Fußball in Estland

17.02.09 | von | Kategorie: Fußball allgemein | 12 Kommentare

Da ich mich schon seit längerem sehr für das Land Estland interessiere, und ich gehört habe, dass Sander Puri bei Werders U23 zum Probetraining kommen sollte, habe ich mich mal mehr mit dem estnischen Fußball auseinander gesetzt. Deshalb möchte ich ihn hier mal etwas vorstellen.

Estland

Estland ist der kleinste der drei baltischen Staaten. Seit 1991 ist die Souveränität dieses Staates wieder hergestellt. Die Amtssprache ist estnisch. Die Einwohnerzahl dieses kleinen Staates liegt bei ca. 1,3 Mio. Menschen. Etwa ein Drittel der gesamten Bevölkerung lebt in der größten estnischen Stadt Tallinn. Diese ist zugleich auch Landeshauptstadt. Estland trat am 1. Mai 2004 im Zuge der Osterweiterung der EU bei. Ein Novum bietet Estland auch. In Estland gibt es per Gesetz einen kostenlosen Internet-Zugang für alle Bürger. Hierfür gibt es mehr als 700 öffentliche Terminals.

Meistriliiga:

Nachdem Estland sich 1991 von der Sowjetunion loseiste, wurde im Jahre 1992 die Meistriliiga gegründet. Deren Unterbau ist die Esiliiga. Die Liga setzt sich aus 10 Mannschaften zusammen. Im Jahre 2009 kommt die Meistriliiga in ihre 19. Saison. Wobei in Estland die Saison immer während des Kalenderjahres gespielt wird, da im Winter aufgrund der niedrigen Temperaturen sowieso nicht gespielt werden kann. Die Saison beginnt meistens im März und endet dann im November. Die Liga ist noch in der Aufbauphase, da sie erst neu gegründet wurde im Jahre 1992. In der ersten Liga sind sogar noch nicht mal alle Teams professionell geführt. Fußball ist in Estland nicht sehr beliebt gewesen. Andere Sportarten wie Basketball oder Skilanglauf waren wesentlich populärer. Daher wurden auch eher diese Sportarten gefördert, Fußball aber kaum. Auch der mäßige Erfolg der Nationalmannschaft trug nicht gerade dazu bei, dass Fußball auf der Beliebtheitsskala aufrückte. Aber mittlerweile gehört auch Fußball in Estland zu den beliebtesten Sportarten. So ist seit einigen Jahren auch Fußball in Estland auf dem Vormarsch. Vor allem in der Jugend wird aktuell viel getan, um Estland weiter nach vorne zu bringen. Die Leistungsdichte in der Meistriliiga ist nicht gegeben, trotz der relativ kleinen Liga mit 10 Mannschaften. Die besten Teams dort haben gerade einmal Regionalligaformat. Auch in der Tabelle schlägt sich die fehlende Leistungsdichte nieder. So teilen sich seit Jahren die vier besten Teams des Landes (FC Levadia Tallinn, FC Flora Tallinn, JK Trans Narva, FC TVMK Tallinn) die vier ersten Plätze. TVMK Tallinn (2005 noch Meister) musste jetzt allerdings aufgrund finanzieller Probleme zwangsabsteigen. Gespielt werden in der Meistriliiga 36 Spieltage. Alle Mannschaften treffen 4 mal aufeinander. Die Leistungsunterschiede werden deutlich wenn man sich die Tabellenendstände der letzten Jahre anschaut. Am Ende jeder Saison haben die Topteams immer mehr als 80 Punkte gesammelt, manchmal auch über 90 Punkte. Und diese Teams schießen auch öfters über 100 Tore in einer Saison.

Die meisten Meisterschaften konnten bisher Flora Tallinn (7) und Levadia Tallinn (6) feiern. Levadia Tallinn ist zurzeit das beste Team in Estland und konnte in den letzten 5 Jahren 4 Meisterschaften gewinnen.
Levadia Tallinn ist auch aktueller Titelträger und wurde somit auch im Jahre 2008 Meister.

