„Schläft Klaus Allofs?“ oder „Transferpolitik we can believe in!“

12.02.09 | von | Kategorie: Allgemeines | 7 Kommentare

Sagen wir es offen: Es ist derzeit kein Quell der reinen Freude, Fan des ruhmreichen SV Werder Bremen zu sein. Und folglich ist derzeit die Stimmung in den einschlägigen Foren noch schlechter als sonst. Neben den üblichen Stammtischkrakeelern, die sich neuerdings in Foren und Blogs daran erfreuen, anderen ihren Masterplan in einer Unmenge von Beiträgen mitzuteilen und die selbstverständlich am bescheidesten wissen, was Sache ist, gibt es allerdings auch eine ganze Reihe ernstzunehmender Kritiker der Bremer Vereinspolitik.Es verschließt sich so manchem wohlmeinenden Betrachter der sportlichen Entwicklung Werder Bremens, worin genau das Vertrauen in Sebastian Boenisch und Dusko Tosic begründet ist. Wenn Sportdirektor Allofs verkündet, dass der Markt nichts Besseres hergebe, dann muss man sich schon ernsthafte Gedanken darüber machen, ob Allofs nicht wirklich zu viel Zeit mit Schlafen und zu wenig Zeit mit der Beobachtung potentieller Neuzugänge verbringt.

Es stellt sich allerdings auch die Frage, ob Werder Bremen nicht insgeheim schon für die nächste Saison plant, denn dass die Mannschaft in der derzeitigen Form und Zusammensetzung noch Bäume ausreißt, darf getrost bezweifelt werden. Gleichzeitig ist und bleibt Werder Bremen darauf angewiesen, Schnäppchen zu tätigen, was mit zunehmendem Erfolg natürlich schwieriger wird. Werder Bremen wird als Spitzenclub wahrgenommen und muss leider auch dementsprechende Ablösesummen zahlen. Auch den selbsternannten Experten fehlt der Einblick in die finanziellen Möglichkeiten, Gehaltsvorstellungen der Spieler und mögliche Ablösesummen für Kandidaten. Dennoch wird in den entsprechenden Foren unermüdlich drauflos spekuliert und am Kader 09/10 gebastelt, ganz so als sei die Welt ein Fußballmanagerspiel mit Cheatcode, denn die meisten Vorschläge entbehren jeglicher Realitätsgrundlage.

Seit Werder Bremen zum Kreis der regelmäßigen Champions-League-Teilnehmer gehört(e), gibt es unter vielen Werderfans mit Internetanschluss die Sehnsucht nach einem großen Star, einem „Kracher“, einem Spieler, um den Werder selbst ein bayrischer Wurstfabrikant beneiden würde. Ein besonderes Phänomen im Internet-Umfeld von Werder Bremen, das eng mit diesem Wunsch verbunden ist, ist der Kult um soge- bzw. selbsternannte Insider. Wer immer in ein Forum schreibt, dass Werder Bremen bald einen „Kracher“ verpflichten werde, was er aus zuverlässiger, geheimer Quelle wisse, kann sich großer Aufmerksamkeit und einer treuen Anhängerschar gewiss sein. Denn wie in der Politik eine positive „Message“ wichtiger ist als konkrete Inhalte, so scheint es auch in der Transferpolitik wichtiger zu sein, positive „Nachrichten“ zu verbreiten oder Luftschlösser zu errichten, als sich an nüchterne Fakten zu halten. Renner der abgelaufenen Transferperiode war wieder einmal der brasilianische Stürmer Fred, den mehrere selbsterkorene Experten schon fest in Bremen verbucht hatten, wofür unter anderem eine geplatzte Verhandlung mit den Tottenham Hotspurs als sicheres Zeichen gelten musste (Gott sei Dank gilt im Strafrecht die erwiesene Unschuld eines Verdächtigen noch nicht als sicherer Hinweis auf die Täterschaft eines anderen, wie es dieser logische Fehlschluss nahelegen würde). Die hohe Anzahl der Beiträge in diesem Thread drückt weit mehr die Sehnsucht nach irgendeinem namhaften Spieler aus (und sei er auch ein charakterlich zweifelhafter, ausgemusterter Geldgeier), als irgendeine realistische Option, dass Werder Bremen einen solchen Spieler je verpflichten würde.

