die “Blaue Banane 2009″ geht an Orlando, für den sich jetzt ein ganzer US-Staat schämt.

SONDERKATEGORIE “Nochmalsodavongekommen”:

Landon Donovan (Bayern München). Noch mal Glück gehabt, dass der nicht gekauft wurde. Blieb zum wiederholten Male den Beweis schuldig, auch höherklassig was reißen zu können. Die MLS forderte 8 Millionen Euro Ablöse, für den Fall, dass… aber weiter geht der Satz nicht, weil der Gedankengang dann bei allen, inklusive Uli Hoeneß, aufhört. Geschuldet ist die hohe Ablöse einzig dem Status von Donovan in den USA bzw. in der MLS. Ansonsten gilt: sieben Spiele eingewechselt, sieben Mal schlecht gespielt. Sieben Mal drauf und dran den Uneffektiv-Award 2008/2009 Jonathan Pitroipa abtrünnig zu machen. Gerüchten zufolge soll er in einem Bundesligaspiel einen Torschuss gehabt haben. Die Premiere-Redakteure sichten seit Wochen Videomaterial ohne bisher fündig geworden zu sein.


SONDERKATEGORIE “Die Flop-Entscheidungen schlechthin oder wie man es mit einem Husejinovic nicht macht”

Hamburger SV: Macauley Chrisantus. Galt 2007 als eines der Toptalente im Weltfußball. Ist auch erst 18 und hat die großen Jahre noch vor sich. Kam im November 2007 für 1 Mio. Euro aus Nigeria nach Hamburg und hat Vertrag bis 2012. Aber: er hat nur einen nigerianischen Pass und darf daher nicht in der zweiten Mannschaft spielen. In der Saison 2007/08 wurde das durch einen EU-Vormund umgangen, für 2008/09 bekam man aber keine Spielgenehmigung. Also sitzt der junge Nigerianer drei, vier Mal auf der Bundesligabank und ansonsten auf der Tribüne. Spielpraxis diese Saison: null. Eine Leihe dachte man mittlerweile an, geklappt hat es allerdings nicht. Man stelle sich vor, Mesut Özil würde ein Jahr lang auf der Tribüne sitzen.

Schalke 04: Carlos Zambrano. 19 Jahr, dunkles Haar, Nationalspielaar. Der als Innen- und Außenverteidiger einsetzbare junge Peruaner kam 2006 nach Gelsenkirchen und war bei der U19 nicht nur Leistungsträger, sondern auch Kapitän. Fiel vor allem dadurch auf, dass er körperlich Vorteile gegenüber Altersgenossen hatte und sehr abgeklärt wirkte. Kam dann auch schnell zu vier Länderspielen und würde sich wohl schnell weiterentwickeln. Aber Pustekuchen. Bei den Profis vier, fünf Mal auf der Bank und in der zweiten Mannschaft ist er als Peruaner nicht spielberechtigt. Im Winter wollte er sich verleihen oder verkaufen lassen, meckerte öffentlich gegen den Trainer. Diverse deutsche und südamerikanische Klubs hatten Interesse, Schalke verlieh ihn aber nicht. U20-Kapitän der peruanischen Nationalmannschaft, Nationalspieler von Peru, Ex-U19-Kapitän und ein großes Defensivtalent bekommt als Geburtstagsgeschenk ein komplettes Jahr ohne Spielpraxis. Man stelle sich vor, Mesut Özil würde… moment. Irgendwie kommt mir das bekannt vor.

Meine sehr verehrten Werderfans, ich hoffe, dass Sie sich jetzt besser fühlen. Carlos Alberto passiert nicht nur Werder. Oder vielleicht wird einem jetzt erst so richtig unwohl im Magen, wenn man sieht, wie oft teuer eben nicht gleich gut ist.

[MaxUnknown]