Den Pokal (Eesti Karikas) konnte Flora Tallinn gewinnen.

Als bester Spieler der Meistriliiga 2008 wurde Martin Vunk vom Vizemeister Flora Tallinn ausgezeichnet.

Torschützenkönig wurde Ingemar Teever (23 Tore) vor Nikita Andrejev (22 Tore).

Die Meistriliiga setzt sich 2009 aus folgenden 10 Teams zusammen (Linkliste):

1. FC Levadia Tallinn (Homepage, Wikipedia)
2. FC Flora Tallinn (Homepage, Wikipedia)
3. JK Trans Narva (Homepage, Wikipedia)
4. JK Kalju Nõmme (Homepage, Wikipedia)
5. JK Kalev Sillamäe (Wikipedia)
6. JK Tulevik Viljandi (Homepage, Wikipedia)
7. JK Maag Tammeka Tartu (Homepage, Wikipedia)
8. JK Kalev Tallinn (Homepage, Wikipedia)
9. FC Kuressaare Homepage, Wikipedia)
10. FC Flora linnameeskond Paide (Wikipedia)

Das JK in den Vereinsnamen steht für Jalgpalliklubi (Fussballclub)

Mit Flora Tallinn, Trans Narva, Tulevik Viljandi und Kalev Sillamäe stehen aktuell 4 Gründungsmitglieder der Meistriliiga in der ersten Liga. Flora Tallinn und Trans Narva waren bisher in jeder Saison dabei.

Interessant sind auch die Spitznamen der zwei folgenden Teams:
FC Flora Paide wird auch Eesti Barcelona (Estonian Barcelona) genannt. Dies rührt vor allem von den Trikotfarben her. Die Spieler von Kalju Nõmme werden auch Roosad Pantrid (Pink Panthers) genannt.

Eine Übersicht über die Meistriliiga gibt es bei Wikipedia. Eine Übersicht über die Mannschaften gibt es auch bei eufo.de (Noch nicht geupdatet auf 2009 !)

Aber eine sehr gute Website um Spielstatistiken, Leistungsdaten, Spielerprofile etc. abzurufen ist die Seite soccernet.ee. Wo man unter der Rubrik Liigajalgpall (Fußballligen) alle Daten abrufen kann.

Jugendförderung in Estland:

Um den Nachwuchs zu fördern, engagierte der estnische Verband vor zwei Jahren den früheren Junioren-Trainer von St. Pauli, Frank Bernhardt, der in Estland die Arbeit des Nachwuchskoordinators übernimmt, und die Auswahlmannschaften von der U16 bis zur U21 betreut. Bernhardt möchte weitere Talente in Estland finden, und hat dazu neue Stützpunkte in Tallinn, Tartu, Pärnu und Rakvere aufgebaut. Hier ein kompletter Bericht auf ndr.de.
Estland soll in Zukunft konkurrenzfähiger werden.
In den meisten estnischen Vereinen spielen bereits viele junge Spieler. Teilweise gibt es sehr junge Mannschaften.

Mit der U19 schaffte man den Einzug in die Eliterunde (so weit schaffte es bisher kein estnisches Team) und kämpft nun in einer Gruppe mit Spanien, Tschechien und Deutschland um die Qualifikation zur Endrunde in der Ukraine (21.07.09 – 02.08.2009). Siehe auch Hier.

Stadien in Estland:

Das größte Stadion in Estland ist die A. Le Coq Arena. Das Stadion wurde nach der estnische Brauerei A. Le Coq benannt, und ist die Heimspielstätte des Rekordmeisters FC Flora Tallinn. Gleichzeitig dient es als Stadion in dem alle Heimspiele der estnischen Nationalmannschaft ausgetragen werden. Das Stadion fasst ca. 8.300 Zuschauer. Das einzige weitere nennenswerte Stadion ist das Kadrioru Stadium,welches 4.750 Zuschauer fasst, und wo Levadia Tallinn und TVMK Tallinn ihre Heimspiele austragen. Viele Stadien kommen nicht mal über eine Kapazität von 2.000 Plätzen hinaus. Es gibt in Estland auch viele Kunstrasenplätze aufgrund der Witterungsverhältnisse.

