Carlos Alberto und das liebe Geld – eine Kriminalgeschichte

23.02.09 | von | Kategorie: Spieler | 5 Kommentare

Klaus Allofs Verhandlungen im Schatten der großen Arenen

Diese Geschichte soll von einem Manager handeln und einem seiner größten Transfers – Klaus Allofs & Carlos Alberto.

Ein Großteil von euch wird jetzt wahrscheinlich sofort rechts oben auf das Kreuzchen klicken, denn über kaum einen anderen Werderspieler der letzten Jahre wurde so oft und so viel diskutiert wie über ihn. Laaangweeiiliiig. Also *klick*…

Denen die trotzdem weiterlesen sei gesagt, dass hier nicht zum x-ten Mal CAs Geschichte bei Werder aufgedröselt werden soll, sondern eher der Verlauf der Verhandlungen, der Prozesse, ihren Folgen und das Gefeilsche an den Schreibtischen im Mittelpunkt steht.

In einer Diskussion im Worum tauchten erst kürzlich die Fragen auf, mit wem ließ sich Klaus Allofs eigentlich ein? Ist die Chose endlich vorbei? Wurden Urteile gesprochen? Wo sind die Millionen jetzt?
Doch Antworten darauf sind schwer zu geben.
Es war einmal…

Ende der Saison 2006/07 & vor der 2007/08

Unser Verein tat sich seit Monaten schwer, wenn er gegen Maurermannschaften spielen musste. Er spielte viel zu einfallslos, besaß keine Mittel, konnte den Gegner nicht mehr überraschen.

KA nimmt Kontakt auf. Doch auch andere Vereine, der HSV, sind interessiert.

KA und seine Mittelsmänner erreichen eine Einigung mit Carlos Alberto. Diese benützt er in den nun anstehenden Ablöseverhandlungen als Druckmittel. Der schärfste Konkurrent aus Hamburg hält dagegen, dem Gegenüber in den Verhandlungen schmeckt KAs Druckmittel logischerweise gar nicht. Der gesamte Transfer hängt am seidenen Faden.

Durch die hohen Transfereinahmen und sportlichen Erfolg vermag KA ebenfalls hohe Summen zu bieten. Muss er auch, nachdem sich der HSV und die Rechtehalter von Carlos Alberto, MSI, bereits einig sind. KA bietet hoch, der HSV steigt aus. Alles scheint gut zu gehen.

Während der Vorbereitung 2007/08

CA reist bereits nach Bremen, wird groß empfangen, abgeschlossen ist der Transfer aber nicht. KA hat die Einigung mit CA, der abgebende Verein, die Corinthians aus São Paulo (an Fluminense war er lediglich verliehen), unterzeichnet bereits die „Vertragsauflösung“, doch die Halterin der Transferrechte, die Organisation MSI, hält sich noch verschlossen.

In Bremen kommt es zu heißen Verhandlungen, die diversen Partner der MSI halten die Hand auf …und es kommt zum Transfer.

CA wechselt zu Werder.

Umgehend wird knapp die Hälfte der vereinbarten Ablöse (etwa 3 Mio.€) von Werder an die Corinthians gezahlt.

In São Paulo kommt es jedoch zum Bruch zwischen Verein Corinthians und Agentur MSI. Aufgrund des Verdachts von Geldwäsche, Steuerhinterziehung und weiteren Delikten werden die führenden Köpfe der MSI per Haftbefehl, als Straftäter, gesucht. Der Verein löst sich komplett, gerät in eine Führungskrise, die MSI wird in Brasilien handlungsunfähig, quasi „zerschlagen“.

Anfang des Jahres 2008

Die zweite Hälfte der Ablöse wird, wie vereinbart, in Raten gesplittet (à 2 Mio.€). Die erste davon bereits fällig. Werder ist sich unschlüssig wem diese zusteht, will es auf ein Treuhandkonto zahlen. Um das anerkennen zu lassen benötigt man einen Anwalt in Brasilien, schaltet diesen ein, überweist.

