Rückblick auf das Milanspiel

22.02.09 | von | Kategorie: Werderspiele | Ein Kommentar

Taktische Meisterleistung

Es ist kurz vor elf Uhr an diesem ersten Oktoberabend in Mailand. Thomas Schaaf schlendert durch die Katakomben des geschichtsträchtigen San Siro und atmet zunächst einmal tief durch. Gerade hat er sich den Fragen des deutschen Fernsehens gestellt und hat nun ein paar Sekunden Zeit zu entspannen und in Gedanken auf das zurück zu schauen, was sich eben in dem noch nicht mal halb gefüllten Giuseppe Meazza-Stadion abgespielt hat. Seine Mannschaft, Werder Bremen, erzielte gegen eine der besten Mannschaften der Welt, gegen den aktuellen italienischen Meister, Inter Mailand, ein 1:1 Unentschieden im höchsten europäischen Club-Wettbewerb.


Die Medien in Deutschland werden später einstimmig darüber berichten, wie glücklich dieses 1:1 für Werder Bremen doch war. Hatte man nicht zuvor in der Druckphase der mit Stars gespickten Mailänder Mannschaft kein Land gesehen und auch folgerichtig das 1:0 durch Maicón nach noch nicht mal einer viertel Stunde hinnehmen müssen. War nicht die komplette Mannschaft, insbesondere Prödl, in der ersten Halbzeit von der Kulisse tief beeindruckt und Prödl als Rechtsverteidiger völlig überfordert gewesen. Inter Mailand dominierte die Partie, hatte Chancen nach Belieben und dass Werder doch noch zu einem Punkt kam, lag in erster Linie, so waren sich alle (Internet-)Experten einig, daran, dass sich der Gegner in seiner eigenen Arroganz übertraf und sich selbst aus dem Spiel kegelte, nachdem man sich noch vor dem Halbzeitpfiff eines sicheren Sieges wähnte. Wie aus heiterem Himmel gelang Claudio Pizarro jedoch in der 62. Minute das Unmögliche und der brasilianische Nationaltorwart Júlio César musste zu seinem eigenen Erstaunen hinter sich greifen. Dass dann gegen Ende noch eine Riesenchance für Werder heraussprang, die um ein Haar zu einem 1:2 Endstand geführt hätte… Naja, das wäre dann aber doch zu viel des Guten gewesen…So oder so: Mehr als glücklich, Werder!

Mittwoch, 18. Februar, kurz nach halb elf, Weserstadion. Clemens Fritz schleudert wütend und enttäuscht sein Trikot Richtung Kabinentür. Gerade hat er mit seinem Team gegen einen der erfolgreichsten Vereine der Fußballhistorie, gespickt mit Stars wie Ronaldinho, Beckham, Inzaghi, Seedorf, Pirlo etc. gespielt – und gegen diese Mannschaft größtenteils Einbahnstraßenfußball gezeigt. Zunächst begann Werder dominierend, doch dann passierte genau das, wovor auch jeder Trainer einer Dorf-F-Jugend warnt: Ein langsamer, missratener Pass diagonal über die eigene Hälfte – 0:1! Werder rannte danach an, AC Milan bekam noch eine große Chance in Hälfte zwei – Werder dutzende. Ergebnis: 1:1.
Das nach dem Spielverlauf zufolge dürftige Ergebnis und dass dieser entscheidende Fehlpass der Kategorie „in-der-Kreisliga-kriegste-dafür-auffe-Fresse“ von Fritz gespielt wurde, bekam nun sein Trikot zu spüren.

Doch trotz des ernüchternden Ergebnisses bleibt die Frage, wie es geschehen konnte, dass die Mannschaft, die im Mittelfeld der Bundesliga herumkrebst, die es nicht schafft zu Hause Gladbach oder Bielefeld zu schlagen, über weite Teile des Spiels sich in der Hälfte der Mailänder befinden konnte, ein Unentschieden erlangt und später darüber hadert. Doch das Phänomen muss erst gefunden werden, welches nicht mit verblüffender Eindeutigkeit an den (virtuellen) Stammtischen dieser Welt erklärt werden kann. Selbstredend gab es auch in diesem Fall zwei simple Erklärungen für den Spielverlauf:

Die erste lautete: AC Milan war einfach grottenschlecht. Schnell erhaschte der Kenner einen Blick auf die Tabelle der Serie A und bilanzierte schnell: Tabellenplatz 3, viel Rückstand zur Spitze, dieses Jahr nur UEFA-Cup, ein ehemaliger Weltfußballer außer Form und ein anderer nicht auf dem Feld. Das folgerichtige Fazit: Werder nicht so stark, sondern viel eher AC Mailand – nur noch ein Schatten seiner selbst! Schnell werden auch Quellen gefunden, die die eigene These unterstützen. So spricht man völlig überraschenderweise in den einschlägigen Milan Foren von der eigenen Schwäche und nicht von der Stärke Werders. Ja noch mehr: Dort steht, dass ein richtig guter Gegner Milan sogar abgeschossen hätte! Erbärmlich, Werder! Natürlich kann man sich fragen, ob man jemals im Worum nach einer Niederlage gegen Bielefeld Sätze lesen würde wie „Die waren einfach zu stark heute“ und ob es nicht Gang und Gäbe ist, die eigene Mannschaft nach einem nicht wunschgemäßen Spielverlauf, vor allem gegen Gegner die vom Blatt her eher Underdog sind, runterzuschrauben, als sich mit der Stärke des Gegners zu befassen…