Nationalteam:

Rekordnationalspieler ist Martin Reim mit 156 Spielen (14 Tore). Gleichzeitig ist er auch europäischer Rekordnationalspieler (Hat Matthäus vom 1. Platz verdrängt).
Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 bestritt man das erste Länderspiel im Baltic-Cup im November 1991 gegen Litauen. Für eine EM oder WM konnte sich Estland bisher nicht qualifizieren. Erfolge gab es bisher wenige. So gehört Estland eher zu den Fussballzwergen.
Weitere bekannte Spieler sind Andres Oper (Rekordtorschütze mit 35 Treffern) sowie die estnische Torwartlegende Mart Poom.
Zu den aktuell besten Spielern des Landes gehört auch der 23jährige Linksverteidiger Ragnar Klavan, der bis vor kurzem beim niederländischen Erstligisten Heracles Almelo unter Vertrag stand. Ende Januar wechselte er dann zum Ligakonkurrenten AZ Alkmaar.

Zwischen den drei baltischen Staaten wird jedes ungerade Jahr ein Baltic-Cup ausgetragen.

Eine Übersicht zum Nationalteam auf Wikipedia: englisch, deutsch

Ein sehr bekannter Este ist Valeri Karpin. Karpin spielte zwar für Russland. Er wurde aber im estnischen Narva geboren. In Narva (drittgrößte Stadt in Estland) wohnt ein großer Teil der russischstämmigen Bevölkerung Estlands. Narva ist die östlichste Stadt Estlands und grenzt an Russland. Im Jahre 2003 nahm Karpin die estnische Staatsbürgerschaft an und verzichtete im Gegenzug auf die russische.

Estnische Talente:

Als das wohl größte Talent im estnischen Fußball gilt der 17jährige Henrik Ojamaa, der in der Jugend von Derby County spielt. In seiner Heimat gilt er unter den Fans als das wohl größte Talent im estnischen Fussball. Er ist auch Bestandteil der estnischen U19 sowie der U21. Er kam aus der Jugend von Flora Tallinn und wechselte Mitte 2007 als 16jähriger nach Derby County. Entdeckt wurde er von einem Scout von Derby County während eines U17-Nationalmannschaftsspiels, und er wurde prompt zum Probetraining eingeladen. Auf Ojamaa sind auch viele estnische Fußballfans stolz. Es ist auch schon ein kleiner Hype um ihn entstanden. An ihm waren angeblich auch mehrere holländische Teams sowie weitere englische Teams interessiert (Chelsea, PSV).

Auch deutsche Teams scheinen auch ab und zu mal in Estland vorbei zu schauen. Besonders Arminia Bielefeld. Im Sommer 2008 wechselte Aleksei Belov als 16jähriger zur Jugend von Arminia Bielefeld (U17). Dort wird der junge Stürmer in der B-Jugend-Bundesliga West regelmäßig eingesetzt. Dabei erzielte er bisher 4 Treffer und ist damit drittbester Torschütze seines Teams. Belov stammt aus der Jugend von TVMK Tallinn (bei tm.de wird er fälschlicherweise als Deutscher geführt). Anfang 2008 hatte er als er gerade 16 wurde bereits zwei Kurzeinsätze in der Meistriliiga. Auch internationale Spitzenteams sollen angeblich an ihm interessiert gewesen sein, wie zum Beispiel Inter Mailand und Werder Bremen. Belov ist auch für die estnische U17 im Einsatz.

Derweil ist Arminia Bielefeld schon am nächsten estnischen Talent interessiert. Wie Ende des letzten Jahres bekannt wurde soll der 15jährige Abwehrspieler Taavi Viikna, der aus der Jugend von JK Kalev Tallinn stammt, ein Probetraining absolvieren. Er ist auch für die U16 und U17 seines Landes im Einsatz. Aber inzwischen hat ein weiterer Verein Interesse an Viikna angemeldet. So soll Viikna auch beim englischen Club Sheffield Wednesday ein Probetraining absolvieren.