Eine Richterin bestätigt den Vorgang und sieht ihn als gültig an. Cynthia Torres Cristófaro von der ersten zentralen Kammer für Zivilrecht in São Paulo. Weiter sagt sie aber, aufgrund der diversen Orte, in denen die streitenden Parteien ansässig seien (Werder in Deutschland, Corinthians in Brasilien, MSI in der Karibik, Vermittlerfirmen an MSIs Seite in Israel & Gibraltar) und da noch dazu vertraglich vereinbart wurde (auch von Werder) die Zahlungen über ein Konto einer Gesellschaft in New York (Banco Bradesco SA / Agência: New York Bank, Conta Corrente: 655041289 / Bank of América New York / Swift BBDEBRSPSPO) abzuwickeln, ist in diesem Fall keine weitere Zuständigkeit und Handhabe für sie vorhanden, sie verweist auf den Court of Arbitration for Sport (CAS) und auf die FIFA.

Das ist das einzig mir bekannte Urteil. Die Anerkennung der Praktik mit dem Treuhandkonto, Verweis auf die Zuständigkeiten. Auch in deutschen Medien wurde auf diese Entscheidung eingegangen.

Keine der Parteien wird jedoch einen Prozess und ein Urteil des CAS anstreben, warum auch immer.

Die Corinthians sollen dagegen die FIFA eingeschaltet haben, deren Rechtslage eindeutig ist. Dritte dürfen nicht die Rechte an Fußballern halten, jedoch wird auch von ihnen eine gültige Entscheidung nicht kundgetan.

Etwa Mitte ‘08 bis Schließung des Transferfensters vor der aktuellen Spielzeit

Die Corinthians, nun unter neuer Führung, streben Maßnahmen an, um an das Geld zu kommen. Sie führen Spieler als Sicherheiten an um eine Auszahlung zu erwirken. Dieselbe Richterin, dasselbe Gericht wird angerufen, bzw. ist plötzlich doch zuständig. Allerdings muss die MSI aufgrund ihrer Strukturen, sie sind ja in Brasilien nicht mehr handlungsfähig, von anderen Partnern vertreten werden. Von diesen sind jedoch zunächst keine weiteren rechtlichen Personen verfügbar. Der Prozess verzögert sich. Die angegebenen Sicherheiten der Corinthians werden nicht anerkannt.

Währenddessen tritt der Spielerberater Pini Zahavi, eine der einflussreichsten Figuren im (europäischen) Profifußball, auf den Plan. Er und eine seiner Organisationen, die Rio Football Services, agieren in diesem Fall als Vertretung der Interessenswahrung der MSI (sie sollen auch in vorherigen Verhandlungen, bis hin zur Vertragsverhandlung wg. CA mit Werder als Partner & Vermittler der MSI aufgetreten sein, auch unter wohlklingenden Namen wie GSA oder HAZ, allesamt Agenturen von Pini).

Laut Bremens Anwalt in Brasilien, Erasmo Mendonça De Boer, sollen sie bei der Bremer Justiz einen Prozess angestrengt haben um die kompletten in etwa 7 Mio.€ des Transfers zu erlangen, nicht nur die ausbleibenden Raten.

Wie das in Deutschland lief, was daraus wurde, kann ich nicht sagen, da habe ich keine Ahnung.

Doch sind nun auch rechtlich gesehen Ansprechpartner, besagter Pini, bekannt (auch wenn sie vorher ebenfalls bekannt gewesen sein müssen). Der Prozess in Brasilien gewinnt an Fahrt. Wahrscheinlich wird auf Bestreben Werders, mit Verweis auf die bereits laufende Verhandlung in São Paulo, die Anklage Pinis in Deutschland fallengelassen, die Zuständigkeit auf Brasilien festgelegt.

Parallel dazu werden die Haftbefehle für die MSI-Führung, Kia Joorabchian und Boris Berezovsky, in Brasilien ausgesetzt und aufgehoben. Es gibt keine ausstehende Strafe mehr gegen sie, sie sind wieder „freie Menschen“, auch wenn sie ja vorher nicht unfrei waren.

Werder soll (nach Informationen der Redaktionen von Brasiliens renommierter Zeitung Estadão aus São Paulo und dem angeschlossenen JT) zu dieser Zeit (vor und zu Saisonbeginn) mit den Corinthians über einen ihrer Spieler verhandelt haben. Doch weiter sollen deren Verhandlungsführer „von oben“ angewiesen worden sein, auf keinen Fall an Werder zu verkaufen, es sei denn Werder zahle das ausstehende Geld direkt, ohne richterlichen Beschluss, im vollen Umfang an den Verein aus.