Aber keine Zeit für solche Überlegungen, denn es gibt ja eh noch eine zweite Erklärung – und die ist eigentlich ohnehin noch einleuchtender. Diese besagt nämlich, dass Werder gar nicht, wie es für den Laien auf den ersten Blick ausgesehen haben mag, das Spiel dominiert hat, sondern im Gegenteil: Der geschulte Experte erkennt sofort, dass das Spiel auf ein Tor Teil der atemberaubenden italienischen 1:0 Taktik ist und nicht Werder, sondern AC Mailand das Geschehen dominiert hat. Dabei ist der große AC Mailand nur die Wege gegangen, die notwendig waren, um noch genug Energie für die wichtigen Spiele zu haben… Wie z.B. für das mannschaftsinterne, allwöchentliche EA Sports FIFA 09 Turnier um Mitternacht. Ein Weltverein wie der AC Mailand macht sich doch nicht gegen den jämmerlichen Dorfverein Werder Bremen die Hände schmutzig! Also ließ man Bremen kommen, ließ auch ein paar Chancen zu, doch stets kalkuliert. Ruhigen Gewissens, dass auch ein 1:1 im Zweifel ausreicht, ließ man Diego im Strafraum den Ball großzügigerweise annehmen und zum Ausgleich verwandeln. Zu jeder Zeit zog der AC Milan jedoch die Strippen, auch das Fasteigentor gegen Ende war genauestens berechnet. Beeindruckend, wie die Taktik des Ballhinterher-Rennens…ich meine taktischen Verschiebens dem SVW die Grenzen aufzeigte. Wurde es dennoch etwas brenzliger, bedienten die Italiener sich eines raffinierten taktischen Fouls in Strafraumnähe. Schließlich ist ja bekannt, dass Werder durch Freistöße keine Gefahr ausstrahlt. Typisch italienischer Verein eben: Das Spiel ständig unter Kontrolle, auch wenn es mal nicht so aussieht. Eiskalt vor dem Tor und immer am Ende ähm… zumindest nie Verlierer.

Nur hätte nun Werder wie Inter Mailand und umgekehrt Inter wie Werder an diesem 1. Oktober gespielt, hätten die Experten unter Garantie darauf verwiesen, welche Spitzenmannschaft Inter sei, dass sie, obwohl sie Werder – selbstredend aufgrund eigener Arroganz – am Anfang so kommen lassen haben und Werder auch nach noch nicht mal fünfzehn Minuten mit 1:0 führte, sich trotzdem nicht hätten beirren lassen und mit der typischen italienischen Meistertaktik auf ihre Chance gewartet hätten, nur um dann eiskalt zuzuschlagen: Wissend, dass ein 1:1 im Zweifel auch genügt. Das, so würde der Experte mit Kennerblick protokollieren, mache doch den Unterschied zu Spitzenteams aus. Denn denen reicht eine Chance aus um ein Spiel umzubiegen. Gegen Ende gab’s sogar noch eine Riesenchance das Spiel zu gewinnen. Und genau das, so würde der Experte mit einer Selbstverständlichkeit dozieren, die keine Zweifel zulässt, ist das, was Werder fehlt: Eine 1:0 Führung über die Zeit zu bringen. Da würde man merken, dass noch einiges nach oben fehlt.

Genauso hätte man das Märchen der großen italienischen Abgezocktheit auch auf das Spiel von Werder am Mittwoch umschreiben können, beziehungsweise typisches Werder-Versagen dem Starensemble aus Mailand zuschreiben können. Es gibt eben Erwartungen und Raster und die müssen erfüllt werden. Zu diesen Erwartungen gehören, dass die großen europäischen Vereine immer alles gegen Werder unter Kontrolle haben und seit dieser Saison wird von Werder wohl auch erwartet, es am Ende wieder zu verkacken. Also wird jedes Spiel versucht in die vorgefertigten Raster einzupressen. Die Siege gegen Inter und Real waren deshalb nur möglich, weil die mit ihrer B-Elf antraten, der Sieg gegen Chelsea eine Folge dessen, dass die Engländer das Spiel nicht ernst nahmen, der Sieg gegen Valencia wurde dadurch ermöglicht, dass der Gegner die Nerven verlor… Aber ein Sieg bleibt noch: Denn das 3:2 gegen Juventus konnte Gott sei Dank nur durch die Genialität des Johann Micouds erklärt werden. Dass der eigene Klub aber auch ohne Micoud einfach mal ganz gut gespielt hat, auch wenn das Ergebnis nicht passt, fällt mitunter schwer einzugestehen – insbesondere in Krisenzeiten wie jetzt…

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