In der Psychologie ist längst bekannt, dass Menschen sich oft weigern, Informationen mit in ihren Entscheidungsprozess einzubeziehen, die ihrer Meinung oder ihren Wünschen entgegenlaufen. Dies konnte unter anderem in mehreren Experimenten nachgewiesen werden, in denen Probanden neben einer Vielzahl von Informationen auch eine Statistik vorgelegt wurde. Diese Statistik war in der einen Bedingung so gestaltet, dass sie den übrigen Informationen entsprach und diese mit Fakten untermauerte. In der anderen Bedingung war sie jedoch so gestaltet, dass sie den übrigen Informationen widersprach und die Vermutung nahelegte, dass die übrigen Informationen falsch oder zumindest einseitig sein müssen. Anschließend wurden die Testpersonen gebeten, die Informationen zusammenzufassen und sich ein Urteil über den (vorher unbekannten) Sachverhalt zu bilden. Das Resultat war, dass nur im Fall der konformen Statistik diese mehrheitlich in die Urteilsfindung einbezogen wurde. Menschen neigen dazu, das zu glauben, was sie glauben wollen, sie blenden negative oder widersprüchliche Informationen und Meinungen aus. Wenn Werderfans glauben wollen, dass Werder bald einen Superstar verpflichtet, sind sie bereit, jedem noch so dubiosen Internetpropheten nachzulaufen, der ihnen eine „Transferpolitik we can believe in“ verspricht.

Nun stellt sich allerdings die Frage, was das Platzen einer solchen „Hoffnungsblase“ für weitere Transferperioden bedeutet. Der vielleicht bedeutendste Werderfan aller Zeiten hat es einmal in seiner gewohnt pathetischen Art so ausgedrückt: „Werder-Träume halten ewig.“ Insofern ist nicht zu erwarten, dass zukünftige Transferperioden von Bescheidenheit und realistischen Erwartungen geprägt sein werden. So entlädt sich auch bezeichnenderweise der Zorn der Werder-Internetgemeinde, die sich in ihren Hoffnungen betrogen fühlt, selten an denjenigen, die mit ihren wichtigtuerischen Geschichten die Hysterie erst vollends zum Ausbruch treiben. Vielmehr richtet sich immer größerer Zorn auf die Vereinspolitik von Werder Bremen. Die Logik, die dahinter steht, ist relativ simpel: Wenn die Realität sich meinen Wunschvorstellungen nicht anpassen will, muss eben die Realität geändert bzw. bekämpft werden. Im Zuge dieser Groteske erscheint keine Forderung mehr unberechtigt:  von der Entlassung des Trainers, Sportdirektors bis hin zur Ablösung des viel zu zögerlichen Aufsichtsrats, der angeblich alles ausbremse.

Dabei ist es letztendlich relativ simpel: Werder Bremen macht eine schlechte Phase durch und die Verantwortlichen haben eine ganze Reihe von Fehlern gemacht, auch in der Personalpolitik. Die vorher unglaublich hohe Treffsicherheit bei Transfers ist verloren gegangen. Spieler wie Carlos Alberto oder Boubacar Sanogo waren im Vergleich zum Einkaufspreis und zu vergleichbar teuren Spielern wie Diego oder Per Mertesacker Fehleinkäufe. Auch die unendliche Geschichte, wen Werder Bremen denn für die linke Abwehrseite holen könnte, bietet Raum für Kritik. Aber als typische Werderaner und Jünger des heiligen Rehhagel sollten wir uns nicht von temporärem Misserfolg dazu verleiten lassen, die insgesamt erfolgreiche Vereinspolitik unter Klaus Allofs infrage zu stellen. Werder Bremen war immer ein langweiliger, träger und ruhiger Verein, was sowohl der größte Vor-, als auch der größte Nachteil des Clubs ist. Zu Werder Bremen passen weder Panikkäufe noch übereilte Trainer- bzw. Managerentlassungen, es würde bei Werder Bremen vermutlich auch keinen Erfolg bringen, sondern notwendig für den Verein sind Kontinuität gepaart mit einer intelligenten Einkaufspolitik sowie die in unruhigen Zeiten ein wenig schläfrig wirkende Gelassenheit. Hoffen wir, dass es für Allofs kein böses Erwachen geben wird.

[Maddin]

Transferpolitik-Thread im worum

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Kader 09/10-Thread im worum