Auch Hannover 96 hat Ende letzten Jahres drei junge Esten zum Probetraining eingeladen (Meelis Peitre, Rauno Alliku und Henri Anier). Hier möchte ich den jungen Stürmer Henri Anier näher vorstellen. Er hat bei Flora Tallinn die Trikotnummer 10 inne. Anier wurde in der Saison mit 15 Toren Siebter in der Torjägerliste der Meistriliiga 2008. Die Saison bestritt er komplett als 17jähriger, bevor er im Dezember dann 18 wurde. Insgesamt kam er in dieser Saison auf 28 Einsätze in der Meistriliiga. Er gilt auch als großes Talent in seinem Land. Auch er spielt in der U19-Nationalmannschaft seines Landes. Anfang Januar bestritt er in Deutschland mit seinem Team Flora Tallinn ein Hallenturnier in Hamburg (Schweinske Cup). Jüngst wurde er auch vom italienischen Serie-A-Club US Palermo zum Probetraining eingeladen.

Als weitere Talente gelten Nikita Andrejev und Sander Puri. Beide wurden von einer ukrainischen Website in einer Liste geführt, welche die 20 größten Fußballtalente im GUS-Gebiet darstellen soll. Dabei landet Sander Puri auf Platz 11. Stürmer Nikita Andrejev landet auf Platz 19. Nikita Andrejev wurde (wie auch Karpin) in Narva geboren. Dort leben viele Russischstämmige. So auch Andrejev. Bisher spielte Andrejev immer für die U-Auswahlmannschaften von Russland. Aber auch der estnische Verband setzt sich dafür ein, dass er künftig für Estland spielen könnte. Im Januar wurde er beim Zweitligisten FSV Frankfurt zu einem Probetraining eingeladen. Verpflichtet wurde er jedoch nicht.

Als große Hoffnung für das estnische Nationalteam gilt Sander Puri. Er feierte sein Debut im Nationaltrikot im Mai 2008 im Rahmen des Baltic Cups. Sein erstes Tor für die Nationalmannschaft erzielte er im November gegen Litauen. Auf insgesamt 9 Nationalmannschaftseinsätze kann er bisher verweisen. Er kann sowohl als Außenstürmer als auch als offensiver Mittelfeldspieler eingesetzt werden. Sein Zwillingsbruder Eino spielt ebenfalls bei Levadia Tallinn. Sander Puri wurde im letzten Frühjahr bei Borussia Dortmund zum Probetraining eingeladen. Dort sollte er vorerst für die Amateure spielen. Er wusste zu überzeugen, aber eine Verpflichtung scheiterte, da man anscheinend keine Arbeitserlaubnis bekommen hat (Estland ist EU-Mitglied, aber anscheinend gibt es Übergangsfristen, die von der Rot-Grünen Regierung gesetzt wurden). Da er aber überzeugen konnte, durfte er noch ein zweites Mal zum Probetraining kommen. Diesmal im Dezember und bei den Profis. Eine Verpflichtung gab es jedoch auch diesmal nicht. Anfang Januar war er dann bei Werders U23 zum Probetraining (05.01. – 11.01.) eingeladen. Er absolvierte hier auch zwei Testspiele mit der U23, in denen er zwei Treffer markieren konnte. Auch hier hat er jedoch keinen Vertrag erhalten, da er laut Wolter zwar einen guten Eindruck machte, aber seine Verpflichtung ein Riesenaufwand wäre. Sander Puri zeigte sich enttäuscht, war aber letztendlich doch zufrieden mit seinem Probetraining. Hier kann man auch ein kurzes Video zu ihm sehen: bei Youtube nach v=DX0MbpexxnM suchen
Hier sein Profil bei Levadia Tallin.

[xanti]