Werder soll sich, logischerweise, geweigert haben.

Die Urteilssprechung des Gerichts kann noch nicht absehbar terminiert werden.

Ende ‘08

Ende des Jahres wurde die letzte Rate (der dritte Teil der Ablöse) fällig. Wohin, wie und was geflossen ist, ob man sich außergerichtlich einigen konnte, warum die FIFA nicht eingriff, der CAS nicht angerufen wurde ist mir alles nicht bekannt.

Hier stehen wir jetzt. Vieles deutet auf eine Einigung der Parteien hin. Die Frage wäre eben inwieweit die MSI Gelder erhalten hat. Eigentlich von der FIFA untersagt, jedoch hier womöglich erwünscht.

Gegen eine zufriedenstellende Einigung sprechen allerdings die Aussagen des Präsidenten des Vereins Corinthians. Er sagt doch ausgesprochen abfällig, selbst in einem so scheinheiligen Land wie dem in dem er lebe [in Brasilien], kann er keinerlei Kontakt zum „größten Spieleragenten der Fußballwelt“ haben, der in der Lage ist einfach mit dem italienischen Ministerpräsidenten zu sprechen, um dort zu weilen und hier [in Brasilien] nicht eingebuchtet zu werden.

Interessant auch die aktuell ins Haus stehende Forderung des deutschen Fiskus. Nach dieser müssen, je nach Herkunft des abgebenden Vertragspartners, bei Transfers von Profifußballern 25 % der Transfersumme als Quellensteuer an den Staat abgeführt werden. Rückwirkend geltend für die Jahre 2007 und 2008. Genau die Jahre des CA-Transfers. In diesem Fall de facto zu zahlen von Werder wären zusätzlich etwa 1,8 Mio.€ für die CA-Verpflichtung.

Zu beachten allerdings, dass die Herkunft des Geschäftspartners entscheidend wäre. Bei Brasilien wäre sie fällig, bei Israel (dem Sitz von Pinis Rio-Agentur) oder einer möglichen Zweigstelle in Amerika nicht. Die MSI sitzt auf den Britischen Jungferninseln, andere von Pinis Organisationen in Gibraltar, der Knotenpunkt vieler dieser ist London.

Wird Werder zahlen müssen?

Und warum strebte Werder nicht den Gang zum CAS an? Obwohl ihnen so womöglich der Transfer eines Spielers durch die Lappen ging, da die Corinthians sich so geweigert haben sollen?

Wurde die MSI hier nun anerkannt, mit ihrer Führung wieder in Amt und Würden?

Aktiv sind Kia & Co. zumindest wieder fleißig.

Wichtig, dass sich Klaus Allofs und Werder in diesen Verhandlungen mit den wichtigsten Kräften in der Welt des Fußballs möglich schadlos gehalten haben, auch für zukünftige Geschäfte. Doch welchen Preis zahlte KA?

Und wo sind die Millionen? Wird Werder noch weitere zahlen müssen?

[Lactoflavin]

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Leseempfehlungen:

Guter Text, auf der 7. und 8. Seite Beschreibung der MSI und ihrer Figuren (engl.)

http://www.playthegame.org/…/playthegamemagazine07governance.pdf

Klickenswert – die Homepage dazu (engl.):

http://www.playthegame.org/

Weser-Kurier [vom 30.04.2008] mit Bezug auf die Anerkennung der Treuhandkonto-Vorgehensweise

http://www.werder.de/aktuelles/presseschau/drucken.php?id=12664

(der hier geschriebene Hauptsitz der Agentur Rio ist wohl falsch, eine andere Agentur von Pini sitzt dort)

Ein sehr gelungener Artikel des Guardian [vom 26.11.2006] über Pini Zahavi, basierend auf einem Gespräch mit ihm (engl.)

http://www.guardian.co.uk/sport/2006/nov/26/football.features

Eine Meldung [vom 11.2.2009]: Steuernachzahlungen in Millionenhöhe drohen

http://sport.t-online.de/c/17/64/87/76/17648776.html